Kultverdächtig: Phia

In Kultverdächtig, Musik by Martin10 Comments

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In einem Sinfonieorchester hat jedes einzelne Instrument seinen festen Platz. Da gibt es beispielsweise die Streicher, die sich direkt vor dem Dirigenten versammeln und sich somit stets in dessen unmittelbarem Sichtfeld befinden. Vor allem die ersten Geigen versuchen dabei die Aufmerksamkeit des Kapellmeisters mit aller Wucht auf sich zu ziehen, was in etwa vergleichbar mit jenen Künstlern ist, die von der stetig wummernden Marketingmaschinerie eindrucksvoll ins Rampenlicht gerückt werden. Weiter hinten befinden sich die Hörner und Bläser, die sich mithilfe ihrer energischen Tonalität ins Gedächtnis der Hörer rufen, ähnlich jener Riege an Musikern, welche es versteht, mit gekonnten Aktionen zu schockieren und das Medieninteresse so für sich zu gewinnen. Unschlagbar in Sachen Präsenz zeigen sich jedoch die markanten Schlaginstrumente. „Kultverdächtig“ lässt das alles dennoch unbeeindruckt. Wir schauen in eine nahezu unbeleuchtete Ecke, in der eine Frau ein seltsam anmutendes Gerät bedient, und versuchen die dabei entstehenden, grazilen Melodien durch den allgemeinen Krach herauszufiltern. Die Rede ist hier von: Enthusiastin Phia.

Den Kinderschuhen entwachsen

IMG_1252Was bedeutet Musik für dich?

Musik ist für mich eine Ausdrucksform. Sie ist eine Art Sprache, um mit Leuten kommunizieren zu können.

Dem aufmerksamen Kultmucke-Leser dürfte die Australierin Sophia Exiner alias Phia keine Unbekannte mehr sein. Denn bereits im Mai feierte ihr Song „All The Things That I Wrote“, eine Kollaboration mit der finnischen Sängerin Saara Markanen alias LUAI, bei uns Premiere. Angetan von dem feinfühligen Songwriting der 26-Jährigen verfolgten wir neugierig ihren weiteren Werdegang und fassten schließlich den Entschluss, sie euch in einem ausführlichen „Kultverdächtig“-Feature angemessen vorstellen zu wollen. Doch vorerst zurück zu „All The Things That I Wrote“ als akustischen Einstieg in diesen Artikel.

Warum sollten Menschen diesem Stück ihr Ohr schenken?

„Nun, es ist tatsächlich ein Song, der in jenem Moment entstand, als Saara und ich für ein paar Stunden zusammensaßen. Das war sehr aufregend, denn ich hatte noch nie ein Stück auf diese Art und Weise geschrieben. Normalerweise brauche ich dafür enorm viel Zeit. Es beginnt meist mit einer Idee, einem Gefühl. Mit Saara zu arbeiten und sich auszutauschen, war enorm inspirierend und kreativ. Es in der Tat eine echte Kollaboration geworden, denn ich hätte den Track allein niemals so komponieren können.“

Dass es durchaus Vorteile haben kann, an ein Zeitlimit gebunden zu sein, war für Phia während der Zusammenarbeit mit LUAI eine neue Erfahrung. Allzu oft hatte sie sich in der Vergangenheit im eigenen Schaffungsprozess verloren, sodass Skizzen zu manch einem Stück zwar begonnen, jedoch nie wirklich vollendet und mit der nötigen Farbe gefüllt worden waren. Ein Problem, das nicht nur die sympathische Sängerin kennen dürfte. Darüber hinaus war es für Phia jedoch von noch viel größerer Bedeutung, zu erleben, wie Sichtweise und Gedankengut einer zweiten Person das eigene Potenzial unterstützen und in ungeahnte Richtungen vorantreiben können. Demnach ist es auch nicht wirklich verwunderlich, dass Phia vor kurzer Zeit erneut in die Arme eines bereits wartenden Musikers lief, um mit diesem einen Track zu erschaffen, der die Vereinigung zweier schöpferischer Geister zelebriert und für uns hörbar werden lässt. Edward Francis, ein junges, aufstrebendes Talent, war es schließlich, der in Phia die perfekte Duettpartnerin finden sollte.

Bevor wir uns nun aber ausgiebig dem Ende unserer heutigen Geschichte widmen, wollen wir vorerst zu den musikalischen Wurzeln von Phia zurückkehren. Dafür betätigen wir die Zeitmaschine und reisen in das Melbourne der 90er Jahre.

Wie hat das mit dir und der Musik angefangen?

„Ich glaube, da gab es schon immer eine Verbindung. Meine Eltern sind sehr musikalisch, so wie generell auch der Haushalt, in dem ich aufwuchs. Dann hatte ich schon früh Klavierunterricht und sang gerne zu Stücken, die meine Mutter mir vorspielte. Alles, was ich in dieser Hinsicht tun konnte, tat ich auch, denn es machte mir wirklich Spaß. Ein sehr gesunder Beginn, wie ich finde. Da war nie eine Pflicht oder ein Druck dahinter, sondern es fügte sich alles ganz natürlich in meine Kindheit ein.“

Phia portrait (bikes)Aus den ersten leichtfüßigen und unbeschwerten musikalischen Gehversuchen wurden mit der Zeit zunehmend ernsthaftere Wanderungen durch die Welt aus Ton und Klang. Dabei entdeckte Phia im Alter von 12 Jahren ihre Liebe zum Musical, an die sich langsam und anfangs kaum merklich der Wunsch haftete, einmal selbst auf der Bühne stehen zu wollen. Anschließende Tanz- und Gesangsstunden waren für die junge Teenagerin dann eher eine Art logische Konsequenz, dem eigenen Traum näherzukommen, als eine reine Freizeitbeschäftigung. Den ernsthaften Entschluss, sich auch beruflich voll und ganz der Musik zu verschreiben, kam dann schließlich mit der Wahl ihres Studienfaches auf. Phia entschied sich in diesem Zusammenhang für eine klassische Jazz-Piano-Ausbildung, die bis heute ihren Alltag maßgeblich beeinflusst. So arbeitet die mittlerweile in Berlin beheimatete Künstlerin neben ihrer Gesangskarriere auch als Musiklehrerin und leitet den sogenannten The Dienstag Choir, der mit einzigartigen Auftritten vielerorts sein Publikum zu begeistern weiß.

Was inspiriert dich?

Ich mag es, Menschen zu treffen, die einfach das tun, worauf sie Lust haben und die Entscheidungen aufgrund ihrer Gefühle treffen. Leute, die Dinge tun, welche einen gewissen Mut erfordern.

CoverIm Mai 2011 veröffentlichte Phia mit „Garden Of Youth“ ihre erste EP, die sich ganz dem Titel entsprechend, von einer recht mädchenhaften und arglosen Seite präsentiert. Die darauf befindlichen fünf Songs wie „Jennifer“ oder „Indecision“ sind eingängige und sehr hochwertig produzierte Popnummern, die den Vergleich zu Werken von Lisa Mitchell oder Sarah Blasko definitiv nicht zu scheuen brauchen. Wie im wahren Leben braucht eben auch eine Karriere in der Musikbranche Zeit, um zu wachsen. Umso schöner ist es, dass „Garden Of Youth“ tatsächlich den unschuldigen Charakter einer noch heranwachsenden Sophia Exiner einfangen konnte. Ungefiltert, wahrhaftig und authentisch.

Wie stehst du heute zu „Garden Of Youth“?

„Ich bin wirklich stolz darauf. Es war damals eine große Sache für mich, die eigenen Songs aufzunehmen. Auch wenn es nicht unbedingt viel mit dem zu tun hat, was ich heute mache, schon allein aus dem Grund, weil ich damals eine Band hatte, war das ein wichtiger Schritt für mich. Eine gute Lehrerfahrung. Wenn man die EP als eine Art Momentaufnahme von damals versteht, ist es wirklich eine schöne kleine Platte geworden. Die Texte klingen noch so jung.“

Trotz all des infantilen Beigeschmacks konnte sich einer der Tracks der „Garden Of Youth“-EP auch auf die zweite, wesentlich reifere Veröffentlichung „Live In Berlin“ retten. „Chemistry“ sollte dabei exemplarisch jenen Wandel durchleben, der gleichsam die Entwicklung der jungen Songwriterin Phia hin zu einer erwachsenen Frau kennzeichnet. Noch während sie mit ihrer Debüt-EP durch die Lande tourte, begegnete Phia einem Instrument, dessen markanten Eigenschaften sie augenblicklich und mit jeder Faser ihres Körpers vollends verfiel. Die Kalimba. Ursprünglich war diese nur als kleine Raffinesse innerhalb der Live-Performance eines ihrer Stücke eingebaut worden, doch schnell sah Phia wesentlich mehr Potenzial in dem sogenannten Lamellofon, das eigentlich in der traditionellen afrikanischen Musik beheimatet ist. Kurzerhand entstanden erste Songs, die sich einzig und allein auf den Klang der Kalimba stützten und auf diesem aufbauten. PHIA LIVE IN BERLIN EP coverDer Kauf eines Loop-Pedals sollte schließlich die fernere Zukunft für Phia besiegeln. Heute ist sie das Mädchen mit der Kalimba, welches in der Lage ist, aus einem einzigen Ton ein ganzes Sounduniversum erwachsen zu lassen. Und das vor allem während ihrer Auftritte. Wenn sie die Bühne allein mit dem kleinen hölzernen Kasten in ihren Händen betritt, kann man sich kaum vorstellen, zu welchen akustischen Höhen einen Phia in den kommenden Minuten zu führen vermag. Doch sobald sie beginnt in das Mikrofon zu beatboxen oder die kleinen metallischen Stäbe der Kalimba zu zupfen, wird das Ausmaß dessen, was einen erwartet, zunehmend deutlicher. Einen dieser magischen Abende, bei denen die Zuhörer mit staunenden, großen Augen und vor sich hinstampfenden Füßen begeistert in Richtung der Bühne blicken, hat Phia mit der „Live In Berlin“-EP im April 2012 eingefangen.

„Man hatte mich gerade für eine Tour durch Polen gebucht, als ich die letzten physischen Exemplare der „Garden Of Youth“-EP verkauft hatte. Ich entschied, sie nicht noch einmal pressen zu lassen, denn ich dachte, dass die Scheibe zwar gut sei, aber wenn die Leute mich zuvor auf der Bühne gesehen haben, sollte dies nicht das sein, was sie im Anschluss mit nach Hause nehmen können. Da ich noch nicht bereit war, eine richtige Platte zu produzieren, brachte mich mein Freund Josh auf die Idee, stattdessen eine Live-CD aufzunehmen.“

Der Wechsel von einem multiinstrumentellen zu einem reduzierteren akustischen Verständnis kennzeichnet den wohl markantesten Wendepunkt in Phias bisheriger Karriere. Zur gleichen Zeit fand jedoch auch auf persönlicher Ebene eine Umorientierung statt, die die Australierin dazu veranlasste, ihr geliebtes Melbourne zu verlassen und in Berlin ein neues Zuhause zu finden.

Berlin ist ein wenig wie ein unbeschriebenes Blatt. Da es nicht so teuer ist, wie andere Städte, kommst du dazu, auch einmal durchzuatmen und darüber nachzudenken, was du wirklich tun möchtest. Am liebsten würde ich die Hälfte des Jahres in Berlin und die andere in Australien verbringen, wenn ich mir das leisten könnte. Dann wäre ich in der Lage, im Sommer Festivals in Europa zu spielen und anschließend wieder nach zurückzugehen.

Wir hingegen sind jedoch ganz froh, dass sich Phia aktuell in unserer geschätzten Bundeshauptstadt aufhält. Denn somit konnten wir sie, wie alle Künstler vor ihr, darum bitten, exklusiv einen Song für unsere „Kultverdächtig“-Playlist zu covern. Da es in ihr stets ein Gefühl von Freude wachzurufen vermag und sie es als junges Mädchen rauf und runter hörte, wählte Phia Mariah Carey’s „Always Be My Baby“ als Grundlage ihrer Neuinterpretation. Verbunden mit der Hoffnung, dass bei ihrer Version vielleicht jemand ein ähnliches Kribbeln im Magen verspürt, wie sie es bei dem Original so oft erleben durfte.

Kultverdächtig

Phia hat es geschafft, ihren eigenen, sehr persönlichen Kurs entlang der holprigen Pfade der Musikbranche zu finden. Unbefangen stöckelte sie einst los, bis ihr schließlich die Füße schmerzten, in den zu klein gewordenen, glitzernden Pop-Schühchen. Mit der Entscheidung, diese irgendwann am Wegesrand stehen zu lassen und barfuß in eine ungewisse Zukunft zu laufen, eröffneten sich für die Exilaustralierin zahlreiche Perspektiven, welche am Ende in einer einzigartig erfrischenden Karriere mündeten. Das nennen wir definitiv kultverdächtig.

Verlosung

Wie immer möchten wir euch auch dieses Mal die Chance geben, einen ganz besonderen Gewinn zu ergattern. Und zwar verlosen wir passend zum heutigen Feature, zwei Pakete bestehend aus Download-Codes für die ersten beiden EPs („Garden Of Youth“ und „Live In Berlin“) von Phia. Wer seine Glück versuchen will, der schickt eine Mail mit dem Betreff „Phia“ an martin@kultmucke.de.

Interessante Links

„Garden Of Youth“ via Bandcamp kaufen

„Live In Berlin“ via Bandcamp kaufen

Offizielle Website

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