Very Berlin

28. November 2011 – Autor:

Jetzt ist es doch passiert. Vor ein paar Stunden berichtete der Tagesspiegel, dass der RBB sich jetzt doch von Ken Jebsen und seiner Radioshow KenFM trennt. Wir haben uns also mal wieder auf die Facebook Seiten und Blogs begeben und versucht näheres herauszufinden. Schnell wurde klar nicht nur Jebsen verlässt den Sender, sondern auch Stefan Warbeck, der langjährige Programmchef des Jugendradios. Doch nochmal von vorn:

Am 06. November 2011 wurde die Sendung KenFM kurzfristig abgesagt und eine offizielle Stellungnahme vom RBB oder Radio Fritz! ließ 24 Stunden lang auf sich warten (Kultmucke Beitrag vom  07.11.) Zwei Tage später erklärte die Programmdirektorin des RBB, dass der von Henryk M. Broder formulierte Vorwurf des Antisemitismus nicht zutreffend sei und die Sendung wieder zur gewohnten Zeit On-Air gehen würde. Nur der politische Teil der Sendung würde zukünftig intensiver abgesprochen und müsste differenzierter dargestellt werden, insgesamt solle die Sendung wieder mehr unterhalten und weniger polarisieren.

Soweit so klar, die letzten beiden Sendungen fanden wieder wie gewohnt Sonntags 14-18h statt. Politische Beiträge waren zumindest in der Sendung vom 13.11. komplett gestrichen, nach einer Entschuldigung des Moderators lief die Sendung relativ unspektakulär über den Äther. Ab und zu gab es Spitzen wegen der Debatte um die Antisemitismus Vorwürfe, aber alles in allem eine harmlose Sendung. Wie und ob sich das am letzten Sonntag geändert hat, können wir aktuell nicht sicher sagen, da wir leider nicht vor dem Empfangsgerät sitzen konnten.

Dass es wieder wie im alten Schema gelaufen ist behauptet nun der RBB und trennt sich endgültig von Jebsen, nachdem Stefan Warbeck (seit 2005 Programmchef bei Radio Fritz!) am Mittwoch seinen Hut freiwillig genommen hatte. Damit sind nun 2 langjährige Gestalter der Radiolandschaft von der Bildfläche verschwunden.

Es wird also klar, dass Fritz! tatsächlich hinter dem kontroversen Moderator stand, die Programmdirektion vom RBB jedoch nicht. In der Mitteilung wurde nochmal auf die Verteidigung gegen den Antisemitismus Vorwurf Bezug genommen und die Nichteinhaltung “Journalistischer Standards” als Grund für die Absetzung genannt. Eine schlimme Entwicklung für das Radio Fritz! Team und den Sender insgesamt, denn in den letzten Jahren waren viele Moderatoren hier auf Sendung und sind inzwischen gegangen. Die Stammhörerschaft beklagte immer wieder die Orientierung der Programmgestaltung am “Hitradio-Einheitsbrei” und der Abschied von Jürgen Kuttner, Tommy Wosch und Ken Jebsen scheint dies zu bestätigen. Diese drei sind nur die bekanntesten auch Robert Skupin beispielsweise ist bei Fritz! groß geworden und heute bei Radio Eins. Sicherlich sind redaktionionelle Prozesse und Standards für die Erstellung von Beiträgen wichtig für ein qualitatives Programm, aber sollten diese durch die Absetzung kritischer Formate sichergestellt werden? Sollte die Konformität eine wichtige Maxime für die öffentlich rechtlichen Sender sein, die per Gesetz eigentlich die unabhängigste Berichterstattung in der BRD ermöglichen sollen? Raubt das Quotendiktat, als Todesurteil für unkonventionelle Sendeformate, dem RBB nicht eigentlich die Daseinberechtigung, gerade wenn eine anscheinend sehr viel gehörte Sendung trotz guter Quote einfach abgesetzt wird? Gibt es keine andere Möglichkeit ein Sendeformat, wie KenFM zahmer zu gestalten oder weniger Sendezeit einzuräumen als ein Zugpferd des Senders einfach wegzurationalisieren?

Stefan Michme, seines Zeichens auch langjähriger Fritzmoderator sieht die Schuld für diese Konsequenzen ganz klar bei Jebsen, wie ein aktueller Post auf seiner Facebook Wall zeigt.

was für ein tag? 6 minuten vor 0 uhr schreibe ich und ich bin sehr emotional! ich dreh gerad ne tolle fernsehshow mit guten menschen. ich mach gerad ne gute michmedvd mit guten menschen. ich hab heut chris von sandow getroffen (foto), eine band, die ich verehre, für die ich kilometerweit, illegal ohne frontscheibe trabbi gefahren bin, es war toll…
der beste chef den ich je hatte ist auf eigenen wunsch augeschieden. er hatte einem talentierten, guten und kreativen journalisten die freiheit gewährt, die so ein “genie” braucht. leider hat sich das “radiogenie” als ein menschlicher, moralischer und ethischer totalausfall erwiesen. großes wichtiges ego und sendungbewußtsein, wenig loyalität und kollegialität…arbeitsplätze sind in gefahr und ansehen ist zerstört, nur für die zweifelhafte selbstverwirklichung eines einzelnen, getarnt als versteher und retter der welt…ich bin unendlich traurig, fassungslos und wütend! stefan warbeck ist ein guter journalist, ist ein analytisch und strategisch denkender chef mit herz und seele, alles andere ist nicht wahr!!! ken j. ist für mich ab heute nur noch ein talent, dass den falschen weg eingeschlagen hat…
ich vermeide hier wirklich privat zu werden, ich war es gerade weil ich es sein musste!!!!
Ken Jebsen dagegen wirkt entfesselt. Die beiden Wochen nach der Aussetzung wirkte er in der Tat sehr zurückhaltend, politische Themen wurden in der Sendung außen vor gelassen, seine Posts bei Facebook waren belanglos. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass jetzt mit den Anschuldigungen abgerechnet wird. Die genutzen Medien sind Facebook und Youtube. Hier die erste offizielle Stellungnahme:
Außerdem postete er unabhängige Berichte zu Themen, die in der Vergangenheit eine Rolle in der Sendung spielten. Das erweckt den Eindruck als wäre die Kündigung durch den RBB nur der Startschuss für den Gegenangriff gewesen. Wir sind gespannt was da in Zukunft kommen wird.
Ich möchte in der Sache keine Partei ergreifen, obwohl ich für die Fortführung von KenFM bin, wäre es wohl auch falsch jetzt Beschuldigungen auszusprechen. Am besten bildet sich jeder selbst ein Bild. Nur möchte ich nochmal darauf aufmerksam machen, dass die Maßnahme der Absetzung noch immer nicht umfassend erklärt wurde. Bisher liegt nur die vage Behauptung über nicht eingehaltene “journalistische Standards” vor. Die KenFM-Hörer würden gerne eine umfassende und transparente Erklärung für die Absetzung bekommen.
Über Neuigkeiten in dieser Sache halten wir euch auf dem Laufenden.

Passt auch!

Gib dein' Senf dazu

Kein Bock auf Facebook? Nimm unser Formular.