Balsam für die Seele: SEA + AIR im Berliner Lido

In Berlin by Martin

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Wenn es draußen ungemütlich wird, die Kälte durch Mark und Bein zieht und die Nacht wesentlich früher beginnt als gedacht, dann steht der Herbst vor der Tür. Verabschieden wir uns nun also von der sehnsüchtigen Hoffnung, dass der Sommer nach seiner recht kurzen Blüte noch einmal zu uns zurückkehren wird, und freunden uns stattdessen mit dem Gedanken an, die braun gebrannte Haut unter dicken Pullis und langen Hosen verstecken zu müssen. Gerade jetzt, wo das Licht schwindet und das Gezwitscher der Vögel langsam aber sicher verstummt, braucht die Seele einen Ausgleich, einen Puffer, der uns vor Depression und Trübsal schützt. Was gibt es da Schöneres als ein herzerwärmendes Konzert? Und genau von einem solchen, gilt es heute zu berichten. Kultmucke hat SEA + AIR einen Besuch im Berliner Lido abgestattet.

In roten Stoff ist die Bühne des Clubs an der Schlesischen Straße gehüllt, davor mehrere Reihen festlicher Stühle. Derart herrschaftlich hat man das Lido nur selten gesehen. Überzeugt es doch sonst eher durch seine charmante Prom-Night-Attitüde. Plötzlich wird es dunkel und zwei Schatten betreten die schummrige Szenerie. Im Hintergrund peitschen Geigenarrangements erregt durch Raum und Zeit, Streichhölzer flackern auf und beleuchten die Gesichter jener beiden Musiker, die in den nächsten 1 ½ Stunden für einen fulminanten Auftritt sorgen werden. Sie und er, die See und die Luft, SEA + AIR. Mit „Take Me For A Ride“ eröffnet das Duo, bestehend aus Eleni Zafiriadou und Daniel Benjamin, sein Set. Der magische Track, der ebenfalls als Opener des Albums „My Heart’s Sick Chord“ fungiert, entspinnt behutsam seine Fäden und formt gleichsam ein stabiles Band, das bis zum letzten Ton des Abends, das Publikum und die beiden Hauptakteure miteinander verbinden wird. Der Folgetrack „You & I“ verdeutlicht das perfekte Zusammenspiel von Daniel und Eleni, die nicht nur Kollegen, sondern eben auch ein sich liebendes Ehepaar sind. Die gegenseitige Anziehung knistert noch leise durch die Luft, da greift Daniel zum Mikrofon, um flüsternd die Menschen in dem gut gefüllten Saal zu begrüßen. „Wir sind SEA und AIR, wir sind aus Europa“, sagt er mit einem Grinsen auf dem Gesicht. Vielleicht spielt der Singer Songwriter damit auf die Odyssee der letzten zwei Jahre an, innerhalb derer SEA + AIR fast pausenlos um den Globus und eben voranging auch durch Europa getourt sind, was letztendlich dazu geführt haben dürfte, dass die beiden ihr Zuhause nur selten von innen gesehen haben.

„Do Animals Cry?“ verwandelt anschließend das Lido kurzzeitig in einen Rockpalast, bis das Cover von Peter Gabriels „Mercy Street“ und der damit verbundene hypnotische Gesang von Eleni wie sanfter Regen auf das Publikum einprasseln. Zum Finale des Stückes kratzt Daniel über die Saiten seiner E-Gitarre und grüßt den Soundmann. Jedoch nicht, ohne die Anekdote zum Besten zu geben, wie dieser gern in die Künstlersozialkasse aufgenommen werden wollte, aufgrund seiner Berufsbezeichnung aber abgelehnt wurde. „Er sollte es mal als Sounddesigner probieren“, witzelt der Sänger und beweist damit gleichzeitig, dass die Livesituation auch immer ein wenig von Humor und Frohsinn lebt. Zu „Yeah I Know“ reißt es die Leute von ihren Stühlen. Es wird getanzt, in die Hände geklatscht, mit den Beinen gestampft und zunehmend kristallisiert sich die Erkenntnis heraus, dass dort auf der Bühne zwei echte Multiinstrumentalisten stehen. Ob Cembalo, Gitarre, Schlagzeug, E-Gitarre, Keyboard oder sonstige Gerätschaften, SEA + AIR scheinen sie alle mit Leichtigkeit zu beherrschen. Da wundert es dann auch nicht mehr, wenn Daniel bei einem Track gleichzeitig auf das Schlagzeug eintrommelt, seine Gitarre stimmt und einen heruntergefallenen Drumstick vom Boden aufhebt. Multitasking für Fortgeschrittene. Im weiteren Verlauf präsentieren die beiden Vollblutkünstler einige Stücke, die sie in den letzten Monaten komponiert haben und bewerben in einem kleinen Gedicht ihr Merchandise und Facebookseite.

Die NPD hat mehr Likes als wir! Das muss doch geändert werden, oder?

Die aktuelle Single „Dirty Love“, die momentan auf Platz 4 der Campuscharts beherbergt ist, leitet dann zum ewigen Sommerhit „Heart Of The Rainbow“ über, bei dem SEA + AIR sich von ihrer aggressiven Seite zeigen, auf ihre Instrumente einprügeln und doch stets den Takt wahren. Dann verschwinden sie. Natürlich nur, um wenig später für eine großartige Zugabe zurückzukehren. Ein weiterer unveröffentlichter Track wird enthüllt und Daniel bittet die Zuhörer, ihre Schlüssel aus den Taschen zu kramen, um das Stück damit zu begleiten. Wie ein einziges großes Mantra verschmelzen die Kling-Klang-Geräusche mit dem Song und hinterlassen eine staunende Menge. „You Are“ beendet dann schließlich dieses unvergessliche Konzert und legt sich wie ein sanfter Film auf die Seele. Es ist mucksmäuschenstill im Lido. Nur das Klirren von Gläsern und Flaschen seitens der Bar ist zu hören und so verliert sich die Unendlichkeit in diesem einen Moment.