Lost in sound, found in Berlin: Abby

In Musikby Martin

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Abby – hinter dem wohlklingenden Frauennamen verbirgt sich seit 2009 auch eine in Berlin ansässige Band, die ihre akustischen Zelte irgendwo zwischen psychedelischem Rock, elektrifiziertem Sytnthie-Pop und minimalistischer Klassik aufgeschlagen hat. Zum Release ihres zweiten Albums „Hexagon“, Nachfolger des gefeierten Debüts „Friends & Enemies“, trafen wir uns mit 50 Prozent des Quartetts zum Interview.

Der Raum, in dem Filou wartet, ist hell erleuchtet. Sein weißes T-Shirt reflektiert im Sonnenlicht und verleiht dem Sänger ein fast schon heiliges Antlitz. Dieser Eindruck schwindet erst, als er zu lächeln beginnt, sich eine Zigarette anzündet und andeutet, dass sein Bandkollege Lorenzo noch einen Moment brauche, da er vermutlich ins Klo gefallen sei. Unverkrampft, stets reflektiert und ehrlich erzählen die beiden Musiker kurz darauf von ihren Erfahrungen, ihrer Liebe zu Berlin und der Wirkung, die die Stadt auf ihre neue Platte gehabt hat.

Abby by Martin Busse (2)Wie geht es euch?

Lorenzo: „Gut.“

Filou: „Ganz gut. Etwas durch für einen Montagmorgen.“

Was habt ihr gemacht am Wochenende?

Filou: „Wir waren aus.“

Lorenzo: „Am Samstag.“

Und jetzt kämpft ihr mit den Nachwehen?

Filou: „Es sind leichte Nachwehen, ja. Aber alles noch im Rahmen.“ (lacht)

Lorenzo: „In unserem Alter dauert es ja bekanntermaßen immer ein bisschen länger, um sich zu regenerieren.“

Gebt doch bitte einen kurzen Abriss darüber, wie es zur Gründung von Abby kam.

Filou: „2009 kam die ‚Since We Moved On‘-EP raus. Wir hatten schon vorher Musik zusammen gemacht, uns aber noch nicht betitelt. Danach ging es relativ schnell nach Berlin. Wir haben erst ein Studio in Charlottenburg gemietet und sind jetzt in die Riverside Studios im FluxBau umgezogen.“

Lorenzo: „Gefunden haben wir uns allerdings schon im Musikstudium.“

Ihr seid Bandkollegen, aber auch Freunde. Inwiefern bildet Musik aus eurer Sicht eine gute Basis für zwischenmenschliche Beziehungen?

Lorenzo: „Man wird dadurch noch mehr zu einer Familie. Da man auch viel Zeit miteinander verbringt.“

Filou: „Außerdem hat man ein großes, gemeinsames Thema. Eins, mit dem wir aufstehen und ins Bett gehen. Das geht uns allen vieren so und das teilen wir auch die ganze Zeit. Genauso wie die kreative Arbeit generell. Man muss sich gegenseitig aushalten, einander Zugeständnisse machen und so weiter und so fort. In einer Gruppe lernst du das unglaublich gut.“

Also hat sich eure Freundschaft über die Jahre intensiviert?

Lorenzo: „Ja“

Filou: „Auf jeden Fall. Alleine, wenn du ein paar Touren miteinander erlebt hast, bei denen man brutal aufeinander klebt. Daran scheitern viele Bands. Bei uns hat das aber eher zu einem Zusammenschweißen geführt. Außerdem haben wir uns auch schon immer gut verstanden.“

Lorenzo: „Und wir haben unglaublich viele Länder zusammen bereist. Das verbindet auch.“

Searching for Abby – dieser Halbsatz begegnet einem recht häufig, wenn man eure unterschiedlichen Internetpräsenzen besucht. Habt ihr selbst Abby denn mittlerweile finden können und was bedeutet euch eure Band ganz persönlich?

Lorenzo: „Eigentlich ging es immer darum, dass andere Abby finden, denn wir selbst haben sie schon längst gefunden. Für uns persönlich bedeutet die Band Familie.“

Filou: „Wenn man ‚Searching for Abby‘ allerdings aus unserer Perspektive betrachtet, kann man sagen, dass wir musikalisch mit dem neuen Album komplett zufrieden sind.“

Wir sind angekommen. Zum ersten Mal so richtig.

„‚Friends & Enemies‘ war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu ‚Hexagon‘. Jetzt sind wir zu 100 Prozent da, wo wir aktuell sein wollen. Natürlich wissen wir nicht, wie wir das in zwei oder drei Jahren bewerten. Diesen Prozess werden wir dann wieder gemeinsam gehen müssen.“

Lorenzo: „Bei ‚Hexagon‘ haben wir uns treiben lassen und waren komplett auf uns allein gestellt.“

Filou: „Dadurch ist das Album kompromisslos.“

Lorenzo: „Schon lustig. Normalerweise versucht man, sich ein paar Grenzen zu setzen, um seinen Sound zu finden und nicht das ganze Spektrum abzudecken. Wir haben genau das Gegenteil gemacht.“

Filou: „Das einzige, was wir uns vorgenommen hatten, war, uns gegenseitig Platz zu lassen. Jeder durfte er selbst sein, aber eben in seinem eigenen Bereich. Am Ende sollte alles zusammenwachsen und gleichzeitig jeder als Individuum vertreten sein.“

Eure erste EP erschien bei dem Indielabel Snowhite.

Lorenzo: „Eigentlich war es die zweite. Die erste haben wir unter der Hand bei Konzerten verkauft.“ (lacht)

Ok. Eure zweite EP erschien dann also bei Snowhite. Für euer Debütalbum „Friends & Enemies“ seid ihr hingegen zu Universal gewechselt. Wie kam das? War es eine Gelegenheit, die ihr nicht verstreichen lassen wolltet?

Filou: „Ja, das war eine Gelegenheit, die wir ergriffen haben. Wir waren auch mit anderen Labels im Gespräch, aber Universal hatte das klarste Angebot formuliert und das meiste Interesse an dem Album gezeigt. Deswegen sind wir die Partnerschaft eingegangen. Bereuen tun wir das nicht. Klar, wir werden uns immer weiter vom Pop wegbewegen und vielleicht entfernen wir uns dann auch von Universal, aber es sind generell gute Leute, mit denen wir zusammenarbeiten und die uns keine Steine in den Weg schmeißen. Sie lassen uns freie Hand. Das tut uns als Band unheimlich gut.“

Lorenzo: „Wir hätten aber auch gar nicht anders gearbeitet. Musik sollte generell nicht von den Partnern abhängig sein, mit denen du sie veröffentlichst.“

Filou: „Das erste Album war damals ja auch schon fertig. Es wurde vielleicht noch die eine oder andere Songauswahl mitgetroffen, aber die Produktion war bereits abgeschlossen.“

Soundtechnisch würde man euch definitiv in Richtung Indie verorten. Es gibt viele Fans dieses Genres, die sehr ungnädig sind, wenn Bands plötzlich Erfolg haben und für den Mainstream interessant werden. Ein Hype wird da schnell mal bestraft. Habt ihr selbst Angst, dieser Negativstrudel könnte euch erfassen oder hat es sogar schon?

Lorenzo: „Ich glaube gar nicht. Viele Seiten an ‚Hexagon‘ sind sehr extrem und ich freu mich eher darüber, wenn das trotzdem eine gewisse Masse hört. Klar kann ich den Gedanken nachvollziehen und kenne das Gefühl, dass wenn irgendetwas bekannt wird, man das Ganze selbst nicht mehr so gerne weiterempfiehlt. Es ist ja das Schöne an Musik, wenn du jemandem davon erzählen kannst. Viel wichtiger ist aber, dass wenn du etwas gerne magst, du auch einen starken Bezug dazu entwickelst. Dann möchtest du, genauso wie bei einer Freundin, dass es auch dein Eigentum bleibt. Im Endeffekt tut es aber der Musik keinen Abbruch. Auch, wenn Jamie XX überall gehört wird, ist ‚In Colour‘ immer noch ein wahnsinnig gutes Album.“

Filou: „Der Künstler an sich wird ja auch dadurch nicht schlechter. Oft ist es ein bestimmter Schlag von Mensch, der so denkt. Diese Leute präsentieren sich meist sehr individuell und dann ist es nicht mehr cool zu sagen, dass die erste Platte von Coldplay gut gewesen sei. Wenn ein Musiker sich treu bleibt, kann man aus meiner Sicht nichts dagegen sagen.“

Wenn ihr etwas am Musikmarkt und der dahinterstehenden Industrie ändern könntet, was wäre das?

Filou: „Es gibt vieles. Aber ein genereller Wunsch von uns wäre, dass man wieder mehr zur Albumkunst zurückkehrt und das Geldmachen mit Singles etwas vernachlässigen würde. Es wird viel auf Produkte gesetzt, die schnell funktionieren können, und weniger in Bands investiert, die schwerer zugänglich sind. Das find ich schade. Für uns ist das Livegeschäft wichtiger als Plattenverkäufe.“

Ein Album ist für uns der Grund, wieder auf Tour zu gehen.

„Und da trennt sich auch die Spreu vom Weizen. Eine gute Band ist auch live gut. Wenn Plastik auf die Bühne kommt, überzeugt das oft nicht, oder halt nur im Radio.“

Lorenzo: „Ich kann das unterschreiben. Auch, wenn ich keinen Lösungsvorschlag parat habe. Die Charts sind meistens einfach fürchterlich. Es gibt einfach so viel wichtigere Musik zu entdecken.

Ich finde, man muss sich hin und wieder auch dazu zwingen, die Augen zu öffnen und der Kunst eine Chance zu geben.

„Musik ist nicht nur purer Konsum.“

Abby by Martin Busse (3)

Ihr habt es schon angedeutet, aber kommen wir noch einmal zurück zu eurem Debüt „Friends & Enemies“. Wo lagen aus eurer Sicht dessen Schwächen und wo dessen Stärken?

Filou: „Bei den Enemies lagen die Stärken. Das Album ist zweigeteilt. Es gibt Tracks wie ‚Monsters‘ und ‚Karma‘, die mehr in Richtung der Stimmung des neuen Albums gehen, und dann gab es Stücke wie ‚Evelyn‘, von denen wir uns innerlich verabschiedet haben. Wir wissen auch gar nicht mehr genau, wie die zustande kamen. (lacht) Aber so funktioniert der Findungsprozess eben. Irgendwann hat man die Songs mal für gut befunden, was auch nicht schlimm ist. Die Schwächen sind für uns aber definitiv die Friends.“

Nehmt ihr solche Songs trotzdem wieder mit auf Tour?

Lorenzo: „Die Enemies auf jeden Fall und bei den Friends wird es sich zeigen.“

Filou: „Gegen Ende des Jahres werden wir wieder live spielen und die alten Sachen durch den Fleischwolf drehen. Aber das gehört bei einer Band wie uns dazu. Dass wir neue Versionen erschaffen.“

„Hexagon“ ist der Name eures bereits mehrfach erwähnten, neuen Albums. Berlin spielt dabei eine zentrale Rolle, wenn man einem Teaser auf Youtube glauben darf. Weshalb?

Lorenzo: „Es ist der Ort, an dem wir leben, und der hat natürlich auch einen großen Einfluss auf uns. Aber so ist das ja immer. Wir sind Fans dieser Stadt, haben hier unsere Freunde und Familien. Also neue Familien. Die alten sind noch in der Heimat. Ich fand es ganz schön, was Filou in diesem Kurzfilm gesagt hatte, dass wir durch Berlin gelernt haben, mehr zuzulassen.“

Wir waren noch nie eine wirklich poplastige Band. Berlin hat uns darin bestätigt.

Filou: „Wir haben hier ein Stück Freiheit gewonnen. Es geht gar nicht mal darum, zu sagen, wir hätten den Berlin-Sound gemacht.“

Lorenzo: „Ich wüsste auch nicht, was das sein soll.“

Filou: „Na ja, es gibt viel House und Techno, der auch immer sehr beatlastig ist. Aber das wollten wir gar nicht einfangen. Vielmehr steht unsere persönliche Entwicklung im Vordergrund. Berlin bietet da einen anderen Rahmen als andere Städte.“

Inwiefern kann Rockmusik von elektronischen Elementen profitieren?

Filou: „Für uns sind das zwei Dinge. Zum einen der Seventies-Rock und zum anderen der Rave. Wenn man beides kombiniert, ist da eine Schnittmenge.“

Lorenzo: „Und dann ist da die psychedelische Komponente, die sowohl in der Rock- als auch in der Electronica-Welt eine Rolle spielt.“

Filou: „Schau dir Pink Floyd an.“

Lorenzo: „Schon seltsam, dass man das lange gar nicht wahrgenommen hat.“

Würdet ihr sagen, die Siebziger waren eure Hauptinspirationsquelle?

Lorenzo: „Was die Rockelemente betrifft, ja. Wenn es um die elektronischen Impulse geht, dann ist aber eher ganz aktuelles Zeug wichtig gewesen. Außerdem haben wir viele klassische Einflüsse, und zwar sowohl alte als auch moderne.“

Filou: „Vor allem aber moderne. Wir sind zwar über alte Klassik und unsere Bildung zu ihnen gelangt, aber aktuelle Künstler spielen da schon eine wesentlich größere Rolle.“

Von welchen Interpreten reden wir?

Lorenzo: „Steve Reich, viel Arvo Pärt. Dann haben wir einen Titel mit Brandt Brauer Frick auf der neuen Platte, die ich auch zu moderner Klassik zähle.“

Nils Frahm?

Lorenzo: „Absolut! Ich mag den unheimlich gern.“

Das Cover von „Hexagon“ und all die dazugehörigen Animationen sind unglaublich toll! Wer hatte die Idee dazu und inwiefern passt das Ganze zu eurem Album?

Lorenzo: „Wir haben uns an jemanden gewandt, den wir unglaublich schätzen. Eike vom Grafischen Hort. Ein sehr visionärer Typ. Wir haben mit ihm Gespräche geführt, ihm unsere Musik gezeigt und wollten uns überraschen lassen. Er hat sich dann einen seiner Studenten gesucht, der schließlich diese Illustrationen erschaffen hat. Merlin Flügel. Damit haben sie bei uns voll ins Herz getroffen.“

Filou: „Das war unglaublich. Unsere Artworks zuvor waren immer sehr verspielt und ich mag sie bis heute gern, aber dieses Mal hat es unglaublich gut gepasst. Der Ursprung der Figuren liegt in Mood-Boards, die Merlin Flügel angefertigt hatte. Da das Album sehr cineastisch ist, war das perfekt.“

Lorenzo: „Der Inhalt der Geschichten, die erzählt werden, stammt von uns. Aber die Umsetzung, das war einfach ein Knaller. ‚Hexagon‘ sollte einen Schnitt darstellen. Ich liebe unser altes Artwork, aber es war sehr vielschichtig und nun brauchte es klare Strukturen.“

Eine praktische Frage. Wenn man als Deutscher englische Texte schreibt, überprüft man diese dann im Nachhinein auf ihre Richtigkeit?

Filou: „Beim ersten Album habe ich das gemacht. Da waren wir aber auch in England und saßen zusammen mit Kissing The Pink, einer richtig geilen Achtziger-Band. Nicholas Whitecross, der Sänger, hat mir damals sehr viel Selbstvertrauen gegeben, weil er meinte, mein Zugang zu der Sprache würde gute Bilder erschaffen. Bei ‚Hexagon‘ habe ich nur noch für mich gegenkorrigiert und manche Fehler bewusst stehen gelassen. Das machen Muttersprachler ja auch, um Brüche zu kreieren.“

Lorenzo: „Man muss sich auch nicht dafür schämen, dass man Deutscher ist.“

Thema Plattenkritiken. Lest ihr die?

Lorenzo: „Natürlich liest man sich die durch, aber ich persönlich bin kein großer Fan des Musikjournalismus. Auch, wenn es ihn natürlich geben muss.“

Musik ist unglaublich subjektiv und man kann die schlimmsten Sachen toll finden, wenn man sie mit schönen Momenten verbindet.

Was war das Schlimmste das ihr mal gelesen habt?

Lorenzo: „Ich find es lächerlich, wenn Musikjournalismus sich auf unmusikalische Themen, bei der Bewertung eines Albums, bezieht. Es sollte doch am Ende um die Musik gehen.“

Das lassen wir so stehen. Ich danke euch für das Interview!

 

Fotos © by Martin Busse