Berlin wird endlich zur Fahrradstadt

In Berlin, Lifestyle by Joseph

Seit gestern läuft die Berlin Bicycle Week, daher haben wir mal unseren Fahrrad-liebenden Redakteur gefragt, was ihm dazu so einfällt. Heute mit einer guten und einer schlechten Nachricht.

Ich fange an mit der schlechten Nachricht. Oder sagen wir dem schlechten Ist-Zustand, denn ich muss hier leider erstmal meinen Unmut loswerden. Alle 22 Stunden stirbt ein Fahrradfahrer auf deutschen Straßen. Alle 36 Minuten wird ein Fahrradfahrer im Straßenverkehr verletzt! Drastische Zahlen, doch woher kommt diese Gefährdung von Fahrradfahrern im Stadtverkehr? Laut ADFC sind Autofahrer zu 75% Schuld an diesen Unfällen. Brenzlige Situationen kennt jeder, der sich in Städten wie Berlin schonmal auf den Drahtesel geschwungen hat. Hier nur ein paar Beispiele: Zu enges Überholen, Autotür ohne Blick in den Spiegel öffnen oder Vorfahrt missachten, insbesondere beim Rechts-Abbiegen. Für Fahrradfahrer sind diese Situationen oftmals fatal, denn weder sind wir von Blech umgeben, noch haben wir eine Knautschzone. Daher wirkt es wie ein Schlag ins Gesicht, wenn die AutoBild titelt: “Die Radfahrer spinnen.” Und groß darunter: “Sie treten, spucken, pöbeln. Sie rasen ohne Helm und Licht. Sie klauen uns die Straße. Sind Radfahrer wichtiger als wir Autofahrer?”

“Sie treten, spucken, pöbeln”

Fangen wir mal von vorne an. Seit ich denken kann, bin ich mit dem Fahrrad unterwegs, allerdings sind mir noch nie tretende oder spuckende Fahrradfahrer begegnet. Gepöbelt wird schon – mach ich auch ab und an. Doch niemals grundlos. Wenn ich mal wieder voll in die Eisen gehen muss, weil jemand unbedacht seine Autotür gen Fahrradweg öffnet, platzt es manchmal aus mir raus. Ist ja auch verdammt gefährlich sowas. Häufig blockieren auch Autos die abbiegen wollen den Radweg und reagieren dann noch mit Unverständnis, wenn man sie darüber in Kenntnis setzt. Überquere ich eine Kreuzung bremse ich schon automatisch und vergewissere mich drei mal, dass mich die Rechtsabbieger auf dem Schirm haben. Klar gibt es auch Rowdys, die mit dem Fahrrad unterwegs sind, aber ich habe noch nie Fahrradfahrer erlebt, die grundlos andere Verkehrsteilnehmer angreifen.

Fahrradfahrer haben keine Lobby

Der oben erwähnte Artikel macht deutlich, dass Deutschland eine Auto- und keine Fahrradnation ist. Man stelle sich nur mal den medialen Aufschrei vor, würde eine große deutsche Zeitung alle Autofahrer pauschal als pöbelnde Rowdys bezeichnen. Undenkbar, oder? Außerdem werden hier zwei gesellschaftliche Gruppen gegeneinander aufgehetzt. Durch solche Zeilen entsteht ein Wir-gegen-die-Gefühl. Autofahrer, die Radfahrer sowieso nur als Verkehrshindernisse und nicht als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer wahrnehmen, können sich durch solche Zeilen noch bestätigt fühlen, denn es sind ja “die Radfahrer”, die “pöbeln, spucken und treten”. Im Extremfall führt dies dazu, das eben noch weniger auf geltende Verkehrsregeln geachtet wird, wie beispielsweise den Mindestabstand von 1,5 m beim Überholen einzuhalten, denn Radfahrer sind ja sowieso alles Rowdys.

“Sie rasen ohne Helm und Licht”

Entschuldigung, liebe AutoBild, aber den Fahrradfahrer, der im Vergleich zu einem Auto “rast”, den müssen sie mir mal zeigen. Der Durchschnittsradler ist im Stadtverkehr bestimmt nicht schneller als 30 km/h, also spart euch diese Übertreibungen. In Deutschland gibt es für Fahrradfahrer keine allgemeine Helmpflicht, auch wenn es der Sicherheit zuträglich wäre. Solange hier keine Pflicht gilt, ist es auch gutes Recht, keinen Helm zu tragen. Anders sieht es aus mit zu-dichtem-Überholen, Handy am Steuer, oder zu schnellem Fahren. Dies sind Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung, gelten unter Autofahrern jedoch häufig als Kavaliersdelikt. Kommt eben mal vor. Anders ist die Lage bei fehlendem Licht; hier verstoßen auch Fahrradfahrer oftmals gegen die StVO, auch wenn sich die Lage hier meines Erachtens deutlich verbessert hat. Durch günstige und leistungsfähige Anstecklichter ist es einfach den Drahtesel verkehrssicher aufzurüsten, was von vielen Radlern gerne angenommen wird.

“Sie klauen uns die Straße”

Dies impliziert ja erstmal, dass euch, liebe Autofahrer die Straße gehört. Wie bitte? Auf der Straße kommen verschiedene Verkehrsteilnehmer zusammen. Straßen sind öffentliche Räume zur kollektiven Nutzung, daher kann von “klauen” keine Rede sein. Klar, wir haben keine Knautschzone, aber auf Straßen geht es eben auch nicht um das Recht des Stärkeren. Gerade wenn man motorisiert unterwegs ist, muss man umso mehr auf schwächere Verkehrsteilnehmer Rücksicht nehmen. Es gibt feste Regeln und würden sich alles Verkehrsteilnehmer an diese halten, würden auch deutlich weniger Unfälle passieren.

Die gute Nachricht

Kommen wir endlich zur guten Nachricht: Im Februar wurde vom Senat beschlossen, das Berlin innerhalb der nächsten zehn Jahre zur Fahrradstadt ausgebaut werden soll. Der Beschluss geht zurück auf die Initiative Volksentscheid Fahrrad, die mit Deutschlands ersten Fahrradgesetzt einen Volksentscheid initiieren wollten. Dazu kam es nicht, da die rot-rot-grüne Koalition nahezu alle Ziele der Initiative übernahm. Dazu gehören der Ausbau und die bessere Kennzeichnung von Fahrradwegen, bundesweite Kampagnen zur Verkehrssicherheit so wie ein Gesetzesentwurf zur verpflichtenden Abbiegeassistenten bei LKW. Außerdem soll die Flächengerechtigkeit verbessert werden, da Autofahrer heute ca. 20 mal mehr Straße beanspruchen als Fahrradfahrer. Betrachtet man die aktuell beschlossenen, aber noch nicht abgeschlossenen Bauvorhaben der Stadt Berlin kommt zwar nicht gerade Hoffnung auf, allerdings ist dies ein großer Schritt in die richtige Richtung. Außerdem lasse ich mich gerne überraschen.

Die einzig sinnvolle Alternative

In letzter Zeit häufen sich Berichte über zu hohe Feinstaubbelastungen in deutschen Innenstädten – es werden Fahrverbote für Diesel-Fahrzeuge diskutiert. Außerdem stauen sich die Blechkolonnen in den Städten und die Menschen bewegen sich immer weniger. Daher sollte eine sinnvolle und effiziente Verknüpfung von ÖPVN und Fahrradinfrastruktur die Zukunft innerstädtischer Mobilität darstellen. Wie das geht machen unsere Nachbarländer vor. Städte wie Kopenhagen und Amsterdam gelten als Musterbeispiel für eine fahrradfreundliche Verkehrspolitik. Die Stadt London möchte eine Milliarde Euro in den nächsten Jahren in die Fahrradinfrastruktur investieren. Hoffen wir, dass sich auch Berlin innerhalb der nächsten zehn Jahre in eine fahrradfreundliche Stadt wandelt. Für bessere Luft, mehr Sicherheit, weniger Unfälle und Staus und eine aktive Bevölkerung. Man wird ja wohl noch hoffen dürfen.