Alexis Taylor lässt hinter die Fassade seines neuen Albums blicken

In Musikby Martin

Als das Gesicht und die Stimme der englischen Ausnahmeband Hot Chip erlangte Alexis Taylor internationale Bekanntheit. Seit fast fünfzehn Jahren ist er nun im Geschäft und hat die Musikbranche dabei aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln kennenlernen dürfen. Nach der Veröffentlichung von fünf Platten mit seinen Kollegen, einem klanglichen Ausflug mithilfe des Projekts About Group, einem ersten Soloalbum namens „Rubbed Out“ und der EP „Nayim From The Halfway Line“ ist der Grammy nominierte Taylor nun mit seiner neuen LP „Await Barbarians“ zurück.

Dienstagmorgen klingelt das Telefon. Am anderen Ende der Leitung findet sich ein noch recht verschlafener Alexis Taylor wieder, der die letzte Nacht damit verbracht hat, dem Londoner Publikum sein neustes Werk live vorzustellen. Trotz des wenigen Schlafs wirkt der Brite gut gelaunt und bei den Antworten auf unsere Interviewfragen stets fokussiert. Während er im Folgenden seine Karriere reflektiert und mit uns zu seinen Anfängen als Plattenverkäufer zurückwandert, untermauert Alexis Taylor das Bild des bodenständigen Künstlers. Erst als wir mit dem Hornbrillenträger auf das Hipstertum als Gesellschaftsphänomen zu sprechen kommen, gerät er kurz aus der Fassung, jedoch nicht, ohne diese in der nächsten Sekunde charmant wiederzugewinnen.

AlexisTaylor by Brian DeRan (1)Wie geht es dir?

„Mir geht es gut. Ich habe letzte Nacht ein Konzert in London, zum Release meines neuen Albums, gespielt. Das hat echt Spaß gemacht und war wirklich gut. Dadurch bin ich aber auch ein klein wenig müde.“

Verständlich. Alexis, kannst du dich erinnern, wie du dir dein zukünftiges Leben vorgestellt hast, als du noch ein kleiner Junge warst?

„Ich war völlig vernarrt ins Skateboarden und dachte, das würde ich später vielleicht einmal beruflich verfolgen können. Meist machte ich mir aber wenig Gedanken über die Zukunft und lebte lieber in der Gegenwart.“

War denn die Musik damals trotzdem schon wichtig für dich?

„Die Liebe zur Musik wuchs, als ich zum Teenager wurde. Ich habe zwar seit meinem siebenten Lebensjahr schon Musik gemacht und interessierte mich auch für Platten und das Singen, aber wirklich wichtig wurde mir das alles erst im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren.“

Was hat dich denn dann dazu gebracht, es ernsthaft als Musiker zu probieren?

„Nun, ich arbeitete in einem Plattenladen, der in Westlondon gelegen war. Viele Plattenfirmen hatten ihren Sitz ganz in der Nähe. Irgendwann gab ich meine Demos schließlich an verschiedene Leute weiter. Zum Beispiel eine frühe Version der ‚Mexico EP‘ von Hot Chip, die ich einem Typen in einem anderen Plattenladen, der auf 7“-Singles spezialisiert war, rüberreichte. Nebenbei betrieb er das Label Victory Garden Records. Er sagte, er würde das Material gerne dort veröffentlichen. Als die EP schließlich rauskam – ich ging damals zur Universität in Cambridge – dachte keiner von uns ans Touren, da wir alle in unterschiedlichen Städten verteilt waren. Später trafen wir uns aber, um neues Material aufzunehmen, was zu unserem ersten Album ‚Coming On Strong‘ führte. Dieses erschien allerdings bei Moshi Moshi. Eigentlich hatten wir nur ihnen nur ein Demo geschickt, weil wir endlich ein Konzert spielen wollten, aber sie sagten, dass sie gerne eine Platte von uns herausbringen würden. So war das damals. Zu der Zeit, wo wir bei Moshi Moshi unterschrieben, arbeitete ich selbst für Domino Records und hatte dadurch eine ganz eigene Sicht auf die Branche.“

Später bist du mit Hot Chip auch zu Domino übergesiedelt.

„Ja, wesentlich später. Das Label DFA gab es davor auch noch. In den letzten Jahren gelangten wir dann zu Domino.“

Hast du einen Ratschlag für all die unzähligen Newcomerbands da draußen, die unbedingt bekannt werden wollen?

„Aus meiner Sicht sollte man etwas Eigenes zu sagen haben.“

Es ist wichtig, originell zu sein.

„Und man muss wirklich viel Arbeit ins Üben, Schreiben und Aufnehmen stecken. Darüber hinaus gilt es zu akzeptieren, dass auch immer haufenweise Glück dazugehört. Zudem darfst du keine Angst haben, dich auszudrücken.“

Du selbst wurdest mit Hot Chip zum gefragten Künstler. Wie fühlt sich das für dich an?

„Das ist etwas ganz Besonderes. Ich kann von meiner Musik leben und sogar von der Musik, die ich mit meinen Freunden mache. Dass Leute eine emotionale Reaktion auf meine Musik zeigen, ist großartig. Ich weiß, wie es ist, die Musik anderer zu genießen. Das Gleiche mit Hot Chip, About Group oder solo erreichen zu können, ist super.“

Hast du eigentlich einen persönlichen Favoriten unter all den Tracks von Hot Chip?

„Ich mag ‚Alley Cats‘ und auch ‚Keep Fallin‘ von unserem ersten Album. Es ist schwer zu sagen, denn jedes Mal, wenn wir eine Platte machen, bin ich sehr stolz und glücklich über das Material. Vielleicht ist ‚Look At Where We Are‘ auch ein Stück, das ich sehr mag. Aufgrund seiner Produktion. Ich fühle mich auch nicht beschämt, wenn ich den Track höre.“

Fühlst du dich denn oft beschämt, wenn du deine eigenen Songs hörst?

„Selten habe ich das Bedürfnis, frühere Sachen erneut zu hören. Man ist da einfach irgendwann drüber hinweg. Vielleicht ist beschämt das falsche Wort.“

Dein neues Soloalbum „Await Barbarians“ erschien vor ein paar Tagen. Wie geht es dir damit?

„Wunderbar! Ich bin sehr stolz auf die Platte und hoffe, dass sie sich manch einer anhören wird. Eventuell als Vinyl oder CD. Denn wir haben auch dem Design viel Aufmerksamkeit geschenkt. Meiner Meinung nach lohnt es sich, das zu entdecken. Außerdem würde ich mich freuen, wenn Leute auch zu den Liveshows kommen. Genauso wie letzte Nacht. Der Gig war ausverkauft und es war schön, ein Publikum zu haben, das die Musik wertschätzt.“

Das Feedback gestern Abend war also ein gutes?

„Ja! Fantastisch!“

Weshalb kam es denn zu dem Titel „Await Barbarians“?

„Ich wählte den Titel als Referenz zu dem Gedicht ‚Waiting For The Barbarians‘ von Cavafy. Man findet den Hinweis in dem Song ‚Without A Crutch‘. ‚Without A Crutch‘ sollte anfangs entweder ‚Await Barbarians‘ oder ‚Without A Crutch‘ heißen. Nachdem ich mich für ‚Without A Crutch’ entschieden hatte, war mir klar, dass ich ‘Await Barbarians’ als Albumtitel möchte. Das hat wirklich viel mit meiner Vorliebe für das Gedicht zu tun. Und der Idee, wie man mit Dingen außerhalb der eigenen Person in Verbindung tritt. Was erwartest du vom Austausch zwischen dir und der Welt?“

Was magst du denn daran, allein zu arbeiten? Immerhin ist das schon dein zweites Soloalbum.

„Teilweise ist es schön, Musik zu machen, ohne dabei diskutieren zu müssen. Andernfalls will man manchmal auch genau das. Kollaborationen und die Rückmeldungen anderer Menschen. Bei ‚Await Barbarians‘ schien es genau richtig, auf mich allein gestellt zu sein. Es hat Spaß gemacht und war nicht wirklich schwer. Zudem konnte ich herausfinden, ob ich mit mir selbst kollaborieren kann.“

Wie gut hat das denn funktioniert?

„Ich bin zufrieden. Keine Ahnung, wie das andere sehen. Ich wollte einen bestimmten Punkt in meinem Leben zum Ausdruck bringen und das habe ich getan.“

„Await Barbarians“ klingt wesentlich gesetzter und ruhiger als das, was man sonst von Hot Chip oder About Group kennt. Siehst du das auch so?

„Absolut! Ich sehe das ganz genauso.“

Woher kommt diese Ruhe?

„Vielleicht daher, weil das genau die Musik ist, die ich alleine eben schreibe. Würde ich solche Songs zu Hot Chip oder About Group bringen, hätte das vermutlich nicht gepasst. Auch wenn einige der Tracks sicher auf dem Album von About Group funktioniert hätten. Ich weiß nicht, wie ich erklären soll, warum die Stücke leiser oder langsamer sind. Das ist die Art von Klängen, die ich mag.“

Mir gefallen traurige, sanfte Balladen.

„Ich verbrachte etliche Stunden in meinen Leben damit, frühe Platten von Neil Young oder Ähnliches zu hören.“

Was kannst du noch zu dem Entstehungsprozess von „Await Barabarians“ berichten?

„Ich kann verraten, dass ein Teil davon entstand, indem ich Träume aufnahm. Wen ich morgens mit einem Traum oder einer Idee aufwachte, versuchte ich das einzufangen. Diese kurzen flüchtigen Startpunkte, auf denen man aufbauen kann. Manche Songs fanden ihren Anfang hingegen, indem ich auf dem Klavier oder der auf der Gitarre herumspielte. Und wieder andere begannen mit ein paar Drum Machines.“

Alexis Taylor by Brian DeRan (2)

Hast du jemals gehört, dass du dem Prototyp des viel diskutierten Hipsters vom Aussehen her recht nahekommst?

„Nein, das hab ich noch nie gehört.“

Was denkst du denn über diesen ganzen Hipsterkram?

„Das interessiert mich überhaupt nicht. Es ist eine schlimm zu glauben, ich würde wie ein Hipster aussehen. Das sollte man schnell wieder vergessen.“ (lacht)

Wenn du der Interviewer wärst, mit welcher Frage würde dieses Gespräch enden?

„Sie wurde eigentlich schon gestellt, aber auch ich frage andere Musiker oft nach der Entstehung ihrer Aufnahmen. Mich interessiert ihr Songwriting, wie sie zu einem bestimmten Sound gelangt sind. Die Produktion ist auch oft spannend. Zum Beispiel würde ich so gerne erfahren, was jemanden wie Prince dazu bewegt hat, die eine oder andere Drum Machine auszuwählen. Das finde ich spannend, weil das wie ein Geheimnis ist.“

Vielen Dank, dass du dir Zeit für uns genommen hast und hoffentlich besteht die Möglichkeit, dich bald auf der Bühne zu sehen.

„Hoffentlich!“