Die dunkle Seite der Bianca Casady (CocoRosie)

In Musikby Martin

Als Teil eines Duos hat man es oft nicht leicht. Vor allem dann nicht, wenn man versucht, auf eigenen Beinen zu laufen. Bianca Casady, die zusammen mit ihrer Schwester Sierra weltweit unter dem Namen CocoRosie Erfolge feiert, frönt seit Kurzen einer dunklen Leidenschaft. Wir trafen das Multitalent zum Gespräch.

Betont cool, in weiten Hip-Hop-Klamotten und mit Hut und Schleier auf dem Kopf, begegnet uns Bianca Casady im Büro des Heimathafen Neukölln. Es ist schwer einzuschätzen, was in der 33-Jährigen vor sich geht. Sie nimmt sich einen Moment Zeit, um ihren Facebook-Account zu pflegen und dreht sich schließlich zu uns um. Die ernste, fast schon unnahbare Miene wirkt durchdringend. Erst mit voranschreitender Zeit fällt Maske für Maske und wir erhaschen den Blick auf eine sehr verschmitzte, selbstironische Künstlerin.

Bianca, wie geht es dir? Und wie fühlt es sich an, wieder zurück in Berlin zu sein?

„Gut. Es ist viel wärmer, als es letzten Monat war.“

Vor einigen Wochen bist du hier in der Nähe zusammen mit deiner Schwester Sierra aufgetreten, um euer neues Album „Heartache City“ vorzustellen. Wie war das?

„Es hat Spaß gemacht! Für uns war das ein verhältnismäßig kleiner Veranstaltungsort, was gut zu der Idee der Releaseshows passte, denn die Platte ist auch etwas intimer. Wir sind aktuell genau danach auf der Suche.“

Du hast es also genossen?

„Ja.“

Dieses Mal bist du hier, um dein Soloprojekt vorzustellen. Generell scheint es so, als würdest du gleichzeitig an recht vielen Dingen arbeiten. Woher nimmst du die Energie dafür?

„Ich arbeite eigentlich ununterbrochen. Oft passt dann ein Projekt zum nächsten. Letzten Winter habe ich zum Beispiel Regie bei einem Stück in Norwegen geführt, das ‚Mother Hunting‘ hieß, und zusammen mit Studenten einer Theaterschule entstand. Ein paar von ihnen begleiten mich auch auf der aktuellen Tour.“

Für die Liverperformance?

„Ja! Einer ist für die Videosequenzen verantwortlich, eine andere singt. Viele der Ideen für die neuen Songs sind in Norwegen entstanden oder haben dort Form angenommen. Mittlerweile haben die Stücke ein Eigenleben innerhalb dieser neuen Show entwickelt.“

Jedes meiner Projekte scheint nahtlos in das nächste überzugehen.

Es scheint so, als würdest du die Kunst in ihrer Gänze entdecken wollen. Immerhin bist du nicht nur Musikerin, sondern malst oder wirkst, wie eben erwähnt, auch bei Theaterstücken mit. Warum ist das so?

„Nun, das erfüllt mich eben am meisten. In den letzten Jahren habe ich einige Ausstellungen in Galerien realisiert und auch das hat mir Spaß gemacht. Manchmal habe ich das Gefühl, als wäre das eine Art Blaupause für viele andere Dinge. Theater hingegen fühlt sich für mich sehr ganzheitlich an. Ich begegne dabei den unterschiedlichsten realen und fiktiven Figuren. Das bietet Potenzial für Transformationen. Ich mag psychedelisch angehauchte, spirituelle Performancekunst.“

Wird die auch heute Abend auf der Bühne eine Rolle spielen?

„Definitiv. Es handelt sich zwar um eine Musikshow, gleichzeitig aber um eine, die viele der typischen Elemente einer solchen ablehnt. Ich wende mich zum Beispiel kaum in Richtung Publikum, sondern arbeite mit einem Tänzer. Man wird Extreme erleben.“

Das klingt interessant. Was können dir deine Soloprojekte denn geben, was du nicht bei CocoRosie findest?

„Was ich vor allem feststellte, als ich begann, allein Musik zu machen, war, dass ich kaum Regeln beachten musste. Ich biege meine Stimme relativ stark, was ich bei CocoRosie nicht tun würde. Außerdem muss ich nicht auf einen sehr konträren Partner reagieren. Für CocoRosie ist das eine wichtige Voraussetzung, die das Projekt zu dem macht, was es ist. Gleichzeitig sind meine Soloarbeiten weniger poppig. Mich beschleicht zunehmend das Gefühl, dass das bei CocoRosie anders ist. (lacht) Da ich gleichzeitig auch mit CocoRosie auf Tour bin, brauche ich meist einen Tag, um zu switchen. Es sind einfach sehr unterschiedliche Welten. Solo widme ich mich zudem der Rockmusik, was innerhalb von CocoRosie immer ein Tabu gewesen ist. Wir haben nie E-Gitarren oder Drums berührt. Jetzt darf ich alle Tabus brechen.“

Bianca Casady by Christine Burkart (2)

Dein Soloprojekt heißt Bianca Casady & the C.i.A. Wer verbirgt sich hinter der C.i.A?

„Die C.i.A auf der Bühne ist meine Band. Allerdings eine gemietete Band in schwarzen Anzügen, die vor allem da ist, um ihren Job zu machen. Das ist auch das, was mir am Theater gefällt. Die Leute machen ihre Jobs. Wir stellen dabei die Mechaniken dar. Die Mechaniken der Musik. Anstatt auf irgendwelche Extragesten zu setzen. Was ist die C.i.A noch? Es geht viel um Paranoia. Keiner weiß, ob die C.i.A da ist oder nicht.“ (lacht)

Das Mysteriöse steht also im Vordergrund. Die C.i.A ist aber nicht in den Songwritingprozess involviert? Das bist nur du, oder?

„So ziemlich. Der Pianist, der mich begleitet, war allerdings oft in der Nähe, wenn ich Aufnahmen machte. Zuvor hatte er nie wirklich Klavier gespielt. Beziehungsweise das letzte Mal, als er zwölf gewesen ist. Dieser klassische Hintergrund und die Tatsache, dass er lange nichts damit angefangen hatte, reizten mich. Sprich jene eingerostete Technik.“

„Oscar Hocks“ heißt deine erste Solo-LP. Man kann nicht verleugnen, dass es Parallelen zu CocoRosie gibt. Dennoch wirkt die Platte wesentlich düsterer und auch pessimistischer. Würdest du zustimmen und wo siehst du Gründe dafür?

„Mich interessieren ‚Verstimmungen‘, out of tune zu sein. Das findet man viel auf dem Album. Auch Instrumente, wie Orgeln aus den Siebzigern, die immer einen halben Ton daneben liegen. Ich mag die daraus resultierenden entstehenden Spannungen. Ebenso Industrialsounds wie Geräusche von Zügen. Sie sind musisch, obwohl man das nicht erwartet.“

„Oscar Hocks“ ist pessimistisch. Eine Art Exorzismus.

Der Exorzismus der Bianca Casady?

„Ja. Bianca Casady.“

Cowboys, Piraten, Fabelwesen. Es gibt viele „infantile“ Motive in deinen Songs. Inwiefern passen diese zu deinen Botschaften?

„Ich bin mir nicht sicher. Die Hauptfiguren, die Gesänge, all das mag kindlich wirken. Die Idee, dass die Musik sogar von Kindern oder Tieren stammen könnte, gefällt mir. Untrainiert zu sein, ist wunderbar. Das wünsche ich mir auch von meiner Band.“

Hast du schon einmal darüber nachgedacht, tatsächlich mit Kindern zu arbeiten?

„Nein, noch nicht. Ich bin davon überzeugt, dass wenn ich den Großteil selbst mache, das schon danach klingen wird. Wenn ich mich also, so gut ich kann, ins Zeug werfe, dann hört sich das nach einem ungeübten Kind an.“ (lacht)

Was hat dich am meisten an der Produktion von „Oscar Hocks“ herausgefordert?

„Ich konnte mich nicht wirklich entscheiden, ob ich das Album sehr handgemacht lassen, oder es weiter schleifen sollte. Am Ende bin ich immer mehr in diese fancy Rockebene gerutscht. Ich wusste irgendwann gar nicht mehr, was noch passt. Alles schien sehr zerrissen. Das war der schwerste Teil. Ich hatte Angst, die Platte derart bearbeitet zu haben, dass ihr am Ende gar kein Leben mehr innewohnen würde. Vermutlich findet das Resultat nicht überall Anklang, aber mir war Authentizität wichtig.“

Du bist so viel unterwegs. Freust du dich noch, auf Tour zu gehen, oder nervt es mittlerweile?

„Nein, ich toure noch immer sehr gern.“

Viele Musiker klagen über ein riesiges Schlafdefizit, wenn sie unterwegs sind. Hast du irgendein Rezept dagegen?

„Ich arbeite dran. Im Bus ist es so laut.“

Was tust du?

„Ich versuche, das zu akzeptieren. Einfach im Dunkel zu liegen und zu hoffen, dass ich dadurch zumindest irgendwie zur Ruhe komme und neue Energie schöpfe.“ (lacht)

Hast du ein Ritual, bevor du auf die Bühne gehst?

„Bei dem aktuellen Projekt probiere ich meist, schlechte Laune vor der Show zu bekommen. Das ist ganz anders als bei CocoRosie, wo wir meist spaßige, altmodische Musik anmachen, bevor es auf die Bühne geht. Ich habe da diesen Song namens ‚Fucking Neighbour‘, den man auch auf meinen Youtube-Channel finden kann. Den höre ich gern. Es geht um meinen tatsächlichen Nachbarn, der unsere Katzen gestohlen hat und das leugnet.“

Gibt es noch etwas, das du unseren Lesern gern mitteilen würdest?

„Aufgrund der letzten Entwicklungen, die meine Show genommen hat, nenne ich sie nun Porno Thiator. Das ist allerdings keine typisch erotische Veranstaltung. Vermutlich finden es die meisten Menschen nicht einmal sexy. Illusionen, bizarre Bilder und neue Charaktere, die es bis dato noch nicht gab, begleiten mich.“

Viele neue Kreaturen wurden im Porno Thiator geboren. Nun werden sie aus ihren Käfigen entlassen und vorgeführt.

Wie in einer Freakshow?

„Es ist eine Freakshow. Eine künstlerische Freakshow, bei der die Kreaturen handgemacht sind.“

Bianca Casady by Christine Burkart (3)

Fotos © by Christine Burkart