Ein sonntäglicher Kirchgang der besonderen Art

In Berlin by Martin

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Die Glocken läuten nicht und doch versammelt sich eine riesige Menschenschar am Sonntag, den 20.10.2013, vor den massiven Toren der Berliner Passionskirche. Das eindrucksvolle Gebäude in Kreuzberg lädt erneut zu einem seiner hochgelobten Konzerte ein und zahlreiche Musikgläubige folgen jenem Ruf. Gegen 19 Uhr beginnen die schweren Pforten zu knarren und der Pulk Wartender wird langsam in das Herz des Bauwerks geschleust. Drinnen erwartet die Besucher eine sanft beleuchtete Szenerie, die beinahe an eine geheimnisumwitterte Grotte erinnert. Einmal Platz genommen, dabei vielleicht noch ein Bier in der Hand, was bei einem Kirchenbesuch doch etwas seltsam anmutet, beginnt ein großartiges Spektakel, von dem die Hauptstadt noch lange zehren wird. Ane Brun ist zurück in Berlin.

Während das Licht im Kreuzgewölbe langsam gedämmt wird, verrät ein Blick durch die Zuschauerreihen, dass sich auch ein Teil der nordischen Musikprominenz im Publikum versammelt hat. Sei es Sarah Assbring alias El Perro Del Mar, New Found Lands Anna Roxenholt oder unsere “Kultverdächtig”- Künstlerin LUAI, sie alle möchten sich den Auftritt der Ikone Ane Brun keinesfalls verpassen. Doch bevor diese die Bühne entert, legt erst einmal das schwedische Experimental-Jazz-Ensemble Tonbruket , welches anschließend auch als Band der norwegischen Sängerin fungieren wird, einen famosen Auftakt hin. Schwere Synthies verschmelzen mit organischen Bass-, Gitarren- und Klavierklängen zu einem schmackhaften Soundgemisch, das in der imposanten Kulisse auch auf visueller Ebene effektvoll unterstrichen wird. Und dann ist es soweit. Zu dem geschmeidigen “The Light From One” tänzelt Ane Brun auf die Bühne. Mit Kurzhaarfrisur und in ein wallendes Gewand gehüllt, verkörpert sie so das Bild einer eigenwilligen, modernen Gospeldiva. Eine zehnjährige Karriere liegt nun schon hinter der gefeierten Songwriterin und für ihre erste Best-Of-Tour hat sie sich Ane Brun genüsslich im eigenen, gut gefüllten Backkatalog bedient.

Ich musste aus über vierzig Songs auswählen. Ich hoffe, für jeden sind zumindest zwei oder drei dabei, die er sich gewünscht hat.

In der Tat dürfte ein jeder Konzertbesucher in der umfangreichen Setlist den einen oder anderen seiner Lieblinge wiederfinden. Allerdings scheut sich Ane Brun auch nicht, die Skizzen ihrer Hits durch neue Arrangements zu ergänzen. So klingt “The Puzzle” ungewohnt poppig und “To Let Myself Go” wird zur hypnotischen, Chakren befreienden Endzeithymne. Auch “This Voice” platzt vor angestauter Energie, was nicht zuletzt an den zwei auf der Bühne befindlichen Schlagzeugen liegt, während “Oh Love” süßlich die Ohren küsst und ihre erste Erfolgssingle “Humming One Of Your Songs” auch nach Jahren noch im Glanz seiner Geburtsstunde erstrahlt. Dass Ane Brun gern mit ihr vertrauten, langjährigen Freunden zusammenarbeitet, zeigt sich dann, als sie ihre Duettpartnerin für das ursprünglich mit José Gonzales eingespielte “Worship” präsentiert. Echte Kenner hatten die braunhaarige Schönheit schon zu Beginn des Konzertes erkannt, allen anderen wird Nina Kinert nun ausgiebig vorgestellt. Ein unsichtbares Band webt sich um die beiden Vollblutmusikerinnen, welches anschließend durch den hallenden Applaus seitens des Publikums in seiner Existenz bestätigt wird. Selten hat man eine derartig intimes Zusammenspiel zweier Künstler erlebt. Zu den donnernden Melodien von “Do You Remember” verlässt Ane Brun schließlich den Saal, um kurz darauf auch schon für die Zugabe zurückzukehren. Einzig vom Klavier begleitet interpretiert sie so Cyndie Laupers “True Colors”, bevor “These Days” die Zuhörer dazu veranlasst, aufzustehen und mit Standing Ovations ihre Begeisterung zum Ausdruck zu bringen. Auch während der zweiten Zugabe, die die emotionale Version des Alpha Ville Klassikers “Big In Japan”, das markerschütternde “Don’t Leave” und “Undertow” als finalen Track enthält, spürt man mit jeder Faser die Freude der Konzertbesucher über dieses wunderschöne akustische Schauspiel. Es hat lange nicht mehr so viel Spaß bereitet, für fast zwei Stunden auf den hölzernen Bänken einer Kirche ausharren zu müssen. Ane Brun gehört wahrlich zu den ganz Großen. Vielen Dank für einen sensationellen Abend!