Kultverdächtig: Johannes Motschmann

In Kultverdächtig, Künstler by Martin0 Comments

Genre:

Vier Jahre „Kultverdächtig“ – bevor wir demnächst das finale Feuerwerk zu unserer stets mit Leidenschaft und Herzblut betriebenen Kolumne zünden, bedarf es noch eines würdigen letzten Features, dessen Nachhall bis in die Ewigkeit vordringen soll. Zusammen mit dem Komponisten Johannes Motschmann möchten wir den Bogen zwischen Klassik und Moderne, Retrospektion und Zukunftsgewandtheit spannen.

Klassisch unklassisch

johannes-motschmann-2Was bedeutet Musik für dich?

Ich mach schon mein ganzes Leben lang Musik. Sie ist meine Sprache geworden. Mit ihr kann ich Empfindungen oder eine ganz bestimmte Atmosphäre ausdrücken, die ich auf keine andere Weise beschreiben könnte.

Es ist ein recht klassischer Weg, den Johannes Motschmann bis zum heutigen Tage beschritten hat. Ein Weg, der denen vieler seiner Kollegen gar nicht unähnlich ist. Nachdem er sich schon früh für Musik begeistern konnte, entschied sich Motschmann nach der Schule, Komposition, Klavier, Musiktheorie – aber auch elektronische Musik – studieren zu wollen. Das führte den gebürtigen Hamburger nach Dresden, Karlsruhe und Berlin, wo er sich schließlich niederließ. Mit jeder Stadt, die er eroberte, wuchs auch Motschmanns Begeisterung, sich mithilfe von Harmonien und Melodien verständlich zu machen.

„Sehr schön war es, das erste Mal zu hören, wie ein Orchester meine Musik spielt. Es war zwar nur ein ganz kurzes Stück im Studium, aber irgendwie war das etwas Außergewöhnliches für mich.“

Inwiefern profitierst du noch heute von deiner Ausbildung?

„Sie gibt mir eine gewisse Sicherheit beim Komponieren. Oft sind Komponisten Quereinsteiger oder Autodidakten. Jeder versteht unter dem Beruf irgendwie etwas anderes. Ob man Musik improvisiert, algorithmisch erzeugt, sich von Sounds forttragen lässt, die man für Geld kaufen kann, alles, was du gestaltest und durch deine Persönlichkeit erneuerst, gehört dir. Aber Komponieren ist eben auch ein Handwerk. Das Schreiben von Noten, das Konzipieren von musikalischen Verläufen oder auch die Fähigkeit, sich selbst zu überraschen, sind in vielerlei Hinsicht technisch erlernbar. Eine Ausbildung kann helfen, sich vor Klischees oder typischen Modeerscheinungen zu bewahren. Am Ende ist es mir aber vor allem wichtig, eine eigene ästhetische Haltung, einen eigenen Klang zu haben. Wie man dahin kommt, ist letztlich egal.“

Und was sagst du zu der Debatte, Musikhochschulen und Universitäten würden die Freiheit ihrer Studenten begrenzen und deren Entfaltung zu sehr lenken?

„Das ist leider oftmals zutreffend. Ich hab lange bei Wolfgang Rihm studiert, der mir relativ viele Freiheiten beim Komponieren gelassen hat. Das war zu der Zeit wichtig für mich. Andere Komponisten haben ihre Vorstellung vom Komponieren stärker verabsolutiert. Man kann aber beide Wege ganz gut gebrauchen, denke ich. Wenn du aber nur Freiheiten hast, kannst du auch zuhause bleiben und für dich selber komponieren. Die Musikschule ist ein Ort des Austausches. Auch mit anderen Studierenden. Komponisten sind oft Einzelgänger, weshalb eine gewisse Einschränkung von Freiheiten manchmal auch ganz inspirierend sein kann, weil sie dich aus der Reserve lockt.“

Sich seiner Sache und seiner akustischen Identität bewusst ist es vor allem das nach ihm benannte Johannes Motschmann Trio, das momentan den schöpferischen Mittelpunkt im Alltag des 38-Jährigen darstellt. Zusammen mit seinen Kollegen Boris Bolles und David Panzl reist Motschmann dabei an die Horizontlinie jenes Genres, das im Volksmund – und auch bei Kritikern – gern als Neoklassik beschrieben wird.

Der Begriff Klassik impliziert für mich eine Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte. Klassische Musik kann eine Musik nur im Nachhinein werden. Wenn jemand diesen Begriff für etwas Neues verwendet, verdreht er ihn automatisch.

johannes-motschmann-trio

Welches Label man auch für das, was das Johannes Motschmann Trio produziert, vergeben mag, feststeht, dass die drei Herren in ihrer Musik Elemente aus verschiedensten Richtungen und Stilen in sich vereinen. Als wollten sie ein schwarzes Loch kreieren, das alles anzieht, was sich ihm zu stark nähert. Im Ergebnis zeugt das Debütalbum „Electric Fields“ von einem beeindruckenden tonalen Spektrum und dem Mut, Grenzen zu überschreiten. Kein Wunder also, dass sich das frisch gegründete Berlin Classics-Sublabel Neue Meister dazu entschied, jene Platte als eines seiner Flagschiffe auf den Markt zu entsenden.

Was kannst du zu der Entstehung von „Electric Fields“ berichten?

„Ich habe alles alleine komponiert und dann mit Boris und David erste Aufnahmen in einem kleinen Studio in der Schlesischen Straße gemacht. Als wir alle zufrieden waren, sind wir in das Funkhaus in der Nalepastraße gewechselt, um in den dort zu findenden, fantastischen Studios aufzunehmen. Danach habe ich das Album mit Boris zusammen produziert und noch sehr viel daran verändert oder erweitert. Es war ein langer Prozess, weil ich ein Album machen wollte, das einerseits den Charakter einer Live-Performance besitzt und gleichzeitig auch eine gute Balance zwischen elektronischen und natürlich hervorgebrachten Sounds liefert. Jedes Stück sollte für sich stehen und einzigartig klingen.“

Der Inspirationskatalog, aus dessen Tiefen Johannes Motschmann schöpft, ist lang. Er reicht von konkreten bis hin zu abstrakten Dingen: Von Städten und Farben bis hin zu Stimmungen und freier Zeit. Hinzukommt eine vollgepackte Liste an Helden und Vorbildern, die neben klassischen Komponisten wie Bach oder Stockhausen, auch viele Gegenwartskünstler enthält: Depeche Mode, Sigur Rós, Nine Inch Nails, Radiohead, Kasabian, Boards of Canada oder Stars of the Lid.

Worauf achtest du bei den Arbeiten anderer Musiker?

„Ob sie einen eigenen Klang haben. Umgekehrt langweilt mich jede Musik, die so klingt, als könnte sie auch ein anderer Künstler machen. Dann hör ich sofort weg.“

Für unsere „Kultverdächtig“-Coverplaylist hielt es Johannes Motschmann – entgegen seiner ebenfalls vorhandenen Vorliebe für den Progressive und Post-Rock der letzten dreißig Jahre – dann doch wieder klassisch. Sehr klassisch sogar, denn er wählte ein Stück des Franzosen Erik Satie, um sich an einer Neuinterpretation zu versuchen.

Satie schrieb seine Musik eigentlich als kurzweilige Unterhaltung für Kaffeehäuser. Vielleicht ein gutes Beispiel für alle, die große ‚klassische‘ Musik komponieren wollen. Einfach den Ball flachhalten und stattdessen etwas Kleines schreiben, das im Café um die Ecke im Hintergrund laufen kann.

Insgesamt brauchte es um die fünfzig Aufnahmen, bis der Perfektionist schließlich mit sich zufrieden war und das „kleine Stück“ in ein typisch Motschmansches Gewand zu hüllen.

„Das Stück ist sehr nah mikrofiniert. Ich wollte einen intimen Ton haben, auch wenn ich die Musik dann wieder stark verfremdet habe.“

Was bedeutet dir das Originalstück? Was verbindest du mit ihm?

„Ich habe es das erste Mal in New York gesehen. Ich war in einer Wohnung mit einem alten Flügel untergebracht und da lagen Noten herum. Irgendwann habe ich sie aufgeschlagen und einfach losgespielt. Ich dachte sofort, dass das Stück auch von heute sein könnte.“

Wie erzählt man Geschichten, ohne greifbare Lyrics zu haben?

„Dadurch, dass du sie eben nicht hast, komischerweise. So entsteht plötzlich Freiraum für Assoziationen, der noch nicht durch eine Geschichte besetzt ist. Die Musik kann dann zu einem Soundtrack deiner Erlebnisse und Erfahrungen werden, je nachdem, wo du sie hörst. Du musst nicht das nachvollziehen, was dir die Lyrics in einem Song vorgeben, sondern kannst deine eigene Geschichte in die Musik hineindenken. Das hat Vorteile.“

Gewinnspiel

Um eine signierte Vinyl von „Electric Fields“ zu gewinnen, schickt einfach eine Mail mit dem Betreff „Johannes Motschmann“ an martin@kultmucke.de. Einsendeschluss ist der Montag, der 07.11.2016. Die Teilnahme ist nur aus Deutschland möglich und der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Viel Erfolg!

Links

Offizielle Website | Facebook | Soundcloud | Youtube