Über Klicks, Zahlen und James Brown: Ein Gespräch mit Patrick Watson

In Musik by Website-Einstellung

Als Redakteur möchtest du gut vorbereitet sein, bevor du dich auf ein Gespräch mit einem Musiker einlässt. Du wälzt also sämtliche Pressetexte durch, schaust auf Videokanälen nach alten Interviews und folgst zahlreichen Links, um Informationen über die Person zu erhalten, die du treffen wirst. Plötzlich sitzt du ihr dann gegenüber und manchmal kommt es vor, dass dir diese einen Strich durch all deine zuvor mühsam erstellten Rechnungen zieht.

Eine Batterie aus siebzehn Fragen befindet sich auf dem Zettel, den ich in meinem Beutel mit mir herumtrage. Als ich Patrick Watson vor seiner Show im Berliner Gretchen vorgestellt werde, beschleicht mich umgehend der Verdacht, dass ich nicht dazu kommen werde, ihm all diese zu stellen. Ich sollte recht behalten. Sympathisch und redselig wie ein Freund, den man Jahre lang nicht mehr gesehen hat, begegnet mir der Songwriter, der aktuell mit seinem großartigen Album „Love Songs For Robots“ für Furore sorgt. Schnell weichen wir von dem Pfad ab, den ich ursprünglich für uns vorgesehen hatte, und landen in einer fast schon philosophischen Unterhaltung über Zahlen, den sogenannten Klick, kulturelle Unterschiede zwischen verschiedenen Konzertpublika und das Künstlerdasein.

Patrick Watson by Clyde Henry (2)Wie geht es dir, Patrick?

„Sehr, sehr gut! Bisher hatte ich eine sehr nette Tour und die Leute scheinen das aktuelle Album zu mögen. Das ist schon eine kleine Erleichterung. (lacht) Man weiß ja nie, was passieren wird, wenn man eine neue Platte veröffentlicht. Aus irgendeinem Grund gefällt vor allem Deutschland dieses Album mehr als die anderen zuvor. Da Berlin stark vom Electro beeinflusst wird und auf ‚Love Songs For Robots‘ mehr Elemente dieser Art zu finden sind, ist der Zugang vielleicht insgesamt leichter.“

Deine anderen Alben gingen eher in Richtung Folk?

„Ja, genau. Am Ende ist es wohl immer die Grundstimmung einer Platte, die sie besonders macht.“

Definitiv. Was hast du vor diesem Interview als Letztes getan?

„Wir waren gestern in Luxemburg. Eine seltsame Show. (lacht) Jede Kultur ist anders und die Luxemburger sind unglaublich still. Als Musiker ist es dann schwierig einzuschätzen, was die Menschen von dem Ganzen halten.“

Wenn du das erste Mal in einer Stadt bist, musst du das Publikum erst kennenlernen, um zu wissen, was dich zukünftig erwarten wird.

„In Frankreich war es damals ähnlich. Mir war nicht bewusst, dass die Franzosen so zurückhaltend sein würden. Nach dem Auftritt kamen dann aber Leute und sagten, es sei eine großartige Show gewesen. Ich war verwirrt.“ (lacht)

Wie erlebst du das Berliner Publikum?

„Die letzten Gigs hier waren wirklich unglaublich. Einmal spielten wir sogar in einer Kirche.“

Obwohl du in Kalifornien geboren bist, verbrachtest du den Großteil deines Lebens in Kanada. Was magst du an deiner Heimat?

„Ich lebe in Quebec. Es ist kaum zu vergleichen mit dem Rest von Kanada. Kulturell ist Quebec eher eine Mischung aus Europa und den Staaten. Mir gefällt diese Mischung. Ich bin generell ein Freund von multikulturellen Gesellschaften. Für mich wäre es schwer, das aufgeben zu müssen. Man hat gleichzeitig viele verschiedene Zugänge, sei es sprachlich oder gefühlstechnisch. Die daran gebundene Dynamik ist wunderbar.“

Inwiefern beeinflusst dich das ganz persönlich?

„Die Menschen in Quebec sind sehr lebenslustig, mögen Musik und Kultur. Anfangs hatten wir fast nur französische Zuschauer bei unseren Konzerten, weil wir wohl mehr in deren Geschmacksmuster fielen. Sie haben uns sehr geholfen, die zu werden, die wir heute sind.“

Welchen Status hat die Musik generell in deinem Leben?

„Oh, wow. Als ich ein Kind war, habe ich viel Musik gespielt. Ich dachte immer, ich würde eher Komponist für Soundtracks werden, als Sänger und Songwriter.“

Musik ist wie ein Kumpel, mit dem ich schon mein ganzes Leben lang abhänge und mit dem ich viele verrückte Dinge unternommen habe.

„Alles in meinem Alltag ist an Musik geknüpft.“

Du hast also keinen anderen Job, sondern arbeitest nur innerhalb der Branche?

„Nun, ich bin kein Fan der Industrie. Wenn es nur noch um Bands geht und die hippen T-Shirts, die sie verkaufen, mag ich das nicht. Ich wuchs mit dem Verständnis auf, dass es rein um die Musik gehen sollte. Ich glaube nicht an große Popstars, denn dieses Getue dient nicht wirklich der Musik und der Kraft, die in ihr steckt. Wenn ich auf die Bühne gehe, steht für mich die Tatsache im Vordergrund, einen schönen Abend mit dem Publikum verbringen zu wollen. Das ist ein Privileg. Als wir mit James Brown tourten, waren wir Kinder. Das war unsere erste Konzertreise in Europa. Wir hatten etwas Angst, dass die Crew uns nicht mögen würde. Immerhin sind das Legenden gewesen. Aber sie waren alle unglaublich freundlich und auch James Brown selbst stellte sich keineswegs über uns. Er war wirklich inspirierend und hatte die Fähigkeit, andere Menschen extrem zu bestärken. Von ihm lernte ich, wie man ein Frontmann ist. Natürlich war James Brown ein starker Charakter, aber er wollte eben andere mitziehen. Vielleicht stammt die Tatsache, dass wir uns noch immer glücklich schätzen, auf die Bühne gehen zu dürfen, aus genau dieser Zeit.“

Deine Musik scheint sehr rein und intensiv zu sein. Gibt es eine bestimmte Soundvision, der du folgst?

„Jede Platte hat ihre ganz eigene Soundvision.“

Wie sah die für „Love Songs For Robots“ aus?

„Ich dachte darüber nach, dass ich bereits vier Alben veröffentlicht hatte, und fragte mich, was als Nächstes kommen würde. Mir gefällt es, immer ein Stück vorauszudenken und meist habe ich schon ein paar neue Ideen im Kopf. Eine meiner größten Leidenschaften ist Science-Fiction. Auch die Wissenschaft als solche hat es mir extrem angetan. Ich finde sie oft inspirierender als viele Kunstformen. Vor allem heutzutage. Es geschieht so viel in diesem Feld. Ich wollte also eine Platte machen, die sich dieser Welt gegenüber öffnet. Ein elektronisches Album, bei dem die Leute allerdings nicht unbedingt merken, dass es eines ist. Es sollte genauso berühren wie eine Folk-Platte.“

Die elektronischen Einflüsse wirken tatsächlich sehr dezent und wenig aufdringlich. Irgendwie, als kämen sie durch die Hintertür.

„Absolut, genau. Wir haben die Platte komplett live eingespielt. Das verändert natürlich das gesamte Spiel, denn plötzlich fehlt die kontinuierliche Wiederkehr des Klicks, welcher die elektronische Musik sehr schnell chillig werden lässt. Es würde nicht funktionieren, die Songs nach dem Klick auszurichten. Genauso wenig wie man Reggae danach takten würde, denn der Geist des Ganzen ginge dabei verloren.“

Der Klick ist ein typisches Element innerhalb der elektronischen Musik, nicht wahr?

„Ja, genau. Er hilft beim Takthalten. Ich glaube daran allerdings nicht wirklich. Für mich ist das eine der größten Schwächen. Selbst Zeit ist nicht exakt. Warum muss es Musik dann sein?“

Ich hasse den Klick.

„Vermutlich werden mich viele Deutsche für diese Aussage hassen. Aber am Ende kann ein unauffälliges Verschieben dafür sorgen, dass der Körper darauf reagiert. Seien wir ehrlich, der Köper ist ein Uhrwerk. Und es bewegt eben mehr, wenn nicht alles perfekt ist.“

Ein Musiker zu sein, bedeutet oft auch, viel um die Welt reisen zu müssen. Gefällt dir das?

„Manchmal wachst du auf und bist der Überzeugung, dass das ein absolutes Privileg ist. Ein anderes Mal hingegen denkst du dir, dass du besser bei deinen Kinder zu Hause sein solltest. Vor allem, wenn du nachts an irgendeiner Raststätte stehst und deine Kleinen dich anrufen. Während des Tourens ist man oft in einer Art Seifenblase gefangen. Ein Niemandsland, in dem die Zeit stillsteht. Du weißt oft nicht, welcher Tag eigentlich ist und wo genau du dich befindest. Als wäre man high. Mir hilft das, gute Shows zu spielen.“

Kannst du mir einen Ort nennen, an den dich die Musik geführt hat und den du nie vergessen wirst?

„Wenn ich diese Frage gestellt bekomme, muss ich, obwohl ich an vielen großartigen Orten wie Island oder Japan gewesen bin, an eine Show in Singapur zurückdenken. Ich kann mir noch einigermaßen vorstellen, dass es meine Musik bis nach Europa geschafft hat. Dass sie hingegen auch in Singapur gehört wird, übersteigt meine Fantasie. Wir waren also dort und Leute aus den unterschiedlichsten Winkeln Asiens waren angereist, um uns zu sehen. Es war kein riesiger Veranstaltungsort. Vielleicht einer für 300 Leute. Nie zuvor hatte ich das Gefühl, Menschen, die mir auf kultureller Ebene recht fremd sind, derart bewegt zu haben. Das hat mich umgehauen.“

Wonach stellst du deine Setlists zusammen?

„Die aktuelle Tour läuft noch nicht allzu lange und wir arbeiten noch an einer ‚Golden Setlist‘. Wenn wir die einmal gefunden haben, können wir sie aufbrechen und verschiedene Dinge ausprobieren. Am wichtigsten ist es jetzt aber, den richtigen Bogen zu finden. Dieser kann extreme Unterschiede nach sich ziehen. In Paris veränderten wir zum Beispiel den Beginn der Show, weil er zu heftig war und es danach ruhiger wurde. Man muss eben die Plätze finden, an denen die einzelnen Tracks scheinen können. Für mich ist es wirklich eine Tragödie, wenn ein Song falsch platziert ist. Die Setlist ist immer ein schwieriges Thema.“

Ist es kompliziert, altes Material zu integrieren, das einer anderen Ära entstammt?

„Vor allem jetzt, mit dem neuen Album, ja. Seine Stimmung ist eben ganz anders. Wir haben probiert, neue Arrangements für die älteren Stücke zu finden, damit sie passen.“

Und genau das will man ja am Ende als Konzertbesucher auch erleben.

„‚Close To Paradise‘ haben wir beispielsweise seit Jahren nicht mehr gespielt. Mit unserem Synthie-Meister, den wir Gott sei Dank gefunden haben, ging das plötzlich. Er ist großartig, wenngleich extrem hyperaktiv.“ (lacht)

Erzähl doch noch ein wenig mehr darüber, was dir die Inspiration für „Love Song For Robots“ verschafft hat.

„Musikalisch kann ich da auf ‚Blade Runner‘ verweisen. Das ist ein wahnsinnig guter Soundtrack, bei dem du aufhörst, über Sinn und Unsinn nachzudenken. Unglaublich melodisch und warm. Der passende Film ist aus meiner Sicht der einzige, der es je geschafft hat, künstliche Intelligenz glaubhaft darzustellen. Keine Ahnung, wie er das macht. Man sieht nicht überall Kabel und Technologie. Vielmehr steht die Philosophie im Vordergrund und keine langweiligen Roboter. Mich macht das neugierig.“

Und du siehst darin Parallelen zu deinem Album?

„Ja. Darüber hinaus denken viele Menschen, Technik und Mathematik sei stets kalt und wenig einfühlsam. Schon komisch, dass sich der Großteil aller Dinge auf Nullen und Einsen herunterbrechen lässt. Nur vielleicht ist genau das die universellste aller Sprachen.“

Am Ende kann niemand den Fakt leugnen, dass Kombinationen aus Einsen und Nullen dich zum Weinen bringen können. Denn alles, was wir aufnehmen, wird genau in diese Form übersetzt.

„Natürlich werden die Ziffern wieder in auditive Signale verwandelt, aber es gibt eben diesen mathematischen Zwischenschritt. Vielleicht sollte ein Umdenken einsetzen, dass Zahlen wirklich schön sein können“