Get naked: Der Reiz des Daily Portrait

In Berlin by Martin

Dies ist ein Erfahrungsbericht. Ich habe lange mit mir gerungen, ihn zu veröffentlichen und meine Teilnahme an Martin Pavels Daily Portrait preiszugeben – enthülle ich mit diesem Artikel gleichzeitig auch meinen nackten Körper. Nur wer wäre besser geeignet, über besagtes Nudistenspektakel zu schreiben, als jemand, der dafür die Hüllen hat fallen lassen? Jemand, der komplett unbekleidet in eine Kamera blickte, während sich starke Zweifel und die Lust am Grenzüberschreiten ein neuronales Waterloo lieferten.

Ich stolperte eher zufällig über einen Artikel, der das Projekt bewarb, als ich meine Facebook-Startseite entlangscrollte. Die schamlose Offenheit, mit der die Menschen auf den beigefügten Fotos in Richtung des Betrachters blickten, ließen meinen Puls beschleunigen. Gleichzeitig faszinierte mich die dahinterstehende Idee der Depersonalisierung. Unwillkürlich stellte ich mir die Frage, ob ich wohl selbst in der Lage wäre, einen solchen Schritt zu wagen und meinen entblößten Körper, nicht nur innerhalb einer Ausstellung und eines Buches, wie Pavel es plant, zu präsentieren, sondern darüber hinaus auch das Risiko einzugehen, dass dieser für immer im Netz und in den sozialen Netzwerken gespeichert sein würde.

Ich glaube, dass jeder, der sich mit dem Daily Portrait befasst, zumindest für den Hauch einer Sekunde mit dem Gedanken spielt, wie es wäre, selbst vor der Kamera zu stehen und den Bauch einzuziehen, während das Gegenüber auf den Auslöser drückt.

Nachdem ich aus dem Fenster geschaut und die Wohnung eines Nachbarn mit Adleraugen expliziert hatte, erwischte ich mich dabei, wie ich mein Mailpostfach aufgerufen und die Kontaktadresse des Daily Portraits in einen leeren E-Mail-Kopf eingetippt hatte. Anfangs rechtfertigte ich mein Interesse an dem Projekt mit der Intention, vielleicht selbst einen Beitrag darüber schreiben zu wollen. Als mich Pavel dann kurz darauf kontaktierte und fragte, ob ich am folgenden Tag Lust hätte, mich fotografieren zu lassen, wurde mir jedoch klar, dass ich mich bezüglich meiner Absichten nicht klar genug ausgedrückt hatte – unbewusst oder gar bewusst. Völlig überfordert und entgeistert über mein Spiel mit dem Feuer winkte ich ab und erklärte, dass ich in den Urlaub fahren und demnach keine Zeit haben würde. Schisser. Mein Atem war schwer, als ich die Zeilen in die Tastatur tippte.

Ein langes Grübeln begleitete meine darauf folgende Reise in die Toskana. Immer wieder erwischte ich mich, wie ich in der Badehose am Pool stand und mich mit vermeintlichen Speckröllchen auseinandersetze, die man auf einem potenziellen Foto sehen könnte. Weshalb sind wir Menschen nur derart eitel? Ich bin weder passionierter Saunagänger noch besonders extrovertiert, was Nacktheit betrifft, und doch wollte ich zunehmend wissen, wie ich mit einer Situation, wie sie das Daily Portrait bot, umgehen würde. Zwei Wochen später meldete ich mich schlussendlich für das Projekt an, bat jedoch um einen Vorlauf von drei Tagen, um mich mit der Tatsache auseinanderzusetzen, was ich da eigentlich tat. Eine schlechte Idee, wie sich herausstellen sollte. Mehrfach saß ich in dieser Zeit vor dem Bildschirm meines Laptops und verfasste scheinheilige Ausreden, wieso ich kurzfristig doch noch absagen müsse. Abgeschickt habe ich allerdings keine einzige.

Irgendwann war der Abend vor meinem selbst eigehandelten Shooting gekommen. Und was tut man, wenn man vor Nervosität kaum noch klare Gedanken fassen kann? Richtig! Man geht mit seinen langjährigen Kumpels einen trinken. Woran ich dabei nicht gedacht hatte: Ein verkatertes Gesicht bildet keine gute Grundlage für eine Fotosession. Zahlreiche alkoholhaltige Getränke später setzte ich zum Heimweg an, entschlossen, am nächsten Morgen noch schnell im Fitnessstudio vorbeizuschauen.

Warum machen die Italiener nur derart gutes Essen und bieten überall ihre Degustazioni an. Wie soll man da eine vorzeigbare Figur behalten?

Ich verschlief und musste mein schlechtes Gewissen mit ein paar Liegestützen besänftigen.

Eine Stunde vor der Verabredung mit meinem „Fotografen“ saß ich in meinem Zimmer und blickte mich um. Für mich stand fest: Die Unterhose würde ich anbehalten! Fast schon trotzig, wie ein kleines Kind, das wütend darüber ist, sein Lieblingskuscheltier in die Hände eines Spielkameraden gegeben zu haben, ärgerte ich mich über meine Entscheidung, zugesagt zu haben. Es klingelte und ich öffnete die Tür. Am Tag zuvor hatte ich bereits ein Bild desjenigen erhalten, der mich aufsuchen würde, zusammen mit der Aussage, er sei approved.

Daily Portrait by Martin Pavel (23)

Ich bat André in die Küche und offerierte ihm einen Kaffee. Ein kleiner, unsicherer Smalltalk schloss sich an, der meiner Aufregung etwas den Wind aus den Segeln nehmen konnte. Derweil enterte mein Mitbewohner den Raum und blickte uns verwundert an, kannte er den Kerl, der da an unsere Spüle gelehnt stand, doch gar nicht und konnte ihn auch nicht in meinen Freundeskreis einsortieren. „André ist für ein Kunstprojekt hier“, sagte ich. Den Teil, dass ich mich vor ihm ausziehen würde, um Bilder zu machen, die dann ins Internet gestellt werden, ließ ich vorsichtshalber weg. Wie bei einem Date, bei dem deine Mitbewohner schnell zur unnötigen Gesellschaft avancieren, schnappte ich mir meinen Besuch und führte ihn in mein Zimmer, um weiteren potenziell peinlichen Momenten aus dem Weg zu gehen. „Sollen wir anfangen?“, fragte ich betont lässig und deutete an, dass ich mich als Musikfanatiker gern vor meiner Anlage positionieren würde. Das ist der kleine Anteil bewusster Kontrolle innerhalb des Daily Portraits. Du entscheidest, welchen Winkel deines privaten Raums du zeigen möchtest, gebunden an etwaige Rückschlüsse auf dich, deinen Charakter, deine Vorlieben, deinen Alltag. Was der Betrachter am Ende jedoch daraus macht, kannst du nicht beeinflussen. Und vielleicht fragt sich der eine oder andere nun, warum ich mir Barcodes an meine mit Raufaser tapezierten Wände hänge. Als sei ich ein Schnäppchenjäger, der Coupons aus den Werbeprospekten der Supermärkte ausschneidet.

Es dauerte nur fünf Minuten.

In dieser Zeit warf ich meine zuvor gemachten Prinzipien gänzlich über Bord. Schließlich stand ich dort nackt und mir selbst ein wenig fremd. Beim Ausziehen wäre ich beinahe über meine Unterhose gestolpert. Irgendwann fiel mir zudem auf, dass sie vermutlich noch im Bildausschnitt zu sehen sein dürfte. Dabei hatte ich doch sonst auf alles geachtet und sogar den Mülleimer noch einmal geleert. Das war mir nämlich zuvor auf manch einem Bild der Daily Portrait-Reihe aufgefallen. Hatten die anderen Teilnehmer denn nicht gewusst, dass sie jemand besuchen kommen würde? Mir war es jedenfalls wichtig, dass keine Pizzakartons oder alten Socken in den Ecken meines Zimmers zu entdecken sein würden. Vielleicht macht mich genau das aus. Ich bin ein Pedant und das lässt sich nun auch auf meinem Portrait nachvollziehen.

Daily Portrait by Martin Pavel (40)

Als der letzte Knipser getätigt war, galt es, das finale Motiv auszuwählen – schon komisch, mit einem anderen Mann über die Vorzüge und Nachteile von Nacktaufnahmen zu diskutieren, die dich und deinen Intimbereich zeigen. Dann wurde noch schnell eine Einverständniserklärung unterschrieben und das Ganze per Mail an Pavel geschickt. Am Nachmittag desselben Tages war mein Bild für einen Augenblick zentraler Fokus des Daily Portraits. Plötzlich erwischte es mich eiskalt und ich hoffte, dass niemand, den ich kenne, über diese Aufnahme stolpern würde. Einen ganzen Abend lang musste ich mit den Zweifeln kämpfen, ob das alles wirklich eine gute Idee gewesen wäre. Warum bin ich manchmal nur so verdammt impulsiv? Denken, Martin, denken!

Ein Zurück gab es nicht mehr, wie ich mit dem Verzicht auf meine Bildrechte bestätigt hatte.

Wenig später erreichte mich eine Facebook-Nachricht mit einem Link und der Frage: „Bist du das?“. Nein, natürlich nicht! Meine Freunde kennen mein Zimmer und mein Gesicht. Wie wahrscheinlich ist es da, dass jemand genau denselben Einrichtungsgeschmack hat und mir zudem noch verblüffend ähnlich sieht?
Heute bin ich entspannter. Was ist am Ende dabei? Natürlich habe auch ich einen nackten Körper, genauso wie die Person, die ich am nächsten Tag besuchen sollte. Sandra.

Wir trafen uns vor Sandras Haustür. Ich endlich wieder etwas ausgelassener, sie verständlicherweise nervös. Während ihrer Mittagspause war sie nach Hause gespurtet, um mich zu treffen. Chef und Kollegen hatte sie nichts erzählt. Komisch. Ist Entblättern und sich ablichten lassen denn keine normkonforme Pausengestaltung? Es sollte eine sein! Vielleicht gäbe es dann auch weniger anorektische Mädchen oder selbstunsichere Jungs in unserer Gesellschaft, weil sie verstanden hätten, dass der Großteil aller Körper nicht so aussieht, wie der von Paris Hilton im Minikleid oder der von Justin Bieber, der seinen durchtrainierten Po auf Instagram postet.

Sandra und ich stiegen jedenfalls die Treppen zu ihrer Altbauwohnung hinauf und grinsten unsere Unsicherheiten einfach weg. Spannend war, nun die Perspektive wechseln und selbst in die Rolle des passiven Parts schlüpfen zu dürfen, sprich, wieder hinter den Vorhang der Aufmerksamkeit treten zu können. Langfristig hält man diese psychische Belastung nämlich nicht aus. Wie handhaben das eigentlich Aktmodels oder Pornodarsteller?
Zusammen suchten mein Model und ich nach einem passenden Ort für unser Shooting. Das Kinderzimmer wählten wir ab. Das wäre dann wohl doch etwas pietätlos gewesen.

Schon seltsam, normalerweise geht man doch nur zu Unbekannten in die Wohnung, wenn es sich um anonyme Sextreffen handelt.

Mit diesem Satz stellte sich ein enger Freund Sandras vor, den sie zur Sicherheit eingeladen hatte. Und ja, ein sexueller Reiz mag für manch Partizipierenden des Daily Portraits maßgeblich bei dessen Zusage gewesen sein, aus meiner Sicht passt das jedoch nicht wirklich zusammen. Es kann gar nicht immer um Erotik gehen, wenn ich mir den Großteil der Bilder des Daily Portraits ansehe. Vielmehr verbirgt sich dahinter ein Striptease, der neben unbekleideten Körpern, auch nackte Seelen präsentiert.

Daily Portrait by Martin Pavel (24)

Daily Portrait ist ein Puzzle, das im besten Fall aus 365 Teilen bestehen wird. Ich bin nur ein einziges Puzzlestück des zunehmend konkreter werdenden Gesamteindrucks. Wer sich an meine Seite gesellen und selbst das Abenteuer Daily Portrait wagen möchte, der schreibt am besten eine Mail an portraitdaily@gmail.com.

Fotos © by Daily Portrait