Ein Wiedersehen mit Emiliana Torrini

In Musikby Martin

Es ist wieder so weit. Das XJAZZ jagt durch Berlin und lädt Freunde des außergewöhnlichen Hörgenusses für drei Tage in die Neue Heimat auf dem Friedrichshainer RAW-Gelände ein. Berlin X Reyjkjavik lautet das Motto einer Spezialausgabe des Festivals. Eine, die in diesem Zusammenhang keineswegs fehlen darf, ist Emiliana Torrini.

Bereits im letzten Jahr holte der musikalische Leiter Sebastian Studnitzky die Isländerin auf die Bühne der ersten Ausgabe des XJAZZ. Wir hatten damals die Ehre, ein Interview mit der überaus sympathischen Songwriterin zu führen, weshalb uns die Entscheidung, für ein weiteres Gespräch mit ihr in das von uns mittlerweile häufig frequentierte Michelberger zu fahren, wahrlich leicht fiel. Schon nach kürzester Zeit stellte sich bei unserem Team ein vertrautes Gefühl ein und einmal mehr waren wir von den Aussagen jener Frau fasziniert, die es schafft Lebensweisheit, Charme und eine tiefe Liebe für die Dinge, die sie tut, miteinander zu vereinen.

Emiliana Torrini by Susanne Erler (1)Emiliana, es ist schön, dich wiederzusehen. Wie geht es dir?

„Großartig! Ich habe gerade eine wundervolle Zeit. Ich glaube, ich bin das erste Mal für mehr als vier Monate zuhause gewesen, ohne herumzureisen, was natürlich auch irgendwie befremdlich war. Plötzlich weiß man wieder, wie das für andere Leute sein dürfte. (lacht) Ich musste mich selbst schulen, die Ruhe genießen zu können. Sprich, Dinge einfach passieren zu lassen, neue Leute kennenzulernen und nicht zwangsweise an Musik denken zu müssen. Die ersten Monate waren schrecklich, hat man doch grundsätzlich immer Erwartungen an die eigene Entwicklung. Es braucht eine Weile, diese zu verlieren.“

Die Vergangenheit ist vorüber und das Hier und Jetzt ist ein wunderbarer Zufluchtsort, auch wenn die unkontrollierbare Zukunft bereits an die Tür klopft.

„Irgendwie war es spannend, genau das zu lernen. Dazusitzen und zu schauen, was auf mich zukommt. Natürlich habe ich auch das Glück, mir dies überhaupt herausnehmen zu können. Ja, genau das mache ich aktuell. (lacht) Manch einer würde das vielleicht ‚Nichtstun‘ nennen.“

Aber manchmal braucht man vielleicht genau das.

„Absolut. Außerdem schaut man dann auch noch einmal über den eigenen Horizont hinaus und kann Projekte wie den heutigen Auftritt realisieren. Die Möglichkeit, wieder dabei sein und mit dem Ensemble X spielen zu dürfen, ist einfach überwältigend. Eventuell kann man daraus ja irgendwann mal eine ganze Tour machen. Ich werde ihnen diese Idee noch unterjubeln müssen.“

Das führt uns zu der nächsten Frage. Du bist erneut Teil des Line-Ups für das XJAZZ, um genauer zu sein für dessen Spezialausgabe, die sich Berlin X Reykjavik Festival nennt. Welche Erinnerungen hast du denn noch an das letzte Jahr?

„Die Teilnahme hatte eine massive Auswirkung auf mich. Lange Zeit habe ich mit der gleichen Band gespielt, die ich liebe und schätze, aber mit diesem neuen Ensemble hatte ich das Gefühl, meine Wurzeln besuchen zu können. Als könnte ich zu den Augenblicken zurückkehren, als ich in kleinen Bars gespielt habe, in denen mich keiner kannte. Damals war ich noch sehr impulsiv und oft völlig wie berauscht. Mir wurde plötzlich klar, wie sehr mir das gefehlt hat. Auch, nicht ewig zu proben, sondern Dinge teilweise einfach geschehen zu lassen. Das geht natürlich nur an der Seite von Leuten, denen du zu hundert Prozent vertraust und die wissen, was sie tun. Sebastians Einstellung dahin gehend ist toll. Er ist generell ein wunderbarer Mensch. Seine Ideen für die Shows hören sich eigentlich immer großartig an und er schafft es stets, mich zu überraschen.“

Berlin und Reykjavik stehen im Fokus der Veranstaltung und wurden zu diesjährigen Austauschpartnern erklärt. Wo siehst du Parallelen zwischen diesen beiden Städten? Gibt es welche?

„Ich weiß es nicht. Es ist schwer zu sagen, denn wenn du dich in einer musikalischen Umgebung bewegst, gibt es selten schwerwiegende Unterschiede. Das verbindet uns Künstler vielleicht auch und lässt den Eindruck einer großen Gemeinschaft entstehen. Als Tourist oder Zuwanderer ginge mir das vielleicht anders. Island liegt so weit im Norden, es ist extrem kalt und dort zu leben, ist oft wirklich schwer. Ich kenne kaum jemanden, der noch nie einen Isländer getroffen hat. Das erweckt den Anschein, als gäbe es Trillionen von uns, aber das stimmt nicht. Nur immigrieren die Isländer gern und tun das anscheinend auch recht erfolgreich. Keine Ahnung, woran das liegt. Eventuell, weil wir sehr neutral sind. Wir haben wenig Lasten auf unseren Schultern, waren nie in Kriege verwickelt und sind nicht schuldig. (lacht) Zudem gibt es bei uns wenig extreme Religionen oder andere Dinge, die oft Grund für Probleme und Streits sind. Nun ja, in der Finanzwelt schätzt man uns vielleicht nicht mehr. Berlin hingegen trägt etwas Leuchtendes und sehr Künstlerisches in sich, obwohl es natürlich ganz verschiedene Gesichter der Stadt gibt, die man meist erst dann kennenlernt, wenn man längere Zeit hier verbringt. Zum Beispiel diese sehr raue Art, dass wenn du eine Frage stellst, du oft eine sehr schnippische Antwort erhältst. (lacht)“

Du selbst bist Tochter eines italienischen Vaters und einer isländischen Mutter. Was bedeutet dieser multikulturelle Hintergrund für dich?

„Wohlmöglich alles.“

Ich darf mich extrem glücklich schätzen, in vielen unterschiedlichen Welten verwurzelt zu sein.

„Aus meiner Sicht bin ich sehr deutsch-italienisch. Müsste ich mich selbst als irgendwo zugehörig erklären, wäre das in Italien oder Deutschland. Ich bin hier aufgewachsen und habe hier auch etliche Jahre verbracht. Als wahres Geschenk empfinde ich zudem, dass mein Vater, der Neapolitaner ist, mir beibrachte, Regeln zu brechen. Das ist so unglaublich wichtig. Neapolitaner sind durchgeknallt, aber genau an den richtigen Stellen. Mein Vater ist sehr offen, witzig und freundlich. Stellt euch vor, wie vor 42 Jahren ein Italiener nach Island kommt, zu einer Zeit, in der alles noch recht stoisch war, man sich selbst mit seinem Sohn nur die Hand zur Begrüßung schüttelte und dann kommt da mein Vater, der Männer auf die Wange küsst. Männer! Es war schön, so aufzuwachsen. Wenngleich auch störend, denn er stellte mich oft bloß, indem er sagte, was er dachte und laut mit den Leuten umging. So etwas macht man in Island normalerweise nicht. Wenn man nicht gerade betrunken ist, handelt man die Dinge im Stillen aus.“

Als jemand, der in Deutschland aufgewachsen ist, kennst du bestimmt auch deutschsprachige Musik. Wie gefällt dir diese?

„Deutsch ist eine wunderschöne Sprache. Vor allem das Hochdeutsche. Wenn man sich die Dialekte anschaut, gibt es da hingegen ein Spektrum von anmutig bis unglaublich seltsam. (lacht) Gut gesprochene Sprachen haben oft etwas sehr Reizvolles. Musikalisch mag ich Hildegard Knef sehr und es gab deutschen Hip-Hop, den ich mochte.“

Aus den Neunzigern?

„Ja. Andererseits begegnete mir auch gar nicht so viel deutsche Musik, weil sie damals kaum jemand hörte. Die ganzen amerikanischen Sachen waren viel beliebter.“

Auch heute ist die deutschsprachige Musik wohl noch nicht wirklich auf dem Vormarsch.

„Wobei eine meiner Lieblingsplatten, das zweite Album von Soap&Skin ist. ‚Vater‘ ist ein so großartiger Song. Hätte sie diesen in Englisch aufgenommen, wäre das unglaublich schade gewesen. Davon sollte es mehr geben.“

Ja, leider singen sonst oft nur Popmusiker auf Deutsch.

„Und das funktioniert selten. Der deutsche Akzent braucht etwas Raueres.“

Und Klassisches?

„Exakt! Ich als Isländerin will genau das.“

Emiliana Torrini by Susanne Erler (3)

Beim letzten Mal erzähltest du uns, dass dein Sohn bereits seine eigene Plattensammlung gestartet hat. Was hört er denn aktuell gern?

„Kinder verändern ihren Geschmack recht wenig.“

Also immer noch Nancy Sinatra?

„Oh, er liebt Nancy Sinatra! Es gibt da so ein Bild von ihr, das er wieder und wieder anschauen möchte. Sie ist darauf in pinken Stiefeln und einem pinken Kleid zu sehen. Dann haben wir so eine Make-Up-App. Er hat sie neulich benutzt und sagte, dass wenn er ein Mädchen wäre, genau wie sie sein wolle. (lacht) Außerdem mag er Trompete. Das war schon so, als er ganz klein war.“

Hast du ihn schon Sebastian vorgestellt?

„Nein, noch nicht. Das hole ich nach, wenn er etwas älter ist. Es gibt da diesen Teil in mir, der ihn jetzt noch nicht in jene Welt einführen will. Am Ende hat das noch Auswirkungen auf die Entscheidungen in seinem Leben. (lacht) Ansonsten hat er sich selbst gerade eine Kinderplatte aufgenommen, weil ich recht gemein war und viele dieser typischen weihnachtlichen Geschenke verschwinden lassen habe. Es gibt nur wenige schöne Alben in jenem Genre.“

Wie schaffst du es, Mutter und eine gefragte Künstlerin zugleich zu sein?

„Wie bereits angedeutet, kann ich mich gerade sehr glücklich schätzen, nicht unbedingt losgehen und immerzu Geld verdienen zu müssen, da Deutschland und der massive Erfolg von ‚Jungle Drum‘ mich dahin gehend ein wenig freigestellt haben. Das war das größte Geschenk, hatte ich doch gerade erst mein Kind bekommen. Dadurch war ich auch nicht ganz so panisch, was das Touren betraf.“

Ich bin noch nicht bereit, wieder auf große Reise zu gehen, meine Familie alleinzulassen und ein Fischermann zu werden.

„Bietet man mir allerdings jene magischen Gigs an, oder die, die wirklich, wirklich gut bezahlt werden, dann mach ich es. Das ist die brutale Wahrheit, nur das Eine funktioniert ohne das Andere eben nicht. Jedoch gehe ich nie länger als zwei Wochen aus dem Haus.“

Kommen wir zu unserer letzten Frage. Gibt es einen deiner Songs, der dir am meisten bedeutet? Der anders ist, als die anderen?

„Schwierig, da sie alle aus ganz unterschiedlichen Begebenheiten stammen. Ein Song, auf den ich unglaublich stolz bin, was sein Handwerkszeug angeht, ist ‚Beggar’s Prayer‘. Dort vereinen sich viele Ideen. Er kommt noch aus den Zeiten von ‚Fisherman’s Woman‘, ist aber auf ‚Me And Armini‘ zu hören. Als ich erneut meine alten Stücke hörte, um mich auf das XJAZZ vorzubereiten, fiel mir auf, dass es fast keine typischen Songstrukturen innerhalb dieser gibt. Kaum Refrains. Alles stützt sich auf die Bridge und selbst Wiederholungen sind selten. (lacht) Das ist lustig, weil sie überhaupt nicht konventionell sind.“

Eventuell passen sie genau deswegen so gut zum Jazz?

„Definitiv. Auf ein Konzert zu gehen, ohne helfende Computer, sodass jeder Abend anders wird, das ist fantastisch und ich freue mich auf die heutige Show.“

Wenige Stunden nach unserem Interview betritt Emiliana Torrini die Bühne der Neuen Heimat – ein magischer Moment, dem ein sehr intimes und einzigartiges Konzerterlebnis folgt.

 

Fotos © by Susanne Erler