Kultverdächtig: Memoriez

In Kultverdächtig, Musik by Gastautor

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Wir gehen erneut auf die Jagd. Und zwar suchen wir nach seltenen, noch unentdeckten Klängen im wuchernden musikalischen Dschungeldickicht. Dabei geht es mit einem großen Satz vorbei an den laut nach Aufmerksamkeit schreienden Brüllaffen der Branche und wir passieren unbeeindruckt die geschickt in Szene gesetzten akustischen Venusfliegenfallen, welche ihre Hörer erst mit einem verführerischen Duft anlocken, um sie dann im immer gleichen Song-Sud gären zu lassen. Schließlich gelangen wir auf eine verborgene Lichtung, wo die Objekte unserer Begierde schon auf uns warten. Independentkünstler fern des Mainstreams, die allein durch ihr Können und ohne die Unterstützung einer riesigen Marketingherde überzeugen. „Kultverdächtig“ wirft den Köder aus. Heute im Visier: Herrenkapelle Memoriez.

Zwischen Erinnerung und Voraussicht

IL1C9114_finalWas bedeutet Musik für euch?

Sie ist für uns eine Form der Auseinandersetzung mit der eigenen Befindlichkeit und unserer Umwelt. Musik ist unser Ausdrucksmittel.

Hamburg, 2013. Vier junge Herren machen sich auf, nach der Metropole an der Elbe, nun auch den Rest der Republik mit ihrer Musik zu erobern. Im Gepäck haben sie ihr Debüt-Album „Huntin‘ A Hurricane“ und das klingt erfrischend anders. Innovativer, durchdachter und ehrlicher als das, was viele Newcomerbands dieser Tage produzieren. Memoriez versuchen erst gar nicht auf den überfüllten Indietronica-Zug aufzuspringen, der aktuell Scharen von aufstrebenden Nachwuchsstars ins musikalische Nirvana befördert, sondern wandeln lieber genüsslich entlang einer Promenade aus funkigen Rocksounds.
Die Gründung der Band geht auf einen Impuls des Songschreibers und Sängers Joachim Zunke zurück. Dieser hatte im Laufe seines jungen Lebens bereits etliche Songskizzen angehäuft, die nur darauf warteten einmal ordentlich instrumentiert in die Welt entlassen zu werden. Also fragte Zunke seine Bekanntschaften Sönke Holst, Stefan Meßfeldt und Marvin Thode, ob sie Lust hätten, seine Entwürfe einmal live mit ihm auszuprobieren. Die Herren willigten ein, schnappten sich ihre Instrumente und so kam es 2011 zu einem Treffen, bei dem der Funke nicht nur sprichwörtlich übersprang. Seither ist das Quartett unzertrennlich und präsentiert mit seinem Debüt erstmalig ein Gemeinschaftswerk, das gepresst auf CD und Vinyl nun auch physisch ein Zuhause gefunden hat.

Wenn man einen Track wie das famose „Angered Eyes“ auf sich wirken lässt, sodass die Gedanken dabei tänzelnd durch die Fantasie gleiten, dann kommt man irgendwann an den Punkt, an dem man kaum noch glauben kann, dass es sich hier wirklich um eine Band handelt, die seit gerade einmal zwei Jahren gemeinsam musiziert. Zu professionell und abgeklärt wirkt das, was uns da entgegen schallt. Memoriez klingen, als wären sie den musikalischen Kinderschuhen schon seit langer Zeit entwachsen. Ausgereifte Melodien, intelligente Lyrics und ein Sound von internationalem Format. Die Herren brauchen sich wahrlich nicht verstecken, wenn es darum geht, Vergleiche zu Größen der Branche über sich ergehen zu lassen.

Was ist euer Erfolgsrezept?

„Zum einen sind es sicherlich die musikalischen Erfahrungen, die jeder Einzelne mit in die Band bringt. Wir machen alle schon seit unserer Jugend Musik. Auf der anderen Seite teilen wir eine gemeinsame Vision, der wir nachgehen. Dabei bleiben wir erfinderisch und halten uns weitestgehend von Reproduktionen fern.“

Mit der unschätzbaren Sicherheit, dass alle an einem Strang ziehen und einem gemeinsamen Zukunftstraum nachgehen wollen, zogen Memoriez ins Studio und nahmen 11 Tracks auf, an denen sie zuvor über ein Dreivierteljahr gearbeitet und gepfeilt hatten. Stets ließen sie sich dabei von ihren Erinnerungen und der Auseinandersetzung mit diesen leiten. Suchten in ihrem Gedächtnis nach interessanten Themen und Geschichten, die sie anschließend geschickt in ihre Stücke einbauten und mit einem Klang unterlegten, der aufregend und packend zugleich ist.

Memoriez Huntin A HurricaneWorum geht es thematisch auf „Huntin‘ A Hurricane“?

„Es geht um dieses moderne, diffuse Lebensgefühl. Alle Menschen jagen etwas nach, ohne zu wissen, wohin die Reise gehen soll. Fast panisch, zwischen den noch erhaschten Erinnerungen und der Depersonalisierung, gleitet die Menschheit von ihrem Ursprung ab. Sinnbildlich dafür steht der Hurricane, der bekanntlich für uns Menschen nicht fassbar oder steuerbar, sondern nur lediglich passiv erlebbar ist.“

So reißen uns Memoriez auf ihrem Debüt mit. Lösen die Fesseln der Gravitation und verhelfen zur mentalen Schwerelosigkeit. Mit einem Gemisch aus rockigen Texturen, funkigen Arrangements und ab und zu auch der einen oder anderen Synthie-Line.

Weshalb habt ihr euch für den Titel „Huntin‘ A Hurricane“ entschieden?

„Wir haben diesen Titel gewählt, da er unserer Meinung nach sinnbildlich sehr nah an dem liegt, was uns heutzutage umgibt. Menschen können vieles, aber eins können sie noch nicht, nämlich die Natur beherrschen. Wo werden wir sein, wenn die Natur sich ihren Freiraum zurückholt?“

Eine Frage, die in einer Gesellschaft wie der heutigen von essenzieller Bedeutung ist, die jedoch so lange keine allgemeingültige Antwort finden wird, bis nicht ein jeder begriffen hat, dass wir nachhaltig mit unseren Ressourcen umgehen müssen. Und dabei sind nicht nur Bodenschätze und Rohstoffe gemeint, sondern auch das immaterielle Gedankengut des Kollektivs. Umso schöner zu sehen und zu hören, dass es junge Musiker gibt, die auch über die Herzschmerzstories der ersten Liebe hinausschauen können und sich Themen annehmen, die eine umfassendere Botschaft beinhalten.

Nun wollen wir für einen Moment dem akustischen Gewitter folgen, das sich über den Hörer ergießt, sobald dieser den Play-Button seiner Anlage betätigt hat, sodass „Huntin‘ A Hurricane“ mit voller Wucht ertönen darf. Nachdem „Angered Eyes“ die Platte auf beschwingte, leicht bluesige Art und Weise eröffnet, folgt mit „Set My Body Free“ ein rotzigeres, fast punkiges Stück.

Es war der Song, der als Letzter entstand. Gleichzeitig halten wir ihn für einen guten Vorausblick auf das zweite Album.

Der Anschlusstrack „Keep You In My Mind“ knüpft nahtlos an die Dynamik seines Vorgängers an und bildet eine Brücke zum freigeistigen „Can’t Picture Feelings“, bevor „The Clown“ mit Jahrmarkt-Atmosphäre wiederum eine völlig andere Seite an Memoriez präsentiert. Verspielt, unverkopft und locker. „Huntin‘ A Hurricane“ weist eine große tonale Bandbreite auf und bewandert die unterschiedlichsten Winkel des Klangspektrums. Mal in Richtung desolater Melodien wie bei „Kill The Clocks“, um kurz darauf mit „The Road Not Taken“ oder „Vibes Last Train“ einen Hauch vergangener Zeiten und das Glücksgefühl vergessener Tage aufleben zu lassen. Irgendwo zwischen Swing und Sixties-Rock. Kalimbaartige Farben mischen sich in den Background von „No One Who Needs It Could Ever Change The World“, während „Y.P.M.F.T.T.G“ mit harten Schlagzeugbeats und kräftigen Gitarrenriffs um sich wütet.

„Der Song heißt „You Put My Face To The Ground“ und handelt von Unterdrückung und Ungleichheiten in der Welt. Wir glauben an eine Befreiung durch uns Menschen selbst, aber zu allererst gilt es, den Egoismus in sich zu kontrollieren. Hört auf, euch alles gefallen zu lassen und beweist Courage.“

„Perished In The Sun“ verschreibt sich artifiziellen Synthies und lässt damit ein Album ausklingen, welches einem noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Welchem Genre würdet ihr euch selbst denn zuordnen?

„Fucked-Up Soul.“

memoriez_photo_IIUm sich vollends verwirklichen zu können und nicht die Flügel gestützt zu bekommen, noch bevor man überhaupt zum Jungfernflug angesetzt hat, bedarf es eines Labels, dass aufkeimenden Ideen genügend Platz einräumt und unterstützend zur Seite steht, ohne dabei die nötige Kreativität abzuwürgen. Memoriez fanden im Berliner Label Trickser genau den Beistand, den sie gesucht hatten.

„Trickser hatte sich grade gegründet, um im Alleingang das Debüt-Album ihrer Hausband Yesterday Shop zu veröffentlichen. Sie waren, wie auch wir, eine Band mit Platte, aber ohne Label. Unser gemeinsamer, großartiger, 23-jähriger Produzent Kristian Kühl zeigte ihnen die Memoriez-Aufnahmen. Sie boten uns eine Zusammenarbeit an. Es fühlt sich sehr gut an und vor allem familiär. Da herrscht ein toller Pioniersgeist und wir vertrauen uns.“

Im Mai wird Trickser eine Labelnacht im Berliner Club „://about blank“ ausrichten, bei der auch die Herren von Memoriez anwesend sein werden, um mit ihren Live-Künsten zu überzeugen. Es lohnt sich in jedem Fall, dort vorbeizuschauen.

Was mögt ihr an der Live Performance?

„Die Spannungen. Es ist viel reizvoller, direkt vor Publikum auf einer Bühne zu spielen. Was gibt es Schöneres, als ein tolles Publikum, mit dem wir gemeinsam einen Abend zelebrieren?“

Inwiefern unterscheidet sich denn aus eurer Sicht ein Abend auf der Bühne zu der Arbeit im Proberaum oder Studio?

„Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Im Proberaum leben wir in einem ganz eigenen Universum mit den Songs, es steckt viel Konzentration und Arbeit dahinter. Live ist es eher wie in den Urlaub fahren und wir bekommen manchmal dann erst mit, was für eine Auswirkung die Songs haben können, eine kleine Wissenschaft für sich.“

Zum Abschluss haben wir noch etwas ganz besonders. Wie bei jedem „Kultverdächtig“, baten wir auch Memoriez zur Exklusivaufnahme ans Mikrofon. Sänger Jojo interpretierte in diesem Zusammenhang The Velvet Undergrounds „I’ll Be You Mirror“. Rau, markant, atemberaubend.

Wieso hast du dich für diesen Song entschieden?

Eine Herzensangelegenheit.

Kultverdächtig

An Memoriez einen Narren zu fressen, geht schneller als man es sich vorstellen kann. Sobald die unkonventionellen, innovativen Melodien des Hamburger Quartetts einmal das Gehör geentert haben, wird man sie nur schwer wieder los. Es ist geradezu vorprogrammiert, dass man sich dabei ertappt, wie man dem Ruf des Ohrwurms folgt und fröhlich die Songs von Memoriez vor sich hinpfeift. Man braucht keine Kristallkugel, um hier vom Beginn einer großen Karriere zu sprechen.

Verlosung

Auch im Rahmen dieses „Kultverdächtig“ gibt es wieder etwas zu gewinnen. Und zwar verlosen wir zweimal das Debüt „Huntin‘ A Hurricane“ von Memoriez. Wer dieses nun gern zu sich nach Hause holen möchte, der sollte bis spätestens kommenden Montag, den 15.04.2013, eine Mail mit dem Betreff „Memoriez“ an martin@kultmucke.de schicken. Unter allen Einsendungen werden zufällig zwei Gewinner ermittelt.

Interessante Links

„Huntin‘ A Hurricane“ bei iTunes kaufen

Tickets für die Trickser Labelnacht im :// about blank

Offizielle Website von Memoriez

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