Berlin Music Week: Tag 3

In Berlinby Martin

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Das Leben eines Musikredakteurs kann schon anstrengend sein. Als sich das Kultmucke-Team gestern, nach vorangegangenen 48 Stunden, auf den Weg zum dritten Tag der Berlin Music Week machte, gab es hier und da ein paar Beschwerden, dass die Füße langsam schwer würden, der Magen immerzu knurre, weil man kaum zum Essen komme, und der schon Mund förmlich ausgetrocknet sei, da man ja nie gleichzeitig Kamera und Wasserflasche halten könne. Doch all die Strapazen waren meist in der Sekunde vergessen, in der das Licht einer Location erlosch und ein passionierter Künstler die Bühne betrat. Gestern durften wir gleich einer ganzen Reihe von Ausnahmetalenten zusehen und -hören.

Zur Einstimmung zog es uns dieses Mal an die East Side Gallery, an deren geschichtsträchtigen Mauern sich zahlreiche Straßenmusiker und Newcomer versammelt hatten, um die vorbeilaufenden Passanten von ihrem Können zu überzeugen. Unter dem Motto First We Take The Streets ertönten alle paar Meter neue Stimmen, Instrumente und Melodien. Auch eine fest installierte Stage am Spreeufer bot die Möglichkeit, sich in den frühen Abendstunden kostenlos unterhalten zu lassen. Dort trafen wir auch erneut auf Alice Boman, die mit ihren feinfühligen Lo-Fi-Songs die Herzen des Publikums im Sturm erobern konnte. Kurz darauf lud dann auch das Tante Emma dazu ein, weitere nordische Frauenstimmen kennenzulernen. Während Sandra Kolstad, ganz ohne Band, ein grandioses Piano-Liveset improvisierte, verließ sich die entzückende Schwedin Adna auf die Kombination aus eindringlichen Gitarrenriffs und ihrem markerschütternden Gesang. Ihre Kultverdächtig-Kollegen von Aloa Input spielten derweil gelassen dem Sonnenuntergang entgegen und ließen sich vom allgemeinen Druck der eher eng getakteten Timetables nicht beirren. Dass die Glass Animals ihren Flug verpasst und es somit nicht rechtzeitig zum ihrem Gig bei First We Take Berlin geschafft hatten, entschädigte die Show der nicht minder interessanten Ωracles im Astra.
Zurück über die Oberbaumbrücke gehetzt, galt es einmal mehr festzustellen, dass das Bi Nuu leider wirklich kein guter Veranstaltungsort für Electro-Acts zu sein scheint. So hatten die großartigen Phoria, nach einem viel zu kurzen Line-Check, mit etlichen Soundproblemen zu kämpfen, die der Gewaltigkeit ihrer epischen Arrangements extrem im Weg standen. Ein wenig enttäuscht machte sich unser Team schließlich in Richtung des noch relativ frisch umgezogenen White Trashs auf, um dort ein paar alte Bekannte aufzusuchen. Die Belgier Joy Wellboy lieferten eine derart energiegeladene Show ab, dass wir sie ganz ohne Zweifel als Highlight des gestrigen Tages bezeichnen dürfen.
Bevor die Müdigkeit uns dann im Anschluss völlig übermannte, ließen wir es uns aber nicht nehmen, noch schnell durch die Tore des Berlin Festivals zu schreiten, um zumindest der kanadischen Band Austra, ein Ohr zu schenken.

Fotos © by Susanne Erler und Oli Winkler