In der Ruhe liegt die Kraft: Ein Telefonat mit Ane Brun

In Musik by Martin

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Es ist schon erstaunlich. Auch nach über hundertfünfzig Interviews, die ich für Kultmucke, E1NEN HAB ICH NOCH… und Pink-Pong geführt habe, kann ich mich bei manch einem Gespräch von einer gewissen Nervosität absolut nicht freisprechen. Nur ist es eben auch seltsam, wenn du beispielsweise eine Nummer ins Telefon eintippst und am anderen Ende plötzlich eine Künstlerin abhebt, die du seit Ewigkeiten bewunderst.

Ane Brun hat in den letzten zwölf Jahren eine Karriere hingelegt, von der andere Musiker nur träumen können. Mit ihren tiefsinnigen und ausdrucksvollen Werken begeistert die gebürtige Norwegerin ein immer größer werdendes Publikum, das in aller Herren Länder angesiedelt ist. Anstatt sich dabei auch nur ansatzweise zu wiederholen, findet Ane Brun immer wieder neue Impulse, denen sie auf die Spur geht. Nachdem ihr letzten Studioalbum „It All Starts With One“ noch von Country- und Folkelementen geprägt war, begibt sich die 39-Jährige mit „When I’m Free“ nun auf die Tanzfläche.

Ane Brun by Knotan (2)Ane, wie geht es dir?

„Sehr gut, danke.“

Was macht das Leben?

„Es läuft wunderbar. Ein schöner, entspannter Sommer liegt hinter mir und nun warte ich darauf, dass es wieder losgehen kann. Ich bin sehr gespannt, das neue Album zu veröffentlichen. Immerhin ist es schon eine Weile fertig.“

Aktuell komme ich mir vor, als würde ich die ganze Zeit hochschwanger herumlaufen.

Du stehst schon ewig auf der Liste von Künstlern, die ich gerne interviewen würde. Wen hättest du denn in meiner Position gerne mal vor dem Diktiergerät?

„Das ist lieb. Ich denke, mich würde Patti Smith interessieren, weil sie immer bemerkenswerte Dinge zu erzählen hat. Sie wirkt sehr weise.“

Welchen Status hat die Musik generell in deinem Leben?

„Einen sehr hohen Stellenwert. Ich höre immerzu Musik und nutze sie für unglaublich viele Sachen. In nahezu jeder Situation meines Lebens hat sie eine Funktion.“

Also bist du eine der wenigen Künstlerinnen, die in ihrer Freizeit noch immer Songs anderer Musiker konsumieren. Viele deiner Kollegen berichteten mir, dass das bei ihnen nicht mehr der Fall sei.

„Wirklich? Das ist schade. Eigentlich bin ich immerzu auf der Suche nach neuem Input und beschäftige mich mit den Neuerscheinungen, die der Markt zu bieten hat.“

Gehst du auch immer noch auf Konzerte?

„Absolut.“

Welches war das letzte, das du besucht hast?

„Ich war bei einem Jazz-Festival in meiner Heimatstadt und habe mir ein paar Free-Jazz-Improvisationen angeschaut. Das war sehr cool.“

Hast du denn einen eher breitgefächerten Musikgeschmack?

„Ja, schon seit ich ein Kind war. Mir gefallen die verschiedensten Genres.“

Du hast mit vielen großartigen Leuten wie Peter Gabriel, José Gonzales, Anna Ternheim oder First Aid Kit zusammengearbeitet. Gibt es noch jemanden, bei dem dich eine Kollaboration reizen würde?

„Ich weiß nicht, ob mir noch jemand einfällt. James Blake vielleicht.“

Was könnte spannend daran sein?

„Ich mag seinen Stil und die Art, wie er singt. Hauptsächlich gefallen mir seine Vocals und die Vorstellung, wie es wäre, mit ihm gemeinsam zu singen.“

Würdest du ihm denn ein Duett anbieten wollen?

„Vielleicht eines Tages. Normalerweise bin ich aber Freund davon, wenn so etwas auf ganz natürliche Weise zustande kommt.“

Als Mitglied eines starken Künstlernetzwerks – wie kannst du davon profitieren? Ich weiß, dass du etliche Musikerfreunde hast.

„Nun, als Musiker lebst du einen sehr speziellen Alltag und es ist immer gut, Menschen um dich herum zu haben, die diesen nachvollziehen können. Das ist sicherlich auch einer der Gründe, warum ich mit vielen Künstlern befreundet bin. Andererseits ist es insofern auch ganz normal, als dass ich viele Leute natürlich über die Musik kennenlerne.“

Aus meiner Sicht öffnet Musik den Zugang zueinander und bricht das Eis recht schnell.

„Wenn du dann auch noch gemeinsam tourst, verbringst du derart viel Zeit zusammen, dass du gar nicht mehr um den Anderen herumkommst. Ich finde das sehr inspirierend.“

Was ist denn das Spezielle an der schwedischen Musikszene?

„Bisher habe ich nur diese wirklich erkundet, weswegen mir der Vergleich eher schwerfällt. Ich denke, hier kannst du viele Erfolge feiern. Mir kommt alles sehr wohlwollend und warm vor.“

Ane Brun by Knotan (3)Wie hast du dich im Laufe deiner Karriere als Künstlerin weiterentwickelt?

„Ich habe mit einem sehr simplen Konzept begonnen, das nur mich und meine Gitarre einschloss. Bis ich mir sicher genug war, auch mit anderen Musikern zu arbeiten, wollte ich dieses behüten und für sich stehen lassen. Das blieb eine ganze Weile lang so und auch heute kehre ich manchmal gern dahin zurück. Zum Beispiel habe ich im letzten Jahr ein paar Soloshows in ganz Europa und den USA gespielt. Andererseits bin ich immer neugieriger und mutiger geworden und wollte mehr und mehr Neues in meine Musik einfließen lassen. Durch das Älterwerden wurde ich zudem auch als Person zuversichtlicher. Heute sehe ich weniger Grenzen und bin überzeugt, jedem Pfad folgen zu können, der mich interessiert.“

Wie viel Ane Brun, die einst „Spending Time With Morgan“ aufgenommen hat, können die Hörer auch heute noch in deinen Werken finden?

„Vor allem die Intimität und emotionalen Aspekte sind nach wie vor da. Einige der neuen Songs hätten sicher auch auf meinem Debüt sein können, aber natürlich hat sich vor allem mein Sound stark verändert.“

Was sorgt dafür, dass du die Lust am Musikmachen nicht verlierst? Hast du ein Geheimrezept?

„Es ist eine Berufung, etwas das ich tun muss. Wenn ich mich an ein neues Album mache, kann ich es meist kaum noch erwarten, auch, weil ich zuvor oft lange nicht mehr geschrieben und komponiert habe.“ (lacht)

Nun ist es dann ja auch wieder soweit und eine neue Platte erscheint. Mit „When I’m Free“ überraschst du die Hörer ein weiteres Mal, denn du folgst darauf völlig unerwarteten Klängen. Wie kam es dazu?

„Seit meinem letzten Studioalbum sind vier Jahre vergangen und in der Zwischenzeit ist viel passiert. Irgendwie war mir nach mehr Rhythmen, damit ich mich auch auf der Bühne mehr bewegen kann. Die Leute sollen tanzen!“

In der Tat sind viele der neuen Songs sehr tanzbar.

„Ja. Außerdem hörte ich viel Musik aus den Neunzigern, die mir etwas bedeutet hatte, als ich selbst in den Zwanzigern war. Ich fragte mich, was genau mir daran gefiel und noch immer funktionierte. In der Folge erstellte ich eine Playlist, die ich zusammen mit meinem Koproduzenten anhörte. Wir diskutierten, betrachteten verschiedene Aspekte und überlegten, wie wir das Ganze mit dem neuen Album verbinden könnten. Allerdings war uns zu Beginn selbst nicht klar, wohin die Reise gehen würde.“

So arbeite ich am liebsten. Man trägt Ideen und Instrumente zusammen, mit denen man arbeiten will, und schaut, wohin sie einen führen.

Würdest du sagen, dass „When I’m Free“ ein Konzeptalbum ist?

„Nein.“

Wie hast du es dennoch geschafft, diese Einflüsse zu integrieren?

„Mhm, ich denke, das Sound und Lyrics nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben. Es muss sich einfach richtig anfühlen und da vertraue ich ganz auf meinen Bauch. Wenn du zu weit von der eigentlichen Botschaft des Songs abdriftest, merkst du das.“

Die erste Single von „When I’m Free“ heißt „Directions“. Zu dem Song gibt es ein großartiges One-Shot-Video. Wie viele Anläufe hat es gebraucht, bis dieses im Kasten war?

„Es waren fünf, wenn ich mich richtig erinnere.“

Fünf nur?

„Ja, ich hatte zuvor aber auch hart für die Performance geprobt.“

Welche Erinnerungen hast du an den Dreh?

„Es war kalt. Wir haben im Winter in einem alten Zugdepot gefilmt. Das hat Spaß gemacht. Nur waren die Temperaturen wirklich eisig. Alle haben dicke Kleidung getragen. Außer mir. Nach jeden Take musste ich mich erst wieder aufwärmen.“ (lacht)

Man sieht dir das in dem Video aber nicht an.

Ich las, dass die Entstehung deines neuen Albums an die Einsicht gebunden war, dass man manchmal zur Ruhe kommen muss. Inwieweit wird das deine Zukunftspläne beeinflussen?

„In Bezug auf das kommende Jahr habe ich beschlossen, Pausen einzubauen. Auch um sicherzugehen, dass es genug Raum zum Entspannen gibt. Das ist das Wichtigste. Deswegen mache ich auf den Touren auch keine Pressearbeit mehr. Ich möchte die Städte genießen können. Man muss auch nicht immer zu hundert Prozent ausgebucht sein.“

Für viele ist das Schreiben und Komponieren an sich schon hilfreich und beinahe eine Art Therapie. Kannst du das unterschreiben?

„Definitiv.“

Ich brauche meine Songs, um meine Emotionen erforschen zu können.

„Das Ausdrücken über Poetik hilft mir, die Gedanken zu vermitteln, die ich im Kopf habe.“

Hast du manchmal den Eindruck, mit dem einen oder anderen Track eventuell zu viel Persönliches preisgegeben zu haben?

„Nein, weil ich glaube, dass man nicht unbedingt herausfindet, worum genau es in den Texten geht. Die Geschichten dahinter gehören mir.“

Aber manch einer erkennt sich darin vielleicht wieder?

„Ja, natürlich. Vor allem, wenn du in einer Beziehung mit jemandem warst.“ (lacht)

Im November wirst du Berlin für ein Konzert besuchen. Welchen Stellenwert haben Auftritte für dich?

„Das Publikum zu treffen und Shows zu spielen ist Teil des Gesamtpakets. Für mich gehört das genauso dazu, wie Songs zu schreiben. Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen. Dieses Mal dürfte es noch mehr Spaß machen und ich freue mich darauf.“

Wenn du nach einer langen Tour nach Hause kommst, wie entspannst du am besten?

„Ich stehe auf, ohne mir einen Wecker zu stellen, esse entweder in meiner Küche Frühstück oder gehe in mein Lieblingscafé und setzte mir keine zeitlichen Limits. Außerdem sitze ich auch gern mit Freunden zusammen und unterhalte mich mit ihnen. Spazieren, Musik hören und im See baden, das gehört auch zu einem perfekten Tag.“

Wo du von Musik sprichst. Kannst du aktuell eine Platte empfehlen?

„Das letzte Album von Sufjan Stevens ist toll.“

Oh ja, das ist wirklich großartig. Ane, ich danke dir für das Gespräch.

„Es war schön, mit dir gesprochen zu haben.“

Fotos © by Knotan