Festivals und bunte Bändchen

In Berlinby Fräulein Dicht

BERLINER LEBENSGESCHICHTEN– FIKTION TRIFFT AUF DAS REALE LEBEN ODER UMGEKEHRT?

Fräulein Dicht philosophiert über das Festival-Bändchen: Statussymbol oder peinliches Accessoire?

In Scharen strömen sie aus der Stadt, um ein paar Tage später übermüdet, stinkend und mit einem nagelneuen bunten Bändchen am Handgelenk zurückzukehren. Diese Festivalgänger. Man ist nicht cool, wenn man nicht auf einem Festival war. Und das Bändchen dient als Erkennungszeichen: Hey, du bist also auch cool! Noch ein cooler Nebeneffekt: Dank dieser Bändchen hat man immer ein Gesprächsthema. Also, wenn irgendwo mal wieder unangenehme Stille herrscht: Einfach jemanden auf seine Festivalbändchen ansprechen und der Gesprächsstoff ist euch garantiert! Am besten funktioniert es übrigens, wenn man selbst schon einmal auf einem Festival war. Dann hört man nämlich nicht nur zu, sondern kann auch ab und zu geistreiche Kommentare einwerfen.

Dann gibt es diese Leute, die ganz besonders cool sein wollen, und das auch zeigen. Ihr Unterarm ist derartig voll mit Bändchen, dass man unweigerlich an Wolfgang Petry denken muss. Hier wurde definitiv die Grenze zwischen Coolness und Albernheit überschritten. Ich würde es mir auch dreimal überlegen, ob ich so jemanden auf seine Bändchen anspreche, denn seine Ausführungen würden sicherlich kein Ende nehmen. Jedes einzelne Bändchen ist wahrscheinlich von wahnsinniger Bedeutung für ihn, weswegen er sie natürlich auch niemals abschneiden würde, sondern lieber für immer in einer Art Symbiose mit ihnen lebt. Ich frage mich dann immer, wie lange dieses Knäuel wohl zum Trocknen braucht nach dem Duschen? Ob man es extra föhnen muss?

Eine weitere Gruppe unter den Festivalgängern ist die, die ihre Bändchen aus verschiedenen Gründen nach dem Festival gleich wieder abschneidet. Das ist auch irgendwie cool, denn sie sind auf den ersten Blick gar nicht als Festivalgänger erkennbar. Man erfährt es erst, wenn man auf das Thema zu sprechen kommt und fragt sich dann: Warum hat der seine Bändchen nicht dran gelassen? Bin ich jetzt uncool mit meinen? Womöglich ist das ein neuer Trend, den ich verpasst habe: „Zu cool fürs Bändchen“. Ist ja auch irgendwie verständlich, denn man erspart sich blöde Fragen und erzählt nur von seinen Festivals, wenn man Lust dazu hat. Und schon gerät man ins Grübeln: Sollte ich meine Bändchen vielleicht auch lieber abschneiden?

Man sollte Letztere jedoch nicht mit jenen verwechseln, die ihre Bändchen am Fuß tragen. (Ja, es gibt sie wirklich.) Das sind die Festivalgänger, die, zum Beispiel wegen ihres Jobs, keine Bändchen am Handgelenk tragen dürfen, sich aber trotzdem auf keinen Fall von ihnen trennen können. Schade für sie, denn man weiß nur, dass sie dazugehören, wenn sie etwas Kurzes tragen. Aber das ist ihnen bestimmt total egal, denn die Bändchen haben ja einen so großen persönlichen Wert für sie, dass sie sie gerne dort unten vergammeln lassen. Und immer, wenn sie ihre Socken ausziehen, schwelgen sie in Erinnerungen an ihr letztes atemberaubendes Festival. Oder ist es ihr Käsefuß, der ihnen den Atem raubt?

Nach all dem Gehate muss ich nun allerdings etwas gestehen: Ich trage auch ein Bändchen. Ich hatte sogar einmal mehrere, doch ich habe sie, nach großen Zweifeln an meiner Coolness, abgeschnitten. Na ja, zurück zu dem einen: Es ist ganz neu und ich trage es traditionell am Handgelenk. Außerdem ist es so verdammt cool, dass nicht einmal der Name des Festivals draufsteht. Ja, ich glaube, ich werde es wohl noch eine Zeitlang tragen.

Pilocka Krach – Oh yeah voll krass