Kultverdächtig: Ginger Redcliff

In Musik von Gastautor

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Wir laden euch heute zum Spaziergang durch die Regale des musikalischen Supermarktes ein. Dabei wollen wir jedoch nicht die groß angepriesenen und mit Tonnen von Werbung bedachten Artikel begutachten. Nein, wir begeben uns auf die Suche nach hochwertigen Produkten, die nicht unbedingt direkt ins Auge fallen, dafür aber durch Qualität und Einfallsreichtum umso mehr überzeugen können. Und so verlassen wir nun die viel befahrenen Hauptgassen, bei denen jede Geld versprechende Ware gezielt in den Vordergrund gerückt wird und begeben uns ins Feinschmeckerparadies aus Ton und Klang. „Kultverdächtig“, die Rubrik, die sich mit Vorliebe unbekannteren Künstlern widmet, hinter denen keine riesige Marketing-Maschinerie wummert und waltet, hat heute ein wahres Schmuckstück in der Auslage entdeckt: Optimistin Ginger Redcliff.

Eine frische Brise Pop

GingerRedcliff_02Was bedeutet Musik für dich?

Für mich ist das der Raum, wo Gefühl entstehen kann.

Springen wir zurück in die Vergangenheit. Wir erblicken ein kleines rotblondes Mädchen, das zusammen mit einer Freundin einen Song namens „Kaffeetanten-Blues“ erdenkt und inszeniert oder das im Alter von sechs Jahren mit einer ganzen Armee von Schmetterlingen im Bauch, zu seiner ersten Klavierstunde schreitet. Schon früh war Ginger Redcliff, die eigentlich Hanna Plaß heißt, fasziniert von Musik und dem, was diese mit den Menschen zu machen vermag. Leichtfüßig und schwerelos schreitet sie seitdem durch eine Welt aus Harmonien und Melodien und sucht sich dabei ihren ganz eigenen Weg zum Glück. Elemente aus Pop und Jazz begleiten die 1989 in London geborene Künstlerin und schaffen einen Rahmen, in dem sie sich bewegen kann. Jedoch nie, ohne dabei die Grenzen dessen immer und immer wieder neu auszuloten und Experimente zu wagen, die fern der vermeintlichen Beschränkungen liegen.

Ginger Redcliff ist dein Künstlername. Warum hast du dich für ein Pseudonym entschieden und woher kommt dieses?

„Meine kleine Schwester hat den Namen für mich erfunden als wir so sechs oder sieben waren. Seitdem ich Musik mache, gibt es also dieses Pseudonym. Ich habe mich dann entschlossen es beizubehalten, auch ein wenig aus Spaß. An dieser Stelle war meine Mutter zudem wahnsinnig paranoid. Sie dachte immer, man solle sich ganz viele verschiedene Perrücken aufsetzen, damit man auf gar keinen Fall erkannt wird. Die hatte da ganz große Angst um mich.“

Als Ginger Redcliff macht Hanna nun seit etlichen Jahren Musik. 2009 erschien mit „Me & Mr. Bola“ eine erste EP bei AdP Records. Das kleine schwäbische Independent-Label hat von jeher den Ruf, seine Künstler sehr umfassend zu betreuen, ohne dabei einzuengen oder statische Vorgaben zu machen, die jedwede Kreativität und Freiheit beschneiden. Vom Innovationsgeist des Teams aus Kulmbach angetrieben, konnte auch Ginger Redcliff davon profitieren.

Wie ist es, mit den Leuten dort zusammenzuarbeiten?

„Sehr angenehm! Es ist so selten, dass man mit seiner Plattenfirma reden kann und wirklich das Gefühl hat, da kommt etwas an. Deshalb bin ich wirklich sehr glücklich. Die haben dort auch so unheimlich viel Vertrauen in mich gesteckt. Keine andere Plattenfirma wird mir das jemals beweisen können.“

thumb-GingerRedcliffNote300dpiAus der gegenseitigen Wertschätzung und dem Willen, gemeinsam etwas Einzigartiges zu erschaffen, erwuchs im Jahre 2012 Ginger Redcliffs Debüt „Note“. Darauf finden sich elf Tracks, die eine Bandbreite unterschiedlichster Dynamiken, vom ruhigen Moment auf der Couch am Sonntagmorgen („Flying“) bis hin zum Tanz auf einem sonnenbeschienenen Hausdach („The Girl Is Free“), aufweist. Ginger Redcliff möchte nicht nur einer Facette des Pops bedienen, sondern vollends aus der Vielfalt dieses umfassendsten aller Genres schöpfen. Auch die Stimme der jungen Sängerin wandert im Zuge dessen durch sämtliche Höhen und Tiefen des Klangspektrums. Wirkt mal sanft wie kleine Wellen, die sich am Ufer eines Sees brechen („Tomorrow And Today“), um dann im nächsten Moment eine markante Kraft auszustrahlen, wie man sie sonst bei den großen Diven der Branche erwartet („Another Way“). So wird „Note“ zu einem modernen Popmärchen, das jedoch keine Wagnisse scheut. Der Song „Sunabgang“ beispielsweise wurde auf friesisch verfasst und gesungen. Einer Sprache, die hierzulande nur noch von Minderheiten gesprochen wird und eine Art Verschmelzung aus englischem und deutschem Wortgut darstellt.

Es ist ursprünglich ein Lied für meine Schwester. Die war in Australien, am anderen Ende der Welt. Ich wollte ihr den Sonnenaufgang schicken.

Neben diesem wirklich außergewöhnlichen Track haben es auch zwei Coverversionen auf das Album geschafft, die laut Ginger Redcliff eine ganz neue Farbe ins Spiel bringen. Zum einen gibt es eine Hommage an Roy Orbisons „Paperboy“ und zum anderen wagte sie sich an eine Neuinterpretation von I Heart Sharks „Neuzeit“, die durch ihre spröde Schlichtheit überzeugen kann.

GingerRedcliff_00Unterstützung erhält Hanna Plaß von Musiker Tom Roedel. Der Multiinstrumentalist lernte die damals 14-jährige auf einem Nachwuchswettbewerb in der fränkischen Provinz kennen. Schnell stand fest, dass Roedel genau der Richtige sei, um die Karriere der jungen Sängerin bestmöglich zu begleiten. Als Tom Bola wurde er zum festen Bestandteil von Ginger Redcliff. Erlebt man das Duo live auf der Bühne, bemerkt man eine Eingespieltheit, die sich nicht nur zwischen Hannas Klavier und Toms Bass zeigt. Nein, das eingeschworene Team verbindet darüber hinaus eine unbändige Liebe am Experimentieren mit Klangstrukturen, Rhythmen und Tönen jeglicher Couleur. So ist Ginger Redcliff mehr als ein Gemeinschaftswerk zu verstehen und weniger als das Soloprojekt, für das man es auf den ersten Blick vielleicht halten könnte.

Was bedeutet es dir auf der Bühne zu stehen und deine Songs einen Publikum live präsentieren zu können?

„Da entsteht eben die Musik! Ich mag den Gedanken, dass Leute unsere Platte hören, aber ein Musiker existiert erst live wirklich als Musiker. Für mich zumindest. Jeder kann zu Hause Musik machen und da gibt es wirklich unglaubliche Leute, die wahnsinnig fantastische Songs produzieren. Solange sie dann aber keiner wirklich hören kann, existieren sie eben auch nicht wirklich. Ich möchte Musik machen, die es gibt. Die zum Soundtrack anderer werden kann.“

Wir baten Ginger Redcliff dennoch, sich erneut ins heimische Studio aufzumachen, um exklusiv für uns, einen Track aufzunehmen. Es entstand eine Coverversion von „Wouldn’t It Be Good“, das im Original den fähigen Songwriter-Künsten Nik Kershaws entstammt. Pur, ohne großes Tamtam und dafür mit umso mehr Gefühl.

Hanna ist neben dem Gesang auch der Schauspielerei verschrieben. Ohne dabei eine größere Akzentuierung beziehungsweise Gewichtung auf das ein oder andere zu legen, geht sie beiden Passionen gleichermaßen intensiv nach. So findet man sie auf den Bühnen oder vor den Kameras der Republik, wo sie durch ihr markantes Auftreten für Begeisterung sorgen kann.

Was fasziniert dich an der Welt des Theaters und des Films?

„Menschen. Menschen sind faszinierende, komplizierte, spannende Wesen und es ist einfach toll sich mit ihnen zu beschäftigen und zu überlegen, wie man sie darstellen kann. Das ist dabei ja mein Job. Und dann aber auch dieses ganze Drumherum. Bilder entstehen zu lassen, Szenerien. Der ganze Betrieb des Theaters ist großartig. Und beim Film, da arbeiten so viele Leute. Das ist einfach unglaublich.“

Inwiefern lassen sich Musik und Schauspiel aus deiner Sicht vereinen?

„Es gibt da anscheinend gerade so eine Entwicklung. Regisseure machen zum Beispiel plötzlich Musicalfilme wie „Les Misérables“. Im Theater gab es diese Verbindung ja schon lange. Die Symbiose findet gar nicht derartig selten statt. Man meint irgendwie, das wäre alles voneinander getrennt, aber ich finde das überhaupt nicht. Zudem ist beides in seiner Reinform gar nicht so unterschiedlich. Es geht immer darum, etwas zu transportieren.“

Kultverdächtig

Man kann wohl mit Recht behaupten, dass hier wirklich guter Nachwuchs für den deutschen Pop in den Startlöchern steht. Intelligent, kreativ und handgemacht. Die gecasteten Superstars hierzulande dürften vor Neid erblassen, wenn sie feststellen, dass es auch noch Künstler in ihrem Alter gibt, die mehr können als die schlecht produzierten Songs selbst ernannter Hitproduzenten nachzusingen und die dazu dann auch noch in der Lage sind, die eigene Integrität nicht gleich an der nächstbesten Managertür abzugeben. Von Ginger Redcliff wird man sicher noch einiges hören.

Verlosung

Passend zu diesem Feature verlosen wir dreimal das Album „Note“, sowie jeweils ein dazugehöriges Poster von Ginger Redcliff. Wer auf den Geschmack gekommen ist und sich nun gern ein genaueres Bild davon machen möchte, was Hanna Plaß und Tom Roedel mit ihrem Projekt auf die Beine gestellt haben, der schickt bis spätestens kommenden Montag, den 01.04.2013, eine Mail mit dem Betreff „Ginger Redcliff“ an martin@kultmucke.de.

Interessante Links

„Note“ bei Itunes kaufen

Offizielle Website von Ginger Redcliff

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