Kultverdächtig: Alice Boman

In Musik by Martin

Es gibt die verschiedensten Stimmen. Manche sind stark und einnehmend, andere zart und zurückhaltend. Oft hängt es einzig von der passenden Inszenierung ab, ob eine bestimmte Klangfarbe dazu in der Lage ist, etwas in uns zu bewegen oder nicht. Im Rahmen unserer Rubrik „Kultverdächtig“ versuchen wir mit jedem neuen Beitrag auch ein weiteres Steinchen in das Mosaik einzufügen, dass das Spektrum menschlicher Stimmorgane ausmacht. Zurückhaltend, andächtig und gleichzeitig von größter Anmut präsentiert sich der Gesang jener Künstlerin, die wir euch heute vorstellen möchten: Die Soundminimalistin Alice Boman.

Der Reiz der Unvollkommenheit

Alice Boman by Susanne Erler (1)Was bedeutet Musik für dich?

Sie bedeutet nahezu alles für mich. Beziehungsweise wüsste ich nicht, wer und wo ich ohne sie wäre. Es scheint, als sei sie einfach ein großer Teil meines Lebens.

In der Nähe der südschwedischen Stadt Malmö, und nur einen Sprung vom Ozean entfernt, wächst Alice Boman in einem von Musik dominierten Elternhaus auf. Immer wieder stimmt ihr Vater Lieder an und animiert Alice und ihre beiden Geschwister zum Mitsingen. An den Nachmittagen sind es hingegen die regelmäßigen Besuche in einer Musikschule, die dem kleinen Mädchen ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern vermögen. Als ihr dann irgendwann ein Mixtape in die Hände fällt, auf dem sich Bob Dylans „I Want You“ befindet, hört Alice dieses, bis das Band anfängt, zu leiern und die eigentliche Melodie des Songs kaum noch zu vernehmen ist. Später gesellen sich zu dem amerikanischen Folksänger weitere Idole wie Neil Young, Nina Simone oder Bon Iver hinzu, die den Geschmack der 1987 geborenen Künstlerin maßgeblich beeinflussen.

Wann wusstest du, dass du professionell als Musikerin würdest arbeiten wollen?

„Das war schon immer ein Traum von mir, aber erst vor einem Jahr wurde mir klar, dass er tatsächlich wahr werden könnte.“

Um diesem Traum näherzukommen, setzt sich Alice Boman regelmäßig an das hauseigene Klavier und komponiert erste eigene Stücke. Damit diese nicht der Flüchtigkeit des Alltags zum Opfer fallen, beginnt sie zudem, die Songentwürfe mit einfachen Mitteln aufzunehmen. Dass genau diese Takes später zu ihrer ersten Veröffentlichung „Skisser“ führen würden, ahnt die Schwedin dabei nicht. Nachdem sie einige Tracks zusammengesammelt hat, schickt Alice schließlich ein Demo an Emil Isaksson vom Studio Möllan in Malmö. Dieser zeigt sich ganz begeistert von der naiven Schönheit der Stücke und entschließt, eine Empfehlung in Richtung des Labels Adrian Recordings auszusprechen, wo man Alice Boman schließlich unter Vertrag nimmt und alle fünf Titel in ihrer Ursprungsform als EP veröffentlicht.

SkisserEs ist ein bisschen seltsam für mich, weil ich nie gedacht hätte, dass irgendjemand diese Aufnahmen je hören würde.

Doch genau dies geschieht. „Waiting“, das vor nicht allzu langer Zeit noch als Untermalung für einen Werbespot eines großen deutschen Modehauses diente, bildet den Auftakt der EP „Skisser“. Die aufrichtige Tiefe des Songs und seine Zerbrechlichkeit sorgen für einen wahren Sturm von Liebesbriefen, der sich in der Folge durch die Artikel zahlreicher Journalisten rundum den Globus zieht. Dank der Unterstützung der richtigen Leute und ihrem Gefühl für Authentizität wird Alice Boman über Nacht zum echten Geheimtipp. Die Songwriterin selbst kann ihr Glück derweil kaum fassen, war „Waiting“ doch nur – ebenso wie die anderen vier Nummern auf der EP – eine unfertige Skizze gewesen. Nicht zuletzt erhält ihr Debüt deswegen auch den Namen „Skisser“, was übersetzt eben Skizzen bedeutet.

Deine Musik ist von einem sehr starken Lo-Fi-Charme geprägt. Was fasziniert dich daran?

„Ich mag Einfachheit und wenn sich Sachen nicht zu perfekt, erzwungen oder festgesetzt anhören. Wenn man an etwas nicht zu verbissen arbeitet, dann ist das Lo-Fi für mich.“

EP IIKurz nach dem Release ihres Erstlingswerkes steht Alice Boman plötzlich vor einem Problem. Wie soll sich die Einmaligkeit einer EP wie „Skisser“, die von der Liebe und dem Leben erzählt, zukünftig reproduzieren lassen? Wartet doch alle Welt schon sehnsüchtig auf einen Nachfolger der Platte und damit gleichzeitig auch auf weitere Ausflüge in ein Universum aus knisternden Melodien. Alice verlässt sich bei der Lösung des scheinbaren Dilemmas erstmalig auf die konsequente Kooperation mit anderen Musikern. Zusammen öffnet man ein neues Lo-Fi-Kapitel namens „EP II“ – eins, das vielleicht etwas stärker konzepierte Passagen beinhaltet, in seiner Wirkung jedoch absolut an seinen Vorgänger anknüpfen kann. Deutlich mehr Instrumente gesellen sich derweil zu den bezaubernden Klavierarrangements und verleihen Stücken wie „Be Mine“, „Over“ oder „Burns“ eine ganz eigene Dynamik. Als Vertreter für sanfte Minuten voller Sensibilität entsendet Alice Boman dieses Mal das nachhallende „What“.

Wenn man sich auf deiner Facebookseite oder deinem Tumblr-Account umsieht, scheint es so, als wärst du fasziniert von Schatten, Schemen und dumpfen Farben. Wieso?

„Ich kann gar nicht erklären, warum ich solche Dinge mag. Mir gefällt Trübes. Daran ist etwas sehr Beruhigendes.“

Aktuell tourt Alice Boman durch die unterschiedlichsten Länder. Hat sie eben noch der Berlin Musik Week einen Besuch abgestattet und durch drei wunderbare Auftritte begeistern können, versucht sie nun erstmals ihr Glück über dem großen Teich. Im Oktober wird es dann wiederum als Support ihrer Landsmännin Ane Brun auf Konzertreise gehen – eine echte Ehre, wie Alice sagt.

Ich kann es kaum erwarten, mit Ane zu touren. Sie ist großartig!

Was war denn die beste Show, die du je gespielt hast?

„Oh, das ist eine schwere Frage. Es gab einige schöne. Aber das eine Mal in London, das war ein ganz besonderer Auftritt. Publikum und Veranstaltungsort waren toll. Auf der Bühne fühlte es sich so gut an. Der Sound und wie wir alle gespielt haben. Dieses Gefühl, ich konnte danach gar nicht mehr aufhören zu grinsen.“

Wenn sie nicht hinter dem Mikrofon steht, um an den unterschiedlichsten Locations zu performen, dann schreibt Alice Boman meist an neuen Songs. Ob diese bald in einer ersten LP münden könnten, weiß die Schwedin jedoch nicht. Was hingegen absolut gewiss ist, dass auch sie einen Coversong für unsere Cover-Playlist beigesteuert hat.

„Ich entschied mich für ‚Blue Moon‘ von Big Star. Ihre Version des Liedes ist unglaublich, aber die, die ich meist gehört habe, ist ebenfalls ein Cover, und zwar von Kendal Johansson. Diese geht mir direkt unter die Haut und bringt mich in diese Stimmung, ihr wisst schon, diese emotionale Stimmung.“

Welchen Song deiner Kollegen aus der Cover-Playlist würdest du auf Anhieb gern noch ein zweites Mal hören?

Reba Hasko’s ‚Heart Of Gold‘.“

Dass Alice Boman sich generell gern mit der Arbeit anderer Musiker auseinandersetzt, verwundert insofern nicht, als dass sie auch in ihrer Heimat in ein gut funktionierendes Künstlernetzwerk eingebunden ist, aus dem sie stets Kraft und Inspiration schöpfen kann.

In Malmö, wo ich lebe, unterstützen sich die Musiker sehr. Eine wirklich tolle Atmosphäre. Keinerlei Wettbewerb.

Darüber hinaus sind es aber vor allem Filme, Bücher, Reisen, Geschichten anderer Menschen und verschiedene Gefühle, die Alice Boman dazu veranlassen, kreativ zu sein. Sie hat in der Musik ihre Ausdrucksform gefunden und gab dafür jüngst auch ihren Job als Personal Assistant auf.

Ich brauche eine Pause und bin gespannt, wie es sein wird, all meine Aufmerksamkeit in die Musik legen zu können.

Alice Boman by Susanne Erler (2)
Was würdest du unseren Lesern gerne noch abschließend mitgeben?

„Passt aufeinander auf!“

Kultverdächtig

Wir sind nicht die Ersten, denen das Ausnahmetalent Alice Boman aufgefallen ist. Die 27-Jährige ist regelmäßig Gast in den unzählbaren Listen, die sich damit beschäftigen, wer es innerhalb der Branche zu etwas bringen könnte. Aber ist das eigentlich wichtig? Spätestens, wenn Songs wie „All Eyes On You“, „What Are You Searching For“ oder „Be Mine“ erklingen, vergisst man eh alles um sich herum.

Gewinnspiel

Handsignierte Vinyl-Exemplare von Alice Bomans „EP II“ verlosen wir unter all denjenigen, die bis spätestens Mittwoch, den 24.09.2014, eine Mail mit dem Betreff „Alice Boman“ an martin@kultmucke.de geschickt haben. Die Ermittlung der Gewinner erfolgt per Zufall, der Rechtsweg ist ausgeschlossen und die Teilnahme ist nur aus Deutschland möglich.

Interessante Links

Tumblr-Account von Alice Boman

Alice Boman bei iTunes

Soundcloud-Profil von Alice Boman

Alice Boman bei Facebook

Fotos © by Susanne Erler