Sie, er und Europa: Sea + Air im Interview

In Musik von Martin

Wie man den Pop an der Nase herumführen, ihn durch den Fleischwolf drehen und aus seinen Zutaten etwas komplett Neues erschaffen kann, das haben die Griechin Eleni Zafiriadou und der deutsche Komponist Daniel Benjamin verstanden wie kaum ein anderes Ehepaar in der Musikindustrie. Unter dem Pseudonym Sea + Air ziehen die beiden Stuttgarter seit Jahren mit ihren Liedern um die Welt und haben dabei vielerorts einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Auf ihrem neuen Album „Evropi“ verarbeiten Sea + Air Erlebnisse und Gedanken, die sie auf ihren Reisen durch verschiedenste Nationen gesammelt haben. Von Elenis Familiengeschichte sowie aktuellen Geschehnissen in Europa bewegt und inspiriert, lässt das Duo auch innerhalb der zwölf Songs ihres Zweitwerks wieder und wieder Gegensätze aufeinander prallen. Da trifft die ruhige See auf donnernde Wolkenbrüche, sanfte Windböen werden von hohen Wellen geschnitten, Weibliches und Männliches vereint sich zu einem energiegeladenen Ganzen. Wir haben versucht, die Tiefen dieses außergewöhnlichen Künstlergespanns zu ergründen.

Sea + Air by Tim DobrovolnyWie geht es euch?

Daniel: „Müde und wahnsinnig.“

Was hat euch beide zur Musik gebracht? Welche Geschichten könnt ihr uns diesbezüglich erzählen?

Eleni: „Daniel hat mich vor 16 Jahren beim Tanzen beobachtet und daraus geschlossen, dass ich wohl auch Bandpotenzial hätte. Also fragte er mich: ‚Kannst du singen?‘ Ich verneinte und fügte hinzu: ‚Aber gut schreien!‘ Das gefiel ihm, zumal er schon immer mal eine Punkband haben wollte. So gründeten wir unsere erste gemeinsame Band: Jumbo Jet.“

Ihr seid in den letzten Jahren nahezu ununterbrochen durch Europa getourt. Was für ein Bild habt ihr dabei von dem Subkontinent gewonnen?

Daniel: „Dass egal, wie unterschiedlich die Leute zum Beispiel in der Ukraine oder in Portugal auch sein mögen, junge Menschen extrem Bock darauf haben, dass Europa zusammenwächst. Sie haben Lust auf ein Miteinander. Sehr schöne Sache!“

Wo hat es euch besonders gut gefallen? Wo überhaupt nicht?

Eleni: „Ich bin immer wieder gerne in Italien, weil das Leben da nicht zu kurz kommt. Oft ist man auf Tour isoliert. Man hat seine Freunde nicht um sich und das schlaucht auf Dauer.“

Die Italiener verstehen es, einem mit ihrer Gastfreundschaft ein Stück Heimat zu geben.

„So durften wir täglich erleben, wie aufwändig für uns gekocht wurde. Die Gemeinschaft steht da an erster Stelle und so wird ein Konzert zur schönen Nebensache. Meist sind es die Umstände, die einem auf Tour nicht bekommen, und nicht das Land an sich. Deshalb muss ich auch da wieder Italien als Beispiel nennen. Wir sind mal im tiefsten Winter in Sizilien gelandet, wo die Leute nicht auf einen harten Winter vorbereitet waren. Dementsprechend gab es kaum Heizungen und nur dünne Decken. Schlafmangel gepaart mit gesundheitlichen Problemen kann alles in ein ganz anderes Licht rücken.“

Was bedeutet es euch, eure Songs einem Publikum präsentieren zu können?

Eleni: „Es ist diese Stunde, die magisch sein kann. Wo man sich selbst vergisst und sich mit wildfremden Menschen durch die universelle Sprache der Musik vereint. Irgendwie sick, aber auch irgendwie geil.“

Daniel: „Es gab Konzerte, bei denen wir zum ersten Mal in ein Land kamen und Leute unsere Texte mitsangen. Das sind die Momente, für die man Musik macht.“

Gab es kulturelle Unterschiede im Hinblick darauf, wie die Leute auf eure Musik reagiert haben?

Daniel: „Ja. Genauso wie die Deutschen meist sehr höfliche Zuschauer sind, sind die Italiener sehr emotional. Die Polen sehr frei, die Norweger sehr cool. Klischees, Klischees, Klischees und alle stimmen.“

„Evropi“ ist zu großen Teilen Resultat des Umherziehens durch aller Herren Länder. Wie spiegelt sich das Unterwegssein in der Platte wider?

Eleni: „Zum einen dadurch, dass wir für die Aufnahmen der Platte auch viel gereist sind. Wir fingen in Kanada an, das Grundgerüst der Songs live einzuspielen. Dabei nutzten wir die dreijährige Live-Erfahrung der Tour und die Energie, die daraus entstanden ist. Es folgten Sessions bei uns in der Dorfkirche und in Berlin. Das Album haben wir dann in Bristol abgemischt.“

Daniel: „Aber auch die Geschichte hinter dem Album, Elenis Familiengeschichte, deren Vorfahren nie so richtig eine feste Bleibe hatten.“

Inwieweit habt ihr euch während der Entstehung von „Evropi“ mit Kritiken an dem Vorgänger „My Heart’s Sick Chord“ befasst?

Eleni: „Überhaupt nicht. Wenn man ein Album abschließt, dann schaut man nicht zurück. Und was andere Leute darüber denken, spielt überhaupt keine Rolle. Man nimmt eine Platte nicht für Kritiker, sondern in erster Linie für sich selbst auf.“

Was wolltet ihr selbst an Neuerungen auf „Evropi“ verwirklichen?

Eleni: „Wir wollten das Spiel mit den Extremen weiter ausreizen. Den Hörer in seinen Hörgewohnheiten herausfordern.

„Evropi“ taugt nicht als gefällige Hintergrundmusik. Es ist bisweilen anstrengend, aber belohnt den Hörer, der oft und genau hinhört.

Hat euch „Evropi“ auch an eure Grenzen geführt?

Eleni: „Immer wieder, ja! Es kam zu diversen Komplikationen, mit denen wir nicht gerechnet hatten. In Kanada gab während der Aufnahmesession die Bandmaschine den Geist auf. Das erste Lied auf „Evropi“ dauerte im Entstehungsprozess ungefähr so lange wie der Rest aller Songs zusammen. Das Baby unseres Engineers kam mitten drin zur Welt – um hier nur ein paar der Herausforderungen aufzuzählen. Wir haben aber sehr viel daraus gelernt. Nämlich immer wieder kreativ mit den Problemen umzugehen und nicht zu verzweifeln.“

Wie händelt man als Ehepaar Konflikte, die die Musik betreffen? Ist es da von Vor- oder Nachteil, nicht nur die Liebe zu Ton und Klang, sondern auch die zueinander zu teilen?

Daniel: „Ich glaube selber kaum, was ich da sage, aber es gibt, was unsere Musik betrifft, keine Konflikte.“

Sea + Air by Andreas Hornoff

Wie zufrieden seid ihr mit dem fertigen „Evropi“ und welches sind eure persönlichen Favoritentracks?

Eleni: „Der Prozess ist abgeschlossen. Ich bin sehr stolz darauf, was wir geschaffen haben. Das Album werde ich mir jetzt aber mindestens drei Jahre lange nicht mehr anhören, hehe. ‚We All Have To Leave Someday’ ist mein Lieblingslied.”

Daniel: „Ich würde ‚Should I Care‘, ‚We All Have To Leave Someday‘ und ‚Lady Evropi‘ herausheben, aus unterschiedlichen Gründen. Und irgendwie auch ‚Pain Is Just A Cloud‘.“

Wovon erzählt die Single „Follow Me Me Me“?

Eleni: „‚Follow Me Me Me‘ erzählt davon, wie es ist, alles zurückzulassen. Die Sprache, die man spricht. Die Geschwindigkeit, in der man lebt. Die Menschen, die man liebt. Und dass man das alles auch seiner Familie aufbürdet.“

Euer neues Album wird von der Genreneuschöpfung des Ghost Pops begleitet. Warum?

Ursprünglich, wenn wir gefragt wurden, was für Musik wir machen, haben wir gesagt, wir machen Musik wie Sea + Air.

Daniel: „Wie die Musiker, die wir verehren, Kate Bush oder Prince, haben wir eine eigene Schublade und passen in keine vorgefertigte. Da Leute aber gerne einen Begriff für diese haben wollen, haben wir den Ghost Pop erfunden. Das drückt unsere Musik ganz gut aus.“

Eine letzte Frage: Was ist eigentlich aus der Idee geworden, den Song „Heart Of The Rainbow“ zum offiziellen Sommerhit zu machen?

Eleni: „Wir sind ja noch nicht im Jahre 2017!“