Jimmy Shaw rekapituliert Metrics Ausnahmekarriere

In Musik by Martin

Das Sterben der Independentszene nimmt seinen Lauf. Mittlerweile dürfte eigentlich auch der letzte Musikkonsument verstanden haben, dass unser Umgang mit kreativem Eigentum, vor allem, wenn es um das kostenlose Streamen und Downloaden von Songs geht, immer mehr dazu führt, dass zahlreiche Künstler von den Bildflächen und aus den Radiostationen verschwinden. Ein Band, die sich trotz dieser katastrophalen Entwicklungen stets behaupten und neu erfinden konnte, ist Metric.

Jimmy Shaw und Emily Haines gründeten Metric vor über 15 Jahren und sind auch heute noch das schöpferische Herzstück des Quartetts. Zusammen mit Joules Scott-Key und Joshua Winstead können die beiden Kanadier auf eine bewegte Karriere zurückschauen, die neben sechs Studioalben und einigen Soundtrackarbeiten auch unzählige rasante Liveimpressionen beinhaltet. Mit ihrem neuen Album „Pagans In Vegas“ im Gepäck gastierten Metric letzte Woche in unserer Hauptstadt Berlin. Wir hatten die Chance, Gitarrist und Songwriter Jimmy Shaw in diesem Zuge zu einem kurzen Interview zu treffen.

Jede gute Konversation fängt mit der einen alles entscheidenden Frage an: Wie geht es dir, Jimmy?

„Haha, das stimmt. Mir geht es gut.“

Über 15 Jahre gibt es eure Band Metric nun schon. Welche Gefühle wecken alte Bilder oder Songs in dir?

„Sehr gemischte Gefühle. Aber das geht vermutlich jedem so, der auf sein Leben zurückblickt. Je länger ich in der Band bin, umso mehr ist sie eben genau das für mich. Mein Leben.“

Wie alt warst du, als ihr gestartet seid?

„Oh, das weiß ich nicht mehr. Es ist zu lange her. (lacht) Älter zu werden ist komisch. Man hat Dinge erreicht, von denen man nie gedacht hätte, sie zu erreichen. Das ruft wirklich verschiedenste Emotionen in einem hervor.“

Was ist aus deiner Sicht Metrics wichtigste Stärke?

„Vermutlich unsere Belastbarkeit. Wir haben vieles gemeinsam überstanden. Eine Band wie Metric hätte es theoretisch gar nicht geben können, schaut man sich an, wie die Branche aufgebaut ist. Es gibt viele vorgefertigte Wege für Musiker. Wege für Independentartists, Wege für Popkünstler, Wege, um im Radio erfolgreich zu sein, oder Wege, um im Underground gemocht zu werden. Wir haben uns für keinen einzigen davon entschieden.“

Und doch seid ihr alle ein Stück weit gegangen.

„Ja! Wir sind an den Zäunen der einzelnen Pfade langgewandert. Aber immer in dem Bemühen, dabei wir selbst zu bleiben. Damit fühlen wir uns nämlich am wohlsten. Das ist nicht immer einfach gewesen. Manche Leute wollten uns auf die eine oder andere Seite drücken, aber wir hielten uns stets dort auf, wo es uns gerade gefiel.“

Dass es uns nach wie vor als Band gibt, zeigt, dass wir sehr widerstandsfähig sind.

Gab es denn Momente, in denen du das Projekt am liebsten beendet hättest, um dich auf andere Dinge zu konzentrieren?

„Sicher. Die gibt es täglich.“

Täglich?

„Ich sehe das ein wenig wie bei einer Ehe. Wenn du das Gefühl bekommst, dass du nie wieder ausbrechen können wirst, verursacht das Panik in dir. Man sollte immer auch die Alternativen im Auge behalten. Nur dann kannst du mit der Sache, die du liebst, verbunden bleiben und sie schätzen. Das ist wie bei einem Ninja. Der Ninja geht immer davon aus, sterben zu müssen. Dadurch lebt er ohne Ängste. Ich bin in Gedanken schon fertig mit Metric, was mir erlaubt, in der Band verbleiben zu können.“

Jimmy Shaw by Susanne Erler

Was verbindet all eure Alben miteinander? Immerhin sind sie sehr verschieden.

„Sie sind sehr verschieden, das stimmt. Und doch gibt es da eine Art Fingerabdruck. Man kann vielleicht seine Kleidung oder seine Haare verändern, sich den Bart färben oder den Kopf rasieren, aber der Fingerabdruck bleibt immer derselbe. Genauso, wie wenn man einen Raum betritt. Die Leute werden immer merken, dass du das bist. Unabhängig davon, was du trägst, oder welche Sprache du sprichst. Die Identität einer Person ist und bleibt deren Identität. Man kann sie kaum verändern. Das lernte ich bereits während den Arbeiten an unserem Debüt ‚Grow Up And Blow Away‘. Damals verwendete ich ein Kick- und ein Snare-Sample von einer Lauryn-Hill-Platte. Ein Freund von mir, der ein sehr erfahrener Soundtechniker ist, hörte sich den fertigen Song an und sagte begeistert, dass das nach Ringo klinge. Was bedeutete das? Wenn ich genau dasselbe mache wie Lauryn Hill, klinge ich am Ende also wie die weißeste Person aller Zeiten. Und warum? Weil ich nun mal genau die bin. Das wird man immer hören. Deswegen muss ich mir auch über meine Außenwirkung keine Gedanken machen. Das wird eh immer alles mit mir verbunden sein.“

Wenn ich dich frage, welcher Track aus eurer Diskografie dein Favorit ist, was würdest du sagen?

„Oh, mein Gott. Das ist zu schwer. Das ist, als müsste ich sagen, welches meiner Kinder mein Lieblingskind ist. Eine Antwort würde mir den Rest meines Lebens nachhängen.“

Sind also alle gleichwertig?

„Die wohl beste Antwort wäre, zu sagen, dass es der Song ist, den ich noch nicht geschrieben habe. Schließlich bin ich immer auf der Suche nach genau diesem.“

Mit der Veröffentlichung von „Pagans In Vegas“ habt ihr euch für viele unkonventionelle Promotionstrategien entschieden. Beispielsweise für die Veröffentlichung einer speziellen App namens „The Pagan Portal“. Warum?

„Die Idee dazu hatten wir schon vor einer ganzen Weile. Wir wollten einen Ort kreieren, an dem Fans ganz direkt auf unsere Songs zugreifen können, ohne Youtube, Vevo, Spotify und so weiter. Irgendwie fühlt sich das sonst immer an, als müsse man in eine Shoppingmall, um dort seine Freunde zu treffen. Musik hört man am besten direkt bei seinen Freunden zuhause. Dazu braucht es keine Werbungen und Massen von Menschen.“

Das Internet wird immer mehr zu einer Einkaufspassage.

„Es ist kalt und unpersönlich. Da hast du dann zum Beispiel dein Video und direkt daneben wird das neuste von Rihanna angepriesen, und zwar nur, weil einige Leute beide geklickt haben. Deswegen brauchte es nun einen Platz, der frei von all diesen Nebengeräuschen ist. Keine Zwischenstationen mehr. Nur ein einziger Knopf und dann sieht man, ob Metric etwas zu sagen oder einen Song anzubieten haben. Wir können das zudem natürlich weiter ausbauen.“

Eine gute Idee. Welche Hürden siehst du generell innerhalb der heutigen Musikindustrie?

„Da gibt es offensichtliche wie das Problem, Musik zu Geld zu machen. Als wir 2007 unser eigenes Plattenlabel gründeten und ‚Fantasies‘ herausbrachten, sah es so aus, als würde das Internet dabei helfen, die Veröffentlichungspolitik zu demokratisieren. Sehr schnell gelangten wir dann aber zu der Einsicht, dass das nicht passieren würde. Eigentlich hatte die Musikindustrie nur eine viel stärkere Waffe erhalten. Wer dachte, Plattenbosse seien böse, der hat noch nicht einmal ansatzweise die Macht von Google zu spüren bekommen. Die Schwierigkeit ist nun also, mit deiner Musik etwas zu verdienen, ohne dabei jemanden schmieren zu müssen. Künstler müssen über Jahrzehnte unterstützt werden, um wirklich großartige Künstler zu werden. Leute, die für Musik nichts mehr ausgeben wollen, auch weil ihnen das so beigebracht wurde, werden sich in zwanzig Jahren fragen, wo all die guten Acts hin sind. Denn es wird dann kaum noch Möglichkeiten für den Nachwuchs geben, um wachsen zu können.“

Lass uns zu „Pagan In Vegas“ zurückkommen. Worum geht es auf der Platte?

„Textlich gesehen gibt es keinen wirklichen roten Faden. Es ist kein Konzeptalbum. Vielmehr geht es um die Tatsache, dass wir uns wie Ungläubige fühlen. Wie von der Natur erschaffene Wesen in einer seltsam synthetischen, casinoartigen Welt. Wir machen Popmusik, weil uns danach ist.“

Ihr plant, bereits Anfang des nächsten Jahres eine weitere LP zu veröffentlichen. Was dürfen wir erwarten?

„Das komplette Gegenteil von ‚Pagans In Vegas‘. Normalerweise schreiben Emily und ich beide Songs, gehen dann ins Studio, beschleunigen ihre eher Piano lastigen, ruhigen Kompositionen und fahren gleichzeitig meine sehr temporeichen, elektronischen Ideen herunter, sodass am Ende eine Rockplatte dabei herauskommt. Dieses Mal haben wir beide Ansätze für sich stehen lassen. Das nächste Album wird deshalb mehr nach Emilys ‚Knives Don’t Have Your Back‘ klingen. Performt von Metric. Die beiden Platten sind die Extreme eines kompletten Ganzen. Dieser Kontext wird aber erst mit der neuen Veröffentlichung deutlich werden. Wir erkunden die Grenzen dessen, wofür unsere Band steht, anstatt uns in der Mitte einzupendeln.“

Heute Abend werdet ihr hier in Berlin spielen. Warum gehst du immer noch gern auf die Bühne?

Ich habe noch nie Heroin genommen, aber live zu performen gleicht dem Zustand, völlig high zu sein.

„Manchmal betrete ich die Stage und fühle mich berauschter als je zuvor. Diesem Gefühl jagt man eigentlich immerzu hinterher und man weiß nie, ob es eintreten wird. Gestern hatten wir eine Show in München. Der Club war in Ordnung, jedoch kleiner als das, was wir eigentlich gewohnt sind. Es regnete draußen und war ungemütlich. Keine Ahnung wieso, aber die Stimmung explodierte. Joules sagte danach zu mir, dass man nie voraussehen kann, was passieren wird.“

Als hätte Jimmy in die Zukunft sehen können, entwickelte sich auch Metrics Berlin-Konzert, wenige Stunden nach unserem Interview, zu einem wahren Inferno aus Energie, Talent und Rockstarappeal. Wir sind uns sicher, dass es diese Band noch eine Weile geben wird.

Fotos © by Susanne Erler