Kultverdächtig: Postcards

In Kultverdächtig, Musik by Martin

Wir Menschen sind nostalgieverliebt. Das ist kein Gerücht, das ist eine Tatsache. Man bedenke nur, wie beherzt wir uns durch alte Fotos wühlen, wenn sie uns, in einem alten Schukarton versteckt, beim Aufräumen entgegenfallen. Doch damit nicht genug. Wir nutzen sogar Filter, um unsere digitalen Bilder gebraucht aussehen zu lassen. Gleichzeitig setzen wir der modernen Technik immer wieder beliebte Klassiker entgegen, sodass neben der einen oder anderen Bluetoothbox plötzlich ein angegangener Plattenspieler auftaucht. Und selbst unsere Kommunikationswege verschließen sich der Gegenwart hier und da. Kein Wunder also, dass auch Musiker von der Retromanie nicht unbeeindruckt bleiben. Wir präsentieren: Postcards.

Hoffnungsträger

Postcards (2)Was bedeutet Musik für euch?

Der Libanon ist ein sehr chaotischer Ort, weshalb die Musik ein Refugium und unsere Fluchtmöglichkeit darstellt.

Gibt es etwas Schöneres, als eine Postkarte im Briefkasten zu finden und zu wissen, dass sie Hunderte von Kilometern Wegstrecke hinter sich gelegt hat? Dass sie von einem lieben Menschen irgendwo auf der Welt geschrieben und mit Grüßen versehen zu einem geschickt wurde? Ein schöner Gedanke. Auch die Cousins Marwan und Pascal, ihr alter Schulfreund Rany und ihre Sangeskollegin Julia, die die drei Herren während eines Campingausflugs im Jahr 2012 kennenlernten, konnten sich der Anziehung jener Alltagsromantik nicht verwehren, als sie sich – nach einigen Wochen Ideenfindung – für Postcards als Bandnamen entschieden haben.

„Wir mussten an Postcards aufgrund des Songs ‚Postcards from Italy‘ von Beirut denken. Postkarten sind Teil jener nostalgischen Dinge, die die Menschen an Zeiten erinnern, die bereits vorübergezogen sind. Das ist vermutlich auch der einzige Grund, warum sie heutzutage überhaupt noch benutzt werden.“

Ein 3D-Animator, ein Bauingenieur, ein Bierbrauer und eine Musikstudentin, die nebenbei in einer Bücherei arbeitet – sie alle sind Mitglieder einer der spannendsten Newcomerbands, die der Libanon zu bieten hat. Wie es sich für ambitionierte Künstler gehört, würde ein jeder von ihnen sofort seinen regulären Job aufgeben, wenn sich das Musikmachen nur derart auszahlen würde, dass man damit zumindest seine Brötchen verdienen könnte. Auch wenn dies aktuell vielleicht noch nicht immer der Fall sein mag, nutzen die vier Anfang bis Mitte 20-Jährigen jede freie Minute, um gemeinsam an Songs zu arbeiten. Folkreferenzen aus den 60ern und 70ern werden dabei mit modernen Dream-Pop- und Rockelementen gepaart, was eine wahrlich interessante Mischung nach sich zieht, die auch die eigenen Hörgewohnheiten der Band verdeutlicht: Fleet Foxes, Vashti Bunyan, Other Lives, Nick Drake und Beach House.

Inwiefern haben diese Acts eure Musik beeinflusst?

„Sehr. Meist ist der Einfluss unbewusst. Wir schreiben und komponieren Songs unterschiedlich, aufgrund der Dinge, die wir selbst hören. Manchmal zieht man diese aber auch bewusst heran, wenn man zum Beispiel eine Gitarre wie auf Album X von Künstler Y klingen lassen will.“

Um einem ihrer Vorbilder zu huldigen und gleichzeitig unsere Coverplaylist durch ein neues Stück zu verstärken, nahmen sich Postcards im Rahmen von Kultverdächtig exklusiv Beach Houses „Zebra“ vom Album „Teen Dream“ (2010) an. Wesentlich folkiger, gleichzeitig aber mindestens genauso schwerelos wie das Original, zeichnet sich dich Version der Libanesen durch einen sehr würdevollen Umgang mit der Blaupause des aus Baltimore stammenden Duos aus. Sanft gleitet Julias Stimme dabei über die melancholische Soundszenerie, die gegen Ende des Tracks an Massivität und Härte zulegt.

Beach House ist eine unserer Lieblingsbands.

„Als es darum ging, ein Cover aufzunehmen, probierten wir zuallererst ‚Zebra‘ aus und merkten, dass das funktionieren könnte, weshalb wir dann weiter mit dem Song arbeiteten. Es hätte aber auch jedes andere ihrer Stücke werden können! Wirklich!“

Ihr seid in der Folkszene, zumindest aus europäischer Sicht, wahre Exoten. Warum sind eurer Meinung nach nicht allzu viele libanesische Bands bei uns bekannt?

„Vermutlich, weil man gar nicht so viele Bands im Libanon findet. Es gibt eine kleine Minderheit an Künstlern, die englische Texte singen. Von denen schreibt aber nur eine Hadvoll eigene Songs. Langsam verändert sich dies aber und es entstehen neue Gruppen, die auch durch Europa touren, zum Beispiel Mashrou’ Leila, The Wanton Bishops oder Who Killed Bruce Lee. Man muss nur genau suchen!“

Postcards stehen stellvertretend für eine Generation junger libanesischer Musiker, dich sich der westlichen Welt öffnen, ohne dabei die eigene Herkunft mit den Füßen treten zu wollen. Obwohl die Band in ihren Kompositionen selbst wenig traditionelle Tendenzen verorten kann, schwingt doch immer ein Stück angenehme Fremdartigkeit in ihren Songs mit – und sei es einzig dem Einsatz von Instrumenten wie Ukulele oder Mandoline geschuldet.

„Wir sind stark durch westliche Bands geprägt. Wobei unsere Texte manchmal spezifisch für den Libanon sein mögen. Außerdem sind da dezente Elemnte wie die generelle Stimmung, die andeuten könnten, wo wir herkommen. Nämlich aus den grünen Vororten Beiruts.“

Postcards by Myriam Boulos

Sowohl heimischer als auch internationaler Support haben Postcards über die Grenzen ihres Zuhauses, das das Quartett ebenso liebt wie hasst, bekannt gemacht. Hinzukommt die Viralität des Internets, die sich Julia, Marwan, Pascal und Rany zunutze gemacht haben, um ihre Songs mit dem Publikum zu teilen – losgelöst von Staats- oder kulturellen Grenzen. Auf Soundcloud haben Postcards beispielsweise mehrere Tausend Klicks vorzuweisen und auch ihre beiden bisher erschienenen EPs lassen sich dort kostenlos anhören.

Inwiefern unterscheiden sich eure Debüt-EP „Lakehouse“ und der Nachfolger „What Lies So Still“?

„‚Lakehouse‘ ist eine Art Compilation der ersten Stücke, die wir geschrieben haben. Die EP ist stark durch die Grassroots-Pop-Folk-Bewegung beeinflusst. Sie wurde innerhalb von zwei Wochen aufgenommen und gemischt. Damals waren wir noch echte Neulinge, was die ganzen Prozesse betraf. Für die zweite EP haben wir uns mehr Zeit genommen. Wir arbeiteten eng mit unserem Produzenten, Fadi Tabbal, der uns auch schon bei der ersten Platte geholfen hatte, zusammen. Sein stärkerer Input macht den Unterschied aus.“

Von der ersten bis zur letzten Note stellt „What Lies So Still“ ein in sich schlüssiges Werk dar, das den Hörer genau dort abzuholen vermag, wo er gerade steht. Über Monate hinweg, und mit der stetigen Rückmeldung ihrer Liveauftritte im Kopf, verfeinerten Postcards die sechs Stücke der EP wieder und wieder. Ziel war es dabei stets, eine einheitliche Ausrichtung für Songs wie den spannungsvoll inszenierten Opener „Origami“, das bittersüße „Reprise“ oder die Singleauskopplung „Walls“ zu finden, die ein Paradebeispiel für Innovation innerhalb des Singer-Songwriterbereichs darstellt. Begleitet von einem mit größter Liebe zum Detail versehenen Video, das aus den Händen Marilyn Haddads stammt, gibt „Walls“ einen Einblick in die Grundthematik von „What Lies So Still“, die sich allem voran Liebe und Verlust widmet.

Der Song handelt davon, wie es ist, sich in einer Beziehung, egal welcher Art, allein zu fühlen. Kommunikationsprobleme und Entfremdung stellen dabei Wände dar.

In Zeiten, in denen vielerorts verheerende Kriege wüten und Menschen dazu zwingen, ihre Heimat zu verlassen, um anderswo Zuflucht und Frieden zu suchen, in Zeiten, in denen die Menschlichkeit der Völker einmal mehr auf die Probe gestellt wird, in diesen Zeiten wirken Postcards und ihre Musik wie ein sanfter Hoffnungsschimmer am Horizont.

Gewinnspiel

Um abschließend eine von drei handsignierten „What Lies So Still“-EPs zu gewinnen, schickt einfach eine Mail mit dem Betreff „Postcards“ an martin@kultmucke.de. Einsendeschluss ist der Freitag, der 04.03.2016. Die Teilnahme ist nur aus Deutschland möglich und der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Viel Erfolg!

Links

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