Die Rettung des Pops: Hundreds

In Musik by Martin

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Unaufhaltsam. Das Geschwisterpaar Milner aus Hamburg meldet sich zurück und hat dieses Mal die akustische Wildnis mit im Gepäck. Am kommenden Freitag, den 04. November, erscheint ihr neues Album „Wilderness“, zu dessen Release sich die Hundreds auch von ihrem langjährigen Label Sinnbus getrennt haben, um bei Embassy Of Music ein neues Zuhause zu finden.

Es scheint, als würden Erfolgsgeschichten in der deutschen Musiklandschaft aktuell nur noch da geschrieben werden, wo haufenweise Geld in Promotion und Werbekampagnen gesteckt wird. Folglich sind die Charts von Acts dominiert, die wie eine Persiflage dessen wirken, wofür der Mainstreampop einst stand. Alternativen gefällig? Abseits all der befeuerten Kurzschussseifenblasen mit geringer Halbwertszeit gibt es noch immer Bands wie die Hundreds, die in der Lage sind, Popmusik in das Hier und Jetzt zu befördern und mit verschiedensten interessanten Stileinflüssen anzureichern. Kein Wunder, dass die Konzerte der Hundreds deswegen regelmäßig mit dem Zusatz Sold Out versehen werden müssen. Wer also nicht vor verschlossenen Türen stehen will, wenn Eva, Philipp und ihr Schlagzeuger Florian im März eine „Wilderness“-Zusatzshow im Astra Berlin spielen – ja, der eigentliche Gig im November ist bereits ausverkauft – sollte sich lieber schnell um Tickets kümmern. Wir blicken nun aber erst einmal gemeinsam mit dem sympathischen Geschwisterpaar hinter die Kulissen ihres neusten Werkes.

hundreds-2Wie geht es euch? Und wie eingespannt seid ihr bereits in den Promotionstress zu eurer neuen Platte „Wilderness“?

„Gut und ja, wir sind sehr eingespannt. Volle Email-Postfächer und lange Telefonate sind unsere tägliche Beschäftigung. Außer den Proben natürlich.“

Habt ihr im Laufe eurer Karriere irgendein persönliches Geheimrezept entwickeln können, wie ihr am besten mit den Strapazen eines Musikerlebens – dem viele Touren, den unsteten Einnahmen, der hohen Eigenverantwortung etc. – umgeht?

„Vertrauen darauf, dass es am Ende schon irgendwie klappt, das sollte man haben. Damit muss man ein paar Jahre hadern und irgendwann hat man sich an diese Unsicherheit gewöhnt. Zur Eigenverantwortung, die hat man doch auch, wenn man kein selbstständiger Musiker ist, oder?“

Zusatztipp an neue Menschen im Business: Ihr braucht einen langen Atem. Das ist eigentlich das Wichtigste.

Gibt es Entscheidungen, die ihr nachträglich bereut, oder seid ihr rundum zufrieden mit eurem künstlerischen Werdegang? Erfolgreich war dieser ja in jedem Fall.

„Wir sind tatsächlich mit allen Entscheidungen, die auf dem Weg getroffen wurden, zum jetzigen Zeitpunkt sehr zufrieden.“

In den letzten Jahren ward ihr beinahe ununterbrochen unterwegs und habt Konzerte rund um den Globus gespielt. Welche Eindrücke konntet ihr dabei sammeln?

„Erstens: In Amerika begrüßt dich jeder Kellner, als wärst du sein verloren gegangener bester Freund. Und das ist wunderbar! Zweitens: Das Musikbusiness ist überall auf der Welt gleich undurchschaubar und seltsam. Drittens: In Island gibt es kleine Löcher im Boden, aus denen grauer Matsch blubbert und kocht. Nicht reintreten! Viertens: Fahre nie mit hohen Erwartungen zum SXSW.“

Wie habt ihr es trotz des vielen Tourens geschafft, ein neues Album zu produzieren?

„Wir sind ein Jahr lang gar nicht getourt und haben in der Zeit das Album aufgenommen.“

Mit „Wilderness“ habt ihr es wieder einmal geschafft, euren eigenen Sound in eine neue Dimension zu heben. Was war dieses Mal euer Ansatzpunkt?

„Tatsächlich war der Titelsong ‚Wilderness‘ der erste, der fertiggestellt war. Wir fanden ihn so stark und ungewöhnlich, dass wir ihn als inneren Leitfaden für das restliche Album genutzt haben.“

Wir haben uns teilweise von den vertrauten Popstrukturen verabschiedet und collagenhafter gearbeitet.

Auch „Wilderness“ entstand, genau wie „Aftermath“, in eurem eigenen Studio. Inwiefern hat sich während der neuen Aufnahmen euer Verhältnis, euer Gefühl zu jenen vier Wänden verändert?

„Das Studio zu ‚Aftermath‘ war noch ein anderes. Das Studio zu ‚Wilderness‘ haben wir selbst ausgebaut und gestaltet, deshalb fühlte es sich von Anfang an sehr gut und vertraut an.

Eva, in dem ersten Interview, das ich mit euch führen durfte, erklärtest du mir, dass jeder Song, jedes Album für dich eine ganz eigene Farbe besitzt. Wie sieht „Wilderness“ aus?

Eva: „Dunkelblau, wildes Meer, dunkelgrau, dazwischen immer mal wieder ein Lichtstrahl.“

Woher kommt eure starke Verbundenheit zur Natur, die sich auch in den Lyrics von „Wilderness“ wiederspigelt? Und wie bewertet ihr den Umgang der Menschen mit dieser?

„Wir wuchsen im Wald auf, daher wohl die Verbundenheit. Der Mensch ist das schlimmste Tier von allen. Dabei sind wir so klug und hochentwickelt.“

Wir haben es in der Hand, zu verändern und zu steuern. Aber nein, wir steuern mit wehenden Fahnen in unseren Untergang.

„Irgendwie ist das auch rührend. Aber vor allem abgrundtief dumm.“

Last but not least: „Wilderness“ erscheint nicht nur als reguläre, sondern auch als Deluxe Edition. Wieso?

„Das hatten wir bei ‚Aftermath‘ schon und fanden das sehr schön. Dabei bekommen die Songs Platz, die gut sind, aber nicht ins Albumkonzept gepasst haben. Außerdem ist es immer spannend, Eigeninterpretationen anderer Künstler, sei es durch Remixe oder Reworks, zur eigenen Musik zu hören. Und davon sind auch wieder ein paar drauf.“