Bikesharing Berlin – Überrollt von Leihrädern?

In Berlin, Lifestyle by Joseph

Mittlerweile habe ich mich ja an die LIDL Bikes, Deezer Drahtesel und die orange-silbernen Fahrräder von Mobike gewöhnt. Auf dem Weg zur Arbeit sind mir heute erstmals die gelben Räder von Ofo Bike aufgefallen. Daher stellt sich mir mittlerweile die Frage: Wer nutzt diese Räder überhaupt und brauchen wir wirklich so viele Anbieter in Berlin? Schließlich sind die  -meist billig produzierten – Räder in China schon ein echtes Umweltproblem.

Fahrrad fahren ist billig, schont die Umwelt und ersetzt nebenbei die eine oder andere Stunde im Fitnessstudio. Außerdem kann man so der nicht immer angenehmen Duftwolke in den öffentlichen Verkehrsmitteln im Sommer entkommen. Auch auf dem Fahrradmarkt hat sich der Sharing-Gedanke mittlerweile etabliert und die Räder verschiedenster Anbieter finden sich wortwörtlich an jeder Ecke. Der Gedanke ist einfach: Das Rad wird via App entsperrt und nach Benutzung im Stadtgebiet wieder abgestellt und per App verriegelt – damit steht das Rad für den nächsten Nutzer bereit. Die Kosten werden je nach Zeit oder Strecke direkt über die App abgebucht. Eigentlich ein tolles System – doch es hakt.

Der Wettbewerb um Kunden

Den Bikesharing-Markt in Deutschland teilten sich für einen längeren Zeitraum zwei Unternehmen: Call-a-Bike der Deutschen Bahn, die mittlerweile als LIDL-Bikes durch die Städte rollen und Nextbike, die ihre Räder in Kooperation mit dem Musikdienst Deezer verleihen. Im Jahr 2009 erhielt Call-a-Bike den Zuschlag um ihre Räder in Hamburg aufzustellen, woraufhin Nextbike sein System eigenständig etablierte. Die Stadt Hamburg zog vor Gericht – und verlor. Seitdem tobt ein Wettstreit um Kunden, der gerade im letzten Jahr an Intensität zugenommen hat. Mittlerweile soll es mehr als 17.000 Räder in Berlin geben. Zum Vergleich: vor drei Jahren waren es nichtmal 2.000. Das Modell Bikesharing schien bis dato ohne staatliche Unterstützung undenkbar. Nun gibt es sieben Anbieter von Leihfahrrädern in Berlin. Offen bleibt die Frage, wie sich der Markt entwickelt: Kann sich ein Anbieter durchsetzen, oder ist der Markt groß genug für alle Unternehmen?

Viele Anbieter aus Asien drängen auf den Markt

Gerade Anbieter aus Fernost drängen auf den deutschen Markt. Die Konkurrenz aus Fernost heißt Mobike, Yobike, Obike oder Ofo und stellt ihre Räder oftmals über Nacht an die Bordsteine und Gehwege. Absprachen mit der Stadt, sowie eine Marketing- oder PR-Kampagne sucht man hier vergeblich. Mit der Fahrradflotte ist auch ein nicht unerheblicher Verwaltungsaufwand verbunden, denn defekte Räder müssen abgeholt, ersetzt oder repariert werden und falsch geparkte Räder müssen zu den richtigen Abstellplätzen zurückgebracht werden. In chinesischen Städten sind die Folgen des Bikesharing-Booms schon abzusehen: Riesige Schrotthaufen aus ausgedienten Drahteseln verschandeln die Innenstädte. Oftmals sei die Reparatur für Hersteller nicht rentabel. Schade, denn so wird eine eigentlich ökologisch sinnvolle Idee ins Gegenteil verkehrt.

Politik reagiert allmählich

Viele Anwohner ärgern sich über Leihräder, die Bürgersteige blockieren und Parkanlagen zustellen. Mittlerweile hat auch die Politik das Problem auf dem Schirm. „Dass die Dynamik so groß werden könnte, hätte niemand gedacht“, sagt beispielsweise Staatssekretär Kirchner. Doch was tun gegen die Fahrradflut? Stephan von Dassel (Grüne), Bezirksbürgermeister von Mitte, hat eine Idee, wie sich das Problem lösen lässt: „Wir wollen für jedes Leihrad eine Sondernutzungsgebühr erheben“, gab er bekannt. Das Ziel ist klar: Die Zahl der Leihräder soll begrenzt werden. Denn es sei nicht akzeptabel, dass es Teil des Geschäftsmodells der Anbieter sei, Gehwege und Parks vollzustellen. „Der Straßenraum in Mitte ist dafür zu begrenzt“, so von Dassel. Drei bis zehn Euro soll die Gebühr für jedes Rad pro Monat betragen.

Keine Lösung für die Anbieter

Die Anbieter der Leihräder sehen darin keine Lösung und halten die vorgeschlagene Maßnahme für kontraproduktiv. Sinnvoll wäre in deren Augen eher die Bereitstellung von 10 Prozent der städtischen Parkplätze für Fahrräder. Eine schnelle Einigung zwischen den Unternehmen und Politik ist somit nicht in Sicht. Seitdem herrscht in gewissem Maße Anarchie auf den Berliner Fahrradwegen. Auch die Verkehrsverwaltung gibt an, dass die Ordnungsämter mit der Menge an Fahrrädern überfordert sind. Obwohl die Anbieter selbst mit Teams in der Stadt unterwegs sind, die sich um den Austausch und die Umstellung der eigenen Flotte kümmern, nervig ist der Gehwegslalom um die bunten Räder herum allemal.

Fakt ist: auf Berlins Straßen herrscht ein Überangebot an Leihfahrrädern – ob Markt oder Politik dies muss reguliert werden. Der Kampf um die Kundschaft sollte jedoch nicht auf dem Rücken der Anwohner ausgetragen werden, die sich letztlich mit den Schrottbergen auseinandersetzen müssen. Wie es mit den Leihrädern weitergeht ist ungewiss. Fest steht: Wer wirklich gerne Fahrrad fährt, wird mit einem Leihrrad nicht glücklich. Wir bleiben dran!