Im Bus

In Berlin by Fräulein Dicht

BERLINER LEBENSGESCHICHTEN– FIKTION TRIFFT AUF DAS REALE LEBEN ODER UMGEKEHRT?

Fräulein Dicht grübelt vor sich hin und es klingt diesmal ganz anders als das, was wir sonst so von ihr zu hören bekamen. Sie wird doch wohl nicht plötzlich vernünftig geworden sein?

Gestern, ich saß da so im Bus, schaute aus dem Fenster und dachte an nichts Böses. Leute stiegen ein und aus und da es Vormittag war, waren es ausschließlich Omas und Opas. Sie quälten sich keuchend zu ihren Sitzen und drohten schon bei einer leichten Bremsung umzufallen. Ich stellte mir vor, dass es mir auch einmal so ergehen würde. Na ja, vielleicht würde mir das erspart bleiben, denn bei meinem Lebensstil würde ich wahrscheinlich nicht mal annähernd so alt werden.

Nachdem ich schon eine ganze Weile gefahren war, stieg zu meiner Überraschung ein junger Mensch in den Bus und riss mich aus meinen Gedanken. Es war ein Typ, groß, aber noch in der Pubertät, so um die sechzehn, höchstens siebzehn Jahre alt. Viel zu jung für mich, dachte ich und schaute wieder aus dem Fenster. Als er sich jedoch an die Tür stellte, fiel mir der Beutel auf, den er auf dem Rücken trug. Es war so einer von diesen Rucksackbeuteln, die irgendwann Ende der 90er in Mode gewesen waren und mit denen jetzt plötzlich wieder alle rumlaufen. Bye, bye Jutebeutel – hallo Rucksackbeutel! Ich weiß nicht, ob das eine Verbesserung oder eine Verschlechterung sein soll, aber unbequem sind sie alle beide. Doch es war mehr die Aufschrift auf dem Beutel, die meine Aufmerksamkeit erregte: Da stand nämlich, in hübscher Schreibschrift und nicht zu übersehen: „Urlaub auf Kreta“ – nein! – „Urlaub auf Keta“.
Echt jetzt? Bist du nicht noch ein bisschen zu jung für den Scheiß? In deinem Alter wusste ich noch nicht einmal, was Keta ist, echauffierte ich mich innerlich. Ob seine Eltern verstanden haben, was da steht? Wohl eher nicht. Wahrscheinlich haben sie sich nur über den Druckfehler gewundert. Oder vielleicht hat er selbst nicht so richtig verstanden, was da steht, man soll ja positiv denken. Vielleicht wollte er einfach nur cool sein. Aber wenn man das cool findet in seinem Alter, dann weiß ich auch nicht. Die sind doch alle verrückt geworden, die jungen Leute.

Ich hörte mich fast schon so an, wie die alten Herrschaften um mich herum. Und in der Tat fühlte ich mich ihnen plötzlich viel näher als diesem Keta-Jungen. Und das, obwohl er ja nur einige Jahre jünger war und die Alten wahrscheinlich fast dreimal so alt wie ich. Aber die waren nicht so abgedreht und vergnügungssüchtig wie die Leute von heute. Die sind noch in Ruhe spazieren, statt bis zur Erschöpfung tanzen gegangen, brauchten kein LSD, um sich an der Natur zu erfreuen, kein MDMA, um die Musik zu feiern und vor allem kein Keta, um sich zu entspannen. Ja, die waren true. Die wussten wie man’s macht. An denen sollte man sich mal ein Vorbild nehmen.

Ja, worauf wollte ich denn jetzt eigentlich hinaus? Egal. Ich bin dann mal weg, meine Oma besuchen.

Aphex Twin – Xtal