Kultverdächtig: Vittoria Fleet

In Kultverdächtig, Musik by Martin

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Dass das Interesse an Dance-Musik, mit all ihren flirrenden Facetten, nach wie vor recht groß ist, wurde uns klar, als wir vor Wochen die neue Single des Berliner Electro-Duos Vittoria Fleet bei uns Premiere feiern ließen. Aufgrund der vielen positiven Rückmeldungen, die uns erreichten, und weil Vittoria Fleet aus unserer Sicht zu den spannendsten Newcomern der letzten Jahre zählen, schieben wir nun noch ein ausgiebiges Kultverdächtig-Feature hinterher, das sich mit jeder einzelnen Zeile diesem Act verschrieben hat.

Die Wunderkinder der Intelligence Dance Music

Vitorria Fleet by Susanne Erler (1)Was bedeutet Musik für euch?

Alles und nichts.

In einer technologisierten Welt wie der unseren verwundert es nicht wirklich, dass es das Internet war, das Giada Zerbo und Allan Shotter einst zusammenführte. Shotter, der damals noch in London gelebt und dort im Alleingang elektronische Musik produziert hatte, startete einen virtuellen Aufruf, um eine Sängerin für ein neues Projekt zu finden. Giada antwortete. Nach dem ersten Treffen mit ihr war Allan klar, dass sie genau die richtige Kollaborationspartnerin an seiner Seite darstellten würde.

Wir hatten dieselben Ziele

Es folgten Monate des Songwritings und Programmierens. Allan und Giada, zu dieser Zeit noch ohne Alias, werkelten unermüdlich an ihren Sounds, während eine alte Lagerhalle namens Vittoria Wharf als auditive Kreativwerkstatt für die beiden Experimentalmusiker herhalten musste. Als es dann schließlich darum ging, einen Namen für ihr Duo zu finden, mit dem sie in die Öffentlichkeit treten könnten, war Allan und Giada klar, dass ihr Refugium dabei eine wesentliche Rolle spielen sollte. Vittoria Fleet ist nun also sowohl eine Hommage an das schützende Dach, unter dem die ersten gemeinsamen Kompositionen entstanden, als auch ein Verweis darauf, dass die Band mit einem ganzen Geschwader an kreativen Impulsen zu neuen akustischen Ufern aufbrechen will.

Wann und weshalb zog es euch schließlich nach Berlin?

„2011. Zunächst aufgrund der Lebenshaltungskosten, da wir mehr Zeit in Vittoria Fleet stecken wollten und das in London buchstäbich nicht möglich gewesen wäre. Berlin erlaubte es uns, uns viel mehr mit der Musik beschäftigen zu können. Hierher zu kommen, war ein wesentlicher Schritt in unserer Entwicklung.“

Eine Entwicklung, die nach der EP „Kissing Cousins“ 2014 zu dem internationalen Release der glorreichen „Acht LP“ führte.

Seit Lambs selbstbetiteltem Debüt „Lamb“ oder Mandalays „Empathy“, die beide gegen Mitte der Neunziger entstanden waren, hatte es kein Album mehr geschafft Pop, Drum’n’Bass und Trip Hop derart filigran und stilvoll miteinander zu verweben, wie es Jahrzehnte später Vittoria Fleets „Acht LP“ wieder tat. Die elf darauf befindlichen Titel widmen sich der Natur, ihren Schön- und Besonderheiten. Inspiriert von unzähligen Dokumentationen schrieb Giada die Lyrics zu Songs wie dem treibenden „Unconcealed“, während Allan diesen ein feingliedriges Geflecht aus fiebrigen Beats und Melodien zur Seite stellte.

Gibt es etwas, das ihr nachträglich an „Acht LP“ beanstanden würdet?

„Wir mögen das Album noch immer und würden nichts daran ändern. In der Kunstwelt ist es zu gefährlich, herumzusitzen und zu bereuen beziehungsweise darüber nachzudenken, was du hättest anders machen können. Das wäre wenig voranbringend und ziemlich unproduktiv. Bei Kunst geht es darum, weiterzukommen. Es ist wesentlich gesünder, nach vorne zu schauen, als ständig seine eigenen Arbeiten zu kritisieren.“

Optimistisch machten sich Vittoria Fleet auch an die Arbeiten zu ihrem Zweitwerk „Greed LP“, das aus jenen Samen erwachsen sollte, die „Acht LP“ zuvor gepflanzt hatte. Tatsächlich knüpft die neue Platte nahtlos an ihren Vorgänger an, jedoch nicht, ohne dessen Erbe gleichsam als Grundlage für neue, kreative Anstöße zu nutzen. Lauter, scharfkantiger und dancelastiger als „Acht LP“ ruft „Greed LP“ in der Folge zum Tanz auf dem Vulkan. Vom stürmischen Opener „Mother Ocean“ über clubtaugliche Stücke wie „The Shape Of Things To Come“, „Stage Whisper“ oder „Like Glue“ bis hin zum finalen „Summer Solstice“ – „Greed LP“ sorgt für zahlreiche einzigartige Stimmungen und dokumentiert die Entwicklung zweier abenteuerlustiger Musiker.

„Greed LP“ ist die natürliche Konsequenz der „Acht LP“ und ist deshalb definierter und reifer.

Welche Hürden musstet ihr bei der Realisierung des Albums überwinden?

„‚Acht LP‘ war mächtig, was seine Postproduktion betraf. Mit ‚Greed LP‘ wollten wir dem Gesamtbild mehr Live-Instrumentierungen verpassen. Sprich weniger Nachbereitungen, weniger Bearbeitungen und dafür mehr Livetakes. Wir sind dabei weniger Hürden begegnet, sondern haben eher Selbstvertrauen darin gewonnen, unsere Soundpalette zu nutzen, unsere Kompositionsfertigkeiten zu verfeinern und ein Gespür dafür zu entwickeln, wann noch etwas fehlt und wann eben nicht.“

Bedingungslose Liebe, qualvolle Schmerzen, Rede- sowie Unterdrückungsfreiheit, Selbstlosigkeit und natürlich Habgier (englisch: greed) sind die Themen, um die sich „Greed LP“ dreht. Die Dramatik, die all den daran gebundenen Aspekten innewohnt, lässt sich in jeder einzelnen Note des Albums wiederfinden.

Visuell scheint ihr mit euren Alben einer sehr klaren Linie zu folgen. Warum?

„Irgendwann sind wir über Codys Werke gestolpert und haben uns direkt in sie verliebt. Wir hatten beide das Gefühl, dass seine Bilder genau das ausdrückten, was wir mit unserer Musik repräsentieren wollen. Uns interessieren vor allem abstrakte Motive, Farben, Strukturen, Raum und Licht. Das Cover der ‚Greed LP‘ gab es schon, noch bevor ein einziger Song des Albums geschrieben worden war.“

Acht LP + Greed LP by Cody Cobbs

Uns inspiriert eigentlich fast alles. Es gibt nichts Bestimmtes, dem wir folgen. Wir sind einfach nur neugierige Musiker.

Sich an einem Song von Radiohead zu versuchen, zeigt, wie unerschrocken Vittoria Fleet in ihren Entscheidungen sind. Exklusiv für Kultmucke entstand ihre beeindruckende Version von „All I Need“. Sowohl Giada als auch Allan sind große Fans der Band aus Oxford, weshalb ihre Wahl genau auf diesen Track fiel.

Wie war es, „All I Need“ zu covern?

„Seltsam, gut, richtig. Uns war klar, dass wir nicht einfach nur eine Kopie erstellen wollten, es brauchte den gewissen Spin, der typisch für Vittoria Fleet ist.“

Seid ihr zufrieden mit dem Ergebnis?

„Sehr. Wir würden kein Material veröffentlichen, wenn wir nicht zu 100% dahinter stehen.“

Vittoria Fleet by Susanne Erler (2)

Gewinnspiel

Um abschließend Vittoria Fleets „Greed LP“ auf CD zu gewinnen, schickt einfach eine Mail mit dem Betreff „Vittoria Fleet“ an martin@kultmucke.de. Einsendeschluss ist der kommende Freitag, der 04.12.2015. Die Teilnahme ist nur aus Deutschland möglich und der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Viel Erfolg!

Links

Facebook | „Acht LP“ bei Bandcamp„Greed LP“ bei Bandcamp | Soundcloud | Fotos © by Susanne Erler