Der Mann hinter Bang Gang: Barði Jóhannsson im Interview

In Musikby Martin

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Androgyn, geistreich, geheimnisumwoben – der Isländer Barði Jóhannsson mag vielleicht auf den ersten Blick nach einem akustischen Antihelden aussehen, doch in ihm steckt das Potenzial eines kompletten Klanguniversums. Gleich einer auditiven Supernova brennt der 39-Jährige vor Kreativität und überrascht immer wieder durch seine ausdrucksstarken Kompositionen.

Internationale Aufmerksamkeit erlangte Barði Jóhannsson in den Neunziger Jahren durch seine Veröffentlichungen als Bang Gang. Seither schätzt man seine Werke für ihre Downtempo-Attitüde, die ihre Arme mal gen Trip-Hop und dann auch wieder in Richtung Dream Pop ausstrecken. Nachdem mit „Out of the Horizon“ vor Kurzem ein erster Vorbote auf das kommende, vierte Album von Bang Gang erschien, zeigt sich die Musikgemeinde gespannt – sind doch sonst kaum Infos zur neuen LP zu finden. Wir haben die Gelegenheit genutzt und Barði Jóhannsson ein paar exklusive Fragen geschickt, um etwas Licht ins noch trübe Dunkel zu bringen.

Bang Gang by Xi Sinsong (1)Barði, was bewegt dich dieser Tage?

„Gerade freut mich, dass du den isländischen Buchstaben “ð“ in meinem Namen verwendet hast. Ansonsten beschäftigt mich aktuell die Freiheit, und zwar in jedweder Hinsicht.“

Als du Bang Gang in den Neunzigern gegründet hast, hättest du dir da vorstellen können, dass das Projekt bis heute bestehen würde?

„Ich habe noch nie wirklich über Zeit nachgedacht.“

Manchmal fühlt sich ein ganzes Jahr wie ein einziger Tag in meinem Kopf an.

Mein Plan ist es, solange mit Bang Gang weiterzumachen, wie ich etwas in dem Genre auszudrücken habe, in das Bang Gang gehört.“

Bist du manchmal überrascht, noch immer Teil der Musikindustrie zu sein – vor allem, wo es für euch Künstler zunehmend härter wird?

„Es ist wirklich sehr anders als noch vor Jahren. Damals habe ich ein bis zwei Pressetage pro Land angesetzt und schon waren all die wichtigen Magazine abgedeckt. Heute musst du immerzu Promo machen. Dadurch hat man weniger Zeit für die Musik. Wenn ich mich aber einer Sache verschrieben habe, dann komplett.“

Wenn du es nachträglich bewertest, würdest du sagen, dass Bang Gang der richtige Name für dein Projekt war?

„2003, nachdem mein erstes Album veröffentlicht war, wollte ich den Namen ändern, aber meine Plattenfirma riet mir aufgrund des positiven Feedbacks davon ab. Ich habe nie gedacht, dass Bang Gang gut zu dem Geist der Band passen würde, aber die Worte sehen geschrieben schön aus. Meinen richtigen Namen verwende ich hingegen gern für Scores oder Klassische Musik. Der Grund, weswegen ich mich damals für das Pseudonym entschieden habe, war, dass ich aus dem Blauen heraus einen Song geschrieben hatte, den ein Label veröffentlichen wollte. Kurz zuvor hatte ich bereits eine 7“ mit meinem Freund Henrik als Bang Gang herausgebracht. Da ich plötzlich einen Namen brauchte und mir nichts Gescheites einfiel, fragte ich Henrik, ob ich Bang Gang nutzen dürfte. Seitdem blieb ich dem Ganzen treu. Damals war das Internet noch nicht so populär und ich hätte nicht erwartet, dass man bei der Suche nach Bang Gang mit irgendwelchen sexuellen Inhalten konfrontiert werden könnte.“

Wie viel der Privatperson Barði Jóhannsson steckt in Bang Gang?

„Das ist schwer zu sagen. Die Texte und Melodien sind natürlich stark mit mir verbunden, aber ich benutze keine Bilder aus meinem Privatleben, um meine Musik zu bewerben.“

Ich finde, es ist sehr armselig, wenn man seine Familie benutzt, um Platten zu verkaufen.

Vermutlich hasst du Fragen zu deinem Heimatland und wie es deine Musik beeinflusst hat. Warum denkst du aber, sind so viele Leute genau daran interessiert?

„Das ist die eine Frage, bei der ich mir sicher sein kann, dass sie mir fast immer gestellt wird. Meine Musik klingt eher französisch als isländisch, aber ich bin nun mal Isländer und dadurch ist es natürlich auch irgendwie verständlich, dass meine Heimat einen Einfluss auf mich hat. Allerdings gehöre ich in Island keinem Genre und auch keiner bestimmten Bewegung an. Ich bin wie eine Insel.”

Entschleunigung und Reduziertheit sind große Motive innerhalb der modernen Popmusik. Inwiefern kann man diese auch in deinen Arbeiten finden?

Lou Reed sagte mal, ein Akkord sei fein, zwei brächten alles voran und mit drei Akkorden sei man im Jazz. Manchmal mache ich einfache Songs und manchmal komplexere. Oft ist es schwerer ein simples Stück zu schreiben, das die Aufmerksamkeit fängt, als etwas Vielschichtiges.“

Deine Musik wurde oft in Filmen verwendet. Warum passen deine Sounds so gut zu bewegten Bildern?

„Wenn ich schreibe, stelle ich mir die Geschichten meist als mentales Szenario vor. Deswegen klingen manche Stücke vielleicht sehr cineastisch.“

Bist du noch immer stolz auf deine früheren Alben “You”, “Something Wrong” und “Ghost from the Past”?

„Um ehrlich zu sein, ja. Ich mag die Energie bei ‚You‘, ‚Something Wrong‘ ist weich und verträumt und auf ‚Ghosts from the Past‘ gibt es ein paar wirklich gute Kompositionen. Natürlich sind da auch Dinge, die ich ändern würde, aber so ist das immer.“

Ich kann die alten Songs noch immer spielen, ohne zu erröten.

Du hast mit Jean-Benoît Dunkel ein Projekt namens Starwalker und mit Keren Ann das Duo Lady & Bird auf die Beine gestellt. Was magst du an der Zusammenarbeit mit Kollegen?

„Diese Kollaborationen waren großartig. Dadurch konnte ich neue Dinge erkunden. Das Gute ist auch, dass wir alle unsere eigenen Bands haben. Somit sind wir offen gewesen, neue musikalische Territorien zu erkunden, ohne aneinanderzugeraten. Wenn man sonst viel alleine arbeitet, ist es zudem schön, mal etwas mit anderen zusammen zu machen. Diese Leute sind fabelhaft.“

Bald wirst du das vierte Album mit Bang Gang veröffentlichen. Was erwartet uns?

„Die neue Platte ist eine gute Mischung aus ihren Vorgängern. Vielleicht eine Kreuzung aus ‚Ghosts from the Past‘ und ‚Something Wrong‘.“

„Out of the Horizon” ist die erste Single von deinem neuen Album. Was macht den Song zu einem guten Vorgeschmack?

„Ich wollte unbedingt ein Up-Tempo-Stück als erste Single veröffentlichen. Auf dem Album wird es sowohl die dunkelsten als auch glücklichsten Stücke zu finden geben, die ich bisher geschrieben habe.“

Wie ist es, wenn man neue Tracks das erste Mal auf der Bühne einem Publikum präsentiert?

„An dieser Stelle muss ich Mayhem zitieren: ‚Wenn die Leute es nicht mögen, scheiß auf sie.‘ Ich bin generell schon angespannt bei Auftritten. Natürlich ist es schön, nette Rückmeldungen zu bekommen. Eigentlich mache ich Musik aber für mich selbst und sehe es eher als Bonus an, wenn sie auch anderen gefällt.“

Bang Gang by Saga Sig (1)