Volle Packung Sympathie: Emiliana Torrini

In Musikby Martin

Das XJAZZ läuft auf Hochtouren und jagt impulsartig klassische Arrangements, improvisierte Soundtexturen und elektrifizierte Beats durch die Straßen Berlins. Wir nutzten die Gelegenheit und begaben uns in das Hauptquartier des Festivals, um dort eine Verabredung mit Emiliana Torrini wahrzunehmen. Die hübsche Isländerin empfing uns mit einem strahlenden Lächeln auf den Lippen im Restaurant des FluxBaus. Schon nach wenigen Sekunden erlagen wir komplett dem Charme der Sängerin, die das Wort Starallüren vermutlich nicht einmal buchstabieren kann.

Extrem authentisch und immer mit einer angenehmen Portion Humor versehen erzählt Emiliana Torrini von ihrer Sicht auf die Branche, in der es vor Halsabschneidern und Möchtegerns nur so wimmelt. Obwohl ihr „Jungle Drum“ zum Sommerhit wurde, sie mit „Gollum’s Song“ das Titelstück zum mehrfach oscarprämiierten „Herr der Ringe – Die Zwei Türme“ ablieferte, für Kylie Minogue deren Erfolgssong „Slow“ komponierte und die komplette Musikprominenz bereits kennenlernen durfte, wirkt die Mittdreißigern derart herzlich und auf dem Boden geblieben, dass man nur staunen kann. Am Ende eines halbstündigen Gespräches verbleiben wir mit einem wohligen Gefühl im Magen zurück.

Emiliana, welcher war der letzte Track, den du vor diesem Interview gehört hast?

„Oh, Milky, wie war noch ihr Name? Milky irgendwas!“

Milky Chance?

„Ja! Wir hörten das bei einer Freundin über Youtube, während ich duschte. Milky Chance mit ‚Stolen Dance‘.“

Welchen Status hat Musik denn generell in deinem Leben?

„Sie ist ein so großer Teil meines Wesens. Schon seit ich ein Kind war. Ich kenne das gar nicht anders. Sie ist Teil von Allem. Wenn ich daran denke, keine Musik zu machen, macht mir das Angst.“ (lacht) „Das wäre, als ob ich tot sei. Ich wäre nur ein Zombie. Wie soll ich das erklären? Man kann mich bei einem normalen Job gar nicht anstellen.“ (lacht) „Ich habe ja nie etwas anderes gemacht.“

Hast du denn noch frühe akustische Erinnerungen?

„Alles, an das ich mich erinnern kann, ist mit Musik verbunden. Mein ganzes Leben entwickelte sich aus ihr heraus. Gesungen habe ich schon seit ich denken kann, dann kam ich mit neun in den Chor, gründete mit fünfzehn eine Band, ging mit sechszehn zum Theater und studierte schließlich Oper.“

Deine erste internationale Veröffentlichung war „Love In The Time Of Science“. Die Platte wurde oft dem Trip-Hop zugeschrieben. Wo stehst du heute stilistisch?

„Ich weiß nicht. Das ist wie eine einzige große Bewegung. Es hat auch immer damit zu tun, was gerade in deinem Leben vor sich geht, was dich motiviert. Ein Album ist nicht gezwungenermaßen gleichzusetzen mit der Musik.“

Wenn Leute zu mir sagen, ich hätte seit fünf Jahren keine Musik mehr gemacht, denke ich immer, dass ich doch genau das getan habe.

„Die letztendliche Platte ist immer nur ein kleiner Bruchteil des Ganzen. Sobald sie aber erscheint, wird sie übermächtig. Dann ist es tatsächlich so, dass du kaum noch Musik machst. Vielleicht veröffentliche ich deswegen nur selten etwas, weil dich das von allem anderen entfernt.“

Worin unterscheiden sich aus deiner Sicht die Vorstellung vom Musikerdasein und die gelebte Realität?

„Vermutlich in jeder möglichen Hinsicht.“ (lacht) „Als ich mit dem Musikmachen anfing, fand ich es immer lustig zu sehen, wie sich Bands in Schubladen stecken, um dann darüber sprechen zu können, dass sie genau das nicht wollen. Jede Rockgruppe will den Fernseher aus dem Fenster schmeißen. Wir haben Vorstellungen davon, wie das Leben eines Künstlers aussieht. Ich schätze, jeder hat die. Nur ist das Alles oft weit entfernt von dem, wie es sein sollte. Man sollte die Leute um sich herum genießen, die Orte, an die man kommt. All diese Gelegenheiten sind sehr selten. Irgendwann stellst du dann fest, oh, ich habe immer betrunken in irgendwelchen Bars herumgelegen und hätte eigentlich mit den Menschen jammen können, die ich getroffen habe. Beziehungsweise einfach näher an der Musik sein können. Musiker zu sein ist mit ‚Hardcorearbeit‘ verbunden und viele sind dazu nicht in der Lage. Viele denken schon während der ersten Tour, dass sie gerne nach vier Tagen wieder aufhören wollen würden.“ (lacht) „Man ist oft dermaßen müde und hat nur wenig Energie zur Verfügung.“

„Fisherman’s Woman“ gehört zu den wirklich sensibelsten Alben aller Zeiten. Was bedeutet dir die Platte denn ganz persönlich?

„Das war vermutlich die wichtigste Platte für mich, aufgrund des Themas und der Tatsache, wie hart damals alles für mich war. Jeder neue Tag ist eine Art Triumph gewesen, denn ich entkam Stück für Stück jener Zeit. Was gut an dem Album ist, dass es sehr rau ist und Raum bietet. Ich hoffe, dass es eine einzigartige Platte in meinem Leben bleiben wird. Ungern würde ich nochmals ein Album aufgrund solcher Geschehnisse machen wollen. Es ist schöner in glücklicheren Zeiten. Ich bin dennoch absolut stolz darauf, denn das war ein sehr heilsamer Prozess für mich.“

(Anmerkung: Emiliana Torrini schrieb „Fisherman’s Woman, nachdem ihr damaliger Freund im Jahr 2000 bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war.)

„Es war wirklich schwer, mit den Songs zu touren und sie wieder und wieder zu singen.“

Aufgrund all der daran gebundenen Emotionen?

„Ja, genau. Das realisierst du aber erst später.“

Als Isländerin, was hältst du da von dem musikalischen Nachwuchs aus deiner Heimat?

„Unglaublich gut! Man hört in ihrer Musik, dass sie frei sind. In Island gibt es kaum Manager oder Labels, wodurch Kinder und Jugendliche genug Zeit haben, sich auszuprobieren, bevor sie in die Industrie kommen. Oft haben sie schon viel Erfahrung bei Hauskonzerten gesammelt. Sie lernen früh, Charaktere zu erkennen und ihnen ist es egal, ob jemand zum Beispiel schon mit Whitney Houston gearbeitet hat oder nicht. Ich glaube, das schafft einen wunderbaren Schutz.“

Plattenfirmen sind nicht dazu da, um dir Gefallen zu tun.

„Insofern ist es schön, in einer Position zu sein, in der du selbst entscheiden kannst, mit wem du arbeiten willst. Und zwar aus den richtigen Gründen. Normalerweise musst du etliche Leute kennengelernt haben, um das zu verstehen.“

Deine Single „Jungle Drum“ von „Me And Armini“, war sie Fluch oder Segen?

„Ich wurde das schon oft gefragt. Es ist mir egal. Ich habe da nie drüber nachgedacht.“ (lacht)

Wirklich?

„Ja! Ich habe das ja alles nicht mitbekommen, sondern war auf Tour und in Deutschland gab es plötzlich ein riesiges Feedback auf den Song. Nur war ich ja kaum hier. In der Folge musste ich ein paar seltsame Dinge tun. Kam in eine Welt, in der ich zuvor nie gewesen bin. Oft dachte ich: Was passiert da nur? Zum Beispiel kam ich extra aus England, um in einer Fernsehsendung eine Kugel aus einem Behälter zu ziehen, die eine Aufforderung enthielt. Teile uns das schlimmste isländische Wort mit. Ok. Und dann war es das schon. Soll das ein Witz gewesen sein? Ich bin extra nach Deutschland geflogen, nur um das zu tun? Das war so schräg. Wir lachten ewig darüber. Viele wollten dann weitere Songs dieser Art. Ich sah das aber als beendet an. Wirklich eine seltsame Geschichte. Natürlich war der Erfolg aber auch ein Segen. Da ich schwanger geworden war, konnte ich mich entscheiden, zwei Jahre zuhause zu bleiben und mein Kind aufwachsen zu sehen. Das war die schönste Zeit meines Lebens.“

Wenn man hier zusammen mit dir sitzt oder dich auf der Bühne erlebt, strahlst du einen enormen Optimismus aus. Woher nimmst du all deine positive Energie?

„Ich schätze von meiner Mutter. Meine Familie ist generell unheimlich positiv und meine Mutter ist sehr gut in der Kunst des Lebens. Darin, Licht im Dunkeln zu sehen.“ (lacht) „Musik hilft auch mir dabei. Ich glaube, egal was passiert, man muss seine Grundhaltung ändern können. Man sollte immer offen für eben diesen Funken Licht im Dunkeln sein.“

Vor einigen Jahren hast du, wie bereits erwähnt, einen Sohn zur Welt gebracht. Welche Rolle spielt denn Musik in deiner Kindererziehung?

„Nun, für ihn ist das vermutlich etwas ganz anderes, weil die Musik mich von ihm fortführt. Ich mache ihm oft Mix-CDs, die wir im Auto hören, womit ich wirklich Tage verbringe. Schon früh entschied ich mich, dass ich während der Fahrt nicht dasitzen und ‚The wheels on the bus go round and round‘ singen werde. Das kann er im Kindergarten oder zuhause abspielen.“ (lacht)

Jetzt gehen wir auch manchmal in Plattenläden und er darf sich dort eine Vinyl aussuchen, die er gerne hören möchte.

„Kinder nehmen dabei natürlich oft etwas, bei dem ihnen das Cover gefällt. Aktuell ist er ganz fasziniert vom ‚Dschungelbuch‘. Dann sitzt er da, schaut sich das Booklet an, hach, und ich sehe einfach nur so unheimlich gern dabei zu. Irgendwann im Auto lief „Boots Are Made For Walking“ und er wollte sich nahezu aus seinem Gurt befreien und rief ‚Mami, lauter, lauter!‘, sodass ich aufdrehte. Das war sein erster Song. Wir hörten ihn wochenlang.“ (lacht) „Ich habe ihm nie Musik vorgegeben, es sollte seine eigene Reise werden.“

Toll! „Tookah“ heißt dein aktuelles Album. Was kannst du zu dessen Entstehung erzählen?

„Das Album entstand zu einer sehr stressigen Zeit. Ich zog zurück nach Island, viele Dinge passierten und ich hatte eine Art Schaffenskrise, was das Songwriting betrifft. Wusste nicht, worüber ich schreiben solle, obwohl da vieles war, womit ich mich noch auseinandersetzen wollte. Irgendwann entschied ich, dass ich noch nicht bereit für eine neue Platte sei. In dem Moment fing ich an, mich für Synthesizer zu interessieren. Es begann als Scherz mit einigen Freunden. Wir wollten Dancemusik machen und verrückt sein. Doch irgendwann wurde etwas Ernstes daraus. Plötzlich arbeiteten wir an einem Album, mit ganz neuen Sounds. Das machte Spaß. Ich wusste am Ende nicht, wie ich beispielsweise ‚Speed Of Dark‘ und ‚Autumn Sun‘ kombinieren könnte und doch dachte ich, dass sie einfach zusammen müssen.“

(Anmerkung: „Speed Of Dark“ ist ein sehr elektronisches Stück, wohingegen „Autumn Sun“ recht akustisch klingt.)

„Viele sagten zu mir, das ginge nicht. Das würde seltsam klingen. Nur ergibt das Leben denn Sinn? Es ist einfach so wie es ist. Wenn du eine sehr geradlinige Person bist, Glückwunsch! Ich habe acht verschiedene Charaktere und muss mit ihnen umgehen.“ (lacht)

Heute Abend wirst du innerhalb des XJAZZ Festivals zusammen mit einem Jazzensemble auf der Bühne stehen. Eine Weltpremiere. Wie kam es dazu?

„Gestern hatten wir eine offene Probe. Da traf ich die Musiker zum ersten Mal. Wir haben noch nie zusammen gespielt. Ich liebe es! Am liebsten würde ich einmal um die Welt reisen und in jeder neuen Stadt auf eine neue Band treffen. Man weiß nie, wie gut das funktioniert. Vielleicht mach ich das im nächsten Sommer. Als Sebastian mich kontaktierte und fragte, ob ich dabei wäre, sagte ich ihm, dass ich nicht genau wüsste, was er sich vorstelle, also solle er die Songs auswählen. Er dürfe alles damit machen, was er wolle, ich käme dann dazu und wir machen gemeinsam an dem Punkt weiter. Ich war sehr überrascht, dass sie all die Popsongs aussuchten. Irgendwie hatte ich damit gerechnet, dass sie die düstereren Stücke nehmen würden.“

Als wir uns dann gestern trafen, war es so einfach, miteinander zu arbeiten.

„Wir setzten sogar noch einen drauf. Wahrscheinlich dachten sie, ich hätte vielleicht ein Problem damit, nur wollte ich weiter und weiter. Die Songs behalten ihren Geist, immerhin mache ich persönlich nicht viel anders, aber die Musiker tun es. Wirklich großartig. Es hätte in einem Desaster enden können, wenn wir keine Verbindung zu einander gefunden hätten, aber ich habe eine Band kennengelernt, mit der ich zusammenarbeiten kann. Vielleicht rufe ich sie zukünftig immer an, wenn ich nach Berlin komme. Ich bin sehr dankbar und habe tolle Freunde kennengelernt.“

Wenige Stunden nach unserem Gespräch im FluxBau überwältigt uns Emiliana Torrini erneut, und zwar zusammen mit besagten Jazzmusikern. Die sehr intime und gleichzeitig opulente Show, die das gerade erst zusammengeschweißte Gespann in den Hallen des Bi Nuu abliefert, hat etwas Magisches an sich. Stücke wie „Jungle Drum“ oder „Tookah“ erstrahlen in einem ungeahnten Glanz. Das Publikum ist begeistert, klatscht, singt, tanzt. Und wieder erleben wir eine derart sympathische Sängerin, dass wir ihr für die Zukunft von Herzen alles Gute wünschen möchten.

Emiliana Torrini XJAZZ
Fotos © by Susanne Erler