Otto Normal – kein 08/15

In Interview, Musik by Vera

Genre:

Otto Normal klingt nach Durchschnitt im Sinne einer Gauß’schen Normalverteilung, klingt nach 08/15, nach Langeweile, Grauzone, Mittelwert, Standard oder Chartmusik von der Stange, von der Masse akzeptiert und doch nicht originell. Die Band Otto Normal (hat sich ihren Namen selbst ausgedacht) aus Freiburg entspricht derartiger Zustandsbeschreibungen insofern, als dass wir (die Masse) sie wahrscheinlich zunächst als ziemlich normale Menschen wahrnehmen. Doch hinter dem normalen Menschsein, dem Nachgehen alltäglicher normaler Sachen und gewöhnlichen, fast schon normalen, Problemen, erblicken sechs sympathische junge Männer mit „Visor-Caps“, die an missglückte modische Akzente der 90er Jahre erinnern, das Grau der Zeit und legen ein neues, eigentlich alles andere aber nicht normales, dafür umso kreativeres, musikalisches Statement ab – Durchschnittsmusik auf ganz hohem Niveau eben. Ihre Durchschnittskost: Nicht ganz normaler HipHop mit poppigen Gewürzen, frischen Texten, garniert mit vielfältigen Klängen. Einer spielte sogar unter Reamonns Schnulzen – Regentschaft. Umso besser, dass dieser Eine sein musikalisches Repertoire nun anderweitig einsetzt.Im Namen der Ottos, wie sie sich gerne nennen und wie auch andere sie kennenlernen, wenn die Ottos wieder „zocken“ (Musik machen) und die Menge mitreißen.

Die Ottos, die demnächst ihr zweites Album „Das Neue Normal“ veröffentlichen, können auf bereits drei erfolgreiche Jahre zurückblicken. Neben zahlreichen Auftritten in ganz Deutschland und der Schweiz, wurden Otto Normal für die Berlin Music Video Awards 2013 nominiert. Den Berlin Music Award 2013 im Berliner Postbahnhof (Fritzclub) gewannen die Ottos genauso verdient wie den VIA Award 2013. Die Ottos sind aber nicht nur auf dem Instrument und mit der Stimme talentiert. Sie können auch „sozial“. Mit ihrer Bildungssparte „Musik macht Schule“ haben die Ottos auch ein pädagogisches, ganz im Zeichen der „Inklusion“ stehendes Projekt, welches nicht nur unnormal gut ankommt, sondern einen echten Mehrwert für ihre TeilnehmerInnen bedeutet: Texte & Songs schreiben mit TeilnehmerInnen, einstudieren, eine eigene Show auf die Beine stellen – davon profitieren auch Kinder und Jugendliche, die mithin als schwererziehbar gelten oder körperlich wie geistig behindert sind. Mit den Ottos gewinnen sie neues ungeahntes Selbstvertrauen. So beispielsweise im Sommer letzten Jahres, als FörderschülerInnen aus Esens nach einer erfolgreichen Workshopwoche, gemeinsam mit Otto Normal die Hauptbühne auf dem Friedensfestival-Ostfriesland 2013 rockten.

In Berlin bekam ich die Möglichkeit, während einer ihrer sozialen Projekte im Pastor Braune-Haus dabei zu sein. Im Anschluss konnte ich mehr über die Partyhelden und gleichzeitig gutmütig engagierten Freiburger erfahren. Der Sänger dieser Durchschnittscrew, Peter Stöcklin, nahm sich ungewöhnlich viel Zeit, um mir einige Fragen zu beantworten. Das Interview liegt bereits eine Weile zurück. Inzwischen ist viel passiert und die Ottos planen ihre neue Tour. Im Gepäck ihr neues Album „Das Neue Normal“, welches am 28.03.2014 erschien.

Woher kommt euer Bandname/Arbeitstitel Otto Normal eigentlich?

„Wir haben uns zunächst namenlos gegründet. Nach dem letzten Auftritt meiner alten Band im Oktober 2010. Patrick, unser Keyboarder, war damals auf dem letzten Konzert dabei und hatte die Vision, dass er etwas mit mir machen will und deshalb haben wir uns bald im Anschluss im Proberaum getroffen. Wir haben schnell gespürt, daß wir loslegen und etwas Neues schaffen wollen.Mit unserem Gitarristen habe ich zuvor in einer HipHop-Crew gespielt und Patrick hat alle anderen mitgebracht, die vorher ein Musikhochschul-Projekt hatten, bei dem sie Michael Jackson-Songs verjazzten.
Auf dem Pausenhof heutzutage ist die Beleidigung schlechthin ‚Hey du Otto!‘, das hat unser damals 16jähriger Schlagzeuger Toni mitbekommen. Dann meinte er bei einer Probe mal: ‚Hey Du Otto!‘ und jemand anderes meinte so ‚Hey normal!‘. Irgendwie hat das dann gepasst. Und dann kam die Idee ‚Otto Normal!‘. Was als Scherz anfing, wurde zum Arbeitstitel. Irgendwann dachten wir das passt zu uns, auch aufgrund unserer Vielfältigkeit. Wir versuchen uns ein gewisses Image aufzubauen. Wir machen einfach Durchschnittsmusik auf ganz hohem Niveau oder anders gesagt, das beste Mittelmaß der Welt.“

Was ist eure Hauptmessage? Ihr übt ja auch mit euren Texten eine gewisse Sozialkritik. Was ist insgesamt euer Statement?

„Eigentlich sind wir immer im Prozess der Findung, auch was unsere Mainmessage betrifft. So war die erste Platte ‚Wahnsinn‘, die wir 2012 ‚rausgehauen‘ hatten, eigentlich als Demotape gedacht. Wir hatten einfach Texte und Beats zusammengebracht. Dabei wurde uns bewusst, dass diese Songs wirklich cool sind. Deshalb hatten wir die Gelegenheit für den Longplayer genutzt. Somit konnten wir uns aber auch nicht direkt reflektieren. Jetzt haben wir unsere zweite Platte fertig. Die Frage was wir für Musik machen wollen und welche Inhalte wir ansprechen wollen, steht stets im Raum.
Viele sind der Meinung wir sind eine Partyband und wollen gute Laune verbreiten. Dass die Leute bei uns tanzen und Party machen, ist uns sehr wichtig. Interaktives Mitgestalten des Abends ist eines unserer Ziele. Wir wollen nun den Fokus auf mehr ‚Ernsthaftigkeit‘ legen, dies aber interessant verpacken. Ich schreibe die Texte, aber die Inhalte werden vorab im Konsens beschlossen. Man wird sehen wie im Endeffekt die Botschaft rüberkommt. Wir wollen mehr in die Tiefe gehen und treffendere Kritik üben.

 Bei eurem Song „dickes Kind“, lautet der Refrain „Burger Pommes, dickes, dickes Kind!“. Ist dies eine direkte Kritik? Was steckt da genau dahinter?

„Hier gibt es einen sehr schmalen Grad zwischen Ernsthaftigkeit und Spaß. Eigentlich werden hier die Eltern ziemlich kritisiert, die ihre Kinder vernachlässigen und dazu gehört auch die Ernährung. Sie haben nie Zeit für ihre Kinder und feiern beispielsweise den Geburtstag ihrer Kinder bei McDonalds. Als allererstes ist der Refrain entstanden und da ich Soziale Arbeit studiert habe, war ich zunächst im Zwiespalt und mir generell unsicher, ob man dies so machen kann. Live geht der Song jedoch wirklich gut ab! Das Publikum singt mit und ist dabei. Der Song ist jedenfalls nicht realitätsfern.“

Wo soll eure Reise in den nächsten Jahren hingehen?

„Ich mach schon seit zehn Jahren HipHop-Musik und mit den Ottos wurde alles etwas poppiger. Wir wollen gerne von diesem Projekt leben. Bei dem ganzen Wahnsinn, den wir betreiben, reicht das noch nicht. Kreativ stehen wir gefühlt erst am Anfang unserer Möglichkeiten. Wir lieben die vielen Gesichter der Band. Diese Varianten wollen wir reifen lassen und weiter ausprobieren. Seien es Freestyles, Street-Gigs mit Einkaufswagen, Clubs, Festivals, Workshops, akkustisch oder Voll-auf-die-Mütze… wir wollen noch in viele andere spannende Situationen geschubst werden.“

Wie würdet ihr eure musikalische Entwicklung bisher beschreiben?

„Wir haben in Freiburg ein echt cooles Studio und können dort frei musikalisch basteln und ausprobieren. Insgesamt werden wir etwas clubbiger. Viele wollen dass wir happy, bunt und knallig bleiben. Ich persönlich hätte es eher so ein bisschen schwarzweiß und etwas dunkler. Durch unsere Visor-Caps werden wir häufig als Freakshow gesehen und davon will ich etwas wegkommen.“

Jetzt kommen wir zu eurem zweiten Projekt „Musik macht Schule!“. Inwieweit ist das mit der ganzen Band verknüpft und woher kommt eure Motivation, solch ein Projekt durchzuführen?

„Ich habe Soziale Arbeit studiert und ich mache schon seit ca. 4 Jahren Workshops mit Schulen. Es geht darum Texte zu schreiben und Songs aufzunehmen, um diese dann anschließend zu präsentieren. Unsere Keyboarder haben beide Schulmusik studiert und dadurch kam die Idee Workshops dieser Art in einem Team zu realisieren. Wir schreiben Texte, Melodien, Refrains und kreieren immer eigene Songs. Es wird nicht nur auf vorgefertigte Beats gerappt. Wir bereiten die TeilnehmerInnen für eine große Präsentation vor. Das fördert und fordert sie zugleich. Das Gute ist, dass alle voll dabei sind, weil es um Ihre eigenen Themen und Ihre eigenen Worte und Ihre eigene Musik geht. Musikalisch sehen wir uns als Inspiration und als Medium für die TeilnehmerInnen.
Bei den Schulkonzerten legen wir Wert darauf, dass die Show sehr interaktiv ist und die Zuschauer voll integriert und gefordert werden. Ein weiterer positiver Aspekt ist, dass die Schülerinnen dadurch auf uns als Band aufmerksam werden.
Wir definieren uns als Gesamt-Projekt: Otto Normal als Band und ‚Musik macht Schule!‘. Wir nutzen die Synergien. Am liebsten kombinieren wir Konzerte mit Workshops. So kann man sich auch weit entfernte Auftritte leisten, weil die bezahlten Workshops uns die Fahrtkosten sichern. Die Varianten der Band sind riesig. Ab und zu produzieren wir sogar Musik für Werbefilme.“

 Wie ist das Feedback der TeilnehmerInnen nach einem Workshop und der darauf folgenden Präsentation?

„Es ist sehr vielfältig und immer etwas Besonderes. Man bekommt das Gefühl, man kann ihnen was geben und sie geben einem natürlich auch immer viel zurück. Beispielsweise gab es mal ein Projekt mit Jugendlichen mit Behinderung in Müllheim, in der Nähe von Freiburg. Dort haben wir eigentlich einen ‚Dis-Track‘ gegen die Behinderung geschrieben. Alle waren aber total zufrieden damit, weil es ihnen aus der Seele sprach. Ihnen geht es halt auf die Nerven, immer als Randgruppe gesehen zu werden. Ich dachte zunächst, dass das zu krass wäre. Aber sie konnten sich damit identifizieren. Deshalb fiel mir das nicht mehr schwer und ich konnte voll dahinter stehen. Jeder Workshop ist stets neu. Man stellt sich individuell auf die Kids ein und lernt die Persönlichkeiten kennen. Wir lernen mit ihnen zu arbeiten und sind zufrieden, wenn wir etwas bewegen können.“

Kannst du nochmal kurz aufführen, welche Ottos bei euch zu finden sind?

„Ja, na klar. Es gibt so einige Ottos. Und zwar den Otto di Demenico am Bass, den Otto Kalinowski an den Synthesizern, den Otto Lindström an der Gitarre, den Dr. Otto Genial am Piano und Gesang, den Otto Styla am Beat, den jungen König Otto an den Drums und Perkussions, den Soundchecker Otto Bronx, dann die Tante Otto am Kontrabass und mich, den Sänger und Rapper Otto Meier.“

Otto Normal eben. Was aus den geplanten kritischen Inhalten ihrer neuen Songs geworden ist, könnt ihr seit dem 28.03.2014 selbst beurteilen. Denn zufriedenen und selbstsicheren Blickes nennen sie ihr neues Album „Das Neue Normal“. Es enthält 15 Songs, die mit sehr viel Liebe, wie sie selbst betonen, aufgenommen und erstmals fremdgemischt und -gemastert wurden, in Berlin. Bereits veröffentlicht wurde der Song „Augen Zu“, samt Video. Das Video wurde in Porto, Portugal, gedreht, Comic-Effekte bringen ein Highlight in die hier dargestellte schwarz-weiße Alltagswelt. Zusätzlich haben die Ottos für „Augen Zu“ eine große Unplugged-Session gespielt, welche ebenfalls im Netz zu finden ist. Wer unnormal verwirrt sein möchte, der kann sich „Expertise“, vom neuen Album, ab Mai umsonst herunterladen. Hier werden so einige Kanäle geöffnet und Gedankenströme angeregt. In Berlin haben die Jungs bereits Fuß gefasst, so viel ist klar. Alle zwei Monate gibt es die „Ottos Freestyle Session“ in Berlin-Kreuzberg, in „Das Hotel Berlin“. Freestyler und andere Musiker sind gerne gesehen. Ihre Tour starteten die Ottos ebenfalls am 28.03.2014. Bis zum 26.04. sind sie einen Monat in sämtlichen deutschen Städten und in Basel zu sehen, unter anderem auch am 20.04.2014 im Privatclub in Berlin.