Kultverdächtig: Elise Mélinand

In Musik by Martin

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Unsere Gedanken und Gefühle gehören uns allein. Als verborgene Parallelwelt existieren sie neben der gelebten Wirklichkeit. Doch kommt es vor, dass wir uns dann und wann einmal bewusst dazu entscheiden, die Tore zu jenem geheimnisvollen Reich aufzustoßen, damit ein anderer Mensch unsere Seele berühren kann. Gleichsam einem Elefanten im Porzellanladen sollte der geladene Gast dabei jedoch behutsam durch jenen sensiblen Persönlichkeitskosmos schreiten, denn überall lauern Hindernisse. Musiker pflastern den Weg in Richtung ihrer Erinnerungen und Empfindungen meist mit ihren Songs. “Kultverdächtig” wandert gern entlang dieser oft verzweigten Pfade. Dieses Mal sind wir auf den Spuren von: Der grazilen Liedermacherin Elise Mélinand.

Fräulein Wunder

SONY DSCWas bedeutet Musik für dich?

Für mich bedeutet Musik Glück. Ich bin glücklich, sie zu hören, sie selbst zu machen und von neuen Künstlern oder Klängen zu erfahren.

Es ist Saara Markkanen alias LUAI zu verdanken, dass wir auf Elise Mélinand aufmerksam wurden. Im Rahmen der Recherche zu dem Feature, das wir mit der Finnin realisierten, stolperten wir auch über einige Videos, die zwei ambitionierte Songwriterinnen auf ihrem ganz individuellen Trip durch die Vereinigten Staaten begleitet. Zusammen hatten sich Saara und Elise einst aufgemacht, um mit ihrer Musik über den Atlantik zu fliegen und dort auf einer mehrwöchigen Konzertreise in verschiedenen amerikanischen Locations, ihre Stücke zu spielen.

“Wir waren für einen Monat weg und fuhren über 10000 km. Nur drei Tage hatten wir frei. Es fühlte sich wie ein riesiges Abenteuer an, bei dem wir viel über uns selbst und das Leben auf Tour lernten. Ich erinnere mich oft an unseren Aufenthalt in Louisiana. Nach New Orleans werde ich auch definitiv noch einmal zurückkehren. Man kam sich vor wie in einem Film aus den Zwanzigern. Die Menschen dort sind so nett, überall ist Musik und die Stadt hat eine derartig geschichtsträchtige Vergangenheit. Der perfekte Ort, um inspiriert zu werden.”

In perfekter Harmonie ergänzen sich Saaras tiefe, sanfte und die wesentlich leichtfüßigere Stimme von Elise Mélinand. Nur selten erlebt man eine derartige akustische Verbundenheit. Das ist auch der Grund, weshalb die beiden mehrfach auf den Veröffentlichungen der jeweils anderen zu hören sind. Oft im Background, leise und unterstützend. Zu der Zeit, als Elise in Berlin wohnte, trieb es die Freundinnen oft gemeinsam auf die Straße. Mit ihren Gitarren bewaffnet war kein Ort vor ihnen sicher. So verstrichen die Tage, Wochen und Monate, bis Elise schließlich nach Frankreich, in ihre Heimat, zurückkehrte. Die Freundschaft der zwei Frauen ging im Strudel der Zeit verloren, doch kann man sie in den vielen Tracks, die sie miteinandner aufnahmen, noch immer hören. Unter anderem auch innerhalb des wunderschönen “Katie’s Blue Cat”, welches auf unserer Compilation “Kultverdächtig I” zu finden ist.

Ich bin stolz und geehrt, Teil dieses Projektes zu sein.

le voyageUrsprünglich enstammt der Titel der Debüt-EP Elise Mélinands, die den Namen “Le Voyage” trägt. Zu großen Teilen entstand das mit fünf Tracks bestückte Erstlingswerk der Französin, während sie in Berlin lebte. Überall finden sich in der Folge kleine versteckte Hinweise auf die Stadt, die Elise selbst als Quelle der Kreativität bezeichnet. Ob in den erzählten Geschichten oder in Akustik und Farbe. “Le Voyage” ist ein gläsernes Zeugnis für das Fingerspitzengefühl, mit dem die 22-Jährige sich der Erbauung ihrer Klanggebilde widmet. Zurückgenommener Spieluhrencharme trifft auf wagemutige Zukunftsvorstellungen – “Le Voyage” knüpft eine unsichtbare Band zwischen Kindheit und Erwachsenendasein. Ambitioniert und formvollendet. Neben dem erwähnten “Katie’s Blue Cat” und den entzückenden Tracks “Rosie”, “André” und “Le Voyage”, befindet sich auch “In Her Room” auf der EP. Eine Nummer, die wie das sanfte Tippeln von Zehenspitzen auf dem Boden beginnt und dann zunehmend seine Bewegungen ausweitet. Schließlich umarmt es den Hörer mit ausgestreckten Armen.

Was steckt hinter “In Her Room”?

“Ich hörte einst die Geschichte von einer Frau, die Lieder in ihrem Zimmer aufnahm, während ihr Baby schlief. Ihr Mann musste in den Krieg ziehen und sie war allein mit ihrem Kind. Ihr Urgroßenkel fand Jahre später die Aufnahmen und teilte sie über Spotify. Ich fand das wunderschön und so widmete ich ihr diesen Song.”

http://youtu.be/svZtMW7G7Vk

Gedämpfte Schemen, zarte Schatten und eine Stimme, die mal infantil und dann doch wieder feminin und apart daherkommt, machen “In Her Room” zu einem wohltuenden Zeitgenossen. Einem Track, der vielen Situationen etwas Magisches abzugewinnen vermag.

Deine Stimme hat einen sehr speziellen Klang. Wie reagieren die Menschen auf sie?

“Sie spaltet die Meinungen. Oft wurde ich nach Auftritten gefragt, ob meine Stimme echt sei. Das bringt mich immer zum Lachen. Ich bin froh, dass sie Gefühle in den Menschen weckt und auch, wenn sie sie nicht mögen, bewegt sie anscheinend etwas in ihnen.”

Gesungen hat Elise schon immer. Im Alter von fünf bittet das kleine Fräulein Wunder die gesamte Familie zur Audienz. Aus vollem Herzen setzt sie zu einem Lied an und wenig später spürt sie, wie eine unglaubliche Energie ihren Körper durchfährt. In diesem Moment ist es um Elise geschehen. Die leuchtenden Augen ihrer Verwandten, das Zittern der eigenen Stimmbänder und der akustische Widerhall des Klangs von den Wänden – all das weckt den Ehrgeiz, sich von nun an, mit Haut und Haar, der Musik zu verschreiben. Zwei Jahre später sieht man das blonde Mädchen als eine Art Chorleiterin vor ihren Freunden stehen. Lauthals ermuntert es sie, die erste Eigenkomposition mit ihm zu trällern.

Ich hatte das Glück, in einer sehr aufgeschlossenen Familie aufzuwachsen. Meine Mutter, meine Schwestern, meine Cousinen und meine Großtante sind Schauspielerinnen, meine Großmutter ist Musikerin und schreibt Romane. Jeder hat etwas mit Kunst zu tun, was sehr inspirierend ist. Meine Eltern haben mich und meine Schwestern immer dazu ermutigt, das zu tun, worauf wir Lust haben. Für diese Unterstützung bin ich sehr dankbar.

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Als Multiinstrumentalistin, die sowohl Klavier als auch Gitarre, Cello und den Umgang mit verschiedenen Computerprogrammen zur Sounderzeugung beherrscht, war es ein leichtes für Elise Mélinand der Bitte nachzukommen, die an ein jedes “Kultverdächtig”-Feature geknüpft ist. Nämlich einen Coversong für unsere Playlist aufzunehmen. Madame entschied sich in diesem Zuge für “Where Is My Mind?”, das im Original von der Bostoner Band Pixies performt wurde.

Es war das erste Mal, dass ich an einem Cover gearbeitet habe. Eine sehr interessante Aufgabe, den Song der Pixies in mein eigenes Universum zu übertragen. Ich wählte den Track wegen seiner Lyrics, denen ich mich sehr nah fühle. Ich fragte mich, wie ich das Stück komponiert hätte, wenn es von mir stammen würde, und das führte mich zu dieser Version.

Die schwerelose und elektrifizierte Attitüde, welche Elise Mélinands Variation von “Where Is My Mind?” vermittelt, knüpft nahtlos an jene tonale Ästhetik an, die auch ihr Debütalbum “Gray Hoodie” kennzeichnet. Anders als die, noch deutlich im Songwriter-Genre verortete, “Le Voyage”-EP, besticht “Gray Hoodie” durch seine Liebe zu artifiziellen Texturen.

Folder“Ich denke, meine Musik folgt meinem Lebensstil. ‘Le Voyage’ entstand kurz, nachdem ich eine Folkband verlassen hatte, in der ich zuvor öfter gespielt hatte. Wir verwendeten viele akustische Instrumente, sodass es sich damals richtig anfühlte, Gitarren in meinen eigenen Aufnahmen zu haben. Ich entschied mich mit Nylonsaiten zu spielen, um einen Klang zu erhalten, der dem einer Harfe ähnelt. ‘Gray Hoodie’ klingt elektronischer, weil ich mich in Berlin verliebt habe und großartige Electro-Composer kennenlernte, die mich beeinflussten. Das war eine völlig neue Welt für mich. Plötzlich konnte ich alles, was ich im Kopf hatte, relativ einfach aufnehmen, indem ich die richtige Software benutzte. Das machte den Entstehungsprozess wesentlich einfacher. Ich glaube allerdings nicht, dass sich die Stimmung stark verändert hat. Es ist noch immer eine atmosphärische, verträumte Musik. Nun, vielleicht bin ich zwischendrin erwachsen geworden?”

Vielleicht ist sie das. Mit dem Überstreifen der grauen Kapuzenjacke haben ihre Stücke jedenfalls definitiv ein wenig an Naivität verloren, zugunsten einer kühleren Abgeklärtheit. So findet sich der Hörer nun an einem kieseligen Strand bei diesigem Wetter wieder und merkt, wie der Wind durch seine Ohren pfeift. Der Opener “Indonesia Baby” lässt Nebelschwaden aufziehen, durch die das Licht sich nur schwerlich hindurchkämpft.

“Prélude En Louise” begehrt als Folgetrack gegen seinen Vorgänger auf und klärt die Szenerie, gleich einem lange überfälligen Regenschauer. Zwar wirkt der Himmel noch immer grau, doch durchdringen ihn zunehmend einige Sonnenstrahlen. Mit “Rue Des Abbesses” bleibt Elise Mélinand der verzauberten Tristesse noch für einen Moment treu, bevor “Eliot”, ähnlich dem gleichnamigen Schmunzelmonster, dafür sorgt, dass der Mund ein breites Grinsen formt.

Elfengleich verliert sich das fragile Geflüster Elise Mélinands beim Interlude “Something For The Horns”, wohingegen “Picture Book” wesentlich traurigere Töne anschlägt. Sirenenartige Gesangspassagen, die hier und da an Elises Landsmännin Émilie Simon erinnern, begleiten derweil die vor sich hintropfenden Melodien. “Dried Leaves” und “La Pluie (La Plus Belle)” siedeln sich schließlich in epischeren Gefilden an und glänzen wie das Gold und Silber eines verloren gegangenen Schatzes. Bevor “Hymne Hybride” das Album auf andächtige Art und Weise ausklingen lässt, avanciert “Sur L’Océan” noch zum sentimentalen Höhepunkt von “Gray Hoodie”.

Du hast für diesen Track mit dem französischen DJ und Soundgenie Franck Zaragoza alias Ocoeur kollaboriert. Wie war das?

E_M_3“‘Sur L’Océan’ war tatsächlich der erste Track, den ich für ‘Gray Hoodie’ aufgenommen habe, und auch der einzige der live eingespielt wurde. Ich war zu Besuch bei Franck, der an einem wundervollen Ort, voller Equipment, lebt. Ich wollte alles ausprobieren. Ich spielte ihm das Thema des Stückes auf der Gitarre vor und er improvisierte diese wundervolle Pianountermalung. Das war eine unglaubliche Erfahrung. Als wären unsere Sinne miteinander verbunden gewesen. Das war mehr als nur Musik.”

In der Tat schwingt sich “Sur L’Océan” galant zu einem dieser Stücke auf, die sofort etwas in einem bewegen. Die Flüchtigkeit des Augenblicks, die Elise und Franck, den wir euch übrigens schon sehr bald ausgiebiger vorstellen werden, konserviert haben, berührt zutiefst. Erst kürzlich hatte Elise Mélinand dann die Gelegenheit, sich für jene Zusammenarbeit bei Ocoeur zu revanchieren und schenkte seinem “Light As A Feather” ihre vollkommene Aufmerksamkeit.

War es eine Herausforderung für dich, den Track zu remixen?

“Ja, definitiv. Und ich liebe Herausforderungen! Mein erster Remix. Was für ein Song das im Original ist, ich war anfangs wirklich etwas eingeschüchtert, doch schnell wurde ich süchtig danach, daran zu arbeiten. Es kostete mich drei Monate, um herauszufinden, wie ich das Stück klingen lassen möchte. Die Aufnahme ging dann relativ schnell.”

Möchtest du unseren Lesern abschließend noch etwas mitgeben?

Liebe.

Kultverdächtig

Kommen wir nun zum Ende dieses ausgiebigen Blicks auf die hübsche Französin, die neben ihrer Musik, auch durch Ausstrahlung und Intellekt begeistert. Schon zu Beginn ihrer noch jungen Karriere legt Elise Mélinand Arbeiten mit einem Gehalt vor, die andere Künstler, während der Veröffentlichung zahlreicher Alben, nicht zu erreichen in der Lage sind. Ob auf der Bühne, wo sie ihren Kompositionen stets einen neuen Anstrich zu verleihen versucht, oder auf Vinyl oder CD gepresst, die Songs von Elise Mélinand sind von zeitloser Eleganz und Kostbarkeit. Das ist definitiv kultverdächtig.

Gewinnspiel

Zu guter Letzt halten wir zwei CD-Exemplare von “Gray Hoodie”, welches in Deutschland regulär nur als Download erhältlich ist, bereit, um sie an zwei interessierte Leser weiterzugeben. Eine Mail an martin@kultmucke, mit dem Betreff “Elise Mélinand” genügt, um mit etwas Glück, bald zu den Besitzern dieser zu gehören. Einsendeschluss ist der kommende Dienstag, der 08.04.2014.

Interessante Links

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Soundcloud-Account von Elise Mélinand

Fotos © by Pauline Well