Kultverdächtig: Phoebe Killdeer

In Kultverdächtig, Musik by Gastautor

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Vorhang auf, Spot an! Es beginnt eine Vorstellung der besonderen Art in unserem akustischen Zirkuszelt. Und zwar erwartet die Zuschauer eine Show, mit der sie vermutlich nicht gerechnet haben. Wir halten keine grölenden Tiger in Käfigen, lassen weder Clowns noch Artisten über die Bühne fegen und selbst die vielerorts beliebten Pferde galoppieren nicht durch unsere Manege. Das überlassen wir getrost den anderen Schaustellern. Nein, bei uns gibt es das Besondere, das noch Unentdeckte zu bestaunen. Ein Kabinett voll Zauber und Magie fern des herkömmlichen Geschmacks. Auch dieses Mal zieht „Kultverdächtig“, die Rubrik für musikalische Talente abseits des Mainstreams, etwas aus dem Hut, das zu begeistern weiß. Die Rede ist von: Melodienjongleurin Phoebe Killdeer.

Rastlose Zigeunerin

Phoebe KilldeerWas bedeutet Musik für dich?

Musik scheint mein Weg zu sein, um mich mitzuteilen. Mein Kommunikationsmittel.

Phoebe Killdeer ist ein wahres Unikat. Die charismatische Sängerin vereint Witz, Intelligenz, aber auch eine gehörige Portion Verrücktheit in ihrer Person. Gut ausgewogen ergibt diese Mischung eine einzigartige Künstlerin, die im Laufe ihrer bisherigen Karriere viel erlebt hat und gern mit witzigen Anekdoten zu überraschen weiß. So auch in einem Gespräch, bei dem sie uns ihr Verständnis von Musik und dem Künstlerdasein verdeutlichte, von ihrer Zeit bei einer der bekanntesten Coverbands der Welt erzählte und damit beeindruckte, dass sie auch nach all den Erfolgen der letzten Jahre, vollkommen geerdet zu sein scheint. Natürlich griff auch Mademoiselle Killdeer im Rahmen dieses „Kultverdächtig“-Beitrags zum Mikrofon, um ein exklusives Cover für Kultmucke einzuspielen. Mit diesem wollen wir die Geschichte über eine rastlose Zigeunerin eröffnen. Entschieden hat sich Phoebe Killdeer übrigens für „The Lost Art Of Conversation“, einen Song von Laurie Anderson, der Ehefrau Lou Reeds.

„Die Lyrics sind fantastisch! Auf den Punkt und sehr aussagekräftig. Ich mag den Kontrast zwischen ihrer sanften Stimme und der starken inhaltlichen Botschaft.“

Was hast dich dazu gebracht, Musik zu machen?

„Das alles begann, während ich in Afrika war, um dort als Volontärin zu arbeiten. Für ein Jahr war ich dort ohne irgendwelche Elektrizität oder fließendes Wasser. Ich hatte nur so ein kleines batteriebetriebenes Radio, an dem ich mich geradezu festklammerte. Meine einzige Verbindung zur Außenwelt. Es lief viel afrikanischer Hip-Hop, den ich nicht kannte und der mich neugierig machte. Nach einem Jahr des Zuhörens fing ich an, Lyrics zu schreiben. Das war alles sehr spontan. Als ich zurück nach London kam, wo ich damals lebte, ging ich zu Jamsessions, um dort das Geschriebene auszuprobieren. Es war nie ein wirklich durchdachter Plan für mich, sondern all das entwickelte sich ganz natürlich.“

Der Grundstein für eine musikalische Zukunft war somit gelegt. Es folgten erste Gastauftritte bei der belgischen Band Bang Gang oder dem ausgeflippten britischen Duo Basement Jaxx. Für diese steuerte sie den Gesang zum Song „Tonight“ bei, das sich auf dem Erfolgsalbum „Kish Kash“ befindet. An die Aufnahme erinnert sich Phoebe mit einem Schmunzeln.

„Wir hatten damals das gleiche Recordlabel. Die Leute dort wollten sehen, ob sie einige ihrer Künstler miteinander kollaborieren lassen könnten und außerdem suchten die Basement Jaxx zu der Zeit auch nach Sängerinnen. Und ich … nun ja, ich suchte nach irgendwas. Also ging ich eines Nachmittags zu ihnen. Das war wirklich seltsam. Sie sagten nur, ich solle in die Aufnahmekabine gehen, dann schlossen sie die große Tür hinter mir und ich dachte, scheiße, vielleicht lassen die mich nie wieder raus, wenn ich nicht das Richtige singe. Nein, das ist natürlich ein Scherz. Aber ich war da tatsächlich vielleicht gerade einmal drei Stunden und es hat irren Spaß gemacht, mit den beiden zu arbeiten. Wir haben uns gut ergänzt.“

Nach der aufreibenden Erfahrung mit den Basement Jaxx, klopfte das Schicksal erneut an Phoebes Tür. Und zwar in Form von Marc Collin, einem französischen Komponisten und Produzenten. Diese Begegnung sollte die Zukunft der aufstrebenden Musikerin maßgeblich beeinflussen. Collin war zu jener Zeit auf der ständigen Jagd nach außergewöhnlichen Stimmen für sein Bandprojekt, das er zusammen mit Olivier Libaux ins Leben gerufen hatte und bei dem er mithilfe eines ständig wechselnden Ensembles an Gastsängern, alte NewWave-Hymnen neu inszenierte und sie dabei elegant in ein modernes Bossanova-Pop-Gewand hüllte. Ein Konzept, das sich als äußerst erfolgreich erwies und international schnell zahlreiche Hörer mit seinen betörenden Klängen begeistern konnte. Nouvelle Vague, so der Name jener extravaganten Coverband, war bereits mit dem ersten selbst betitelten Album „Nouvelle Vague“ (2004) zum Exportschlager geworden und versprühte seitdem vielerorts das gewisse Etwas, was Zeitgeist und musikalischen Esprit anging. Das gefiel auch Phoebe Killdeer und so stimmte sie einem Engagement für Aufnahmen des Nachfolgers zu. Auf „Band A Part“ (2006) verhalf sie schließlich, an der Seite anderer begnadeter Künstler wie Mélanie PainCamille oder Gérald Toto, längst vergessenen Klassikern wie „Human Fly“, „Escape Myself“, „Shack Up“ oder Billy Idol’s „Dancing With Myself“ zu neuem Leben.

Wie war es für dich, Teil dieses Projekts zu sein?

„Es war fantastisch! Für mich damals die perfekte Gelegenheit. Ich hatte einige Song zusammen, suchte nach einem neuen Label und einem Produzenten, der mit mir an den Stücken arbeiten würde. Sie hingegen suchten nach Sängerinnen. So kamen wir zusammen. Mein Manager hatte ein Demo an sie geschickt und das hat ihnen gefallen. Alles lief einfach und reibungslos, nach dem Motto ‚Komm rüber zum Vorsingen. Ach, hast du vielleicht Zeit ab morgen mit auf Tour zu gehen?‘ und ich nur ‚Okay. Machen wir das‘. Camille arbeitete zu der Zeit an ihrem Soloprojekt, also brauchten sie eine weitere Sängerin für die Tour und somit war ich an Bord. Ich denke, vieles hat mit Glück und dem richtigen Timing zu tun.“

phoebe weather's comingDie nächsten drei Jahre verbrachte Phoebe Killdeer damit, zusammen mit Nouvelle Vague quer durch die Welt zu touren und bei über 400 Liveauftritten vor teilweise mehreren Tausend Besuchern, die Höhen und Tiefen des professionellen Musikerdaseins kennenzulernen. Während dieser Reise, die sie im Nachhinein als unheimlich gewinnbringend und wichtig für ihre persönliche Entwicklung beschreibt, wuchs in ihr jedoch zunehmend der Wunsch, sich wieder voll und ganz dem zu widmen, was damals im afrikanischen Busch begonnen hatte. Nämlich den eigenen Ideen, Texten und Melodien. In Marc Collin fand sie glücklicherweise einen Partner, der Verständnis für jenes Verlangen zeigte. Jemanden, der Potenzial in ihr sah und dieses auch gezielt fördern wollte, und zwar egal in welchem Rahmen. Er hatte Phoebe bereits angemerkt, dass sie mit Nouvelle Vague an einen Punkt gelangt war, an dem es für sie nicht mehr weiterging und so entschied er kurzerhand, sie beim Aufbau einer Solokarriere zu unterstützen. Phoebe verabschiedete sich mit dem Song „Not Knowing“, welcher auf der Special Edition des 2009er Albums „3“ erschien, von der Band und fokussierte sich währenddessen gleichzeitig auf die Arbeit an ihrem Debüt. Natürlich nicht ohne die Unterstützung ihres neuen Freundes und Weggefährten Marc Collin.

Ich hielt mich nie für eine gute Coversängerin. Das nennt man wohl Ironie!

innerquake_coverMit „Wheather’s Coming“ schlug Phoebe Killdeer im Jahre 2008, ein völlig neues Kapitel in ihrem Schaffensprozess auf. Erstmals fungierte sie nicht mehr Gast auf einer Platte, sondern stand allein im Fokus der Aufmerksamkeit. Eigenständig und ungebunden. Die musikalischen Klänge Nouvelle Vagues noch im Ohr, entwarf sie zusammen mit Marc Collin ein Album, auf dem sich die unterschiedlichsten Stile die Klinke in die Hand geben. Da geht es binnen weniger Sekunden von rockigen Psychobilly-Melodien beim Opener „Paranoia“ hin zu Jahrmarktsnostalgie im Song „Stuck Inside“. Leichtfüßig wird es, wenn „Let Me“ vor sich hin plätschert, wohingegen „He’s Gone“ kurzerhand zum Tanz mit Jazz und Funk einlädt. Die Country-Gitarren von „Looking For A Man“ oder „Jack“ animieren zum Schunkeln, „Licorise Skies“ und „Never Tell A Lie“ überraschen mit düsteren Pop-Noir-Texturen und „He’s Late“ lässt ein Gewitter aus Melancholie aufziehen. Es gibt Einiges zu entdecken auf dem mit 12 Tracks starken Werk.

Was denkst du selbst, wenn du heute auf dieses Album zurückschaust?

„Ich bin ehrlich gesagt überrascht, wie reichhaltig es am Ende doch geworden ist. Da gibt es so viele unterschiedliche Produktionen. Wir sind jedem Song einzeln bis zum Ende gefolgt und haben geschaut, wohin es mit ihm gehen kann. Marc und ich haben die Platte nicht als einheitliches Album produziert, es ging eher um jeden Track für sich genommen.“

Es zeigte sich, dass das Duo von einem unerschöpflichen kreativen Rückenwind angetrieben, schnell neue musikalische Gebiete erschließen konnte, die schon lange wie Sirenen aus der Ferne nach Phoebe gerufen hatten, zu denen sie jedoch nie hätte übersetzen können, wenn Collin ihr nicht das passende Schiff gebaut hätte. „Weather’s Coming“ wurde zum experimentellen Bindeglied zwischen der Vergangenheit und dem, was anschließend folgen sollte. Und das waren in diesem Fall die Short Straws. Drei gestandene Musiker, die Phoebe während der Aufnahmen zu ihrem Debut kennenlernte. Gitarrist Cedric Le Roux, Bassist Alexandre Maillard und Drummer Raphael Seguinier wurden ihr von Marc Collin höchstpersönlich vorgestellt und schon nach kurzer Zeit merkte Phoebe, dass die Zusammenarbeit mit diesen Herren etwas ganz Besonderes war. Man entschied sich, gemeinsam auf Tour zu gehen und „Weather’s Coming“ der Öffentlichkeit vorzustellen. Doch schnell verselbstständigte sich der Sound des neu entstandenen Quartetts. Erste gemeinsame Kompositionen entstanden derweil, bei denen auch die neuen Kollegen in den kreativen Prozess involviert waren, und generell wirkten viele alte Tracks auf der Bühne plötzlich markanter und ungeschliffener, als es auf der CD jemals der Fall gewesen war. Die Short Straws hatten für Bewegung gesorgt und damit schien der nächste logische Schritt klar. Eine neue Platte musste her.

Während der zweieinhalb Jahre auf Tour veränderte sich unser Sound. Er wurde immer dreckiger. Da war eine unheimliche Energie.

Dass Phoebe ihren Musikern derartig viel Raum zur Verwirklichung lässt, ist nicht selbstverständlich. Doch auch das macht die Sängerin eben aus. Denn sie hat verstanden, dass sie genau daran wachsen kann. Ihr zweites Album „Innerquake“ zeigt sich als Resultat eines Wagnisses, das sie einging, um neue Seiten an sich entdecken zu können.

„Ich sagte mir, es ist gut, dass ich diese Individualisten kennengelernt habe und dass wir die Platte zusammen kreieren konnten. Sie haben einen großen Teil der Songs mitgeschrieben. Jeder gab ein wenig Salz und Pfeffer dazu. Alle Ideen gelangten auf einen Tisch. ‚Innerquake‘ ist ein wirkliches Band-Album, bei dem wir die Energie der Liveperformance festhalten wollten.“

Ob beim titelgebenden Stück „Innerquake“, dessen Grundgerüst Phoebe ursprünglich mit „Nouvelle Vague“-Kollegin Sophie Delila erdacht hatte, oder auch bei Tracks wie dem fulminanten „Scholar“, eine starke Präsenz von Alternative-Rock-Klängen lässt sich nicht leugnen. Hart und doch mit gefühlvollen Tiefen, wie man sie nur selten hört, wird das Album zum absoluten Hörgenuss. Kein Wunder, denn ein echter Könner hatte bei der Entstehung von „Innerquake“ seine Finger im Spiel. Heavy Trashs Matt Verta-Ray zeichnete sich als Produzent verantwortlich und weckte gleichzeitig eine ungeahnte Seite in Phoebe Killdeer. Diese tyrannisierte laut eigenen Aussagen plötzlich das gesamte Team mit einem neuen Wahlspruch. Schmutzig sollte es sein!

Es ist nicht dirty genug! I will es dirty! Ich meine wirklich dirty. Dirty, ok?

Jene Hartnäckigkeit hat sich jedoch ausgezahlt und so ertönen beispielsweise mit „Believer“ oder „Pedigree“, spröde Rock-Nummern, denen ein großartiger Charakter innewohnt. Doch wäre Phoebe Killdeer nicht Phoebe Killdeer, wenn sie nicht noch ein, zwei Überraschungen parat halten würde. Hypnotisierend lähmt „Highway Birds“ den Verstand. Ein Track, der sich während einer gemeinsamen Session mit ihren Short Straws, langsam aus dem Moment heraus entwickelte. „The Fade Out Line“ hingegen rekelt sich lasziv in Richtung des Hörers und reißt ihn vom Fleck weg mit.

http://www.youtube.com/watch?v=jGPubE81SZQ

Welche Geschichte steckt hinter „The Fade Out Line“?

„Der Track entstand zusammen mit einem irischen Songwriter, der einst ein Teil von Archive war. Craig Walker. Er war mal deren Sänger. Ich glaube er schreibt an die 30 Songs pro Tag. Wir arbeiteten daran und dann machte es plötzlich ‚Klick‘ und ich erinnere mich, dass ich das Gefühl hatte, das könnte funktionieren.“

Aktuell sitzt Phoebe im Proberaum und tüftelt bereits fleißig an ihrer neuen Platte. Dieses Mal wählte die rastlose Weltenbummlerin dafür Berlin als Place to be. „Die Stadt bietet viel Raum“, sagt sie. Wir wünschen ihr von Herzen alles Gute und freuen uns schon jetzt auf das, womit was sie als Nächstes um die Ecke kommen wird.

Phoebe Killdeer

Kultverdächtig

Machen wir es kurz. Eine Frau von diesem Format ist nicht kultverdächtig, nein, sie hebt sogar das Wort „Kult“ noch auf eine neue, abgeklärte Ebene. Da kann man nur den Hut ziehen.

Verlosung

Zwei handsignierte Exemplare des Albums „Innerquake“ halten wir heute für all diejenigen bereit, die nun auf den Geschmack gekommen sind. Wer an der passenden Verlosung teilnehmen will, schickt einfach bis spätestens kommenden Montag, den 29.04.2013, eine Mail mit dem Betreff „Phoebe Killdeer“ an martin@kultmucke.de.

Interessante Links

„Weather’s Coming“ bei iTunes kaufen

„Innerquake“ bei iTunes kaufen

Offizielle Website von Phoebe Killdeer and The Short Straws

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