Kultverdächtig: Allie

In Musikby Martin

Manche Entscheidungen verlangen uns mehr ab als andere. Wer sich zum Beispiel für ein Leben als Musiker entscheidet, der lernt schnell, was harte Arbeit und Verzicht bedeuten. In den wenigsten Fällen verläuft die Karriere nämlich wie die eines sorglosen Rockstars, der von einer Party zur nächsten hüpft, zwischendurch in seinem Geld badet und ab und zu einen Hit aufnimmt. Dennoch gibt es immer wieder junge Menschen, die den harten Weg ins Business antreten. So zum Beispiel der Wahlberliner Allie.

Leise Popmusik

Allie by Susanne Erler (2)Was bedeutet Musik für dich?

Recht viel. Ich bin aber gar nicht sicher, wo sie anfängt und aufhört. Deshalb kann ich mir auch nicht vorstellen, was ohne sie wäre.

Einen Beginn datieren zu wollen, an dem Florian Boss, wie Allie mit bürgerlichem Namen heißt, von der Musik gepackt und nicht mehr losgelassen wurde, ist schier unmöglich. Vermutlich tanzte er schon als Ungeborener zu all den Klängen, die ihn im Uterus seiner Mutter umgaben. Zumindest würde das im Ansatz erklären, warum Allie bei seinen Songs immer wieder Soundschnipsel miteinander kombiniert, die klingen, als würde man sie durch Milchglas hören. Mit größter Finesse erschafft er so wieder und wieder berührende Melodien voller fragiler Wahrhaftigkeit. Leise Popmusik eben.

Wo würdest du dich und deine Musik stilistisch einordnen?

„Weiß immer gar nicht, was ich darauf antworten soll, weil die Einordnung ja nicht mein Job ist. Ich sag eigentlich immer nur, welche Instrumente ich spiele. Gesang, Synthesizer, Beats und Gitarre.“

Schon früh macht sich Allie mithilfe dieser Werkzeuge an die Verwirklichung von Ideen, die in seinem Kopf herumschwirren und seine Gedanken umtreiben. „Mimi king“ stellt 2010 ein erstes auf LP-Länge konzipiertes Ergebnis destillierter Tagträume dar und gibt in Ansätzen die akustische Richtung vor, der Allie auch in den folgenden Jahren und mit den Alben „New friends“ (2011) und „Uncanny Valley“ (2013) nachspüren wird. Von Platte zu Platte werden seine Kompositionen dabei mutiger und experimenteller, verlieren jedoch nie ihren hausgemachten Lo-Fi-Charme. Im Gegenteil. Die daran gebundene Unperfektheit wird zu Allies Markenzeichen und macht ihn auch für Freunde von Ry X oder den Leipziger Peter Piek interessant.

Wie bewertest du deine ersten drei LPs nachträglich?

„Immer kurz nach Veröffentlichung eines Albums, oder sogar noch davor, fang ich damit an, beim Hören des Albums bestimmte Entscheidungen nicht mehr nachvollziehen zu können. Daran merke ich, dass ich mich langsam von dem Projekt löse und bald bereit für Neues bin. Das ist natürlich auch vor langer Zeit mit meinen ersten drei Alben schon passiert. Nach ‚Mimi king‘ dachte ich, warum schreibe ich Songs auf Deutsch? Bei ‚New friends‘ fragte ich mich, warum die Platte so autobiografisch ist und bei ‚Uncanny Valley‘, warum ich so schlampig gespielt habe.“

Ich habe aber immer sehr viel Respekt vor vergangenen musikalischen Entscheidungen, weil ich versuche, sie so gewissenhaft wie möglich zu treffen. Jedes Album steht für einen Stand in meinem Werdegang. Deshalb kann ich alle Alben auch heute noch ohne Schuldgefühle verkaufen.

Reflektiert blickt Allie auf den Pfad zurück, der heute hinter ihm liegt. An seinen Erfahrungen gereift gelangt er irgendwann zu der Erkenntnis, dass es allem voran seine eigenen Visionen sind, aus denen er Kraft schöpfen und auf die er sich immer verlassen kann. Zudem ist er überzeugt, dass es sich stets lohnt, nach seinem eigenen Weg zu suchen und dass man hinter dem, was man macht, auch zu hundert Prozent stehen sollte. Und so beschließt der Songwriter und DJ, dass auch das negative Feedback seines Labels zu den Demos für sein viertes Album ihn nicht von der Idee abbringen kann, dieses trotzdem aufzunehmen. Zur Not im Alleingang.

Allie - Allie„Ich bin das Album mit viel mehr Sorgfalt und Genauigkeit angegangen als die vorherigen, habe lange an Sounds gefeilt und mich nicht mehr so schnell zufriedengegeben. Auch für einzelne Vocals habe ich mir tagelang Zeit genommen und nicht nur ein paar Stunden, wie es meist im Studio der Fall ist. So konnte ich viel ausprobieren, verschiedene Klänge und Stimmen übereinander schichten. Dabei habe ich einfach komplett meinem eigenen Ohr vertraut und versucht, die Studioerfahrung des letzten Albums auf meine Homerecordings zu übertragen. Ich habe noch nie vorher Musik gemacht, bei der alles genauso war, wie ich es haben wollte.“

Selbstbewusst betitelt Allie die entsprechende LP mit dem eigenen Alias, den er übrigens einst wählte, da es ihn nach einem simplen Pseudonym verlangte, das er bei Shows und Interviews gern aussprechen würde – auch ohne weitere Bedeutung.

Inwiefern war „Allie“ genau die Platte, die nun deinen Namen tragen sollte?

„Bei diesem Album hatte ich, anders als beim vorherigen, alle Fäden selbst in der Hand. Ich habe es selbst aufgenommen, selbst produziert und selbst gemischt. Darüber hinaus habe ich das Artwork entwickelt und mein eigenes Netzwerk aus Künstlern wie Black Cracker, Nuño und houaïda für Gastauftritte genutzt. Die Idee dahinter war, alle künstlerischen und technischen Ressourcen, die ich bisher angesammelt hatte, so gut wie möglich auszuschöpfen. Daher dachte ich, wenn es eine Platte gibt, die meinen Namen tragen muss, dann ist es diese.“

Textlich erzählt „Allie“ von Charakteren, die sich selbst gern ein wenig erhöhen und in ihrer Überheblichkeit baden – jedoch auf charmante Art und Weise. Getragen von tiefschürfenden, elektronischen Sounds sowie der fast schon wispernden Stimme von Florian Boss entspinnt sich so ein recht eigensinniges, jedoch stets spannendes akustisches Schauspiel, das man in dieser Art noch nicht gehört hat.

„Die Figuren sind einerseits anmaßend, haben aber auch diesen inneren Stolz, wie Figuren in einem Film von Wes Anderson. Das spiegelt sich auch im Pathos der Musik wider. Die Stücke sollen emotional treffen, mit den Chören, den großen Synthesizern, sollen kitschig, aber nicht lächerlich sein.“

„Allie“ spiegelt damit gleichzeitig die Kreativität und Entschlossenheit einer neuen Generation von Künstlern wider, die es aufgegeben hat, sich wieder und wieder vergleichen und nach der Eigenständigkeit ihres Wirkens fragen zu lassen, sondern stattdessen unbeirrt an die Tragweite des Handelns glaubt, und zwar auch in Tagen, in denen die Musikindustrie geschwächter als je zuvor dasteht.

Welchen Rat würdest du anderen Newcomern geben, die die Musikindustrie entern wollen?

„Sich zuerst von der Idee zu verabschieden, dass man irgendetwas ‚entert‘. Wenn überhaupt wird das eigene künstlerische Projekt von der Industrie geentert. Die Frage ist, ob man das zulässt beziehungsweise sich sogar darum bewirbt.“

Ich würde jedem raten, so viel wie möglich selber zu machen und nur dort auf die traurigen Überreste der ewiggestrigen Musikindustrie zurückzugreifen, wo es wirklich nicht anders geht. Aber erstmal: You can do it yourself!

Es ist schon beachtlich, wie selbstsicher und aufgeklärt sich Allie innerhalb der Branche und auch an deren Rändern entlang bewegt. Er selbst sieht die Gründe dafür in der Tatsache, dass ihm vor allem befreundete Acts wie Sea + Air bewusst gemacht haben, dass man kein Superstar sein muss, um von der eigenen Musik leben zu können. Dass das, wie eingangs erwähnt, an harte Arbeit und manchmal auch herbe Enttäuschungen geknüpft ist, steht auf einem anderen Blatt geschrieben. Wie gut Allie dies jedoch verstanden zu haben scheint, machen seine Schilderungen deutlich, fragt man ihn nach dem schlimmsten und dem schönsten Moment innerhalb seiner Karriere. Beide Male zitiert er einen Auftritt an einem Novembertag in Woodstock, als er vor Aufregung seine Stimme verlor.

„Fast niemand war im Publikum, außer der anderen Bands auf dem Poster. Der Besitzer des Clubs wollte deshalb nicht mal die Heizung anmachen und bis kurz vor dem Auftritt wusste ich gar nicht, ob ich überhaupt spielen kann oder will. Nach meinem Set setzte sich ein altes Ehepaar zu mir und sagte: We hope you know how good you are.“

Inspiriert von Filmen, die für ihn eine unversiegbare Eingebungsquelle darstellen, und Acts wie Drake, Future, Michael Jackson aber auch Enya folgt Allie unbeirrt seinen Intuitionen und irgendwie werden wir das Gefühl nicht los, dass genau darin sein Schlüssel zum Erfolg liegen könnte.

Gibt es Entscheidungen, die du in deiner bisherigen Laufbahn nachträglich bereust?

„Ich hab letztens gedacht, dass Zeit ja eigentlich viel kostbarer ist als Geld, es aber gleichzeitig viel schwerer ist, Zeit zu verschwenden. Wenn man Geld verschwendet, ist es einfach weg. Da hängt keine Erfahrung dran. Man kann ziemlich genau sagen, ob sich das jetzt gelohnt hat oder nicht. Aber wann kann man schon sagen, dass eine bestimmte Zeit völlig nutzlos war und man nicht zumindest im Nachhinein irgendetwas daraus gelernt hat? Deshalb bereue ich eigentlich nur, wenn ich Geld verschwende.“

Allie by Susanne Erler (3)

Nicht selten kommt es vor, dass sich Allie auch an den Kompositionen anderer Musiker versucht. So entstanden unter anderem Neuinterpretationen von Jaguar Loves „A Prostitute, An Angel“, Kendrick Lamars „Money Trees“, Frankie Goes To Hollywoods „The Power Of Love“, Moonfaces „Fast Peter“ oder Stockholms „We’ll Be Okay“, die sich dann und wann auch in Allies Live-Set wiederfinden lassen. Wir machten uns die bereits vorhandene Leidenschaft zunutze und baten Allie um einen exklusiven Covertrack im Rahmen dieses Features. Aufgrund des Kontrasts zwischen seiner dancelastigen, heiteren Instrumentierung und dem zugrunde liegenden tragischen Text entschied sich Allie für Donna Summers „Say Something Nice“.

„Der Track handelt von einer Frau, die traurig ist, und falsche Komplimente für ihr Äußeres hören will, um sich besser zu fühlen. Sie bekommt diese aber nicht. Das ist ein sehr altmodisches Frauenbild, aber ich mag es, wenn durch Klischees ein tieferer Gemütszustand ausgedrückt wird, mit dem man sich dann trotz der Klischees identifizieren kann.“

Wie viel Allie konntest du in deine Version des Tracks stecken?

„Ziemlich viel, aber eher im Stil meiner ersten beiden Alben, die eher homerecordingmäßig und reduzierter klingen. Das liegt besonders daran, dass ich nicht die Möglichkeiten habe, spontan was in guter Qualität aufzunehmen. Weiß auch gar nicht, wie das alle anderen hingekriegt haben.“

Zu guter Letzt, erlaube uns noch die Frage danach, wie du deine im Oktober und November absolvierte Tour, die wir präsentieren durften, erlebt hast?

„Ich war sieben Wochen unterwegs, hab fast dreißig Konzerte in Deutschland, Italien, Frankreich, Polen, Tschechien und der Schweiz gespielt. Da war von allem was dabei.“

Das schönste Konzert war aber das in meiner Heimatstadt Berlin. Das hat mir viel bedeutet.

Gewinnspiel

Um abschließend Allies „Allie“ auf CD zu gewinnen, schickt einfach eine Mail mit dem Betreff „Allie“ an martin@kultmucke.de. Einsendeschluss ist der kommende Freitag, der 05.02.2016. Die Teilnahme ist nur aus Deutschland möglich und der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Viel Erfolg!

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