AfD wegbassen – Warum Tanzen auch politisch ist

In Berlin by Joseph

Genre:

Gestern sind rund 5 000 AfD Anhänger mit Deutschlandfahnen durch das Berliner Regierungsviertel gezogen. Doch auch die Gegner der Rechtspopulisten haben zu mehreren Gegendemonstrationen aufgerufen. Vertreter der Linkspartei und den Grünen sprechen von über 70 000 Menschen, die in ganz Berlin gegen die AfD protestiert haben.

Wird Techno zur politischen Bewegung?

Welche Seite das höhere Mobilisierungspotential hat, wurde am Sonntag endgültig geklärt. Doch wird Techno jetzt zur politischen Bewegung? Ja, tut es, so Raimund Reintjes von der Berliner Clubcommission in einem Beitrag der ze.tt. „Es geht um eine politische Haltung. […] Es geht um die Frage: Wie gestalten wir das gesellschaftliche Miteinander, wie lösen wir Konflikte, welche Werte verteidigen wir – auf dem Dancefloor, auf der grünen Wiese und auf den Straßen der Städte?“ Es geht also um ein respektvolles Miteinander, Solidarität und Inklusion – also alles für das die AfD nicht gerade steht.

Safe Space – nicht nur auf dem Dancefloor

Wer sich viel in der Szene bewegt, dem ist schon der Begriff „Safe Space“ untergekommen. Viele der Berliner Clubs sehen sich als Safe Spaces, also eine Art Schutzraum, in denen Menschen unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität, Aussehen oder sexueller Orientierung frei bewegen und feiern können. In den Eingangsbereichen vieler Clubs sind Schilder zu sehen, die sich gegen Diskriminierung richten. Oft zu lesen ist: „No Racism, No Homophobia, No Sexism„. Auch viele Festivals sorgen mit sogenannten Awareness-Teams für ein friedliches Miteinander. Wer durch Rassismus, Frauen-, oder Schwulenfeindlichkeit auffällt, fliegt raus. Wie die Szene mit Diskriminierung umgeht, zeigt zum Beispiel der Fall des litauischen Prodzenten „Ten Walls“, der mit homophoben Äußerungen aufgefallen ist. Daraufhin kündigte ihm seine Booking-Agentur in Deutschland. Auch mehrere große Festivals, wie das Sonar in Barcelona, strichen den DJ kurzerhand aus dem Line-Up.

Clubs und Festival als gesellschaftliche Utopie?

Jedes Wochenende feiern alleine in Berliner Clubs Zehntausende friedlich miteinander. Clubs wie das ://about blank, positionieren sich klar politisch und laden neben Partys auch zu Podiumsdiskussionen und Vorträgen ein, achten auf eine 50/50 Frauenquote und setzen den Einheitslohn konsequent um. Auch auf Festivals wie der Fusion oder Nation of Gondwana wird für ein Wochenende eine Utopie ausgerufen – es herrscht nicht nur ein liberaler Umgang mit den gängigen Partydrogen, sondern auch ein sehr soziales Miteinander. Glitzer, Zigaretten und Alltägliches wird geteilt. Fleisch sucht man auf der Fusion vergeblich. Oft werden Workshops zu verschiedenen Themen angeboten und Redebeiträge drehen sich häufig um Inklusion, Integration, Feminismus oder Gender Equality. Im Vordergrund steht die Freiheit eines jeden Einzelnen sich so zu geben wie er sich wirklich fühlt. Wer gegen diese ungeschriebenen Gesetze der Szene verstößt, wird mit Missbilligung bestraft.

Eine Bewegung mit Strahlkraft

Wer schonmal ein Wochenende mit Tausenden friedlich, fröhlich und ekstatisch durchgefeiert hat, fragt sich warum so ein Miteinander nicht auch im Alltag funktionieren kann. Häufig sind es eben nicht nur Ecstasy und Speed, die die Menschen auf den Dancefloor ziehen, sondern konsequent gelebte Nächstenliebe. Woher du kommst und wer du bist ist erst einmal egal, denn auf der Tanzfläche sind alle Menschen gleich. Geduzt wird sich sowieso. All dies trägt dazu bei Grenzen in Köpfen einzureißen oder gar nicht erst entstehen zu lassen. Selbst Menschen, die komplett ohne politischen Hintergedanken feiern gehen, helfen so eine linke Utopie mitzutragen – wenn es seien muss auch bis vors Brandenburger Tor. Denn was für ein Mobilisierungspotenzial der Szene innewohnt lässt sich am besten beobachten, wenn Freiräume in Gefahr sind. Und genau dafür steht die AfD – ein Angriff auf die liberale Gesellschaft. Die Partei steht  für Segregation statt Integration, traditionelle Rollenbilder und begegnet Fremden mit Misstrauen. Kein Wunder, dass viele die sich ein liberales, weltoffenes Deutschland wünschen, dies nun als bedroht betrachten und sich politisieren.

Den Rechten ein Dorn im Auge

Klar, das Orte, an denen ein liberales Weltbild nicht nur gelebt, sondern geradezu propagiert wird, den Rechten ein Dorn im Auge sind. Das zeigt nicht nur der Antrag der AfD, das Berghain zu verbieten, sondern auch die Razzien in den georgischen ClubsBassiani“ und „Cafe Gallery„, die von schwer bewaffneten Polizisten gestürmt wurden. Während der Antrag der AfD hierzulande belächelt wurde, formierte sich unter georgischen Ravern Widerstand. Tausende zogen tanzend unter dem Motto „We dance together; We fight together“ durch die Innenstadt von Tiflis. Internationale DJs wie Ben Klock und Nina Kraviz solidarisierten sich in den sozialen Netzwerken mit der Bewegung. Wenn die Politik mit Repressionen versucht die Clubkultur einzuschränken, müssen diese im Umkehrschluss auch politische Bedeutung haben.

Das Feiern durchaus politisch ist, wurde gestern eindrucksvoll demonstriert. Nämlich als Zehntausende der AfD bewiesen, dass sie sich die „Zukunft Deutschland“ – übrigens das Motto der AfD – dann doch eher ohne die Rechtspopulisten vorstellen.