Kultverdächtig: Color Dolor

In Musik von Martin

Genre:

Um ein Bild malen zu können, benötigt es Farben. Die Palette, aus der man sich dabei bedienen kann, reicht von unbunten Tönen, man denke da an Schwarz, Grau oder Weiß, über sanfte Pastell- und Erdnuancen bis hin zu grellen und kräftigen Vertretern wie beispielsweise einem saftigen Grün, einem sonnigen Gelb oder einem knalligen Rot. „Kultverdächtig“ nutzt nun vor allem zuletzt Genannte, um damit das Portrait einer finnischen Kombo zu kolorieren, die in ihrer Vielschichtigkeit bunter nicht sein könnte. Fernab des Mainstreampops schwingen wir den Wortpinsel und präsentieren euch eine ganz besondere Band: Den Schwarm an Paradiesvögeln namens Color Dolor.

Komprimiertes Allerlei

CIMG3329Was bedeutet Musik für euch?

Musik ist ein sich konsequent ausdehnendes Universum mit unendlichen Möglichkeiten.

Den Sound von Color Dolor mit wenigen Aussagen treffend zu charakterisieren, ist unmöglich. Zeichnet sich das Quartett, bestehend aus Sängerin Stina Koistinen, Gitarrist Nicolas „Leissi“ Rehn, Trompeter Jan Wälchli und Drummer Ilkka Tolonen, doch gerade dadurch aus, dass es beim gemeinsamen Musizieren gern jedes existierende Genre streift. Ob Edith Piaf, Prince, Metallica, Michael Jackson oder Joanna Newsom, Color Dolor sind weitflächig verwurzelt, was ihre akustischen Präferenzen betrifft, und so ziehen sie ihre Kreativität aus eben genau dieser Geschmacksdiversität. Auch die australische Ethno-Pop-Formation Dead Can Dance ist auf der ellenlangen Referenzliste der Finnen zu finden. Für Kultmucke versuchten sich Stina und Leissi an einem Cover des hermetischen Tracks „Ubiquitous Mr. Lovegrove“.

Stina: „Es ist ein Song, den ich schon als Teenager absolut bewunderte. Ich bin irgendwie völlig fasziniert von ihm. Wir nahmen das Cover mit Leissis 8-Spur-Kassettenrekorder auf und ich glaube, das Resultat ist sehr mysteriös und real zugleich geworden.“

Entstanden ist in der Tat ein hypnotisierendes Mantra, voll von dunklen Melodie-Schwaden und geheimnisvollen Gesängen.

Ihr werdet mit eurer Version von „Ubiquitous Mr. Lovegrove“ Teil der mittlerweile gut gefüllten „Kultverdächtig“-Playlist. Was denkt ihr über die anderen, darauf vertretenen Künstler?

Stina: „Ich denke, Cover zu spielen ist ein großartiger Weg, Musik zu genießen und gleichzeitig zum Grund der Stücke vorzudringen, sie auszuziehen und dann in deine eigenen Kleider zu hüllen. All die Tracks, die ich gehört habe, tragen sehr interessante Monturen. Ich liebe sie! Es ist großartig, die Möglichkeit erhalten zu haben, diesem talentierten Haufen nun beizutreten.“

keikkahalicolorDer Nebel kraucht über die spiegelglatte Oberfläche eines eingefrorenen Sees. Seicht wiegen sich die Wipfel der Bäume im Takt des jaulenden Windes. Magisch, andächtig. Düstere Schatten züngeln aus Felsspalten hervor, gehörnte Tiere galoppieren über Prärien von endloser Weite. Wenn man an Finnland denkt, dann entstehen nur allzu schnell Assoziationen archaischer Mächtigkeit im Kopf. Wir glorifizieren den hohen Norden, möchten uns in seiner Rätselhaftigkeit suhlen und diese für die Ewigkeit konservieren. Und auch wenn die Uhren dort heutzutage nicht mehr anders ticken als irgendwo sonst auf der Welt, bestätigt auch Stina Koistinen, dass ihre Heimat diesen wundersamen Geschmack vergangener Tage nach wie vor in sich trägt.

Magisch? Absolut! Vor allem in Lappland.

In ihrer Musik vereinen Color Dolor die Melancholie der Slaven, den Optimismus der westlich gewandten Kulturen und das Schamanenwerk, welches von den Polarkreisen her auf sie niederrieselt. Ein Konglomerat aus Transzendenz und Wahrhaftigkeit ist das beeindruckende Ergebnis dieser Verschmelzung unterschiedlichster Einflüsse. Kennengelernt haben sich die Mitglieder von Color Dolor während ihres gemeinsamen Studiums am Konservatorium in Helsinki. Für ihr Abschlussexamen komponierte Stina Koistinen damals einige der Songs, die sich später auch in abgewandelter Form auf dem Debütalbum „Cuckoo In A Clock“ wiederfinden sollten. Da sie nicht alle Instrumente gleichzeitig spielen konnte und zudem eh stets empfänglich für kreativen Austausch jeglicher Art war, fragte Stina mehrere Kollegen, ob diese ihr bei der Umsetzung ihrer Ideen behilflich sein würden. Begeistert von der Begabung der jungen Songwriterin flatterten ihr zahlreiche Zusagen ins Haus. Als Kern aus diesen verblieb, auch nach erfolgreich abgeschlossener Prüfung, die jetzige Bandbesetzung. Die einzelnen Mitglieder sind darüber hinaus übrigens auch alle noch in andere Projekten involviert.

In welchen denn genau?

Stina: „Leissi spielt in etlichen anderen Gruppen, so zum Beispiel im Orkesteri Liikkuvat Pilvet der Sängerin Yona und bei Piirpauke. Jan hat ein Soloprojekt mit Trompete und Effekten, Ilkka produziert slavische Garagenmusik mit Tundramatiks und ich habe ein Poetry-Pop-Duo namens Sagolik und bin Teil der Electropop-Formation Happy-Go-Lucky.“

Zudem lässt sich eine weitere Verbindung enttarnen, die zu einer von uns sehr geschätzten Künstlerin führt. Saara Markkanen und Stina Koistinen sind nämlich zwei Drittel der Girl-Punkband Liikaa Lovee und zudem Freundinnen fürs Leben. Da ist es nicht dann auch nicht verwunderlich zu erfahren, dass Saara eine essenzielle Rolle während der Produktion von Color Dolors „Cuckoo In A Clock“ gespielt hat.

Stina: Sie ist eine fantastische Freundin, die mich extrem während der langwierigen Entstehung des Albums unterstützt hat. Ich weiß gar nicht, wie ich das ohne ihr stets offenes Ohr und ihren nicht enden wollenden Optimismus geschafft hätte.

Widmen wir uns nun kleinschrittig und ausgiebig jener Platte, die in ihrer Gesamtheit zum Seelenspiegel vier begnadeter Musiker avanciert ist. Es waren die Worte der russischen Schriftstellerin Anna Akhmatova, die Stina Koistinen zu Songs wie „Ones In The Woods“ veranlasste. Kurzerhand entschied sich die quirlige Finnin, einige der Gedichte Akhmatovas mit umfassenden Klangerüsten zu umstellen, sie als Fundament zu nutzen und darauf standhafte Soundstrukturen zu erbauen, die gewaltig in den Himmel ragen sollten. Doch hatte Stina nicht mit dem anschließenden Sturm gerechnet, der ihre Visionen wie Luftschlösser davonfegen würde. Nachdem Color Dolor eine arbeitsintensive Woche im Studio verbracht hatten, um die Tracks für „Cuckoo In A Clock“ aufzunehmen, riss eine Hiobsbotschaft ihnen die Füße unter dem Boden weg. Trotz langer Verhandlungen hatten sich die Zuständigen entschieden, die Rechte an Akhmatovas Hinterlassenschaften nicht zu teilen. Anstatt nun in Depressionen und Unmut darüber zu versinken, griff die Band, unter Mithilfe von Xenia Kriisin und Anu Kaukola, jedoch erneut zu Stift und Papier und erschuf alternative Lyrics für jene Lücken, die zuvor ausradiert werden mussten. Einzig und allein der Titel des Albums ist somit eine verbliebene, sehnsüchtige Anlehnung an eins von Akhmatovas Werken und huldigt dem Schreibgeist der 1966 verstorbenen Poetin.

UNIVERSAL_kansiDa sind immer noch einige Schwingungen und Stimmungen übrig geblieben, die an Akhmatova erinnern, aber mit den neuen Lyrics haben sich die Songs natürlich auch stark verändert.

Der konsequente Kampf zwischen Angst und Liebe, die Furcht vorm Verlassensein, die Lust am Leben, aber auch das Hinterfragen von Normen und Werten, das sind die Themen, mit denen sich Color Dolor auf „Cuckoo In A Clock“ auseinandersetzen. Nach Luft ringend erklingen zu Beginn des Openers „The Angel“ schwere Bläserchöre, die erst durch den grazil dahingleitenden Gesang von Stina erlöst werden, so dass zunehmend Licht in die trübe Szenerie dringen kann. Unter dem grauen Mantel verhangener, grauer Bilder befindet sich ein Schimmer purer Reinheit. Unberührt und blass leuchtend. Einmal freigelegt erkämpft sich dieser den Weg in das Herz des Hörers und berührt dort dessen tief vergrabene Emotionen. Wesentlich offensiver und auch aggressiver erschallt hingegen „Ones In The Woods“. Dies kommt, nach der Ruhe des Vorgängers, einem wahren Paukenschlag gleich. Orientalische Elemente und eine nahezu ungebündelte Energie verleihen dem Stück einen eigenwilligen Charakter. „What Is Left?“ präsentiert sich im Anschluss von einer verspielten akustischen Seite.

Worum geht es bei dem Stück?

Stina: „Um mich herum sah ich viele Freunde, die in unglücklichen Partnerschaften steckten. Diese schließlich zu beenden, ist immer schwierig. Der Song ist als eine Ermutigung zu verstehen, sich dennoch von schlecht funktionierenden Beziehungen zu verabschieden.“

„Measures“ ist ein Track, der einfach aus mir heraussprudelte und dann fertig gewesen ist, gibt uns Stina Koistinen auf Nachfrage hin zu verstehen. Der Song fungiert dabei als perfekte Blaupause für jene Art von Balladen, die ohne auch nur den Hauch von Aufgeblasenheit sofort unter die Haut gehen. Zu den gefühlvollen Harmonien stellen sich umgehend sämtliche Härchen auf und die markante Stimme Stinas erinnert vor allem bei diesem Stück doch recht stark an Deborah Dyer von Skunk Anansie. Präsent, rau, vollmundig. Obwohl der Titel anderes vermuten lässt, ist „Beasts“ ein akzentuierter, zurückhaltender Song, der erst mit voranschreitendem Verlauf wächst und wächst, bis schließlich ein großes und doch so unheimlich liebenswertes, zotteliges Monster vor uns steht. Einmal auf dessen Rücken geschwungen beginnt die holprige Reise über Stock und Stein, die uns bei „A House“ in ein von Geysiren umringtes Territorium führt. Überall dampft und brodelt es. Soundfontänen entladen sich und wirken faszinierend und bedrohlich zugleich. Dann wird es still. „Silent“ tänzelt leichtfüßig vor sich hin, bis „Heavy Lifting“ den Vorhang einer Manege öffnet, auf der zahlreiche Clowns ihre Paradenummern zum Besten geben. Hinter den Schichten von Schminke stecken jedoch oft bedrücktere Gesellen, als man vielleicht zuvor vermutet hätte. „Heart In Ambush“, bei dem sich der Sänger Jonathan Hilli die Ehre eines Gastauftritts nicht entgehen lässt, schwingt sich zu epischer Größe auf. Aus einem kleinen vor sich hinflatternden Spatz wird so ein riesiger Kondor mit stattlichen Schwingen, der majestätisch über allen anderen Vögeln zu fliegen vermag und mit seinen Federn auch die höchsten Wolken streift. Geschlossen wird „Cuckoo In A Clock“ von „The Letter“ einem Walzer mit süßlichem Nachklang.

Wenn das Album ein Bild wäre, was könnte man darauf sehen?

Zehn Aufnahmen von Mikrokosmen.

Auch nach mehrmaligem Hören erfreut man sich noch derartig an der Originalität von „Cuckoo In A Clock“, dass man geradezu süchtig nach der Fahrt auf der Gefühlsachterbahn wird, die die Platte stets verspricht. Noch eine Runde und noch eine Runde…

Was fühlst du denn, wenn du „Cuckoo in A Clock“ hörst, Stina?

Stina: „Ich höre sie mir gar nicht mehr an, da ich das während der Produktion derartig oft getan habe, sodass ich fast glaube, erst in ein paar Jahren wieder dazu in der Lage zu sein. Und doch fühle ich mehr sehr glücklich und stolz auf uns. Es ist ein tolles Album!“

höstfest1Natürlich lieben auch Color Dolor den Moment, wenn sie die schützenden Wände des Studios verlassen können, um sich einem realen Publikum zu stellen. Das Brot des Künstlers ist dabei nicht nur der Applaus am Ende einer Performance, sondern vor allem auch der aufkeimende Dialog mit den Zuschauern beziehungsweise -hörern. Ob aktiv oder passiv. Um die eigene Aufregung dabei im Griff zu halten, damit diese nicht den Auftritt stört, sei es durch ein leichtes Zittern in der Stimme oder ein nervöses Herumtätscheln mit den Händen, haben sich Stina und Co. im Laufe der Zeit dazu entschieden, sich mit bunten Masken zu schmücken.

So kann man sich hundertprozentig auf die Bühne konzentrieren. Außerdem wollten wir etwas Visuelles in die Performance integrieren, da unsere Musik auch sehr bildreich ist.

Kultverdächtig

Color Dolor haben uns mit „Cuckoo In A Clock“ ein aufrichtiges und enorm vielschichtiges Album geschenkt. Ein echter Überraschungserfolg im Musikjahr 2013. Die Platte wird die Zeit überstehen und es ist den Finnen mehr als zu wünschen, dass noch mehr Leute Wind von ihrem Talent bekommen. Wir von Kultmucke tragen gern unseren Teil dazu bei und nehmen mit breitem Grinsen auf dem Gesicht den „Kultverdächtig“-Stempel in die Hand, um ihn als Prädikat ganz fest auf die Werke jener illustren Kapelle zu pressen.

Gewinnspiel

Passend zu diesem ausgiebigen Feature halten wir jeweils zwei signierte Singles von „What Is Left?“ und Poster der Band für euch bereit. Wer sich die Chance darauf nicht entgehen lassen will, der schickt bis spätestens kommenden Mittwoch, den 23.10.2013, eine Mail mit dem Betreff „Color Dolor“ an martin@kultmucke.de. Unsere Losfee wird im Anschluss aus allen Einsendungen zwei glückliche Gewinner ziehen. Viel Erfolg!

Interessante Links

“Cuckoo In A Clock” bei iTunes kaufen

Offizielle Website

Color Dolor bei Facebook

Photo-Credits: Antti Saarainen, Tuomas Saikkonen, Heikki Kaski, Eliso Kokojeva, Antti Pöllänen