Kultverdächtig: Joy Wellboy

In Musik von Martin

Auch im neuen Kalenderjahr möchte „Kultverdächtig“ natürlich seiner selbst auferlegten Verpflichtung nachkommen und sich für euch wieder durch zahlreiche Alben, EPs, Websites, Soundcloudprofile, Konzerte und Empfehlungen wälzen, um dabei wie ein Sieb, den akustischen Feinstaub herauszufiltern, der sonst gern einmal zwischen all den gut beworbenen Soundbrocken verloren geht. Nachdem sich unsere Rubrik in den letzten Monaten einen festen Platz in der alltäglichen Lektüre vieler Leser erkämpfen konnte, haben wir auch für 2014 eine Riege einzigartiger Bands und Künstler gefunden, die uns Geheimnisse offenbaren, Geschichten erzählen und uns mit exklusiv eingespielten Coverversionen ihrer Lieblingstracks begeistern wollen. Den Anfang machen die belgischen Klangfilous von Joy Wellboy.

Zwischen Himmel und Hölle

YORO_4_0Was bedeutet Musik für euch?

Joy: Musik ist die Lösung meiner Probleme. Sie ist meine Stütze, wenn ich mich ruhelos fühle, meine Pille, wenn ich einen Aufschwung brauche. Sie ist mein Wegweiser, wenn ich verloren bin und mein Heilmittel, wenn ich nur Unsinn von mir gebe.

Die Hörer des renommierten Berliner Radiosenders radioeins wählten ihren Track „Lay Down Your Blade“ jüngst zum beliebtesten Track 2013, die Trip-Hop-Urgesteine Morcheeba nahmen sie als Support mit auf die letzte, fast restlos ausverkaufte, Tour und Ellen Allien bot ihnen mit einem Vertrag bei ihrem Label BPitch Control, ein festes Fundament, um darauf die weitere Zukunft aufzubauen. Joy Adegoke und Wim Janssens, die ihre private und musikalische Verbundenheit unter dem Namen Joy Wellboy zelebrieren, haben einen mehr als verheißungsvollen Karrierestart hingelegt und werden in Kennerkreisen bereits als große Nachwuchstalente gehandelt. Da möchte natürlich auch „Kultverdächtig“ ein Wörtchen mitreden und gleichsam prüfen, ob all die Lobpreisungen und Ehrungen selbst dann noch bestehen können, wenn das Duo dazu aufgefordert ist, ein Stück für unsere Playlist beizusteuern. Entschieden haben sich Joy Wellboy in diesem Zusammenhang für „Darklands“ von The Jesus And Mary Chain, welches sie an wenigen Studiotagen arrangiert und einspielt haben.

Wie kam es zu dieser Wahl?

Joy: „Wir hörten uns das gleichnamige Album „Darklands“ auf Repeat an, als wir durch Kalifornien cruisten. Der perfekte Soundtrack für Frieden. Es handelt sich um einen sehr kraftvollen Track. Für mich geht es in dem Stück darum, sich seinen Ängsten zu stellen, sie zu packen und dann loszulassen. Wim und ich bewundern den Song.“

Schon mit dem mystischen Intro, dessen Hintergrundklänge an eine alte Spieluhr erinnern, zeigen Joy Wellboy, dass es ihnen an Einfallsreichtum in keinster Weise mangelt. Wenn dann kurz darauf auch noch ihre Interpretation von „Darklands“ ertönt, wird klar, dass all das Gerede um ihre Begabung absolut gerechtfertigt ist. So begrüßen wir die Belgier nun mit offenen Armen im Kreise unserer auserwählten „Kultverdächtig“-Artists.

Was denkt ihr denn über eure Kollegen und deren Aufnahmen?

Joy: „Ich war von dem ersten Coversong, den ich mir anhörte, überwältigt. ‚Heart Of Gold‘ von Reba Hasko.  Ein perfekter Opener. Ebenso mochte ich das ‚Seaside‘-Cover von Pascal Pinon. Es führte mich an einen besonderen Ort.“

Regelmäßig posten Joy Wellboy Fotos auf Facebook, die ihre Fans darüber aufklären, welche Platten Joy und Wim gerade auf ihren Reisen rund um den Globus im Auto begleiten. Nur wer seinen Horizont über den Tellerrand hinaus erweitert, sich mit den Werken anderer Musiker befasst und offen für Inspirationen jeglicher Art ist, der wird es auch schaffen, seine Präferenzen und Abneigungen innerhalb des tonalen Universums zu finden. Schon früh war Joy beispielsweise gebannt, wenn ihre Mutter Platten von Stevie Wonder, Marvin Gaye, Sade, Leonard Cohen oder klassischen Komponisten hörte. Das prägte die in Brüssel geborene Joy und noch heute klingt das Erbe der genannten Branchengrößen in der einen oder anderen Komposition Joy Wellboys an.

Ich erinnere mich, dass ich Melodien interessanter fand als Worte.

Von der Schule angeödet, da sie es nie verstand, weshalb ein Haufen Kinder stillschweigend in einem Raum sitzen musste, ohne sich bewegen zu dürfen, begann Joy sich Eselsbrücken für die Inhalte zu bauen, die es zu lernen galt. Kleine Melodien begleiteten fortan das Einmaleins oder das Einprägen einzelner Buchstaben des Alphabets. Später wurden dann selbst komplexe Definitionen aus dem Biologieunterricht mit Harmonien unterlegt und damit ganz nebenbei zu treuen Wegbegleitern, die Joy gar nicht mehr aus dem Kopf bekam. Schließlich begriff die immer optimistische Belgierin, dass sich das Leben, auch in Zeiten größter Langeweile, so stets immer in einen bunten Ort verwandeln ließ.

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Wo lernte Joy dann aber Wim kennen?

Joy: „Das erste Mal sah ich Wim auf der Bühne. Er strahlte so eine gute Energie und eindringliche Attitüde aus. Ich spürte, dass wir in der Zukunft zusammen arbeiten würden.“

Und das taten Joy und Wim tatsächlich. Nachdem man sich noch einige Male auf den Straßen begegnet, stellte ein gemeinsamer Freund die beiden schließlich vor.

Die Luft knisterte vor Elektrizität. Es war, als würde ich ihn aus einem früheren Leben kennen.

JoyWellboy_SALG_cd_front_webEtliche Telefonate folgten, bis beide zu der Einsicht kamen, dass sie eine gemeinsame Vision teilen würden. Die Arbeit konnte beginnen. Über einen Zeitraum von fünf Jahren wurde an gemeinsamen Songs gearbeitet. Doch bevor es zu der Fertigstellung und Veröffentlichung eines Debüts kommen sollte, brauchten Joy und Wim Abstand. Abstand von ihrer Arbeit im Studio, Abstand von Belgien, ja sogar Abstand von Europa. Die große weite Welt lockte und rief lauthals nach den beiden Musikern. Also wurden alle Sachen zusammengepackt und das nächste Flugzeug über den Atlantik genommen. Nur musste diese Auszeit natürlich auch finanziert werden. Ausweg, Lösung und Erfüllung wurde in diesem Zusammenhang das Projekt „Surfing The Airwaves, Looking For Gold“, welches in Kooperation mit der sozikulturellen Vereinigung Beeldenstorm ins Leben gerufen wurde. Man einigte sich darauf, dass Joy Wellboy in regelmäßigen Abständen Videos nach Belgien schicken sollten, die Kalifornien und dessen Extreme in Bezug auf Land und Leute skizzieren und mit der Musik des Duos in Einklang brächten. Es entstand eine Reihe einzigartiger Aufnahmen. Ein ganz persönliches Tagebuch des dreimonatigen Trips durch den Sonnenstaat Amerikas. Am Ende ihrer Reise fassten Joy und Wim insgesamt zwölf Tracks auf dem gleichnamigen Album „Surfing The Airwaves, Looking For Gold“ zusammen. Aufgenommen wurden die Stücke in vorrangig in Hotels, Motels und Zelten, die Joy Welboy während ihrer Reise bewohnten.

Könnt ihr euch noch an all die Orte zurückentsinnen, an denen die Songs entstanden? Was für Erinnerungen habt ihr von dort mitgenommen?

„Ich mag den Track sehr, den wir auf dem Folsom Street Fair gemacht haben. Der absolute Wahnsinn und alles war voller Liebe. Ein Ort, an dem alle Freaks zusammenkommen, um zu feiern. Und ich liebe das Stück, das im Redwood-Nationalpark entstand. Die Bäume dort waren unglaublich schön. Wir waren dort so glücklich und rannten herum wie Kinder.“

Die einzelnen Stimmungen, die Joy und Wim auf ihren Streifzügen durch Städte, Wälder, Wüsten und entlang der Küsten Kaliforniens begegneten, ziehen sich wie ein roter Faden durch „Surfing The Airwaves, Looking For Gold“ und umgarnen dabei sanft den Hörer. Während man bei „Desert Land“ noch im akustischen Treibsand zu versinken droht, spürt man spätestens zu den Beats von „California Lights“ erneut die Sonne auf dem Gemüt. „Golden Gate“ wird zum düster schimmernden Fiebertraum, „Pacific Ocean“ erweitert die Grenzen des Verstandes, „Redwoods“ ermuntert zur Lässigkeit und „Folsom“ wartet mit einer fragilen Melancholie auf. Das Album bietet Höhen und Tiefen, Platz und Enge, Nähe und Distanz. Selten hat ein Ausflug in fremde Umgebungen solch wundervolle Früchte getragen und man wird als Entdecker dieses Juwels fast ein wenig wehmütig, wenn man weiß, dass vielen Menschen der Zugang dazu verwehrt bleiben wird, da Joy Wellboy „Surfing The Airwaves, Looking For Gold“ nur auf ihren Liveshows vertreiben.

Ermutigt von den Abenteuern auf dem Kontinent, der einst den Büffeln, Bären und Indianern gehörte, widmeten sich Joy und Wim nach ihrer Rückkehr erneut der Vollendung ihrer ersten offiziellen Platte, „Yorokobi’s Mantra“.

BPC267_coverWas ist dazu zu sagen?

Joy: „Ich schrieb die Lyrics. Für ein paar Songs steuerte ich zudem einige Klavierakkorde oder Bass Lines bei. Wim hört sehr genau hin, wenn es darum geht, was ich mit einem Stück sagen will. Von diesem Punkt an, entschwindet alles Nutzlose und der Rest nimmt Form an. Manchmal langsam, manchmal sehr schnell. Wim ist der Meister der Sounds. Er kann nach einem bestimmten Klang mit vollster Hingabe und Geduld suchen. Zudem ist er sehr ehrlich, in seinem Umgang mit Musik und er spielt viele Instrumente auf unvergleichliche Weise. Über die Jahre hat sich unsere Art der Zusammenarbeit recht positiv entwickelt.“

Wie es sich innerhalb einer echten Liebesbeziehung gehört, denn diese führen Joy und Wim neben dem Kollegendasein, gab es natürlich auch ab und zu Streits und Konflikte, die auch die Entstehung einzelnen Tracks auf „Yorokobi’s Mantra“ beeinflussten. Jedoch keineswegs negativ. Als wären sie eine Ventil für angestauten Frust und schlechte Gedanken machten sie allen Ärger vergessen und schweißten die beiden Hitzköpfe mit jeder Note mehr und mehr zusammen.

Welche Geschichte steckt hinter „Lay Down Your Blade“?

Joy: „Wir lebten damals in einem dunklen Dachboden. Mit roten und schwarzen Wänden. Alles war zugestopft mit seltsamen Objekten von unserem verrückten Hutmacher-Landlord. Mich beschlich das Gefühl, in einem finsteren Wald zu stehen. Extrem verwirrend. Wir stritten uns dort oft heftig. Ich schrieb das Stück als sanftes Wiegenlied, um uns zu beruhigen.“

Vielschichtigkeit wird auf „Yorokobi’s Mantra“ großgeschrieben. Hat man zu Beginn der Platte, nämlich während „Before The Sunrise“ erklingt, noch den Eindruck, man wandere einer Klippe entgegen, die es hinunterzuspringen gilt, sorgt der Nachfolger „The Movement Song“ mit seinem urbanen Stil dafür, dass man sich zwischen ausgedehnten Kompositionen aus Synthies und Drum Machines im auditiven Großstadtdschungel verliert. Erhellt von „I Can Handle“, geht es vorbei an dem wunderschönen „Lay Down Your Blade“ und hin zu „Mickey Remedy“. Im Video zu selbigem Track räkelt sich Joy als postmoderne Meerjungfrau, zwischen Nadelbäumen, im Unterholz. Das Spiel mit Licht und Schatten durchzieht „Mickey Remedy“ auf allen Ebenen.

Worum geht es denn eigentlich thematisch auf „Yorokobi’s Mantra“?

„Manche Songs sind im Himmel geschrieben, andere in der Hölle. Wir mussten an beide Plätze wandern, um den Wert unseres Daseins zu verstehen und die Schönheit darin zu erkennen. Außerdem versuchen wir zu zeigen, dass Himmel und Hölle nebeneinander stehen können, ohne dass man sich Sorgen darüber machen muss. ‚Yorokobi’s Mantra‘ erzählt auch vom Prozess der Umgestaltung. Du kreierst deine eigene Zukunft. Sie liegt in deinen Händen. Es hängt ein tieftrauriger Schleier über all den Songs, während wir aber gleichzeitig immer dafür sorgen, dass sie gut enden.“

la_cave_aux_poetes_2_0Das gilt auch für „Buy Me Flowers“, einem Song der auf der Tatsache basiert, dass Wim Joy nie Blumen kaufte. Am Ende ist es aber genau dies ihr Wunsch. Zwischen Schwermut und Leichtigkeit findet „Buy Me Flowers“ die perfekte Balance, bevor „Disconnected“, der wohl markerschütterndste Titel auf „Yorokobi’s Mantra“, kurzzeitig einen Schauer über die Seele jagt. „My Heart Ran Away“ springt scheinbar infantil vor sich hin, hinterlässt aber mit jeder Berührung des Bodens einen tiefen Abdruck, und „What Baby“ zeigt mit seinem Lo-Fi-Hip-Hop eine weitere ungeahnte Facette innerhalb der zwölf Stücke des Albums. Final heißt es dann mit „Caress Me Sweet“ abzuheben, sich zu „Raindrop Races“ dicht an den Liebsten oder die Liebste zu drücken, um dann gemeinsam zu „On The Beach“ gen Unendlichkeit zu rennen. Nicht allzu oft endet ein Album derart lebendig und herausfordernd. Vielleicht versuchen Joy Wellboy hier schon die Brücke zu ihrem nächsten Geniestreich zu schlagen.

Wie stellt ihr euch die Leute vor, wenn sie eure Songs hören?

Joy: Ich hoffe, sie können sie hören, wo auch immer sie sein mögen.

Dass Joy Wellboy auf CD, Vinyl oder MP3 gebannt funktionieren, sollte nun auch dem letzten Zweifler klargeworden sein. Doch wie sieht es dahingegen auf der Bühne aus? Wer Joy und Wim einmal beobachtet hat, wie sie, völlig unbeeindruckt von allen Gegebenheiten, ihre Liebe zur Musik und zueinander auch während der Liveshow hochhalten, der wird lange an dieses zarte und dennoch spürbare Band zurückdenken.

Inwiefern ist der Livemoment für euch wichtig?

Joy: „Ich genieße es, mit Wim auf der Bühne zu stehen und nach Energie zu suchen. Wir mögen es, uns ins Ungewisse zu stürzen. Seit wir mit Loopstations arbeiten, ist jede Version eines Songs ein wenig unterschiedlich zu der, die wir bei dem Konzert davor gespielt haben. Außerdem ist es der perfekte Ort, um die Effekte neuer Stücke auf die Menschen zu testen. Es macht Spaß, die Schwingungen von einem zum nächsten Track zu verändern. Wir lernen sehr viel auf der Bühne.“

Kultverdächtig

Nach eingängiger Prüfung können wir mit vollster Sicherheit das Prädikat „Kultverdächtig“ an Joy Adegoke und Wim Janssens vergeben. Lange ist es her, dass wir nach nur wenigen Takten vollkommen davon überzeugt waren, dass es sich bei den zu begutachtenden Künstlern um wahre Genies handelt, die ihr Handwerk mit größter Präzision beherrschen. Dank eines für die Indiebranche lange notwendigen tonalen Rucks konnten sich Joy Wellboy innerhalb kürzester Zeit als eigene Marke mit hohem Wiedererkennungswert etablieren. Das verdient Respekt und Support.

Gewinnspiel

Um diesem Feature nun noch die Krone aufzusetzen, verlosen wir zwei fantastische Fanpakete, die neben einer signierten CD von „Yorokobi’s Mantra“, auch ein Exemplar des raren „Surfing The Airwaves, Looking For Gold“, Sticker und einen extravaganten Beutel mit Bandlogo enthalten. Da kann man eigentlich nichts anderes mehr tun, als eine Mail mit dem Betreff „Joy Wellboy“ an martin@kultmucke zu schicken, denn nur so besteht die Möglichkeit in jene Lostrommel zu gelangen, aus der am Ende zwei glückliche Gewinner gezogen werden. Bis einschließlich 30.01.2014 besteht die Möglichkeit der Teilnahme. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Interessante Links

„Yorokobi’s Mantra“ bei iTunes kaufen

Offizielle Website

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