GEMA tanzen! Die neuen Regelungen.

In Berlin von Gastautor

Unser Gastautor Malte Giesen ist Delegierter bei der GEMA, verdient selber seine Brötchen mit Musik und hat den einseitigen Medienrummel, der momentan um die neuen GEMA-Regelungen kursiert, satt:

GEMA-Mitgliederversammlung in Berlin am 25.06.2012 im mondänen Maritim-Hotel. Eine skurrile Veranstaltung, denn für mich als Komponisten in der Sparte E-Musik (also der „ernsten Musik“) sind die entbrannten Diskussionen um Urheberrecht und Raubkopien eher weniger relevant. Meine GEMA-Einnahmen sind nicht im Millionenbereich, ich verkaufe keine Songs im Internet, ich werde nicht im Fernsehen, sehr selten im Radio gespielt, schreibe keinen Mainstream-Pop. Dennoch, bei guten 700 Millionen Euro, die GEMA im letzten Jahr an die Mitglieder ausgeschüttet hat, gibt es doch nicht wenige Mitglieder, die damit ihren Lebensunterhalt bestreiten.
Wenn man sich in diesen Tagen als Mitglied dieser Verwertungsgesellschaft outet, hat man das Gefühl, schnell einem Lynchmord zum Opfer zu fallen. Der Hass, der einem entgegenschlägt, ist beängstigend. Dabei kursieren viele Gerüchte, viele Falschaussagen in der Öffentlichkeit.

Im Internet ist es sehr einfach, in kurzer Zeit gegen ein bestimmtes Ziel mobil zu machen. Ein besonders wichtiger Streitpunkt dabei: Die anstehende Tariflinearisierung für Tanzveranstaltung mit Live-Musik und von Tonträgern, also Parties oder Konzerte in Clubs und Kneipen. Da besonders in dieser Richtung sehr radikale Stimmungsmache mit anscheinend astronomischen Summen gemacht wird, will ich hier die Dinge mal aus der „Innenansicht“ schildern.
Bisher gab es einen gewaltigen Haufen verschiedener Tarife und Sonderregelungen, bei denen die Veranstalter in der Regel sehr gut wegkamen. Im europäischen Vergleich bezahlten Gastwirte und Clubbetreiber für Musiknutzung sehr unterdurchschnittliche Summen. Und da ich auch selbst Veranstaltungen organisiere und dort natürlich auch Gebühren zahlen muss, weiß ich, wie wenig das bisher war. Für einen Konzertabend ohne Eintritt auf einer Fläche von 100qm wurden bisher gerade mal 35,85 € fällig. Portokasse.

Die jetzt geplante Regelung sieht vor, das bisherige Dickicht zu entwirren, und durch nur zwei Tariftabellen zu ersetzen, eine für Live-Musik, eine für Musik aus der Kiste. Der Grundgedanke hinter den neuen Tarifen ist einfach: zehn Prozent des Eintrittsgeldes wird an die GEMA abgeführt, zehn Prozent für die Nutzung von Musik, dem Hauptgrund, warum Menschen in Clubs und Konzerte gehen. Die Einnahmen durch Getränkeverkauf sind hiervon nicht betroffen. Diese Regelung klingt für mich fair, aber ich habe natürlich keinen Einblick in die Finanzsituation von Clubbetreibern. Wie ein Kollege von mir, der als Delegierter noch am Dienstag in der ordentlichen Mitgliederversammlung saß und die neuen Tarife lang und breit diskutierte, mir mitteilte, sind es sogar nur 3% des Gesamtumsatzes. Wenn ein Betreiber also 120.000 € im Jahr zahlt, kann man davon ausgehen, dass der Club ca. 4 Mio. € Umsatz gemacht hat. Wenn man bisher natürlich extrem wenig bezahlt hat, klingen Erhöhungen prozentual sehr spektakulär.

Um zum Schluss nochmal auf meine Sicht als kleines GEMA-Mitglied zu kommen:
Trotz der Tatsache, dass ich keine Mainstream-Musik mache, sondern nur im Bereich der reinen Kulturförderung tätig bin, dass ich keine Musik im Netz vertreibe, keine Musik im TV gespielt wird, habe ich im Jahr Einnahmen, mit denen schon mal 3 studentische Monatsmieten bezahlt sind.
Ich kenne natürlich den Gedanken, der hinter der Abschaffung der GEMA und des Urheberrechts steht, die Trennung von Kunst und Kommerz, die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Doch den zweiten Schritt zuerst zu tun, würde nur eine radikale Verarmung der kulturellen Landschaft nach sich ziehen, nicht nur im Mainstream. Die GEMA ist zwar ein großer Verwaltungsapparat und ist natürlich nicht perfekt, denn auch innerhalb des Systems gibt es Grabenkämpfe. Aber für uns Kunstschaffende ist sie immer noch das beste System, das wir haben.

 

Ein interessanter interner Einblick, nachdem wir mit den negativen Seiten in den letzten Tagen und Wochen zu genüge konfrontiert wurden.

Welche Meinung habt ihr euch mittlerweile gebildet?