Von düster bis heiter: Cold Specks im Gespräch

In Musik by Martin

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Wenn du Interviews führst, lernst du Menschen kennen, denen du zuvor noch nie begegnet bist und mit denen du innerhalb von nur wenigen Sekunden derart warm werden musst, dass am Ende ein produktives Gespräch dabei herauskommt. Ein Gespräch, das es darüber hinaus Wert ist, einer Leserschaft präsentiert zu werden. Als ich mich an einem strahlenden Vormittag, zusammen mit unserer Fotografin Christine, auf den Weg in das Büro von Mute Records mache, ahne ich noch nicht, was mich erwarten wird. Feststeht nur, dass es Al Spx alias Cold Specks zu treffen gilt.

Cold Specks machte 2012 von sich reden, als sie mit „I Predict A Graceful Expulsion“ ein großartiges und hochgelobtes Debüt vorlegte. Es folgten Gastauftritte auf Platten von Moby und der amerikanischen Band Swans. Am kommenden Freitag, den 22.08.2014, erscheint mit „Neuroplasticity“ das Zweitwerk der gebürtigen Kanadierin.
Als wir uns mit Al Spx zum Gespräch zusammensetzen, blicken wir in das Gesicht einer sympathischen, hübschen Frau. Es dauert nur einen kurzen Moment, bis wir dem trockenen Humor der Sängerin völlig erlegen sind. Gemeinsam blicken wir mit Al Spx auf ihre bisherige Karriere zurück und erfahren ganz nebenbei auch, warum sie die Stadt Erlangen nie vergessen wird.

Cold Specks by Christine Burkart (2)Al, wie geht es dir?

„Mir geht es gut. Ich bin vor Kurzem nach Montreal gezogen und habe mich dort langsam eingelebt. Was ist mit dir?“

Danke, auch mir geht es gut. Ich freue mich, heute mit dir sprechen zu dürfen, da ich ein großer Fan deines ersten Albums bin und auch das zweite schon probehören durfte.

„Hat es dir gefallen?“

Absolut! Eine wunderbare Platte. Du hast gerade erzählt, dass du nach Montreal übergesiedelt bist. Vorher wohntest du lange Zeit in London. Was hat dich umziehen lassen?

„London ist in vielerlei Hinsicht eine erdrückende Stadt und deswegen entschied ich mich, so schnell wie möglich wieder die Biege zu machen. Also bin ich zurück in meine Heimat, Kanada. All meine Freunde leben dort. Außerdem brauchte ich wieder ein bisschen mehr Sonne. Ich bin Ostafrikanerin.“ (lacht)

Was gefällt dir denn neben dem Wetter noch an Montreal?

„Man erlebt dort echte Jahreszeiten. Sehr extreme sogar. Auch die Miete ist in Montreal eine andere. Du kannst gleichzeitig ein Apartment und ein Aufnahmestudio haben, ohne, dass du Millionen dafür ausgeben musst. Ich wollte unbedingt zurück nach Kanada, hatte mein Heimatsstadtsyndrom aber noch nicht überwunden, also musste etwas Neues her. Und so bin ich einfach ins kalte Wasser gesprungen.“

War das rückblickend die richtige Entscheidung?

„Ich habe eine wirklich gute Zeit dort.“

Probieren wir es mit einer sehr gewichtigen Frage, dich ich Künstlern gerne stelle: Was bedeutet Musik für dich?

„Sie bedeutet mir absolut gar nichts. Sie ist nur eine Ansammlung von Geräuschen.“ (lacht)

Gibt es darüber hinaus noch eine andere Bedeutung für dich?

„Damit kannst du deine Zeit füllen. Wir werden geboren und irgendwann wieder beerdigt. Dazwischen musst du sehen, wie du mit dieser Tatsache umgehst und sie bewältigst.“ (lacht)

Musik erlaubt es mir, die Zeit schneller zu verleben.

Kannst du dich noch erinnern, was das Letzte war, das du vor diesem Interview auf deinem iPod oder MP3-Player gehört hast?

„Im Flugzeug hörte ich Scott Walkers „Scott 3“ und Portisheads „Third“. Generell viele Drittwerke, wahrscheinlich in Vorbereitung auf mein drittes Album.“ (lacht)

Worauf achtest du denn generell, wenn du die Arbeiten deiner Kollegen hörst?

„Wenn es um Musik geht, bin ich sehr wählerisch. Vieles gefällt mir nicht. Lange Zeit konnte ich nichts finden, das mir zugesagt hat. Mit Ausnahme weniger Bands. Sobald akustische Strukturen auf interessante Themen treffen und dies kombiniert wird, wie bei Swans oder eben Scott Walker und Portishead, berührt mich das.“

Zwei Jahre sind seit deinem Debüt „I Predict A Graceful Expulsion“ vergangen, wie geht es dir heute mit der Platte?

„Ich bin stolz darauf, was mir die Platte ermöglicht hat, zu tun. Nachdem ich so lange mit dem Album getourt bin, bin ich dem nun aber langsam entwachsen.“

Al blickt zu einem Exemplar des Albums, das ich in den Händen halte.

„Oh, ich kann es nicht einmal mehr angucken. Der Fluch des Erstlingswerks!“ (lacht)

Für den Song „Hector“ von eben diesem Album gibt es ein sehr düsteres und ausgefallenes Video. Wie war es für dich, dieses zu shooten?

„Das war sehr amüsant. Der Mann in dem Video war ein Bandkollege von mir. Es hat Spaß gemacht, seinen Körper bis in den Wald zu ziehen. Gerade hab ich das Video zu „Absisto“ gedreht, das war sogar noch wilder. Anscheinend mögen Regisseure es, mich in einen okkulten Zusammenhang zu bringen. Dem gebe ich natürlich nach. Wobei die Idee dazu nie von mir kam. Vielleicht sollte ich aufpassen.“

Wo wir schon bei all diesen Horror-Elementen wie Untoten und Woodoo sind, gibt es etwas, vor dem du besondere Angst hast?

„Gar nichts!“ (lacht)

Wirklich? Du bist also eine taffe Frau?

„Nun, ich mag es zumindest, das zu denken. Vermutlich hab ich Angst vorm Versagen. Das kennen wohl viele.“

Keiner will der Looser sein.

Nach dem großen Erfolg von „I Predict A Graceful Expulsion“ hattest du die Möglichkeit mit Swans und dem Gottvater des Chill-Outs, Moby, zusammenzuarbeiten. Was kannst du dazu erzählen?

„Das waren zwei sehr unterschiedliche Kollaborationen. Moby und ich sind beim selben Label. Für seine neuste Platte arbeitete er mit vielen verschiedenen Leuten zusammen. Zum Beispiel mit Mark Lanegan und Damien Jurado. Mich fragte er auch und ich war glücklich, meinen Teil beitragen zu können. Bei Swans hatte ich hingegen zuerst Michael Gira darum gebeten, auf meinem Album zu singen, weil ich ein großer Fan bin. Anschließend revangierte ich mich. Ich mag Kollaborationen. Es ist jedes Mal eine neue Erfahrung.“

Bald erscheint mit „Neuroplasticity“ dein zweites Album. Weshalb hast du dich für diesen Titel entschieden?

„Er impliziert einen zunehmenden Wandel.“

Bist du auch an psychologischen Phänomenen wie der Neuroplastizität interessiert?

„Ich will nicht vorgeben, irgendetwas darüber zu wissen. Natürlich las ich ein wenig dazu. Wahrscheinlich wählte ich den Titel, weil er vernetzte Prozesse versinnbildlicht. Immerhin braucht es auch Zeit, um eine Platte und deren Komplexität wirklich zu verstehen.“

Welche Erinnerungen hast du an die Entstehung von „Neuroplasticity“?

„Es hat lange gedauert! Über ein Jahr. Meistens schrieb und produzierte ich zur selben Zeit. Das ist insofern neu, als dass ich mein erstes Album Jahre vor den Aufnahmen dazu fertig hatte.“

Viele Musiker berichten Ähnliches und sagen, dass die erste Platte oft eine Ansammlung von Songs ist, die sie zuvor bereits fertig hatten.

„Mein erstes Album war wie eine Greatest Hits über meine deprimierenden Teenagerjahre.“

Und das zweite?

„Es ist geplanter. Auch hinsichtlich der Arrangements. Außerdem hatte ich für das Songwriting keine zehn Jahre mehr, sondern nur ein paar Monate.“

Doom Soul ist das Wort, mit dem dein Stil gerne beschrieben wird. Ist der Begriff immer noch zutreffend?

„Ich hoffe, dass dieser Begriff endlich stirbt. Es ist doch seltsam, dass sich Menschen immer auf diese Kategorisierungen fokussieren. Man sollte Musik hören und sich an ihr erfreuen, ohne sie immerzu analysieren zu wollen. Es bleibt also ganz euch überlassen!“

Kommen wir noch mal zu „Absisto“, der ersten Single von „Neuroplasticity“ zurück. Worum geht es in dem Stück?

„Das Wort absisto kommt aus dem Lateinischen und bedeutet weggehen oder von etwas ablassen. ‚Absisto‘ war vermutlich der erste Track, den ich für die Platte schrieb. Da gibt es diese Melodie im Chorus, die ich schon seit Langem spiele. Ich singe zudem in unterschiedlichen Oktaven und alles ist sehr düster. Vermutlich kommt daher auch die Sache mit dem Doom Soul. Weil meine Musik sehr viele dunkle Seiten hat. Nur ist doch auch so die Natur des Lebens.“

Generell scheint „Neuroplasticity“ ausschweifender und auch finsterer als sein Vorgänger. Kannst du dem zustimmen?

„Der Grund, warum es ausschweifender klingt, liegt wohl darin, dass „Neuroplasticity“ keine Akustikplatte mehr ist. Dadurch ist der Sound etwas umfassender.“

Es ist schön, diese Entwicklung hören zu können.

„Danke.“

Im September gehst du wieder auf Tour. Was darf das Publikum erwarten?

„Eine kleinere Band. Wir sind nur noch zu viert. Ansonsten bin ich mir noch nicht sicher, weil wir erst zwei Shows gespielt haben. Auf jeden Fall haben wir jetzt einen Proberaum und werden viel üben. Das ist eine gute Sache! Erwartet also eine erprobte Band!“ (lacht)

Keine Improvisationen?

„Nein. Wir werden versuchen, die Platte so gut wie möglich zu transportieren. Hier und da wird es auch ein paar Cover geben. Die Leute dürfen eine gute Zeit erwarten.“

Gibt es denn ein paar lustige oder schöne Augenblicke von deiner letzten Konzertreise, die du mit uns teilen würdest?

„Im Januar des letzten Jahres waren wir auf Deutschlandtour.“

Ich sah deinen Auftritt in Berlin.

„Im Postbahnhof! Ja, genau. Dann gibt es noch diese Stadt in der Nähe von Nürnberg. Irgendetwas mit E.“

Unsere Fotografin Christine meldet sich zu Wort: Erlangen!

„Ja, Erlangen. Eine wunderschöne Stadt. Es schneite und wir begannen eine Schneeballschlacht. Ich fiel hin und habe seitdem eine riesige Narbe am Knie.“ (lacht)

Meine markanteste Tourerinnerung ist also eine Verletzung, die ich mir in Erlangen zuzog.

Du wirst die Stadt nie vergessen. Wie gefällt dir denn Berlin?

„Berlin ist Montreal recht ähnlich. Sehr flirrend, aufregend und kreativ. Es ist die künstlerischste Stadt, in der ich je Zeit verbringen durfte. Wenn ich das nächste Mal hier bin, werde ich mir ein paar Tage Zeit nehmen, um sie noch mehr zu erforschen.“

Dann sehen wir dich hoffentlich bald wieder!

Cold Specks by Christine Burkart (3)

Fotos © by Christine Burkart