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Very Berlin

20. Januar 2013 – Autor:

Dass das YAAM-Gelände an der Spree als Baugrund begehrt ist, ist kein Geheimnis. Dass gegen das zwangsläufige Ende der Kreativschmiede entschlossen und nun auch erfolgreich gekämpft wurde, ebenso wenig. Aus Strand und Club werden bald Asphalt und Bürogebäude. Einen Berliner Sommertag verbringen Junggroßstädter wie wir jedoch auch weiterhin lieber am Strand, als auf grauem Asphalt. Im YAAM konnte man sich bisher eine für Berlin einzigartige Mischung aus Spree-Bouquet und Großstadt-Geschmack um die Nase wehen lassen. Bisher steht dieses Paradies inmitten der Großstadt noch. Der Wirtschaftskrise sei Dank, denn auf vielen der begehrten Baugrundstücke wurde aus Geldmangel nicht so schnell gebaut, wie zunächst befürchtet. Bald ist jedoch Schluss mit der pleitebedingt andauernden Strandidylle. Dass es trotzdem irgendwann auch für das YAAM Zeit sein würde, Beton und Büroschluchten zu weichen und Kreativität durch langweiliges Einheitsgrau zu ersetzen, wurde wohl zum Lauf der Dinge in dieser schönen Stadt.

Im vergangenen Jahr flatterte dem YAAM am Ostbahnhof die Kündigung ins Haus. Bei der ohnehin vertraglich befristeten Zwischennutzung des Geländes als Club war dies keine Überraschung. Hoffnung und Gewohnheit kann man aber dennoch nicht durch Verträge und Kündigungsschreiben vernichten. Schade ist es nun, dass Hoffnungen und Träume weichen mussten – sowohl für die Berlin und alle Sommerträumer im Allgemeinen, als auch für das YAAM und alle, die hier immer viel Energie und Kreativität ins Spezielle investierten. Die Folge der Kündigung waren jedoch nicht etwa Missmut und Tatenlosigkeit, sondern ein überwältigend großes Engagement der YAAM-Sympathisanten, die für den Erhalt ihres Spreeparadieses kämpfen. Erzielt wurde nun eine Lösung, die mehr ist als nur ein schwacher Trost. Zeit für uns, mit Betreiber Ortwin Rau einen ersten Blick ins Licht hinter dem Tunnel zu wagen.

Hallo Ortwin! Für alle, die euch noch nicht kennen: Kannst du uns das YAAM vorstellen?

“Das YAAM gibt es seit 1994 und ist aus einem Zusammenschluss aus Street-Artists, DJs, Musikern, Künstlern und Sportlern entstanden. Die Idee war nachmittags viele Leute zusammenzubringen, die Party mit Aktivitäten kombinieren wollten. Es fing an mit einem Basketball-Court, einem Soundsystem und einer Zapfanlage. Sonntag nachmittags war es dann das erste Mal, dass man tanzen gehen, seine Kinder mitbringen und sich selbst sportlich betätigen konnte. Es entwickelte sich dann vordergründig zu einer Reggae-Location. Drum herum entstanden Marktstände von Afrikanern und Leuten aus Mittelamerika, die Essen verkauften. Es entstand der Young African Art Market.”

Ortwin Rau

Wir haben Ortwin Rau nach dem Proben getroffen.

Ihr habt ja in eurer 19-jährigen Historie schon einige Locations gesehen und wart auch immer wieder mit neuen Heraus- forderungen und Umzügen konfrontiert. Kannst du uns hier einen kurzen Abriss geben?

“Angefangen haben wir in Treptow vor der Arena und dann sind wir oft umgezogen. Das erste Mal flussabwärts 500 Meter nach Kreuzberg in die Cuvrystraße. Da waren wir 2 Jahre. Dann wieder zurück in die Arena. Es folgte der Postbahnhof zusammen mit dem Tempodrom, dann wieder die Arena und schließlich sind wir vor 8 Jahren an diesen Platz gekommen. Dieses Domizil ist bisher das Beste mit einem großen Strand und vielen Möglichkeiten für Veranstaltungen und Sport und nun ist auch hier ein Ende absehbar.”

Das Ende wird für euch auch wiederum ein Neustart. Wie steht es um euch?

“Wir haben jetzt die Perspektive – und das ist das erste Mal in der Geschichte des YAAM - dass wir längerfristig ein Gelände in Aussicht haben. Das Maria an der Schillingbrücke. Wahrscheinlich sogar für 10 Jahre. Das gibt uns Planungssicherheit und die Möglichkeit, Arbeitsplätze zu sichern und zu investieren, oder längerfristige Bookings anzustreben.”

Welche Faktoren haben denn zu dieser relativ schnellen und positiven Entwicklung geführt?

“Das YAAM gehört zu Berlin und wir sind durch die langjährige Präsenz in den Köpfen der Berliner und der Politik. Wir fordern seit Jahren, dass wir eine feste Location brauchen. Aufgrund des Drucks, dass wir das Gelände räumen müssen, ist eine Situation entstanden in der wir gezwungen waren, an die Öffentlichkeit zu gehen. Wir wurden dabei auch gut von der Presse, den Politikern und der Bevölkerung unterstützt. Es kamen insgesamt 20.000 Unterschriften in wenigen Wochen zusammen. Dies führte dazu, dass wir in relativ kurzer Zeit die Zusage für die neue Location bekommen haben. Die Maria stand auch vor einem möglichen Verkauf, sodass eine Alternative gewesen wäre, dass es weder das YAAM noch die Maria gibt. Im Moment geht es für uns darum, dass wir hier noch an diesem Platz bleiben können. Natürlich am besten bis zu dem Zeitpunkt, wenn wir in die neue Location können. Das hängt vor allem an der Klärung mit dem Eigentümer, mit dem wir uns noch in Gesprächen befinden.”

Wie hat denn das YAAM-Team, die einen Großteil ihrer Zeit investieren, die Entscheidung aufgefasst?

“Für die Leute war es natürlich gewöhnungsbedürftig. Der Gedanke: “Wir müssen hier weg” hat keinem gefallen. Keiner will hier weg, und wenn es die Möglichkeit geben würde, würden wir alle gerne bleiben. Aber so realistisch sind wir auch, dass wir anerkennen, dass die Zeit, die wir bleiben durften, viel länger war als wir ursprünglich dachten. Aber nach und nach merken wir auch, dass es ein anderes Level für uns sein kann und das es uns zwingen wird, an der einen oder anderen Stelle noch professioneller zu arbeiten. Wir wollen ja keine Techno-Location werden, sondern den ganzen Reggae-Heads und allem, was sich drum herum entwickelt hat, weiterhin ein zu Hause geben. Das ist bei Sparten-Veranstaltungen natürlich schwieriger.”

Lass uns doch gemeinsam ein bisschen spinnen und träumen. Welche Herausforderungen und Möglichkeiten bedeutet die Maria für euch?

“Es ist natürlich eine Herausforderung, weil die Indoor-Location viel größer ist. Wir haben so die Möglichkeit, größere Konzerte zu machen, was nicht einfach ist, weil es viele vergleichbare Kapazitäten in Berlin gibt. Aber wir haben natürlich auch die Möglichkeit, mehr Initiativen zusammenzuführen. Beispielsweise Proberäume oder Studios. Von daher ist hier eine neue Kreativität und eine Bündelung von Kräften für uns möglich. Schwierig wird es natürlich für unsere ganzen Outdoor-Angebote. Ich habe den Traum, das Dach von der Maria zu nutzen, was wohl laut Statik sogar möglich ist. Wenn sich das realisieren ließe, bei diesem großen Dach und eine Finanzierung umsetzbar ist, dann hätten wir alle unsere Sportangebote direkt am Wasser auf dem Dach. Das wäre vielleicht sogar eine Verbesserung. Ansonsten gibt es noch die Freifläche, die jetzt als Parkplatz genutzt wird, die wir natürlich auch sinnvoll nutzen wollen.”

Wir finden: Bei so viel positiver Energie kann das Projekt “YAAM in 346 Tagen und 450 Metern” nur gelingen. Ob mit oder ohne Dach, das wird sich zeigen. Wir haben jedenfalls für den Sommer im nächsten Jahr schon einen Platz an der Spree reserviert.

 

 

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