Zwei Damen auf Erfolgskurs: BOY

In Musik by Martin

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Wirklich oft passiert es nicht, dass deutsche Bands im Ausland ernstzunehmende Erfolge verzeichnen können. Valeska Steiner und Sonja Glass haben es mit ihrem Projekt BOY jedoch geschafft, uns als Musiknation auch außerhalb unserer Grenzen ein beziehungsweise gleich zwei hübsche Gesichter zu verleihen. An einem warmen Sommertag mache ich mich auf den Weg, um die beiden Damen zum Interview zu treffen.

Mit großen Augen blicken BOY in Richtung des Beutels, den ich bei mir habe und aus dem eine Vinyl ihres Debütalbums „Mutual Friends“ herausguckt. Sonja deutet an, dass das schöne Erinnerungen in ihr wecke. Valeska nickt zustimmend. Ich selbst stehe daneben und schätze diesen ersten Eindruck, da er die beiden Musikerinnen nahbar macht. Als sie dann noch verwundert über die Tatsache stolpern, dass es einen Wikipedia-Eintrag zu ihrer Band gibt, ist das Eis gebrochen und es entspinnt sich ein sympathisches, halbstündiges Gespräch.

BOY by Debora Mittelstaedt (2)Wie geht es euch?

Valeska und Sonja: „Gut!“

Sonja: „Wir sind ein bisschen müde, weil wir gerade viele, viele Termine haben und wenig Schlaf bekommen. Außerdem haben wir gerade noch Akustiksongs aufgenommen.“

Valeska: „Und Fotos gemacht.“

Das Album ist fertig, was man als größten Teil der Arbeit ansieht, aber dann geht es eigentlich immer erst richtig los.

„Aber es ist alles auch sehr aufregend und schön. Wir freuen uns einfach riesig auf den Release und wieder spielen zu können.“

Ihr seid unglaublich viel unterwegs gewesen. Gab es da überhaupt mal eine Pause?

Valeska: „Nee, gut, dass du das siehst! Die Leute haben oft das Gefühl, wir wären zweieinhalb Jahre nicht da gewesen.“

Sonja: „Was insofern stimmt, als dass wir in der letzten Zeit fast nur noch in Japan oder Amerika aufgetreten sind und gar nicht mehr in Deutschland. Aber wir schwören, wir waren nie untätig. (lacht) Einen Monat haben wir Pause gemacht und dann aber direkt weiter geschrieben.“

Euer neues Album „We Were Here“ steht in den Startlöchern. Wie anstrengend ist denn die Auseinandersetzung mit den Journalisten, die aktuell euer tägliches Brot darstellt?

Valeska: „Es ist so unterschiedlich, man kann es nicht verallgemeinern. Manchmal gibt es Leute, die einem Fragen stellen, die man wirklich spannend findet und über die man noch nicht nachgedacht hat und andere sind halt ein bisschen weniger inspiriert. Aber alle machen ihren Job, manche besser, manche schlechter.“

Sonja: „Das Schönste ist, wenn es zu einer Art Gespräch kommt.“

Valeska: „No pressure!“ (lacht)

Dann probiere ich mal mein Bestes. Wobei es natürlich ein paar Fragen gibt, die den Großteil der Leser interessieren und daher vermutlich auch in meinem Interview auftauchen werden.

Sonja: „Das ist immer der Vorwand.“ (lacht)

Vielleicht finden wir ja was Neues für euch.

Sonja: „Ganz entspannt.“

Ihr habt euch an der Hamburger Musikhochschule kennengelernt. Wie wichtig ist aus eurer Sicht eine fundierte musikalische Ausbildung?

Valeska: „Das ist ein kleiner Irrtum an der Geschichte mit der Hochschule. Wir haben uns zwar in deren Räumlichkeiten kennengelernt, allerdings bei einem Workshop, der sich Kontaktstudiengang für Populärmusik nennt. Dieser findet zweimal für drei Wochen im Jahr statt und stellt eher eine Art Kontaktbörse dar. Es ist keine Ausbildung.“

Sonja: „Dennoch habe ich E-Bass in Holland studiert und habe quasi eine abgebrochene Ausbildung, da ich nicht bis zum Ende studierte. Zu deiner Frage, ich denke, es ist nicht wichtig. Einer meiner Dozenten hat mal gesagt, den Rock’n’Roll könne man nicht in die Hochschule holen. Und genauso ist es auch. Ich glaube Leute, die inspiriert sind oder Geschichten zu erzählen haben, müssen nicht studiert haben. In meinem Fall war es spannend, weil ich in ein anderes Land gezogen bin und mich auf die Musik konzentrieren konnte.“

Also ist es eher für die persönliche Entwicklung interessant?

Sonja: „Genau.“

Valeska: „Und um vielleicht die Fertigkeiten eines Instruments zu lernen.“

Valeska, wie fühlt man sich eigentlich als Schweizerin zwischen den ganzen Hamburger Fischköppen?

Valeska: „Ich lebe jetzt seit acht Jahren in Hamburg, bin aber immer noch sehr mit Zürich verbunden, weshalb ich versuche, mir meine Zeit aufzuteilen.“

Sonja: „Die Zeit, die wir nicht haben.“ (lacht)

Valeska: „Ich fühle mich in Hamburg sehr wohl.“

Die Fischköppe sind extrem nett.

„Gerade als erste Stadt, in der man lebt, wenn man die Heimat verlassen hat, finde ich Hamburg toll. Man wird dort sehr offen aufgenommen und es wird einem echt leicht gemacht. Die Musikszene ist auch sehr offen.“

Sonja: „Schweizer werden halt gemocht. Zumindest nach meinem Empfinden.“

Valeska: „Wirklich? Das ist echt unfair, weil die Deutschen es in der Schweiz ziemlich schwer haben.“

Vielleicht kannst du ja eine Lanze für uns brechen.

Valeska: „Auf jeden Fall!“

Ich habe tatsächlich auch schon gehört, dass man es in dem Alpenland als Deutscher eher schwer hat.

Valeska: „Mich macht das richtig wütend.“

Zwei Mädels erobern die Musikwelt. Wie erklärt ihr euch selbst euren Erfolg?

Sonja: „Inzwischen sehen wir uns eher als Frauen, als dass wir Mädchen wären. (lacht) Es sind dann ja doch ein paar Jahre vergangen.“

Valeska: „Wir können das nicht erklären. Das müssen andere tun.“

Sonja: „Und genau das ist das Schöne an Musik. Du kannst nichts planen.“

Wie geht man denn damit um, wenn sich plötzlich der Erfolg derart einstellt?

Valeska: „Man freut sich einfach. Wir haben sehr lange an unserem Debütalbum gearbeitet. Erst sah es so aus, als würde sich in der Industrie keiner dafür interessieren. Es hagelte Absagen auf der Suche nach einem Label. Was uns aber immer ermutigt hat, war das Gefühl, wenn wir auftraten. Wir haben anfangs sehr viele kleine Konzerte gespielt oder sind mit anderen Bands mitgefahren. Nach den Shows kamen oft Leute und haben uns gutes Feedback gegeben. Deswegen haben wir selbst nie wirklich an uns gezweifelt. Schön, dass wir am Ende bei einer Plattenfirma gelandet sind, bei der wir uns verstanden fühlen. Irgendwann bist du einfach nur noch überwältigt, wenn mehr und mehr Menschen zu deinen Konzerten kommen, du plötzlich im Rest von Europa und dann auf der ganzen Welt spielen darfst.“

Vielleicht ganz ermutigend für kleinere Bands, dass am Ende wirklich das Auftreten eine wichtige Rolle spielt.

Sonja: „Ja, das können wir wirklich sagen. Spielt so viel wie möglich. Ein Album fertig zu haben und zu warten, bringt nichts. Man lernt auch viel auf der Bühne.“

Ihr habt es gerade angesprochen, dank des Erfolgs von „Mutual Friends“ durftet ihr rund um den Globus reisen.

Sonja: „In Afrika waren wir bisher noch nicht.“ (lacht)

Eine Einladung sollte folgen. Wie war es für euch, zu sehen, dass selbst Menschen in Asien oder Südamerika eure Texte mitsingen können?

Sonja: „Das ist der Wahnsinn!“

Valeska: „Das ist völlig absurd.“

Sonja: „Mir fällt gerade eine lustige Geschichte ein. Irgendwo im Ausland stand mal ein Mädchen vor mir im Publikum, das zwar mitgesungen hat, den Text aber nicht so richtig konnte. Sie hat es tatsächlich geschafft, mich rauszubringen.“ (lacht)

Valeska: „Es klappt noch nicht überall.“

BOY by Debora Mittelstaedt (3)

Kommen wir zu einer recht beliebten Frage. Wie viel hat das Musikerdasein tatsächlich mit dem zu tun, was man sich als Außenstehender ausmalt?

Valeska: „Wenn ich früh um fünf am Flughafen stehe, denke ich oft, dass ich mir den Rock’n’Roll anders vorgestellt habe.“

Sonja: „Es macht alles wahnsinnig viel Spaß, aber es ist wirklich harte Arbeit. Man muss vieles tun, worauf man vielleicht keine Lust hat. Zudem ist es oft wahnsinnig anstrengend. Das viele Reisen schlaucht, auch wenn wir uns wirklich nicht beschweren wollen.“

Es gibt eben keine geregelten Arbeitszeiten.

Sonja: „Nein. Wir haben zum Beispiel oft auch kein Wochenende.“

Welche Emotionen habt ihr in Bezug auf euer Debütalbum?

Valeska und Sonja: „Schöne!“

Viele Musiker können sich ja irgendwann gar nicht mehr mit ihrem Erstlingswerk identifizieren.

Sonja: „Ich weiß nicht, ob das auch für andere Bands gilt, aber wir sind noch immer sehr zufrieden. Sicherlich würden wir jetzt auch ein, zwei Sachen anders machen, aber wir versuchen eigentlich stets, so nah wie möglich an den Punkt zu kommen, an dem wir sagen können, dass wir zufrieden sind.“

Valeska: „Wir verbinden mit den Songs auch unheimlich viele Erinnerungen und sind glücklich, wohin sie uns geführt haben.“

Wie bewahrt man sich denn die Liebe zu einem Überhit wie „Little Numbers“? Immerhin müsst ihr ihn ja auch andauernd und überall spielen.

Sonja: „Wenn man das als eigenständige Sache betrachtet, sind wir einfach dankbar.“

Valeska: „Mal ganz ehrlich, wie oft haben die Rolling Stones ‚Satisfaction‘ gespielt? Sich jetzt schon zu beschweren, wäre wohl etwas anmaßend.“

Sonja: „Im März vor zwei Jahren habe ich Suzanne Vega in New York gesehen. Sie hat all ihre alten Songs gespielt, und zwar mit so viel Leidenschaft. Daran kann man sich echt ein Beispiel nehmen.“

Also plant ihr momentan nicht, „Little Numbers“ zu verbannen?

Valeska: „Nein. Man spielt Konzerte ja auch nicht für sich, sondern vor allem für die Leute, die kommen. Das gehört dazu.“

Wovon erzählt eure neue Platte „We Were Here“?

Valeska: „Es gibt kein wirkliches Grundthema. Wir haben auch erst am Ende gemerkt, dass der Überbegriff oder das Motiv, das viele Songs verbindet, das ‚zwischen zwei Dingen zu stehen‘ sein könnte. Zwischen Tag und Nacht, zwischen zwei Gefühlen, zwischen zwei Orten.“

Sonja: „Es geht nicht wirklich um uns, auch wenn der Albumtitel danach klingt.“

„We Were Here“ ist wie eine Bestandsaufnahme, wie ein Fotoalbum.

Valeska: „Als würde man etwas in einen Baum ritzen, um zu sagen, wir sind hier gewesen.“

Während der Entstehung von „We Were Here“ habt ihr sicher auch Phasen gehabt, in denen sich die Kreativität ab und zu verabschiedet hat.

Sonja: „Absolut.“

Wie bewältigt man diese am besten?

Sonja: „Man muss sie in erster Linie einfach aushalten und darf nicht glauben, dass das Gefühl, man könne nie wieder schreiben, der Wahrheit entspricht.“

Hattet ihr denn die berüchtigte Angst vorm zweiten Album?

Valeska: „Eigentlich nicht. Wir haben uns eher aufs Schreiben gefreut, da wir lange mit unserem Debüt unterwegs gewesen waren. Ganz bewusst haben wir uns dann zurückgezogen, keine Konzerte mehr gespielt und versucht, zu vergessen, was da eigentlich alles passiert war.“

Was hat Herbert Grönemeyer, der Chef eures Labels Grönland Records, zu „We Were Here“ gesagt?

Sonja: „Nichts, das ich jetzt zitieren könnte. Wir haben uns gegenseitig Songs vorgespielt und darüber gesprochen.“

Valeska: „Bevor wir angefangen haben, zu schreiben, hat er etwas Schönes gesagt. Nämlich, dass wir uns keinen Stress machen, sondern uns die Freiheit nehmen sollen, zu tun, worauf wir Lust haben. Es war sehr gut, das von Seiten des eigenen Labels gehört zu haben. Hinzukommt, dass er eben selbst Künstler ist und weiß, wie sich das anfühlt. Schnelles Nachliefern, wie manche Plattenfirmen das von ihren Musikern fordern, bringt nichts. Wer uns besser kennt, weiß, dass wir unsere Zeit brauchen, weil es sonst nicht gut wird. Und damit wäre am Ende ja niemandem geholfen.“

Zahlreiche Konzerte stehen als Nächstes auf dem Plan. Viele davon sind schon ausverkauft. Worauf freut ihr euch selbst am meisten?

Sonja: „Ich freu mich auf die Momente, die auf der Bühne passieren, und auf die Live-Performance. Wir sind dann wieder mit engen Freunden unterwegs, weil sie zu unserer Band gehören.“

Wie lange werdet ihr unterwegs sein?

Valeska: „Wir wissen es noch nicht.“ (lacht)

Sonja: „Wir schauen nicht zu weit in die Zukunft.“ (lacht)

Wir haben sicher viel vergessen. Gibt es noch etwas, das ihr sagen wollt?

Sonja: „Hört euch unser Album an!“

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Fotos © by Debora Mittelstaedt