Eine Ode an die Spätis

In Berlin, Geheimtippby Joseph

Wer in Berlin noch schnell ein Bier, eine Zahnbürste oder eine Flasche Sekt braucht, weil die Schwiegereltern unangemeldet in der Wohnung stehen, hat es verhältnismäßig leicht. Es hilft: Der Späti ihres Vertrauens. Spätis gibt es in Berlin wie Sand am Meer. Zumindest innerhalb des Rings ist es quasi unmöglich sich mehr als 100 m vom nächsten Späti zu entfernen. Ich starte eine kurze Google-Suche zu „Spätis Berlin“, zack 71.300 Ergebnisse in 0,48 Sekunden. Weiterhin erfahre ich, dass es in Berlin ca. 1.000 Spätis gibt – die meisten davon in der Innenstadt, wo auch immer das in Berlin genau seien soll.

Irgendwas zwischen Kneipe und Mini-Markt

Für alle nicht Berliner: „Späti“ ist eine liebevolle Berliner Abkürzung für Spätkauf. Damit sind die kleinen Läden gemeint, die dir so ziemlich alles verkaufen können, was du spontan benötigst. Von Kippen über Klopapier und Tiefkühlpizza – hier wird dir geholfen, wenn alle anderen Geschäfte schon geschlossen haben. Normalerweise entsteht eine langfristige Beziehung zwischen Späti und seinen Kunden. Man kennt und schätzt sich. Der Besitzer meines Stammspätis weiß wahrscheinlich mehr über meine Lebensgewohnheiten als Facebook und Google zusammen, vorausgesetzt er würde sich erinnern. Dank der für Berlin typischen Ignoranz muss ich mir in dieser Hinsicht allerdings keine Sorgen machen. Außerdem würde mich Hamid (liebe Grüße) niemals für meine nächtlichen Eskapaden verurteilen – hoffe ich zumindest.

Spätkauf ist Berliner Kiezkultur

Der Spätkauf ist fester Bestandteil der Berliner Kiezkultur. Er ist Supermarkt, Treffpunkt, Internetcafé, Bäckerei, Drogerie, Lottostelle, Poststelle und Schenke in einem. Der Begriff Spätkauf, oder genauer „Spätverkaufsstelle“, stammt übrigens aus der DDR und wurde nach der Wende auf ganz Berlin ausgeweitet. In Restdeutschland sind Spätis auch bekannt, heißen aber anders. Die Düsseldorfer haben ihre Büdchen, der Ruhrpott seine Trinkhallen und in Frankfurt sagt man Wasserhäuschen. Nur Bayern hat dank allgemeinen Ladenschlusszeiten lediglich Kioske, die tagsüber geöffnet sind – Pech gehabt, denn ohne spät, kein Späti.

Streitpunkt Sonntag

Der Vorteil eines Spätis ist eben, dass er auch dann noch offen hat, wenn normale Geschäfte geschlossen haben. Gerade sonntags hat mir mein Späti schon den ein oder anderen Tag versüßt. Allerdings ist das nicht immer legal. Wann und wie lange ein Laden geöffnet sein darf, ist im  Berliner Ladenöffnungsgesetz festgelegt. Hier wird zwischen zwei Typen von Einzelhändler unterschieden. Spätis die ausschließlich für den Touristenbedarf verkaufen und nur Andenken, Stadtpläne, Tabakwaren, Sonnenmilch oder Lebens- und Genussmittel für den sofortigen Verzehr wie Alkohol, Süßwaren, Eis und Obst verkaufen, dürfen ihre Waren an Sonn- und Feiertagen von 13 bis 20 Uhr anbieten. Von 7 bis 16 Uhr öffnen dürfen Läden, die nur Waren für den Bevölkerungsbedarf anbieten wie Blumen und Pflanzen, Zeitungen und Zeitschriften, Backwaren sowie Milch- und Milcherzeugnisse. Werden Produkte aus beiden Kategorien in einem Laden angeboten darf dieser sonn- und feiertags nicht öffnen. Ab und an umgehen Spätis diese Praxis allerdings – schließlich kommen die meisten Kunden eben dann, wenn sonst nichts mehr geht.

Danke dafür!

Ich möchte hier niemanden dazu aufrufen gegen geltende Gesetze zu verstoßen, doch Hand aufs Herz: Wer war nicht schonmal froh an einem Sonntag das nötigste noch kurz in seinem Stammspäti besorgen zu können. Für mich gilt weiterhin: Ich bleibe meinem Späti treu!