Kultverdächtig: Hannah Epperson

In Musik by Martin

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Manchmal – nein eigentlich häufiger – ist man als Musikredakteur versucht, etwas Schweres in die Hand nehmen und es in Richtung des Mainstreams werfen zu wollen. Während die Charts immer mehr zu einem Konglomerat aus Autotune und akustischem Einheitsbrei verkommen, versuchen wir unermüdlich, uns mit unserer Herzblutkolumne „Kultverdächtig“ für interessante Nachwuchskünstler stark zu machen. Statt nun also mit dem Vorschlaghammer herumzuwüten, möchten wir doch lieber Hannah Epperson auf den Plan rufen und uns ihrem einzigartigen Talent widmen.

Die Schöne und das zartbesaitete Biest

Hannah Epperson (2)Was bedeutet Musik für dich?

Oh, mein Gott! Wie beantwortet man eine solch große Frage? Vermutlich mehr als alles! Ich verstehe Musik als Prozess, als Reise und als Mittel, unbeantwortete und wichtige Fragen zum Ausdruck zu bringen. Was bedeutet es, hier und am Leben zu sein?

In Brooklyn, dem künstlerischsten aller New Yorker Stadtteile, der südöstlich vom turbulenten Manhattan liegt, hat die Kanadierin Hannah Epperson ein Zuhause gefunden. Ein Zuhause, das sie nur allzu oft gegen das Reisen und ein Leben aus dem Koffer eintauscht – denn Hannah liebt es, auf Tour zu gehen und ist mittlerweile zu einer gefragten Newcomerin auf den Bühnen rund um die Welt geworden. Auf ihrer aktuellen Europatournee nutzte die Sängerin und Violinistin ein kurzes Durchatmen, eine dreitägige Pause, um ein Cover von Beiruts „My Night With The Prostitute From Marseille“ exklusiv für dieses Feature einzuspielen.

„Der Trick, da ich mit einer Gruppe von sieben Leuten unterwegs bin, war, ihnen das Schauen der neusten Game of Thrones-Folge derart schmackhaft zu machen, dass ich in der Zwischenzeit die Vocals mit meinem iPhone aufnehmen konnte. Vermutlich ist das meine skizzenhafteste Aufnahme geworden, aber darüber hinaus besitzt sie einen gewissen Vibe.“

Einen Vibe, der mitreißt und der die kreative Leistung Hannahs in den Mittelpunkt stellt.

„Ich wählte das Stück aus mehreren Gründen. Manche von ihnen sind leichter zu erklären als andere. Das erste Mal sah ich Beirut 2008 im Berliner Astra spielen. Ich kann mich noch genau aus die Kombination des Geschmacks von Jägermeister und purer Glückseligkeit an diesem Abend erinnern. Ich hatte mich gleichzeitig in einen Jungen, Berlin und das Album ‚March of The Zapotec & Realpeople – Holland‘ verliebt. Die Synthie-Line in dem Song bietet sich enorm dazu an, geloopt zu werden, weshalb es für mich offensichtlich war, damit herumzuexperimentieren. Heute, acht Jahre später, lebe ich in New York und bin anfällig für Momente der Nostalgie, vor allem in Bezug auf meine frühen Zwanziger. Deshalb war es nur natürlich, zu diesem Track zurückzukehren.“

Würdest du gern wissen, was Beirut über den Song denken?

„Ich denke schon. Alles an Kunst stellt eine Art Ableitung dar. Wenn die Ableitung so konkret ist, fällt es schwer, nicht darüber nachzudenken, was der Originalinterpret über die Neuinterpration von dem, was er einst erdacht hat, halten könnte. Ich würde das, was Beirut sagen, nicht persönlich nehmen, aber ich bin neugierig.“

Meine Liebe zur Musik lässt sich auf eine Zeit vor meiner Geburt zurückdatieren. Vermutlich war ich vielen Einflüssen schon im Mutterleib ausgesetzt.

Lindsey Stirling und David Garrett – hierzulande werden sie als Ikonen des Geigenpops gefeiert. Wer mit diesen Künstlern dennoch recht wenig anfangen kann, gleichzeitig aber nicht auf die Fusion aus modernen Soundimpulsen und dem markanten Streichinstrument verzichten möchte, der dürfte in den originellen Kompositionen Hannah Eppersons definitiv eine passende Alternative finden. Mit einer fast schon naiven Leichtigkeit entspinnt die hübsche Blondine feingliedrige Tracks, die die Sinne betören und gleichzeitig die Möglichkeit bieten, die Gedanken schweifen zu lassen. Hinzukommen ihr packendes Storytelling und eine glasklare Stimme.

Wie hast du für dich entdeckt, dass du Musik im Leben brauchst?

„Ich habe das gar nicht wirklich entdeckt, es hat mich umgeben. Wenn du kreative Gemeinschaften unterstützt, dich politisch und sozial engagierst, dann wird Musik irgendwann zu einer Methode, all die Stimuli deiner Umgebung zu synthetisieren. Es gibt sicherlich auch andere Werkzeuge in diesem Prozess. Für mich stellt Musik zurzeit aber das Effektivste dar.“

Und wie kam es zu der Kombination aus Violine und elektronischen Einflüssen?

„Ich habe mir schon immer Beats vorgestellt, wenn ich meine Stücke kompiniert habe. Ich kann mich noch erinnern, wie ich im Alter von 12 Jahren einen afrikanischen Tanzkurs besucht habe. Mich mit meinem Körper in einem Kokon aus polyrhythmischen Klängen auszudrücken zu können, war eine der befreiendsten Erfahrungen meines Lebens. Die Kombination der hohen, etherischen Qualität der Geige und des tiefen, geerdeten Ausdrucks von Percussion und Bass, hat aus meiner Sicht etwas sehr Befriedigendes an sich, das ich gerne in meiner Musik transportieren will.“

Wie viele ihrer Kollegen wuchs auch Hannah Epperson in einem Elternhaus auf, in dem Singen, Musizieren und das Abspielen von Tonträgern zur Tagesordnung gehörte. Die daraus resultierende Begeisterung gibt Hannah heute nicht nur an ihre Fans, sondern auch an etliche Kinder, die sie im Rahmen von Babysitterjobs betreut, weiter.

Kinder sind die Coolsten! Ich liebe es, Zeit mit ihnen zu verbringen. Sie sind so einfallsreich, brillant und scharfsinnig!

Einen gewissen kindlichen Entdeckergeist konnte sich auch Hannah Epperson über die Jahre bewahren. Nicht minder brillant und scharfsinnig, als ihre kleinen Schützlinge, experimentiert sie beispielsweise auf ihrer Debüt-EP „//upsweep“ mit Loops, dem Einsatz der Violine und ihren Gesängen herum. Am Ende stehen dabei jedoch keine verkanteten oder gar unzugänglichen Stücke. Im Gegenteil. Tracks wie „Let It Go“ oder „Strong Thread“ schaffen es, den Hörer dort abzuholen, wo er steht, und ihn gleichzeitig auf eine packende Reise zu schicken.

Welche Themen verarbeitest du in deinen Lyrics am liebsten?

„Ich glaube, ich kreise viel um das Thema Verrücktheit, denn eine der mir am nächsten stehenden Personen in meinem Leben, mein Bruder Nick, litt in den letzten Dekaden schwer unter dem System für mentale Gesundheit hier in Kanada. Die Art und Weise, wie unsere Gesellschaft geführt wird, wie wir mit Menschen und Orten aus finanziellen Interessen umgehen, und der Zustand unserer Welt, das reicht aus, um sensible Menschen für Verzweiflung, Depressionen, Manie und Schizophrenie empfänglich zu machen. Ich schreibe aber auch gern über die Natur, Geographie, Beziehungen. Es gibt keine Limits.“

Vermutlich wäre uns Deutschen Hannah Epperson noch eine Weile vorenthalten geblieben, hätten die Herren vom Berliner ListenCollective nicht erneut ihren Scharfsinn für lohnenswerte Neuentdeckungen bewiesen und kurzerhand beschlossen, in die Förderung der Kanadierin zu investieren. Aufgefallen war sie dabei als Teil des Liveensembles von Aidan Knight, mit dem ListenCollective schon seit Jahren zusammenarbeitet.

Was macht die Arbeit mit ListenCollective aus deiner Sicht interessant?

„Nun, ich habe zuvor noch nie mit jemandem zusammengearbeitet, weshalb aktuell alles interessant für mich ist. Allem voran schätze ich aber, dass dahinter Menschen stecken, die ich gerne als Freunde und Kameraden an meiner Seite haben will. Ich merke, dass mir das wichtig ist, wenn ich eine Arbeitsbeziehung eingehe.“

Zusammen mit den ListenCollective schmiedet Hannah Epperson momentan fleißig Pläne, was den Release eines ersten Albums angeht. Viele passende Songs sind bereits fertiggestellt. Sobald das Touren abgeschlossen ist, möchte sie sich zudem auf die Realisierung einer Musikvideos konzentrieren. Hannah Epperson schätzt alle Anteile des Künstlerdaseins und versteht auch deren Wichtigkeit.

Es ist ein bisschen wie mit den Jahreszeiten. Sie sind alle notwendig und aufregend, auch weil sie eine begrenzte Zeitspanne umfassen.

Eine letzte Frage sei noch erlaubt. Wie viel Freiheit haben Musiker deiner Meinung nach heutzutage noch?

„Ehrlich gesagt, hängt das von deinen Motiven ab. Es gibt so viele Standards und Regeln in der Industrie, denen die Leute folgen. Ich bin ihnen nie gefolgt, weil ich ohne die Intention, Karriere machen zu wollen, in das Business gekommen bin. Aus meiner Sicht gibt es immer alternative Routen. Am Ende ist es wichtig, dass du ehrlich in der Kommunikation mit denjenigen bist, mit denen du zusammenarbeitest. Menschen wollen sich untereiander und mit ihren Projekten verbunden fühlen. Die Energie, die diesen Beziehungen entspringt, besitzt ihre ganz eigene Gravitation. Ich glaube, es gibt unendlich viel Freiheit, man muss nur definieren, was Freiheit bedeutet. Viele sind zu verängstigt oder zu faul, passende Parameter zu bestimmen.“

Gewinnspiel

Um eine von zwei handsignierten „//upsweep“-EPs zu gewinnen, schickt einfach eine Mail mit dem Betreff „Hannah Epperson“ an martin@kultmucke.de. Einsendeschluss ist der Freitag, der 03.06.2016. Die Teilnahme ist nur aus Deutschland möglich und der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Viel Erfolg!

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