Read + Listen: Jennie Abrahamson (2)

In Berlin by Martin0 Comments

Schweden ist und bleibt das Land der Hitlieferanten. Zu diesen zählt auch Jennie Abrahamson, die mit der Single „Hard To Come By“ ihren internationalen Durchbruch feierte. Bei uns untermalt der Song seit Jahren die TV-Spots eines namenhaften Sektherstellers.

Dass Jennie Abrahamson und ihre Musik zu wesentlich mehr als der auditiven Verschönerung von Werbefilmen taugen, wird deutlich wenn man sich quer durch die Diskografie der 39-Jährigen hört. Zu dieser zählt auch das Album „Reverseries“ – eine Ode an die bunten Achtziger. Live stellt Jennie Abrahamson die Platte am 08. März im Auster Club vor. Wir verlosen Tickets für die Show, und zwar im Rahmen unseres neusten „Read + Listen“-Features, das – wie es sich gehört – darüber hinaus auch ein Interview und eine passende Einstimmungsplaylist enthält.

Jennie, wie hast du dir deine offene, freundliche Art bei der Arbeit mit Journalisten über die Jahre bewahren können?

„Oh, was für ein Kompliment. Ich habe lustigerweise gerade meinem Manager geschrieben, dass ich Kultmucke sehr mag, da ich mich mit einem guten Gefühl an unsere bisherigen Gespräche zurückerinnere. Ich denke, zu Interviews gehört, genauso wie zu Konversationen an sich, eine wechselseitige Beziehung. Wenn man Respekt und Interesse aufseiten des Gegenübers spürt, ist es leicht, miteinander zu kommunizieren. Es ist ein echter Luxus, Leute zu treffen, die sich mit Zeit und Mühe deiner Kunst gewidmet haben, um dich anschließend dazu zu befragen und ihre Sicht darüber mit dir zu teilen. Aber selbst, wenn der Interviewer einen schlechten Job macht, bin ich zu gut erzogen, um unfreundlich zu sein. Obwohl ich dann schon etwas härter wirke.“

Welche Bedeutung hat Musik aus deiner Sicht für die Menschen heutzutage?

„Erst kürzlich habe ich gelesen, wie es mithilfe von künstlicher Intelligenz gelingt, die Musik zu kreieren, die wir angeblich hören wollen. Vielleicht wisst ihr, dass Spotify damit begonnen hat, eigene Tracks mithilfe von Playlisten zu entwickeln, um so Geld zu generieren, das direkt wieder in die Firma zurückfließt, anstatt die wahren Rechteinhaber zu bezahlen. Diese Entwicklungen kann man zunehmend beobachten. Musik wird zu einer Art Werkzeug und muss gewissen Regeln folgen, um das zu werden, was wir erwarten. Aber wissen wir eigentlich genau, was wir wollen? Geht es bei Musik nicht auch darum, überrascht zu werden, neue Dinge zu entdecken und ungeahnte Emotionen zu erwecken? Ja, Musik kann helfen, manche Erfahrungen aufzubessern, zum Beispiel als Untermalung beim Sport im Fitnesscenter, aber ich denke, dass wir in unserer heutigen Zeit, die spirituelle Seite an ihr zunehmend vergessen haben. Die Sehnsucht nach schönen Dingen, die uns begeistern, uns ausfüllen und auch heilen kann. Auch wenn ich glaube, dass diese nie vollkommen verloren gehen wird, bin ich der Meinung, dass wir sie mehr denn je brauchen.

Musik hat die spezielle Fähigkeit, zu den Herzen der Menschen zu sprechen.

„Sie ist universell. Jeder kann sie verstehen, sie fühlen, und zwar auch ohne eine künstlerische Ausbildung.“

Im Pressetext zu „Reverseries“ heißt es, dass es für dich eine Art Therapie war, die darauf befindlichen Tracks zu schreiben. Inwiefern trifft das zu?

„Ich war derart müde, als ich mit dem Songwriting zu dem begann, was ‚Reverseries‘ werden sollte. Zuvor war ich ohne Unterbrechung getourt, habe in meiner Firma all die Labelarbeit gemacht und an den Abenden und in den Nächten studiert, um für eine Zukunft bereit zu sein, falls meine Musikkarriere aus irgendwelchen Gründen plötzlich endet. Als der Sommer kam, war mein Energielevel dann bis auf null heruntergefahren. Jedes Mal, wenn ich zu arbeiten begann, schlief ich beinahe ein. Es dauerte, bis ich wieder Fahrt aufnahm. Schließlich hatte ich die Idee, etwas Effizientes, Eingängiges, kurz Gehaltenes zu erschaffen. Zum Beispiel zwei EPs statt eines Albums. Was am Ende jedoch dabei herauskam, war eigentlich ziemlich genau das, was ich selbst so dringend benötigte. Songs, die sich Zeit lassen, langsam und ausladend sind. Keinerlei Effizienz oder was auch immer. Sobald ich akzeptiert hatte, dass das eben das ist, was und wer ich bin, fühlte es sich wie eine Therapie an, diese Tracks zu schreiben.“

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Der Sound von Reverseries“ scheint wesentlich wärmer und zugänglicher als der des hervorragenden Vorgängers „Gemini Gemini“. Warum?

„Ich bin glücklich, das zu hören. Mir war es wichtig, das Album zusammen mit der Band aufzunehmen, die mich auf der Tour zu ‚Gemini Gemini‘ begleitet hatte. In den letzten Monaten unserer Konzertreise war es uns gelungen, einen Klang zu finden, der meiner Musik und meinen Arrangements einen neuen und frischen Anstrich verlieh. Das sind echt ein paar extrem kreative Musiker und ich kann ihren Einfluss recht gut auf der Platte hören. Die Tatsache, dass wir vieles live eingespielt haben, verlieh der Produktion Wärme. Außerdem lass ich dieses Mal meiner Stimme mehr Raum. Ich hatte oft das Gefühl, sie verstecken zu müssen. Nachdem ich die ersten Demos für ‚Reverseries‘ aufgenommen hatte, gelangte ich zu der Einsicht, dass mein Gesang hoch über allem anderen fliegen sollte. Er sollte da oben zu leuchten beginnen, anstatt sich in die Musik einzugliedern. Vielleicht führt das auch dazu, dass die Platte zugänglicher ist. Der Hörer kann mich lauter und näher wahrnehmen.“

Der Synthie-Pop der Achtziger scheint es dir angetan zu haben. Kannst du dir vorstellen, irgendwann einem komplett konträren Genre zu frönen?

„Wenn ich komponiere, denke ich nicht wirklich über Genres nach, sondern lass einfach das dabei rauskommen, was eben dabei rauskommt. Mein einziger Gedanke war wie gesagt, die Band in den Prozess mit einzubeziehen. Und natürlich weiß ich in etwa, wonach sie klingen. Ich denke, das ist so ziemlich das, worum es bei diesem Projekt geht.“

Ich liebe Popmusik, den Klang echter Instrumente, aber auch die Verträumtheit und die endlosen Möglichkeiten, die an Synthesizer und Computer gebunden sind.

„Gelegentlich arbeite ich an einem Zukunftsprojekt in Schwedisch, das recht anders klingen dürfte. Die Sprache benötigt eine etwas kleinere Welt für meine Melodien.“

Eine neue Tour steht an. Da du eigentlich ständig unterwegs bist, drängt sich die Frage auf, was dein Zuhause für dich bedeutet?

„Zuhause bedeutet Geborgenheit für mich. Im letzten Jahr, das von Flüchtlingsströmen gekennzeichnet war, fühlte ich mich so dankbar, ein wirkliches Zuhause zu haben. Eine Stadt, in der ich sicher bin, ein Land, das nicht im Krieg ist. Da die meisten Künstler ruhelose Menschen sind, scheint das eigene Heim nicht unbedingt der spannendste Ort zu sein, während man sich in der Tour-Seifenblase befindet. Dennoch bin ich sehr, sehr glücklich, diese kleine eigene Welt zu haben. Ich arbeite zwar auch viel, wenn ich zuhause bin, aber trotzdem versuche ich, meine Freunde und Familie zu treffen, ordentliches Essen zu kochen, Sport zu treiben und zu lesen.“

Listen: Jennie Abrahamson

Gewinnspiel

Um Tickets für den Auftritt von Jennie Abrahamson, am 08.03.2017 im Auster Club zu gewinnen, schickt einfach eine Mail mit dem Betreff „Jennie Abrahamson“ an martin@kultmucke.de. Einsendeschluss ist Freitag, der 17.02.2017. Unter allen Teilnehmern verlosen wir 1×2 Gästelistenplätze. Bitte nennt euren vollen Vor- und Zunamen in der von euch geschickten Nachricht. Viel Erfolg!

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