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Kultverdächtig: Jim Hickey

In Kultverdächtig, Künstler by Martin6 Comments

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Es gleicht einem ewigen Lotteriespiel. Ob ein Musiker, eine Band oder ein Duo erfolgreich wird oder nicht, lässt sich meist schwer vorhersagen. Zu viele Faktoren beeinflussen mittlerweile die Hörergnade, welche wiederum über Aufstieg oder Fall eines Acts entscheidet. Dabei braucht es nicht einmal Talent, wenn es heutzutage darum geht, die Massen zu begeistern. Im Gegenteil. Leider sind gewiefte Strategen dazu in der Lage, selbst die glanzlosesten akustischen Steine zu funkelndem Klanggold aufzupolieren. Wir leben in einer Zeit, in der Beworben zu werden mehr bedeutet als mit Seele bei der Sache zu sein. „Kultverdächtig“ lässt sich jedoch nicht beirren und sucht nach anderen Qualitätsmerkmalen. Ruhm und Bekanntheit sind für unsere Rubrik nicht von Interesse, es bedarf einzig und allein der Tatsache, dass jemand für sein Werk brennt. Feuer gefangen hat auch: Freiheitsfanatiker Jim Hickey.

Auf Kollisionskurs mit der Autonomie

JimHickey04Was bedeutet Musik für dich?

Musik ist eine der wenigen Konstanten in meinem Leben, was sie zu einem untrennbaren Teil von mir macht. Ich denke gar nicht so viel darüber nach, sie war immer da und für mich ist sie der einzige Weg, meine Gefühle offen und ehrlich zum Ausdruck zu bringen.

Als hätte eine Bombe eingeschlagen und einen großen Krater hinterlassen, so rückte Jim Hickey in unser Bewusstsein. In einer Mail fragte der in Berlin lebende Musiker, ob wir Lust hätten, ihm einen Beitrag zu widmen. Im Anhang fand sich seine EP „Railings“, die mit insgesamt drei Tracks bestückt, Aufschluss über das Schaffen des 27-Jährigen geben sollte.

„Kultmucke ist ein großartiger Anlaufpunkt, um neue Musik oder Events in Berlin zu entdecken. Ich mag den Fakt, dass eine große Bandbreite an Musikrichtungen und Künstlern geboten und dass ganz anders damit umgegangen wird, Nachwuchs zu finden und zu unterstützen.“

Wir willigten ein. Zu prägnant stach das beigefügte akustische Trio aus der undurchsichtigen Indietronica-Dunstwolke hervor, die sich seit einigen Jahren in der Branche breitgemacht hat. Doch dazu später mehr. Vorerst wollen wir uns dem einfühlsamen Cover hingeben, das Jim exklusiv für unsere „Kultverdächtig-Playlist“ einspielte.

Mir gefällt die Idee, Künstler innerhalb der Features aus ihrem normalen Umfeld zu lösen und von ihrem eigenen Werk zu entfernen, denn das zeigt eine ganz neue Seite an ihnen.

Den sonst recht energetischen Jim Hickey verleitete die Aufgabe, einen Song neu interpretieren zu sollen, zu einer Langsamkeit und Zurückgenommenheit, die man sonst vielleicht von James Blake oder Nicolas Jaar kennt. Wem das Original von „The Lee Shore“, das ursprünglich der Feder von Rocklegende David Crosby entstammt, geläufig ist, der wird überrascht sein, welche akzentuierte Gewalt Jim Hickey dem Stück durch seine Inszenierung zu entlocken vermochte. Nun tragen dezent platzierte Syntheziser und Drumbeats die rauchige Stimme Jim Hickeys durch die Stille und hinterlassen ein tonales Echo, das lange nachwirkt.

Inwiefern stellte es eine Herausforderung für dich dar, das Werk eines Kollegen neu zu vertonen?

„Ich freute mich auf die Herausforderung, die Musik von jemand anderem zu covern. Es stellte sich dann aber heraus, dass das alles in einer einzigen Session passierte. Es ist ein Song, den ich schon seit Jahren singe, aber ich dachte, der Übertrag von einer Version mit akustischer Gitarre wäre schwieriger. Ich setzte mich mit dem Stück hin, spielte und es funktionierte auf Anhieb. Das Lied bedeutet wirklich sehr viel für mich, nicht zuletzt, weil es davon handelt, zum Meer zu gehen, um sich dort ‚entgiften‘ zu lassen. Etwas, das auch ich kenne.“

Die Verbindung zum Meer wurde Jim Hickey in die Wiege gelegt. Seine Familie stammt von der südeuropäischen Insel Malta. Raue Klippen, Strände und der Wind, der über die See weht, all das hat Jim somit von Kindesbeinen an begleitet. Zudem war er zu jeder Zeit von kreativen Menschen und einer recht großen Familie umgeben. Ein wunderbares Geschenk, wie er im Nachhinein feststellt. Und ein Grund, weshalb aus ihm eben jener junge Mann wurde, der er heute ist. Ohne Zwänge, ohne Regeln durfte er sich seinen ganz eigenen Weg durch das Universum aus Ton und Klang bahnen. Wurde zum neugierigen Astronauten und besiedelte die verschiedensten melodischen Planeten. Dabei beobachtete er nur zu gern die dort lebenden Gestalten. Außerirdische, die ihre ganze eigenen Mittel gefunden hatten, ihre Kreativität in vollem Maße auszuschöpfen. Im übertragenen Sinne waren das Leute, die im Umfeld des heranwachsenden Jim Hickey wirkten und walteten.

Von Anfang an war ich komplett frei, die Dinge auf meine Art und Weise zu tun und meinen eigenen Stil zu entwickeln.

Irgendwann bekamst du dann deine erste E-Gitarre. Weshalb fiel die Wahl auf dieses Instrument?

„Die Musik, die ich hörte, war stets sehr gitarrenbasiert und ich mochte den Gedanken, in der Lage zu sein, sie überall und zu jeder Zeit spielen zu können. Ich hörte viel Psychedelisches, Space und Stoner Rock, also passte das einfach. Es ist ein tolles Instrument, das du als Leadstimme genauso gut wie als rhythmische Untermalung nutzen kannst und auf dem sich seltsame Sounds kreieren lassen, die du anders nicht erzeugt bekommst.“

jimhickey_4Mit dem passenden Werkzeug bewaffnet, erprobte sich Jim und schrieb seine ersten Instrumentalstücke. Dabei liebte er vor allem hypnotische Akkorde, die sich im Raum verloren und bis in die Ewigkeit vorzudringen versuchten. Erst im Alter von 17 begann er dann letztlich auch, Worte und Gesänge in seine Kompositionen einfließen zu lassen. Oft erinnert er sich noch, wie schwer es ihm damals fiel, seine Botschaften in vier- bis fünfminütigen Tracks unterzubringen. Da half es nur, wieder und wieder zu üben. Einige Bands dienten in der Folge als Spielwiese und so zogen zahllose Sommer und Winter ins Land. Während er in den Ferien oft über den Ozean in die Stadt der Engel, Los Angelos, flog, genoss er ansonsten das mediterrane Flair seiner Heimat. Doch auch das gemütlichste Nest wird über kurz oder lang einmal zu eng. Das Gefühl, endgültig ausbrechen zu wollen, beschlich Jim zunehmend. Ein Sprung ins kühle Nass verschaffte schließlich die erhoffte Veränderung und führte ihn nach Berlin. Seit 2006 lebt er nun in der Spreemetropole.

Was magst du an der Stadt?

„Ich mag die Narben, sie trägt sie stolz! Als ich hier ankam, fühlte ich mich direkt zuhause, also quälte ich mich gar nicht erst mit der Frage, warum das so sei. Die Geschichte der Stadt hat einen solchen Effekt auf die Gegenwart, die Leute sind noch immer gewohnt, für das zu kämpfen, an das sie glauben. Sie gehen auf die Straßen, sprühen ihre Meinungen an Häuserwände und werfen Fenster ein, wenn sie der Meinung sind, ihre Freiheit würde ihnen genommen werden. Es ist schwer, sich das in irgendeiner anderen westlichen Stadt vorzustellen, ohne dass das zu einer völligen Eskalation führen würde. Die Berliner haben eine gute Balance zwischen aggressiver Verteidigung und friedlicher Entschlossenheit gefunden. Dieses alltägliche Paradoxon beeindruckt mich noch immer.“

Berlins Ansehen hat seinen Siedepunkt erreicht, und nachdem zahlreiche Übersiedlungswellen stattgefunden haben, werden nun erste Gegenbewegungen laut, die die Weltstadt als „out“ oder „überschätzt“ bewerten.

Für mich ging es bei Berlin nie darum. Wenn du „in“ sein möchtest, dann geh nach London, wenn du „es packen willst“, probier es in New York oder Paris. Berlin ist ein Ort, an dem man man selbst sein darf und seinen Kram machen kann, ohne irgendjemandes Idee davon entsprechen zu müssen, was angesagt ist und was nicht.

Toleranz und Akzeptanz sind es, die Jim Hickey an der Hauptstadt Deutschlands schätzt und wegen derer er sich dort auch sehr wohl fühlt. Als Tontechniker lernte er zudem schnell ein ganz anderes Berlin kennen, als es sich eventuell für viele Touristen erschließt. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete der Songwriter nämlich lange Zeit im Eel Pie, einem kleinen Undergroundclub im Prenzlauer Berg. Was er dort tagtäglich zu sehen und zu hören bekam, faszinierte den klangvernarrten Jim.

„Eel Pie war für mich eine Blaupause für ein neues Musikverständnis. Es war chaotisch dort, aber die Acts waren so voller Einfälle, dass das wirklich etwas bedeutete.“

jimhickey_5Vor allem die Konventionslosigkeit, mit der sich Publikum und Künstler begegneten, berauschte Jim Hickey. In Anlehnung an die Ungebundenheit, die er in jungen Jahren erfahren hatte, führte diese greifbare Energie zu dem Entschluss, endlich ernst machen und konsequent an einer ersten Veröffentlichung arbeiten zu wollen. Das Ergebnis dessen ist die bereits erwähnte EP „Railings“, die im November 2013 erschien. Erstaunlicherweise machte Jim auf ihr das Thema Begrenzung zum Hauptmotiv. Barrieren, die es zu überwinden gilt, Hindernisse, die zurückgelassen werden müssen – Jim setzte zum finalen Satz an, sich von allen Abhängigkeiten zu lösen, um unbeschwert gen Zukunft laufen zu können. Als Mensch und als Musiker.

Was kannst du zu der Enstehungsgeschichte berichten?

„Es hat lange gedauert. Ich habe noch etliche Songs und Sounds übrig, die ich eventuell später noch verwenden werde. Zahlreiche Zweifel, die aufkamen, als ich mit anderen Produzenten arbeitete, führten dazu, dass es ein sehr langsamer Prozess war und ich etliche Versuchte brauchte, um zu merken, wozu ich eigentlich in der Lage war. Oft war ich sehr deprimiert, weil das so ein Kampf war, nur hat er mich gelehrt, auf meine Instinkte zu vertrauen.“

„Everything“ wählte Jim Hickey als erste Singleauskopplung. Der vielleicht zugänglichste Track auf der EP, wie er selbst sagt. Insofern auch ein guter Einstieg, um die Arbeit des Musikers näher kennenzulernen. Alles begann in einer Nacht, in der Jim „Everything is everywhere“ im Schlaf vor sich hin brabbelte. Seine Freundin hörte die Zeile und berichtete ihm am nächsten Morgen davon. Im Folgenden hafteten sich genau diese Worte an den Verstand des Songschreibers und  ließen ihn nicht mehr los. Am Ende erwuchs daraus ein kompletter Text, der sich mit der Tatsache befasst, dass man in einer Situation feststeckt, die sich jedoch nicht mehr richtig anfühlt. Als einziger Ausweg bleibt der völlige Sinneswandel. Nur das Vetrauen darauf, dass sich auch außerhalb des eigenen Wirkkreises, im Unbekannten, neue Perspektiven auftun können, führt zur Erlösung. Doch sind da auch jene Bänder und Strippen, die einen festzuhalten versuchen. Nicht nur das Musikvideo zu „Everything“, sondern auch das EP-Cover und die Aufmachung der handgemachten physischen Version von „Railing“ sind umgarnt von Schnüren und Linien.

Das alles spiegelt den Konflikt zwischen Freiheit und Restriktion wider, der großer Bestandteil der Platte ist.

Auch „Robin“ knüpft daran an. Etwas finsterer als sein Vorgänger „Everywhere“ befasst sich das Stück vor allem mit den mentalen Fesselungen, die den Menschen in seiner Handlungsfähigkeit zum Erliegen bringen können. „Not You“ transferiert die Botschaft von „Railings“ hingegen auf eine zwischenmenschliche Ebene.

„Es geht um die Sperren, die Menschen zwischen einander aufstellen und darum, dass es vielen extrem schwerfällt, Vertrauen zu schenken. Damals hatte ich Probleme, zu einer gewissen Person vorzudringen und „Not You“ behandelt dieses Ziehen und Drücken und die Angst, dass man sich am Ende als zwei Fremde gegenübersteht.“

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Was dürfen wir als Nächstes von dir erwarten?

Ich habe gerade die Arbeit an meiner neuen Single ‚Burning Forest‘ beendet, sodass sie bereit zum Mixen ist.

Kultmucke hat die Ehre, eben diese Single am nächsten Donnerstag, den 27.03.2014, in einer exklusiven Vorpremiere zu enthüllen. Bis es jedoch so weit ist, begnügen wir uns mit einer Liveversion, die zeigt, wie sehr das Stück unter die Haut geht. Fragil zittert „Burning Forest“ durch die Luft und entzündet diese.

http://youtu.be/7IArUOAqMjE

Kultverdächtig

Wer schon einmal gähnen muss, wenn er hört, dass ein neuer Stern am Indietronica-Himmel zu sehen ist, der wird sich wundern, wie hell dieser seine Nebenbuhler zu überstrahlen weiß. Jim Hickey besticht durch gekonnte akustische Inszenierungen. Er legt da Pausen ein, wo andere zu rennen beginnen und gerät dadurch nicht ins Stolpern. Behutsam und mit viel Feingeistigkeit webt er seine Songs in die Schönheit des Moments ein. Was soll Jim Hickey auch warten, bis er endlich genug Songs für ein Album zusammen hat? Nein, der Schnelllebigkeit und Do-It-Youself-Mentalität unserer Gesellschaft ist es zu verdanken, dass er einzelne EPs unabhängig voneinander herausbringen kann. Und so darf man sich als Hörer eben vorerst nur an drei ausgewählten und markanten Songs erfreuen, anstatt mit allerhand Lückenfüller überschütet zu werden.

Gewinnspiel

jimhickey_6Wir verlosen zwei handgemachte und signierte EPs von „Railings“. Wer gern ein Exemplar sein eigen nennen möchte, der schickt bis spätestens kommenden Dienstag, den 25.03.2014, eine Mail mit dem Betreff „Jim Hickey“ an martin@kultmucke.de. Unter allen Einsendungen wird unsere Losfee zufällig zwei Gewinner ziehen.

Interessante Links

„Railings“ EP bei Bandcamp kaufen

Offizielle Website

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