Ein Schwank aus dem Leben und Wirken der Frau Torrini

In Interview, Musik by Martin0 Comments

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Es gibt Ereignisse und Begegnungen, die etwas tief in uns anzustoßen vermögen. Die Räder in Bewegung setzen, welche unsere Handlungen und Entscheidungen nachhaltig beeinflussen. Als wir Emiliana Torrini 2014 erstmals zum Interview in Berlin trafen, geriet zeitgleich ein Stein ins Rollen, der die Isländerin in der Folgezeit auf eine spannende Reise schicken sollte.

Statt sich in den letzten Jahren weiter auf ihre Solokarriere zu konzentrieren, arbeite Torrini mit vielen unterschiedlichsten Künstler zusammen, was zu außergewöhnlichen Projekten und jüngst den beiden Veröffentlichungen „The Colorist & Emiliana Torrini“ sowie „Music To Draw To: Satellite“ mit Kid Koala führte. Heute telefonierten wir mit der sympathischen Sängerin, um uns vor ihrem morgigen Auftritt in der Volksbühne zu erkundigen, wie es ihr geht und was ihre Gedanken aktuell umtreibt. Torrini hielt dabei keineswegs mit ihren Antworten hinter dem Berg und ließ sich stattdessen ein paar bis dato ungelüftete Geheimnisse entlocken.

Emiliana, wie geht es dir?

„Sehr gut, danke.“

Was bedeutet es dir, dich mit anderen Musikern auszutauschen und mit diesen zu kollaborieren?

„Die Zusammenarbeit bringt eine gewisse Freiheit mit sich. Außerdem muss man dabei über den Tellerrand schauen und seine eigene Welt verlassen. Vor allem aber, und das ist das Wichtigste, lernt man unheimlich viel.“

Welche Dinge hast du persönlich gelernt?

„Loszulassen und Spaß zu haben. Musikalisch gesehen aber auch einiges. Es ist schwer zu beschreiben, aber die letzten Projekte waren wirklich enorm wertvoll für mich.“

Unter anderem hast du dich mit den Belgiern von The Colorist Orchestra zusammengetan, um einige deiner Songs neu zu interpretieren. Wie kam es dazu?

„Könnt ihr euch erinnern, als ich zum ersten XJAZZ Festival kam? Dort begann alles für mich. Ich war an einen Punkt in meiner Karriere gelangt, an dem ich neue Impulse und ein wenig Aufregung brauchte. Ich wollte wieder für etwas brennen, da ich feststeckte. Während ich auftrat, hatte ich Momente, in denen ich nicht mehr an die Musik, sondern an andere Dinge dachte. Dann rief mich Sebastian Studnitzky an und lud mich zu einer Show mit Streicherquartett ein, bei der ich einige meiner Songs performen sollte. Ich sagte zu und deutete ihm an, dass er mit den Kompositionen machen könne, was immer er wolle. Als ich dann in Berlin ankam, war da kein Streicherquartett, sondern eine entzückende Jazzband, die auf mich wartete. Sofort hatte ich Lust darauf. Mir gefiel der Flow. Kurz darauf brach ich alles, an dem ich zu der Zeit gearbeitet hatte, ab und ließ mich stattdessen auf beinahe jeden ein, der anrief und etwas mit mir zusammen realisieren wollte. Das führte mich an ein paar ungewöhnliche Orte“

Ich hatte damals nur eine Regel. Die Leute, die sich an mich wendeten, mussten auch die Songs aussuchen, die sie bearbeiten wollten. Ansonsten hatten sie alle Freiheiten. Ich würde kommen und meine Stimme zur Verfügung stellen. Das war grandios!

„Irgendwie verrückt. Manche Auftritte waren besser als andere, aber irgendwie ging es nicht darum. Als The Colorist sich meldeten, war ich sofort an Bord. Sie schickten mir zwar vorab Musik, doch hörte ich mir diese gar nicht an. Ich war mir sicher, dass sie ihren Sound kennen würden und dass sie wussten, was ihnen vorschwebte. Deswegen vertraute ich ihnen auch vollkommen. Mir war nicht bewusst, wieviel Arbeit das für mich bedeuten würde. Bis ich sie schließlich traf. Nach fünf gemeinsamen Shows waren wir uns einig, dass es schade wäre, nicht noch etwas mehr mit unserer Zusammenarbeit anzufangen. Also entschieden wir uns für eine Live-LP als Zeugnis für unsere starke Verbindung.“

Ein tolles Album!

Momentan tourt ihr zusammen durch Europa. Vor zwei Tagen führte es euch in den Pariser Club Bataclan. Wie war es für dich, an einem solch bedeutsamen Ort aufzutreten?

„Ich glaube, das Bataclan braucht Hilfe. Zurzeit haben viele Künstler Angst, dort zu spielen, aber aus meiner Sicht ist es wichtig, genau das zu tun. Für uns war es eine große Ehre, im Bataclan auf der Bühne stehen zu dürfen. Hineinzugehen und diesen Ort, wenn auch nur ein bisschen, heilen zu können. Der Punkt ist nicht, dass man vergessen sollte, aber es braucht Frieden. Musiker sollten sich dem stellen. Für uns fühlte es sich tatsächlich an, als wären wir an einem heiligen Platz. Wir wollten dazu beitragen, wieder etwas Schönes an diesen zu tragen.“

Wir möchten dir zu deiner erneuten Schwangerschaft herzlich gratulieren. Wie gut verträgt sich diese mit dem Touren und dem vielen Unterwegssein?

„Als ich das letzte Mal schwanger war, habe ich nur hier und dort ein Konzert gegeben. Dieses Mal bin ich 24 Stunden am Tag auf Achse und eben schwanger. (lacht) Das ist definitiv eine Herausforderung, aber auch wirklich toll. Ich lebe für die Abende. Bald werde ich nämlich gezwungenermaßen eine Pause einlegen müssen. Natürlich muss ich mich tagsüber viel ausruhen. Oft fühle ich mich wie ein großer Ballon. (lacht)“

Es macht nicht wirklich Spaß, zu performen, wenn man sich aufgebläht vorkommt. Als wäre man ein Michelin-Männchen.

„Deshalb achte ich darauf, was ich esse, und dass ich meine Füße viel hochlege. Es geht eigentlich nur darum, sich auf die Shows vorzubereiten.“

Da wir schon in der Vergangenheit oft über deinen Sohn sprachen, interessiert es uns natürlich auch, wie es ihm geht und ob er noch immer gern Nancy Sinatra hört? Oder hat er seinen Geschmack verändert?

„Er mag Justin Timberlake und liebt Trompeten. Deswegen hören wir recht oft Jazz. Lange kannte er meine Musik nicht. Ich habe sie ihm nie vorgespielt. Erst spät erfuhr er, was ich mache. Im Kindergarten hatten Eltern den anderen Kindern davon erzählt. Das war lustig. Die Kleinen hatten sich meine Songs angehört und als er nach Hause kam, trällerte er ‚Big Jumps‘. (lacht) Jetzt ist er mein größter Fan und will immerzu ‚Jungle Drum‘ hören. Ich schreie dann immer nur laut. (lacht) Unglaublich.“

Der Großteil deiner letzten Konzerte war ausverkauft. Was bedeutet dir das nach all den Jahren?

„Alles! Vor allem, da ich eine Künstlerin bin, die etwas schwierig ist, wenn es um Rhythmus und die Tatsache geht, wie man konventionell Musik machen sollte. Als ‚Jungle Drum‘ ein Nummer-Eins-Hit wurde, hatte ich wirklich Angst, ich müsse erneut einen solchen Track produzieren. So funktioniere ich nicht. Mich wundert es immer wieder, dass Leute überhaupt zu den Gigs kommen. Ich bringe nur selten neue Platten heraus und mir fehlt diese Batterie im Hintergrund, was Facebook und Instagram betrifft. Vermutlich ist es kompliziert, meinen Aktivitäten überhaupt zu folgen. Deshalb bin ich sehr, sehr, sehr dankbar für jeden Besucher.“

Auch Kid Koala hat dich gebeten, auf seinem neuen Album „Music To Draw To: Satellite“ zu singen. Inwiefern war das spannend für dich? Er hatte den Großteil der Kompositionen ja bereits im Vorhinein entworfen.

„Das war faszinierend. Ich habe ein wirklich großes Problem, mich im Studio zu konzentrieren. Noch nie habe ich Songs aus der Ferne geschrieben. ‚Nightfall‘ entstand beispielsweise zu Hause. Er schickte mir den Track und ich arbeite jeweils nur zehn Minuten über vier Tage daran. (lacht) Andres klappte es nicht. Zu dem Zeitpunkt, als ich Kid Koala beziehungsweise Eric traf, war ich nahezu besessen von der Idee einer Weltraumreise. Einer Reise zum Mars, für die man Tickets kaufen kann und die 20 Jahre oder wie lange auch immer dauert. Ich las alles darüber und fand ein Interview mit einer verheirateten Frau, die sich dafür angemeldet hatte. Der Artikel über sie und ihren Mann war merkwürdig. Immerhin will sie auf einen Trip gehen, von dem sie nicht zurückkehren wird. Sie würden sich also nie wiedersehen. Für ihn bleibt sie ein Stern im Himmel. Die Liebe seines Lebens verlässt ihn. Das kommt einem irdischen Suizid gleich. Ich dachte viel darüber nach, was man vermissen würde, wenn man keine Sommerbrise, keinen Wind, keine Sonne mehr auf dem Gesicht oder simple Dinge, wie die Stimme deines Vaters, wenn er nach der Arbeit nach Hause kommt, wahrnehmen kann. Kleinigkeiten, die man im Alltag übersieht, die einem aber plötzlich fehlen könnten. Ich zog Eric mit in das Thema hinein. (lacht) Irgendwann waren wir beide davon fasziniert.“

Die Platte ist eigentlich ein Konzeptalbum. Mir gefällt, dass die Songs alle halbfertig wirken. Wie Gedanken, die dann einfach stoppen.

„Es fühlt sich tatsächlich danach an, als stecke man in einer kleinen Rakete und mache sich auf den Weg ins All. Am Anfang war es seltsam, dass auch er Lyrics schrieb, denn es ist lange her, dass ich Texte anderer gesungen habe. Ich entschloss, die Worte nicht zu sehr zu analysieren oder mit Eric über diese zu sprechen. Stattdessen las ich sie kurz und probierte, die Melodie zu finden. Ich wollte nicht zu viel daran herumarbeiten. Dadurch blieb alles recht spontan. Diese Fragilität gefällt mir. Man kann hören, dass ich teilweise gar nicht wusste, wohin das Ganze gehen würde. Vieles ist ungewiss.“

Eine schöne Metaphorik.

Verrate uns doch bitte zuletzt noch, ob wir uns bald auf ein weiteres Soloalbum von dir freuen dürfen.

„Vermutlich nicht in naher Zukunft. (lacht) Eventuell starte ich ein neues Projekt mit jemandem. Ich kann noch nicht sagen, wer es ist, aber… (stockt) Ach, ich sage es euch einfach! Ob es am Ende klappen wird, weiß ich jedoch nicht. Ich bin gerade mit Howe Gelb von Giant Sand und Calexico in Kontakt.“

Dürfen wir das schon verraten?

„Natürlich! Ich bin gespannt, was daraus wird.“

Vielen Dank für das schöne Gespräch!

 

Foto © by Susanne Erler

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