Verträumt und doch klar: Jacco Gardner

In Musik von Gastautor

Oft heißt es, die jüngeren Generationen hätten nichts mehr zu sagen. Teilweise wird ihnen sogar unterstellt, dass sie nicht einmal in der Lage seien, etwas Bleibendes und Eigenständiges zu erschaffen. Gerade Nachwuchsmusiker haben dabei oft mit hartnäckigen Vorurteilen zu kämpfen. Umso interessanter ist es dann, wenn man auf einen von ihnen trifft, der eine recht fundierte und plausible Meinung zu diesem Thema zu offerieren weiß.

Jacco Gardner ist hoch geschätztes und beliebtes Klangwunderkind. Dank seines Debüts „Cabinet of Curiosities“ wurde der heute 27-Jährige recht schnell zum Prinz des Barock-Pops ernannt und mit Lobhymnen überschüttet. Mit dem Nachfolgealbum „Hypnophobia“ strebt Jacco Gardner nun seine Krönung an und setzt sich als Revoluzzer an die Spitze einer Bewegung, die das akustische Gestern lebt – jedoch nicht, ohne diesem eine ganz eigene Note zu verpassen. Wir trafen das holländische Soundgenie an einem Dienstagmorgen in Kreuzberg.

Jacco Gardner by Oli Winkler (1)Wie geht es dir?

„Sehr gut! Auch, wenn ich extrem beschäftigt bin zur Zeit. Es passiert gerade viel, und wie das nun mal mit Veröffentlichungen so ist, hat man eben Einiges vorzubereiten. Da wäre zum Beispiel die anstehende Tour, ein Musikvideodreh und andere Dinge. Das macht natürlich alles auch Spaß. Wenn diese Wochen dann vorüber sind, spiele ich nur noch Shows und muss mich auf wenig andere Sachen konzentrieren.“

Magst du denn die Promoarbeit?

„Ich habe da gemischte Gefühle. Einiges gefällt mir. Zum Beispiel Interviews zu geben. Vor allem die erste Runde. Vorher hat man ja kaum von anderen Menschen gehört, wie sie das neue Album finden oder was sie darüber denken. Ich werde also mit den ersten Reaktionen konfrontiert. Das ist schön, denn immerhin habe ich über ein Jahr an der Platte gearbeitet, ohne zu wissen, ob sie jemandem gefallen würde. Zu merken, dass Redakteure sogar Fragen zu dem Album haben, ist wirklich cool.“

Inwieweit kann Musik aus deiner Sicht zur Droge werden und einen abhängig machen?

„Aus meiner Sicht ist Musik Teil eines jeden Menschen. Ohne sie könnte man vermutlich gar nicht leben. Nach ihr süchtig zu sein, ist also, als sei man von Sauerstoff abhängig. Musik ist schwer mit einer Droge zu vergleichen, da man Drogen ja nicht unbedingt zum Überleben braucht.“

Für mich ist Musik ein Grundelement.

Und doch kann sie dich in übersinnliche Sphären aufsteigen lassen.

„Ja, absolut. Aber das gehört meiner Meinung nach auch zum Menschsein dazu. Es gibt diesen Bereich im Gehirn, der fürs Träumen und Halluzinieren zuständig ist. Drogen mögen diesen ansprechen können, aber so verhält es sich eben auch mit dem Schlafen. Jeder, wenn ich mich da mal herausnehme, verbringt an die acht Stunden täglich damit, genau in dieser Welt zu sein. (lacht) Ich denke, das ist eine sehr grundlegende Sache, aber viele Leute machen sich kaum Gedanken darüber, sondern tun einfach ihre Arbeit, gehen schlafen, stehen wieder auf, vergessen ihre Träume und gehen erneut ans Werk. Ich selbst versuche, tiefer in dieses Reich des Unbewussten einzudringen. Das fasziniert mich!“

Genau das merkt man auch deinem neuen Album an. Aber zuerst zu einem anderen Thema. Wie erlebst du als Holländer die Musikszene in deiner Heimat?

„Ich fühle mich kaum zu ihr zugehörig. Es gibt ein paar Bands, die ich mag, aber die sind meist gleichzeitig auch Freunde von mir. Viele andere sind eher nicht so mein Fall. Oft haben die einen ganz anderen Fokus als ich. Dadurch bin ich aber ehrlich gesagt auch nicht wirklich informiert, was insgesamt in der Szene passiert. Allerdings bin ich selten überwältigt, wenn ich etwas zu hören bekomme.“

Dein Sound scheint sehr stark von den Sechzigern und Siebzigern beeinflusst zu sein. Warum bist du genau dieser Art von Musik erlegen?

„Eigentlich hatte ich da kaum eine Wahl. Das passierte einfach. Natürlich hab ich in meinem Leben auch andere Musik gehört, aber irgendwie blieb die nicht so haften. Als ich dann Syd Barretts Songs und all die psychedelischen Sounds kennenlernte, berührte mich das. Es gibt da so einen bestimmten Vibe, den ich mag. Viele Menschen sind der Ansicht, dass die Zukunft bereits stattfindet und es gibt wenig Vorstellungen darüber, wie eine verrückte Zeit in hundert Jahren aussehen könnte. Die Leute sind ja mit den technologischen Fortschritten heutzutage schon völlig überfordert und kommen kaum noch hinterher.“

Mir gefällt die romantische Ader an den Sechzigern und Siebzigern. Sie lässt Raum für Träume und die Erkenntnis, dass es noch etliche ungelöste Rätsel auf diesem Planeten gibt.

„Uns wird derart viel als Wahrheit präsentiert, da tut es gut, auch diese andere Seite des Ungewissen zu haben. Das genieße ich und mir fehlt das in unserer Gegenwart. Der Anteil des Abenteuers und der Geheimnisse im Leben. Ich selbst empfinde meine Person zum Beispiel schon als großes Mysterium. Darüber macht sich doch kaum einer Gedanken. Es wird einfach akzeptiert, dass man ist, wer man ist. Es werden wenig Fragen gestellt. Ich wundere mich hingegen permanent über Dinge. Schon als Kind konnte ich kaum bei der Sache bleiben, vor allem in der Schule nicht.“

Jacco Gardner by Oli Winkler (2)

Wie stehen denn deine Eltern zu deiner Musik, könnten sie doch Ähnliches in ihrer Jugend bereits gehört haben?

„Als sie jung waren, interessierten sie sich weniger für die Popkultur. Sie lebten weder in Amsterdam, noch einer anderen großen Stadt. Dadurch waren sie etwas außen vor, was die ganze Bewegung zu der Zeit betraf. Mein Vater hörte viel Klassik und tut das auch heute noch. Das ist wohlmöglich auch der Grund, warum dieser Barock-Pop-Aspekt in meine Musik kam. Der Vater einer meiner sehr guten Freunde, mit dem ich auch in zahlreichen Bands gespielt habe, war es allerdings, der mir damals Syd Barrett zeigte. Das bewirkte viel in mir. Manche der Platten meiner Eltern mochte ich aber auch ganz gern. Zum Beispiel Leonard Cohen. Viele der Sachen, die sie hörten, waren allerdings recht schwer zugänglich, wenngleich poetisch. Meinem Dad gefällt mein neues Album mehr, als das alte. Vermutlich, weil es cineastischer ist und es mehr um Stimmungen geht. Es ist visueller und die Instrumente stehen stärker im Vordergrund. Wenn man hipp sein will, könnte man das psychedelisch nennen, aber damit trifft man nicht den Punkt, um den es geht. Ich will nicht unbedingt, dass meine Musik mit Drogen assoziiert wird, auch wenn es eine gewisse assoziative Komponente braucht, um sie zu verstehen.“

Was denkst du über moderne Popmusik? Hörst du sie dir an?

„Manches schon. Das hängt natürlich davon ab, wo Popmusik zur Popmusik wird. Ich finde zum Beispiel Tame Impala toll. Dann gibt es da noch das Projekt unseres Schlagzeugers, Maston, das ich schon mochte, bevor er anfing in unserer Band zu spielen.“

Und was ist mit all den Lady Gagas und Rihannas da draußen?

„Der Mainstream. Manchmal schätze ich ihn, doch oft fehlt mir darin auch wirklich etwas. Wobei auch die psychedelische Musik immer mainstreamtauglicher wird. Schon seltsam, wenn Miley Cyrus dann zusammen mit Wayne Coyne ‚Lucy In The Sky With Diamonds“ singt. Mal sehen, wo das alles hinführen wird. Insgesamt bin ich wohl von all diesen Entwicklungen eher fasziniert, als dass ich mich wirklich damit beschäftige.“

Zuhause würde ich wohl kaum Kayne West auflegen.

Nein?

„Auch, wenn ich ihn spannend finde. Er ist der ultimative Narzisst, der sich selbst sehr liebt.“

Und seine Frau.

„Ja. (lacht) Es gibt ja im Prinzip auch nichts Falsches daran, sich selbst zu lieben. Insofern sollte auch er das tun dürfen. Nur kennt diese Liebe eben keine Grenzen.“

Dein Debütalbum erntete sehr viel Aufmerksamkeit. Wie war es für dich, von einem Moment zum nächsten im Rampenlicht zu stehen?

„Etwas seltsam, denn plötzlich musste ich meinen Fokus, der zuvor auf mir und meiner Musik gelegen hatte, auf Dinge wie Liveshows und meine Außenwirkung richten. Das entfernte mich ein bisschen von dem, was mir eigentlich wichtig war. Anstatt auf die Suche nach neuer Inspiration gehen zu können, sollte ich darüber schreiben. Ein ganzes Jahr auf Tour zu verbringen und mit vielen Leuten umgehen zu müssen, bringt Freude, aber wirkte sich auch auf meine Kreativität aus. Danach viel es mir schwer, wieder ans Songwriting zu gehen, zumal ich nach den Aufnahmen zu meinem ersten Album kaum neue Musik gehört hatte, doch braucht es Input, um Output generieren zu können.“

Bist du denn zufrieden mit „Hypnophobia“, deinem Zweitwerk?

„Ja. Obwohl es eine Periode in meinem Leben markiert, die ich nicht noch einmal durchlaufen wollen würde. Deutete ich das Album aus Sicht eines Psychologen und würde mich dabei selbst reflektieren, könnte ich vieles nicht erklären. Das sollte beim nächsten Mal anders sein.“

‚Hypnophobia‘ ist eine Reaktion auf die Dinge, die in meinem Leben passierten.

„Und es entstand sehr schnell. Das war wie bei einer Explosion. Als ich wusste, dass ich nur ein Jahr Zeit für die Produktion hatte, zweifelte ich erst stark daran, ob das funktionieren würde. Mein Plan war es, viele Songs zu schreiben und dann die besten auszusuchen. Nur hatte ich am Ende keinen mehr als die, die man jetzt hören kann. Sie funktionieren gut als Album. Vermutlich war ich anfangs etwas zu ambitioniert.“ (lacht)

Beim nächsten Mal dann.

„Ja! Da gibt es noch einige Ideen, die ich ich umsetzten will.“

Wo unterscheiden sich „Hypnophobia“ und „Cabinet of Curiosities“?

„‚Hypnophobia‘ ist dunkler und es dreht sich viel mehr um das Luzide Träumen. Eigentlich bin ich ein Kontrollfreak, weswegen ich oft Probleme beim Einschlafen habe. Das Abschalten fällt mir meist schwer. Noch immer haben Wissenschaftler Probleme damit, all die ablaufenden Vorgänge zu erklären. Mit Wörtern ist das schwierig und ich habe probiert, mich dem Thema über die Musik zu nähern. Es gibt kaum Grenzen, was die Welt der Klänge betrifft. Alle Regeln scheinen zu verschwinden.“

Viele der Songs auf dem Album haben das Träumen nun als zentrales Thema.

„Mich faszinierten all diese Prozesse. Aber man sollte das auch nicht überbewerten. Viele Leute fragten mich zum Beispiel, ob ich Hypnophobie hätte, nur fand ich das Phänomen einfach spannend. Natürlich kann ich mich teilweise auch damit identifizieren, aber es geht eher um eine wissenschaftliche Sichtweise. Für mich ist das Album wie ein Film, bei dem der Hauptcharakter unter Schlafangst leidet.“

Dann enden wir mit einer sehr persönlichen Frage. Kannst du dich noch an deinen letzten Traum erinnern?

„Ich war auf dem Weg nach Berlin, und zwar in einem Helikopter mir vier Drehflügeln. Normalerweise haben sie oft zwei. Es war also eher so einer, wie es sie oft in der Armee gibt. Innen sah alles aus wie bei einem Raumschiff. Irgendwann landeten wir irgendwo, nur war das nicht Berlin. Eventuell war das Spanien. Wenn ich träume, dann oft von eingenommenen Orten. Meist von jemandem, der mehr Macht als ich hat. So war das auch dieses Mal.“ (lacht)

Träume machen oft keinen Sinn und genau das ist das Großartige an ihnen.

„Außerdem hörte ich Musik. Einen fertigen Song. Nach dem Aufwachen konnte ich mich nicht mehr erinnern. Aber wie spannend wäre es, Zugriff auf all diese Dinge zu haben? All die Türen im Gehirn zu öffnen.“

Eventuell ist der Schlaf generell ein guter Türöffner.

„Das glaube ich auch. Ein sehr wichtuger. Das Schlimmste ist nur, dass man seine Träume oft vergisst.“

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Fotos © by Oli Winkler