Kultverdächtig: Lambert

In Musik by Martin

Genre:

Von Folk über Techno bis hin zu Klassik – unsere Rubrik „Kultverdächtig“ hat sich nicht nur einem einzigen Musikgenre verschrieben. Ganz im Gegenteil. Um interessante Nachwuchskünstler aufzuspüren, erweitern wir unser Erkundungsgebiet Stück für Stück, Artikel für Artikel, und versuchen auch bis in die entlegensten akustischen Winkel vorzudringen. Passend zu den kühleren Tagen führt uns die Suche heute in die minimalistische Tonwelt des Pianisten Lambert.

Schattenspiele

Lambert by Sebastian Weiß (3)Was bedeutet Musik für dich?

Musik hat die Möglichkeit, Emotionen beim Zuhörer auszulösen. Welche Emotionen das sind, hängt davon ab, welche Scheibe du auf den Teller wirfst. Von Euphorie bis Wut kann da alles dabei sein. Als Komponist hat man nur teilweise einen Einfluss darauf, ob und wenn ja welche Emotionen letztlich beim Hörer ausgelöst werden. Zum Glück, sonst wäre Musik wahrscheinlich langweilig, weil vorherseh- und berechenbar. Es bleibt immer ein Mysterium, das ist schön!

Seit Lambert, der maskierte Klavierspieler, 2014 mit seinem gleichnamigen Debüt „Lambert“ in das Bewusstsein der Independentbranche getreten ist, ranken sich zahlreiche Mythen um dessen Herkunft und Identität. Um es vorwegzunehmen, auch wir werden das Rätsel, wer genau sich hinter der aparten Stiermaske, die an eine traditionelle sardinische Karnevalsverkleidung angelehnt ist, nicht lösen. Aber wir werden versuchen, uns dem Werk des mysteriösen Künstlers und den dahinterstehenden Intentionen etwas zu nähern.

„Ich will, dass Lambert in einer Welt lebt, in dem es keinen Personenkult gibt und der Zuhörer dadurch Bilder entwickeln kann, die sich nicht von solchen Nebensächlichkeiten beeinflussen lassen.“

Wie kamst du auf die Idee, dich zu maskieren?

„Da ich die Maske aufhabe, sage ich natürlich gern was dazu. Ich hatte das Gefühl, dass diese Musik in Kombination mit einem menschlichen Gesicht einen Authentizitätszwang mit sich bringen würde. Ein Klischee, das mir schwer fiel zu erfüllen. Der vom Schicksal gebeutelte, romantisierende Künstler, der sein Innerstes auf 88 Tasten hörbar machen kann. Solche Menschen mag es geben, der Mann hinter der Maske ist jedoch keiner von ihnen. Lambert hingegen kann das alles sein. Und ich bin nicht in der zehrenden Situation, mich die ganze Zeit mit mir selbst beschäftigen zu müssen. Lambert darf Dinge tun, die ich mir nie verzeihen würde. Für mich ist die Maske ein Schutzraum, der mir dabei hilft nicht verrückt zu werden, was als Musiker schwer genug ist. Ich war darauf vorbereitet, dass Anonymität im Musikjournalismus nicht automatisch verstanden und respektiert werden würde. Sei es aus Paparazzineugier oder purem Unverständnis für Leute, die es nicht geil finden, andauernd mit ihrer eigenen Visage im öffentlichen Rahmen konfrontiert zu werden. Glaubt mir einfach. Lambert ist so viel schöner als ich! Zum Glück entwickelten sich im Netz und in Musikzeitschriften sehr schnell tolle Gerüchte über meine wahre Identität. Die Namensliste ist endlos. Ich bevorzuge jedoch einfach Lambert zu sein.“   

Alterslos, gesichtslos und sogar stimmenlos gleitet Lambert durch die Tiefen der Popkultur. Dabei wird er von zarten und doch energischen Kompositionen getragen, die er selbst am liebsten als Klaviermusik bezeichnet. Sozialisiert in einem Elternhaus, in dem vor allem Werke von Chopin und Beethoven zur angemessenen akustischen Hintergrunduntermalung zählten, fand Lambert irgendwann eine Kassette, auf der sich zwei Alben der Beatles befanden. Obwohl oder gerade weil dies eine echte Ausnahme im Geschmack seiner Eltern darstellte, weckten die Songs des britischen Quartetts ein unbändiges Interesse in dem Jungen. Voller Elan fragte er seine Klavierlehrerin, ob sie ihm beibringen könne, diese Stücke zu spielen. Heute bezeichnet Lambert dies als den Grundstein für seine Reworks.

Sie schrieb für meine kleinen Hände einfache Pianoarrangements von ‚Panny Lane‘, ‚Yesterday‘ und später sogar ‚She’s Leaving Home‘. Ich fragte sie, ob ich Dinge, die mir an den Stücken nicht so gut gefielen, auch weglassen oder zumindest anders spielen könnte.

Was reizt dich daran, die Werke anderer Musiker neu zu interpretieren?

„In der Mittelstufe konnten ein paar Leute ‚Nothing Else Matters‘ von Metallica spielen, das hat ihnen meistens gereicht. Mir nicht. Zu der Zeit habe ich es kaum ausgehalten, Musik zu hören, ohne ein Instrument in der Hand zu haben und zu versuchen beispielsweise das Geheimnis hinter Oasis, Nirvana, Tocotronic, den Red Hot Chili Peppers und so weiter zu lüften. Da ich ein romantischer Spätzünder gewesen bin, hab ich mich halt damit befasst.“

So macht sich nun also ausgerechnet der Mann, der selbst von zahlreichen Unklarheiten umgeben ist, daran, Licht in jenes Dunkel zu bringen, in dem sich seine Kollegen zu verstecken versuchen. Umso leichter dürfte ihm im Zuge dessen die Bearbeitung der Aufgabe gefallen sein, die zu jedem „Kultverdächtig“-Feature gehört. Nämlich einen Coversong für unsere Playlist einzuspielen. Und tatsächlich hatten wir schon wenige Tage, nachdem wir mit Lambert in Kontakt getreten waren, seine Rework zu Phil Collins „Another Day In Paradise“ im virtuellen Posteingang.

„Ich habe in meiner Kindheit oft zum Einschlafen Radio gehört. Ich wartete immer darauf, dass dieser Song gespielt wurde, damit er mich in den Schlaf wiegte. Manchmal musste ich lange warten und manchmal ging es schnell. Es war so eine Art Einschlafneurose. Ich mag ihn nach wie vor. Das ist sozusagen mein ‚Guilty Pleasure‘.“

Was unterscheidet dein Rework vom Original?

„Ich hab das Stück frei aus meiner Erinnerung heraus interpretiert. Ich spiele es viel tiefer als im Original, damit es schön düster klingt, weil ich finde, dass die Produktion des Originals auch etwas sehr Düsteres hat. Ist ja auch ein düsteres Thema.“

Warum übt die Dunkelheit deiner Meinung nach so eine Faszination auf viele Menschen aus?

„Mir ist aufgefallen, dass die Stimmung, die abends und nachts vorherrscht, einen deutlichen Einfluss auf meine Performance hat. Ich habe das tatsächlich ausprobiert und einmal ein Stück, das ich nachts aufgenommen habe, am nächsten Tag erneut aufgenommen. Es war pianistisch nicht schlechter, aber es fehlte dieses besondere Verhältnis von Spannung und Ruhe.“

Lambert - Stay In The DarkPassenderweise betitelte Lambert sein zweites Album, das letzten Monat erschien, mit dem Schriftzug „Stay In The Dark“. Auch aufgrund der Tatsache, dass die Arbeiten an der LP hauptsächlich in den Stunden, nachdem die Sonne untergegangen war, stattgefunden hatten. In der Ruhe und Abgeschiedenheit der Finsternis – Lambert verzichtete dabei größtenteils sogar auf Lichtquellen – entspann der Pianist ein bizarres, auditives Schattenreich. Pur, wenig geschönt und teilweise sogar scheppernd arbeiten sich die Klavierhämmerchen in das Bewusstsein der Hörer vor und werden an manchen Stellen kaum merklich von elektronischen Einflüssen begleitet. Entgegen vieler Erwartungen ist „Stay In The Dark“ keine kühle, dunkle, sondern eine Wärme schenkende Platte geworden, die klassische Opulenz zugunsten eines progressiven Minimalismus opfert. „As Ballad“, „Noise“ oder das titelgebende „Stay In The Dark“ profitieren dabei von der glühenden Obsession ihres Schöpfers, während „Birds“ oder „The Sick System“ dessen immerwährende Neugier aufblitzen lassen.
Auch Lambert selbst vermochte an „Stay In The Dark“ zu wachsen.

Ich mag mein Debüt ‚Lambert‘ immer noch gern, allerdings hab ich mein neues Werk lieber. Für die erste Platte hatte ich gerade Mal drei Produktionstage Zeit. Ich hatte damals überhaupt kein Geld und habe mir das komplette Equipment geliehen und musste es dann zurückgeben. Der kurze Zeitraum, in dem die Aufnahmen entstanden sind, bildet einen eigenen Reiz, ich bin aber froh, dass ich mir bei meinem Nachfolger mehr Zeit nehmen, über alles nachdenken und andere Musiker mit einbinden konnte.

Was kann das Klavier, was andere Instrumente nicht können? Worin liegen seine Besonderheiten?

„Mit dem Klavier kann man alles alleine machen. Man kann eine ganze Band oder ein Orchester sein. ohne jemand anderen zu brauchen. Das geht nur mit diesem Instrument.“

Wie ist es für dich, bei deinen Kompositionen ganz ohne Worte auszukommen?

„Praktisch. Wenn ich jetzt auch noch texten müsste, was für ein Stress!“

Als stiller Aufrührer verpasst Lambert der Instrumentalmusik ein neues Gesicht – nun, vielleicht sollten wir hier von der wortwörtlichen Bedeutung dieses Ausdrucks einmal absehen. Irgendwo zwischen Jazz, Klassik und Pop markiert der reflektierte Maskenträger seinen ganz eigenen Weg, hinterlässt seinen auditiven Fußabdruck in den Weiten der Kunst und besinnt sich doch immer wieder auf das Wesentliche, nämlich Musik aus dem Moment heraus entstehen zu lassen.

Jazz fand ich eine Weile interessant, da mich der Aspekt der Improvisation gereizt hat, der nach wie vor Teil meiner Arbeit und meines Arbeitsprozesses ist. Den kurzen Weg zwischen Idee und Ergebnis finde ich sehr wichtig! Allerdings muss man dem Jazz ankreiden, dass er oft nicht verstanden werden will, ich möchte das allerdings schon.

Du hast neben deinen Alben auch Musik für Soundtracks, zum Beispiel für den Film „Hedi Schneider steckt fest“ komponiert. Worin liegt dabei die Herausforderung?

„Man muss Musik zu konkreten Bildern komponieren. Der Bildschnitt macht es einem manchmal ganz schön schwer, rationale musikalische Entscheidungen zu treffen. Man muss quasi eine neue Trickkiste aufmachen. Bei „Hedi Schneider steckt fest“ hat das großen Spass gemacht, weil der Film einfach unglaublich gut ist. Wenn man Szenen bis zu tausend Mal sehen muss und trotzdem immer wieder von dem Humor, den Schauspielern und der optischen Kunst, die dort drinnen steckt, beeindruckt ist, dann ist das ein großes Glück und trägt dazu bei, dass die Musik einem am Ende auch selbst gefällt.“

Gespannt erwarten wir, womit uns Lambert in Zukunft noch in den Bann ziehen wird. Fest steht auf jeden Fall, dass er es locker mit Kollegen wie Nils Frahm, Dustin O’Halloran oder Max Richter aufnehmen kann.

Gewinnspiel

Um abschließend Lamberts „Stay In The Dark“ auf CD zu gewinnen, schickt einfach eine Mail mit dem Betreff „Lambert“ an martin@kultmucke.de. Einsendeschluss ist der kommende Freitag, der 06.11.2015. Die Teilnahme ist nur aus Deutschland möglich und der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Viel Erfolg!

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