Schafe im Wolfspelz: Lamb

In Interview, Musik by Martin

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Als es hieß, ich könne ein Interview mit Andy Barlow und Lou Rhodes führen, die unter dem Namen Lamb seit fast zwanzig Jahren musikalisch aktiv sind, merkte ich, wie sich eine gewisse Unruhe in mir breitmachte. Ich war aufgeregt. Aufgeregt, was die Vorbereitung dieses Gespräches anging. Was willst du jemanden fragen, der eine derart lange und erfolgreiche Karriere vorzuweisen hat? Wo fängst du an? Wo hörst du auf?

Mit Lambs Diskografie im Hintergrund setzte ich mich schließlich an meinen Rechner und grübelte darüber nach, was es unbedingt in Erfahrung zu bringen galt. Unwillkürlich musste ich dabei jedoch wieder und wieder an all die Momente denken, die ich mit Songs wie „Lusty“ oder „Back To Beginnig“ verband. Lamb und ihr Sound waren tief in mein Unterbewusstsein vorgedrungen.
Ein paar Tage später machte ich mich dann auf den Weg ins Hotel Michelberger, wo ich auf die beiden Briten treffen sollte. Binnen weniger Augenblicke merkte ich, dass es keinen Plan braucht, wenn du mit Andy und Lou gegenübersitzt. Unverfälscht und ehrlich gewährte mir das Duo zahlreiche Einblicke in sein Universum. Und genau diese gibt es nun hier auf Kultmucke nachzulesen.

Lamb by Strata (1)Was bedeutet Musik für euch?

Lou: „Musik im Allgemeinen? Da könnte man mich wohl auch fragen, was mir die Luft bedeutet.“

Andy: „Ich schätze, sie ist ein Geschenk Gottes. Etwas, das man nicht mit Worten beschreiben kann. Man kann Musik sehr stark fühlen, ohne einen bestimmten Gedanken daran binden zu müssen. Welche andere Kunstform ist dazu in der Lage?“

Lou: „Sie fungiert als nonverbale Kommunikation. Auf einer höheren Ebene. Es ist wie das Atmen. Sehr essenziell. Mich erstaunt es immer, wenn Leute sagen, sie würden keine Musik mögen. Ich will dann meist fragen, ob sie überhaupt noch am Leben sind.“ (lacht)

Zusammen macht ihr unter dem Namen Lamb Musik. Könnt ihr euch noch an eure erste Begegnung erinnern?

Andy: „Ich arbeitete in einem Aufnahmestudio. An dem Tag, als ich dort aufhörte, klingelte das Telefon und Lou war dran. Sie sagte, dass ich ihr empfohlen worden sei, weil meine Arbeitsweise anders als die vieler meiner Kollegen wäre. Und sie wollte wissen, ob ich Lust hätte, dass man sich träfe, um über ein Bandprojekt zu sprechen. Da ich gerade meinen Job verloren hatte, wollte ich schauen, was dahinter stecken könnte. Wir trafen uns also in einer Bar in Manchester und redeten darüber, welche Arten von Musik wir mochten. Da ich nach Leeds musste, nahm ich Lou kurzerhand mit und wir arbeiteten an unseren ersten Song ‚God Bless‘.“

Wie ging es dann weiter? Irgendwann brachtet ihr ja euer Debütalbum „Lamb“ heraus.

Lou: „Nun, die Technologie war damals noch sehr unausgereift. Andy hatte so ein paar Kleinigkeiten wie ein altes Atari-Keyboard mit Greenscreen und einen Computer beziehungsweise eine große Box, die sich so nannte.“

Andy: „Kein Festplattenlaufwerk. Man konnte insgesamt nur vier Spuren aufnehmen. Es gab also wenig Equipment und wir wussten gar nicht wirklich, was wir da taten. Irgendwann bekamen wir dann einen Development-Deal angeboten, der Künstlern dabei helfen soll, sich zu finden. Ich war 18 und wollte eigentlich einen Plattenvertrag.“ (lacht)

Lou: „Wir begannen, im Keller meines Hauses zu arbeiten. Damals war ich noch als Fotografin tätig und der Keller diente mir als Studio. Andy und ich nutzten den Raum jedoch, um dort Musik zu machen. Als wir dann einen Plattenvertrag unterzeichnet hatten, konnten wir endlich mehr Equipment kaufen. Zudem ging es in ein richtiges Studio in Zentrum von Manchester namens Juicy House. Das alles war ein Abenteuer. Nicht wahr, Andy?“

Andy: „Ja!“

Lou: „Irgendwie fühlte es sich richtig an.“

Und das nicht zu unrecht. Songs wie „Gorecki“ von eurem Erstlingswerk konnten weltweit Lobeshymnen einfahren. Hört ihr euch diese Stücke selbst denn noch manchmal an?

Andy: „Letzte Woche waren wir bei einem Fotoshooting. Das war in einem wundervollen Supermarkt. Im Hintergrund spielten sie unser erstes Album. Obwohl es neunzehn Jahre alt ist, klingt es noch immer, als könnte man es heutzutage veröffentlichen.“

Irgendetwas an der Platte altert einfach nicht.

„Bei unseren späteren Alben ist das anders. Wir könnten ‚Lamb‘ nicht noch einmal kreieren, weil wir jetzt zu erfahren sind. Damals hatten wir noch eine andere Einstellung. Vieles war uns egal. Keiner kannte uns und wir waren völlig neu auf dem Markt.“

Lou: „Irgendwann kamen Erwartungen hinzu. Die Tatsache, dass das erste Album recht gut ankam, machte Druck in Bezug auf seine Nachfolger.“

Obwohl man häufig lesen kann, dass eure Wurzeln im Drum’n’Bass und Jazz liegen, werdet ihr gern dem Trip-Hop zugeordnet. Was verbindet ihr selbst mit diesem Genre?

Lou: „Es ist lustig, weil es wirklich häufig geschieht, dass wir den Stempel Trip-Hop aufgedrückt bekommen. Allerdings können wir uns überhaupt nicht damit identifizieren. Das passt einfach nicht zu unserer Musik.“

Trip-Hop ist irgendwie so eine Kiffermusik, bei der es darum geht, eine möglichst schöne Untermalung anzubieten, zu der man stoned sein kann. Ich denke, unsere Musik ist zu vielschichtig, um als Trip-Hop beschrieben werden zu können.

Ihr konntet euch also nie damit identifizieren?

Lou: „Nein. Allerdings traten wir zur gleichen Zeit in Erscheinung wie viele Bands, die zum Trip-Hop gehören. Nach Massive Attack, aber als beispielsweise Portishead oder Tricky populär wurden. Oft denken Leute auch, wir seien ebenfalls aus Bristol, wobei wir ja ursprünglich aus Manchester kommen. Ich lebe heute allerdings in der Nähe der Stadt. Das muss Fügung sein.“ (lacht)

Nach so vielen Jahren in der Musikbranche – wie habt ihr die Entwicklungen dieser erlebt?

Andy: „Aus meiner Sicht hat sich diese Industrie extrem verändert. Und zwar von einer exzessiven Verschwendung hin zu etwas völlig Anderem. Im Zuge unseres dritten Albums gab man zum Beispiel fast 60.000 Pfund für einen einzelnen Remix aus. Der wurde dann nicht einmal verwendet. Verrückt, oder? Heute sind wir nicht mehr bei einem Majorlabel, sondern machen alles selbst. Wir haben einen Laptop und können nahezu überall produktiv sein. Das ist wunderbar. Früher brauchten wir hingegen unendlich viel Zeug. Mir gefällt die Tatsache, dass wir jetzt an einem einzigen Tag an drei verschiedenen Songs arbeiten können. Manchmal fehlt mir zwar das größere Budget, aber meistens freue ich mich dann doch, dass alles überschaubar bleibt und das Geld nicht zum Fenster rausgeschmissen wird.“

Lou: „Ja, aber das große Budget hat schon etwas Widerwertiges an sich. Für mich ist daran noch immer ein bitterer Nachgeschmack gebunden. Geld war so nebensächlich. Klar, könnten wir heute davon profitieren, aber irgendwie ist doch alles etwas integrer geworden mit dem, wie wir es jetzt tun. Es wurde so unendlich viel Geld in Dinge gepumpt, die unnütz waren.“

Würdet ihr denn jungen Menschen immer noch empfehlen, eine Karriere als Musiker zu starten?

Andy: „Schwierig. Auch heute kann man noch von der Musik leben. Manchmal unterrichte ich an der Universität und würde generell sagen, dass es auf eine gewisse Vielseitigkeit ankommt. Ich bin nicht nur bei Lamb, sondern arbeite eben auch als Produzent, gebe Vorlesungen oder kollaboriere mit Filmemachern. Sich auf eine einzige Sache allein zu fokussieren und damit Erfolg zu haben, ist aus meiner Sicht jedoch wirklich schwierig.“

Lou: „Früher war es vielleicht mal einfach.“

Andy: „Aber es war nicht einfach. Das war hart.“

Lou: „Nun für uns war es schon leicht. Mein Sohn ist 16. Er macht selbst Musik und geht völlig darin auf. Ich kann ihn gar nicht stoppen. Natürlich würde ich mich freuen, wenn er daraus etwas machen kann, aber wie Andy schon sagte…“

Andy: „Also wenn ich ihn oder meine Studenten sehe, dann komme ich zu dem Ergebnis, dass wenn du zu 100 Prozent dahinterstehst, dann kann es eventuell für dich funktionieren. Wenn dem allerdings nicht so ist, vergiss es. Man muss auch bereit sein, sehr viel Zeit zu opfern.“

Bevor wir uns eurem neuen Album „Backspace Unwind“ widmen, würde ich gern noch über einen ganz speziellen Track und dessen Geschichte sprechen. Viele Menschen glauben, „Gabriel“ sei ein Liebeslied. Ist das so?

Lou: „Über ‚Gabriel‘ kann ich einiges erzählen. Als das Lied entstand, war es tatsächlich ein Liebeslied. Aber eher auf einer metaphysischen Ebene. Es ging nicht um eine bestimmte Person, sondern vielmehr um die Essenz des Menschen. Mein ganzes Leben lang, beziehungsweise seit ich ein Teenager war, sehnte ich mich nach dem Einen. Bei ‚Gabriel‘ setzte ich mich dann damit auseinander, diesen Einen gefunden zu haben, obwohl das bis dahin gar nicht geschehen war. Also ja, es ist ein Liebeslied. Witzigerweise traf ich meinen jetzigen Partner vor drei Jahren und er heißt tatsächlich Gabriel. Er ist der Eine. Und dass, wo ich schon aufgegeben hatte, nach ihm zu suchen. Lustig. Es dauerte eine Weile, aber hier schließt sich der Kreis.“

Zwischen 2004 und 2010 habt ihr beiden euch entschieden, Lamb eine Pause zu gönnen. Inwiefern konnte euer Duo davon profitieren?

Lou: „In jedweder Hinsicht.“

Andy: „Für mich hatte das wie gesagt mit Lamb begonnen, als ich 18 war. Bis ins Alter von 28 war ich quasi nur in der ‚Lamb-Welt‘ unterwegs. Wir tourten sehr viel und ich hatte kaum Zeit für andere Dinge. Lamb kam dann an diesen Punkt, wo es eine Pause brauchte, und ich fing an, mein Soloalbum zu schreiben, andere Künstler zu produzieren und, auch wenn das etwas abgedroschen klingen mag, fand zu mir selbst.“

Lou: „Wir brauchten diese Pause wirklich.“

Nach zehn Jahren bei einem großen Majorlabel fühlte sich das Musikmachen irgendwann wie ein Job an.

„Als wir an unserem vierten Album arbeiteten und es dafür ins Studio ging, hatten wir manchmal sogar das Gefühl, nicht mehr im selben Raum sein zu wollen. Unsere Beziehung fing an zu bröckeln. Jeder lebte sein eigenes Leben. Auch aus kreativer Sicht.“

Andy: „Das Spannende ist, dass wir ja nie wirklich Freunde gewesen waren. Natürlich mochten wir uns, aber eher wie Geschwister. Wir sind zum Beispiel nie zusammen weggegangen.“

Das habt ihr nie getan?

Lou: „Nein. Klar, es gab da so eine ‚Honeymoon‘-Periode am Anfang. (lacht) Damals sagte man sich oft, wie großartig man den jeweils anderen findet. Doch irgendwann stellst du fest, dass es auch gravierende Unterschiede gibt. Obwohl wir nie eine romantische Affäre hatten, konnte man da irgendwann Parallelen ziehen. Und um uns schließlich nicht völlig zu verlieren, musste eine Trennung her. Zudem war ich selbst irgendwann wirklich verzweifelt und konnte der ganzen Technologie nichts mehr abgewinnen. Also machte ich akustische Musik. Ganz allein, nur ich und die Gitarre. Da ich so frustriert gewesen bin, versuchte ich dann später auch akustische Elemente in das einfließen zu lassen, wofür Lamb stand. 2009, als wir für ein paar Shows erneut zusammenfanden und dann auch über die Fortführung unseres Projekts sprachen, wurde uns klar, dass Lamb eine sehr reduzierte Version unserer selbst darstellte. Wie Ying und Yang. Mit Andys elektronischen Spielereien und meinem Songwriting.“

Kommen wir zur letzten Frage. Was könnt ihr zu „Backspace Unwind“ berichten?

Andy: „Ein schmutziges Album. Schmutzig und sexy. Die Platte ist voller Energie und setzt vieles in Flammen, was vorher da war, um es dann neu zusammenzubauen. Nur auf effektivere Weise. (lacht) Alles scheint kondensiert und wir haben eine neue Klarheit gefunden.“

Lou: „Und es ist sehr weitläufig. Schon den Titel ‚Backspace Unwind‘ kann man ganz unterschiedlich interpretieren. Für mich ist allerdings der Weltraum die wichtigste Referenz. Überall sind Anspielungen zu finden. Satelliten, Sterne und so weiter. Darüber hinaus geht es allerdings auch um den Rum innerhalb der Musik.“