Die Frau der vielen Gesichter: ANOHNI live

In Berlin von Martin

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Ein dickes, rotes Kreuz im Kalender verriet es bereits im Vorhinein: Wir waren derart gespannt auf den Auftritt von ANOHNI im Tempodrom, dass es mit einem heftigen Kribbeln in die Hallen des imposanten Veranstaltungsortes ging. Kaum eine Künstlerin hatte uns in diesem Jahr mehr überzeugen können, als es die transexuelle, ehemals als Antony Hegarty bekannte ANOHNI mit ihrem Album „Hopelessness“ getan hatte. Doch war die Sängerin in der Lage, den mahnenden und gleichzeitig hochgradig pulsierenden Charakter ihres aktuellen Meisterwerks auch auf die Bühne zu übertragen? Wir schauen auf einen fesselnden Konzertabend zurück.

Der stilistische Umschwung, der sich zwischen ANOHNIs bisherigen Platten und dem zuletzt erschienenen „Hopelessness“ erkennen lässt, wurde bereits ausgiebig in der Fachpresse diskutiert. Aus unserer Sicht zählt ANOHNIs Metamorphose vom gefeierten androgynen Gospelkönig hin zur gesellschaftskritischen Stroboskopdiva zu einer der spannendsten innerhalb der modernen Popkultur. Die 44-Jährige ist zum Inbegriff einer sozialkritischen Revoluzzerin geworden, die sich durch ein hohes Maß an Authentizität und wahrhaftiger Passion auszeichnet. Und genau dies lässt sich auch während ihrer rund 65-minütigen Berlinshow feststsellen.
Walzende, fast lautlose Beats bringen das Publikum zum Schweigen, während die riesige Leinwand in der Mitte der Bühne einen bunkerartigen Raum auszuleuchten beginnt, in dessen Innerem Naomi Campbell sich anmutig bewegt. Es handelt sich um Material von den Dreharbeiten zum Video „Drone Bomb Me“, welches ANOHNI bereits im Februar veröffentlicht hatte. Man könnte eine Stecknadel fallen hören, so gebannt schauen die Menschen auf das schwarz-weiße Bild und fahren jede einzelne Rundung von Campbells perfektem Körper ab. Dann verschwindet die farbige Schönheit und gibt die Sicht auf ein blutendes Gesicht frei – begleitet von dem Song „Hoplessness“, zu dem auch ANOHNI die Bühne betritt. Die Sängerin ist in ein weißes, wallendes Gewand gehüllt. Das Gesicht mit einem schwarzen Tuch bedeckt. Mehr wird sie an diesem Abend, zumindest optisch, nicht von sich preisgeben. Stellvertretend lässt ANOHNI ihre Zuschauer in zahlreiche weibliche Charaktergesichter blicken. Darunter auch langjährige Kolleginnen wie Kembra Pfahler und Johanna Constantine. Allesamt singen sie die Lyrics, die ANOHNI indes live und mit kristallklarer Stimme performt. Mit der Dezentrierung ihrer eigenen Person beschwört die Britin eine transzendente Grundstimmung herauf, von der die jubelnde Masse gar nicht genug bekommen kann.

ANOHNI live (2)

Ohne Unterbrechungen oder Zwischenbemerkungen nimmt das audiovisuelle Spektakel seinen Lauf. Selbstbewusst ignoriert ANOHNI derweil ihr musikalisches Vorleben als Antony Hegarty und präsentiert stattdessen sämtliche neue Tracks sowie eine Handvoll weiterer Stücke, bei denen es sich um B-Seiten zu „Hopelessness“ handeln dürfte. Wie bei einem gut funktionierenden Uhrwerk haken die einzelnen Teile der Setlist ineinander und streben einem großartigen Finale entgegen, das darin gipfelt, dass eine verhärmte, uralt und weise aussehende Frau sich und dem Publikum die Frage stellt, wohin es mit unserer Welt noch gehen wird. ANOHNI kniet derweil ehrfurchtsvoll vor ihr nieder.
Es endet ein Konzert, das man zweifelsohne als Kunstwerk bezeichnen kann. Ohne viel Klimbim, ohne Orchester oder Backgroundsänger, dafür aber mit der Hilfe zweier Programmierer und einem bis ins letzte Detail durchdachten Konzept, hat ANOHNI eine jener Shows erschaffen, die man sofort nach Verstummen der letzten Note noch einmal zurückspulen und erneut erleben möchte. Elektrisierend, politisch, schlicht phänomenal!