Beschweren und Selbstmitleid

In Berlin by Fräulein Dicht

BERLINER LEBENSGESCHICHTEN
– FIKTION TRIFFT AUF DAS REALE LEBEN ODER UMGEKEHRT?

Silvester hat sie überstanden und nun wartet sie mit ihrer ersten dichten Geschichte für’s neue Jahr auf. Bühne frei für Fräulein Dicht:

Da ist es nun, das neue Jahr. Grau und viel zu warm, aber ich bin mir sicher, dass wir uns auch beschweren würden, wenn das Wetter der Jahreszeit angemessen und kalt wäre. Die Berliner haben immer einen Grund sich zu beschweren. Das ist ein Fakt, der schon fast zum Allgemeinwissen gehört.

Und auch ich beschwere mich gern. Das ändert zwar nichts an der harten Realität, aber irgendwie hilft es, sein ach so schreckliches Leid rauszuposaunen und andere daran teilhaben zu lassen. Doch leider kann dies – gerade in Berlin! – häufig dazu führen, dass die Anwesenden in das Trauerlied mit einstimmen. Denn wir befinden uns an einem Ort, an dem sich führende Beschwerde-Spezialisten versammeln und regelrechte Konferenzen des Selbstmitleids abhalten. Du kannst den ganzen altmodischen „Geteiltes-Leid-ist-halbes-Leid“-Quatsch vergessen, wenn du eine waschechte Trauer-Symphonie erschaffen hast. Glückwunsch: Du hast dein Leid nicht halbiert, sondern vervielfacht! Am besten, ihr battelt euch jetzt noch darum, wem es am schlechtesten geht. Hipster Cup war gestern, wir führen ab jetzt den Self-Pity Cup ein.
Wie auch immer, am Ende gehst du verzweifelt nach Hause und weißt gar nicht mehr, weswegen du dich jetzt schlechter fühlen sollst: Wegen dir oder wegen der anderen? Oder du gehst nicht nach Hause und betrinkst dich lieber hemmungslos, um deine Sorgen zu vergessen. Aber das ist auch keine gute Idee, denn dann kommen die Sorgen am nächsten Tag um so heftiger, inklusive Kater, zurück.

Also, was rate ich euch? Euch nie wieder zu beschweren?! Nein, auf keinen Fall. Auf den gelegentlichen Spaß sich kollektiv in Selbstmitleid zu suhlen sollte man nicht gänzlich verzichten. Das wäre ja, als würde man aufhören Süßigkeiten zu essen. Und was wäre das Leben ohne den berauschenden Spaß, den man hat, während man eine Tafel Schokolade in sich reinstopft? Da nimmt man das schlechte Gewissen hinterher gerne in Kauf. Man hört ja auch nicht auf zu feiern, nur, weil man sich hinterher eventuell müde und ausgelaugt fühlen könnte.

Auf das richtige Maß kommt es an. Denn wer maßlos Süßigkeiten futtert, wird aus seinem schlechten Gewissen nicht mehr herauskommen, wer pausenlos am Feiern ist, wird irgendwann abkacken und wer sich ständig beschwert, wird auf Dauer nicht glücklich. Also Leute: Das Wetter ist mies, Berlin ist grau und der Sommer ist noch in weiter Ferne, also beschwert euch. Aber beschwert euch in Maßen.

Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi – Unten