Hinter der Bar

In Berlin von Fräulein Dicht

BERLINER LEBENSGESCHICHTEN– FIKTION TRIFFT AUF DAS REALE LEBEN ODER UMGEKEHRT?

Wer hätte das gedacht? Fräulein Dicht hat einen Job und steht im Club neuerdings nicht mehr vor, sondern hinter der Bar.

Vielleicht hätte ich niemals damit anfangen sollen in einem Club zu arbeiten. Ich kann euch sagen, man beginnt diese bunte Feierwelt mit ganz anderen Augen zu sehen: Heiße Typen werden nach stundenlangem Tanzen zu blassen Zombies, denen man nicht einmal mehr ein Radler verkaufen möchte. Nette Leute verwandeln sich in zugekokste Vollidioten, die nur diskutieren, weil sie denken, sie würden die Getränkepreise besser kennen man selbst. Kleine schüchterne Mädchen brüllen einem plötzlich lautstark „Ich will noch ’n Schnaps!“ ins Ohr, eine Stunde später lallen sie dann so sehr, dass man sie schon gar nicht mehr verstehen kann und noch ein bisschen später hängen sie kotzend über der Toilette. Aber das ist noch nicht das Schlimmste.
Das schlimmste sind die Grimassen, die die Leute machen, auch Gesichtskirmes genannt. Da gibt es Augenrollen, so stark, dass man Angst hat, sie würden gleich rausploppen, diverse Kau- und Beißbewegungen, die einen wie einen Deppen aussehen lassen, Sprechkäse, Zuckungen jeder Art – und nicht zu vergessen: Die Blicke. Es gibt die leeren und stierenden, die verwirrten, die schielenden, die Riesen-Pupillen, die glänzenden, die weit aufgerissenen, die fast geschlossenen und die, die aussehen, als würden sie in eine andere Welt blicken.

Langsam wird mir eines klar: Schon für eine mäßig unterhaltsame Nacht sind viele Leute bereit ihre Würde aufzugeben. Und es gibt nur eine Erklärung dafür: Sie merken es nicht.
Aber ich merke es. Und ich schwanke immer zwischen Belustigung, Ärger und Mitleid. Natürlich habe ich mich auch schon so benommen, wenn nicht sogar schlimmer. Und man hat ja auch ab und zu eine leise Ahnung davon, wie man in diesen Momenten auf Außenstehende wirkt, aber das ist einem egal. Klar, sonst würde man das ja auch nicht machen. Doch jetzt hinter dieser Bar zu arbeiten ist, wie in ganz viele Spiegel zu blicken. Und es gefällt mir gar nicht, was ich da sehe. Noch nie habe ich so gut verstanden, warum in einigen Clubs kein einziger Spiegel hängt.
Es ist ein bisschen, wie im Tierreich: Laut, roh und auf Ur-Formen der Kommunikation reduziert. Es wird gebrüllt, gekreischt und auf sonstige Laute zurückgegriffen, die wahrscheinlich einmal Worte sein sollten. Die Toiletten sind irgendwann im Laufe des Abends so verdreckt, dass die meisten Tiere instinktiv einen großen Bogen darum machen würden. Doch das hindert keinen daran dort hemmungslos zu ficken. Viele Leute geben halt nicht nur ihre Jacke, sondern auch ihr Hirn an der Garderobe ab.

Leute, ich befinde mich in einer waschechten Feierdepression. Mich kotzt das alles an und ich weiß nicht, ob ich da wieder rauskomme. Mir fällt nur ein Mittel ein: Selbst mal wieder vor der Bar stehen, das Hirn ausschalten und feiern bis der Arzt kommt. Vielleicht hilft das ja. Ich halte euch auf dem Laufenden.

HGich.T – Die Hoffnung stirbt zuletzt