Kultverdächtig: Kevin Ryan

In Musikby Martin

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Das alte Jahr liegt nun fast komplett hinter uns, während das neue bereits seinen Schatten vorauswirft. In den Tagen zwischen Weihnachten und Silvester scheint die Welt stillzustehen. Die Menschen besinnen sich zunehmend auf Ruhe und Gemeinschaft. Zünden lieber Kaminfeuer an, anstatt sich der Hektik des Alltags hinzugeben. Auch Kevin Ryan gehört zu jenen Gesellen, die einer gewissen Gemütlichkeit mehr abgewinnen können als dem lauten Trubel der Unbeständigkeit. Und genau aus diesem Grund möchten wir das dritte „Kultverdächtig“-Jahr mit dem sympathischen Iren schließen.

Mister Tausendsassa

Kevin Ryan by Jens Oellermann (2)Was bedeutet Musik für dich?

Alles, wirklich. Sie ist meine größte Freude. Mit ihr fühle ich mich am authentischsten und gleichzeitig auch zu Hause. Wie Nina Simone einst sagte: Ich singe, um zu wissen, dass ich am Leben bin.

In Berlin gibt es eine Bar, die sich „Das Hotel“ nennt. Ab und zu lässt sich in der mit üppigen Blumenbuketts ausstaffierten und von Kerzen erleuchteten Location ein in sein Gitarrenspiel vertiefter, stets adrett gekleideter Gast antreffen. Dieser Gast heißt Kevin Ryan und zählt zu den letzten feingeistigen Gentlemen der Spreemetropole.

Wie kann man sich einen typischen Tag in deinem Leben vorstellen, Kevin?

„Ich versuche, so früh wie möglich aufzustehen. Dann jogge ich eine Runde auf dem Tempelhofer Feld und im Anschluss konzentriere ich mich auf die Musik oder andere Projekte. Oft kommt es dann noch zu spätabendlichen Sessions mit einigen großartigen Freunden.“

Ein eindringliches Erlebnis war es, dass den jungen, von irischen Eltern in London und später im westirischen Crossboyne aufgezogenen Kevin Ryan die Mächtigkeit der Musik lehrte. In der Küche des Familienhauses bat Kevins Vater ihn und seinen Bruder einst, sich hinzusetzen und den Greatest Hits von Leonard Cohen zu lauschen. Jedoch mit höchster Aufmerksamkeit, denn es handele sich dabei immerhin um wahre Poesie, wie er betonte. Der kleine Kevin war in der Folge derart verwirrt und berauscht, dass er am Ende zu der Erkenntnis gelangte, es müsse sich um einen Geist auf dem Cover des Albums handeln. Wer sonst würde die Macht besitzen, ihn derart seiner Sinne zu berauben?

Wie ging das mit dir und der Musik dann weiter?

„Ich wollte so großartig wie Michael Jackson werden. Mit elf lernte ich all seine Tanzmoves und zeigte sie jedem, der zuschaute. Ich liebte es, zu performen und zu singen. Dann realisierte ich, dass ich meine eigenen Songs schreiben konnte, und wurde süchtig.“

Für sein „Kultverdächtig“-Feature nahm sich Kevin, nach der vorangegangenen Teilnahme an unserem Weihnachtsspezial, jedoch erneut den Hinterlassenschaften eines seiner Kollegen an und interpretierte Bruce Springsteens „The Ghost of Tom Joad“ neu. Dabei war der Folkmusiker vor allem von der Bedeutung der Lyrics angetan.

Dieser Song hat mich zu Bruce gebracht. Es ist ein unglaublicher Track, der eine sehr moderne Geschichte von Verdrängung innerhalb der Gesellschaft erzählt, und zwar durch den starken Bezug zu John Steinbecks „Früchte des Zorns“. Springsteen nutzt den zentralen Absatz der Novelle, beinahe Wort für Wort, als dritte Strophe, was eine Meisterleistung des Songwritings darstellt.

Worin lag aus deiner Sicht die Herausforderung beim Covern?

„Generell ist es beim Covern am schwierigsten, einen Song zu verinnerlichen und dann zu vergessen, dass du das Original jemals gehört hast. Du musst jedes Wort und jede Note durch deine eigene Stimme und dein eigenes Spiel fühlen, sodass du nicht nur denjenigen kopierst, der bereits eine perfekte Version davon erschaffen hat. Ich hoffe, ich konnte dies erreichen.“

Heute ist Kevin Ryan 38, lebt in Berlin und ist Teil eines Künstlerkollektivs, zu dem auch seine Mitbewohnerin und gute Freundin Wallis Bird gehört. Für diese gestaltete der kreative Kopf, der neben dem Musikerdasein auch als Bildender Künstler und Englischlehrer aktiv ist, das Artwork ihrer LP „Architecture“ und stand ihr zudem bei den Aufnahmen für die Platte mit seiner Stimme zur Seite.

Kevin Ryan by Jens Oellermann (3)

Revanchiert hat sich Wallis im Gegenzug als Tonfrau bei einem KLANGKULT-Dreh, den wir im Juli mit Kevin Ryan realisiert haben, und als Kollaborationspartnerin auf der für Ende Januar angesetzten EP „To Sing To Ghosts“ – die von Floatinghomes Aidan produziert und gemixt wurde und Musiker aus Projekten wie Villagers, Robotnik oder RENU featured.

Wie würdest du deinen Sound beschreiben?

„Momentan würde ich von einem Mix aus Folk und Punk sprechen, den ich selbst Polk nenne, und der starke Einflüsse aus dreckigem Blues, Psychedelica und Minimalismus enthält. Und gehörig Groove.“

Noch experimenteller und fast schon hypnotisch wirkt das, was Kevin Ryan zusammen mit seinem Bruder im Geiste, dem Sizilianer Giovanni Verga, unter dem Pseudonym Monstruo anstellt. Regelmäßig verlieren sich die beiden in düsteren Klangstrukturen, die den Hörern Wege zu den entlegensten, mysteriösen akustischen Orten aufzeigen.

Was kannst du uns über Monstruo erzählen?

„Begonnen hat alles, als wir beide 2013 in einer Electronica-Jazz-Improvisationsband spielten. Es hat sofort Klick gemacht. Ich habe noch nie zuvor mit jemandem so intuitiv und natürlich zusammenarbeiten können. Aktuell legen wir letzte Hand an unser selbstbetiteltes Album ‚Monstruo‘, das im Januar oder Februar 2016 erscheinen soll, und performen überall in Europa. Wir stecken zudem in den Vorbereitungen für ein Multimediaprojekt, das auf Mary Shellys Roman „Frankenstein (oder Der moderne Prometheus)“ basiert.“

Meine Solosachen sind songbasiert und daher eher dem Pop zuzuordnen. Monstruo hingegen kennt kaum Limitierungen. Wir halten an keinerlei Beschränkungen in unseren Kompositionen fest. Was sich richtig anfühlt, erhält Raum. Es ist elektronischer und avantgardistischer.

Warum ist es aus deiner Sicht gut, nicht nur an einer Solokarierre festzuhalten?

„Musik ist Musik. Es sollte keine Grenzen geben. Außerdem lernt man nur umso mehr, wenn man die eigene Komfortzone einmal verlässt. Um die eigene Musik frisch, interessant und individuell zu halten, muss man sich selbst herausfordern.“

Kevin Ryan by Jens Oellermann (4)

Gewinnspiel

Um einer der ersten zu sein, der ein signiertes Exemplar von Kevin Ryans EP „To Sing To Ghosts“ in den Händen halten darf, schickt einfach eine Mail mit dem Betreff „Kevin Ryan“ an martin@kultmucke.de. Einsendeschluss ist Freitag, der 08.01.2016. Die Teilnahme ist nur aus Deutschland möglich und der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Viel Erfolg!

Links

Facebookseite von Kevin Ryan | Kevin Ryan bei Soundcloud | Facebookseite von Monstruo | Monstruo bei Soundcloud | Fotos © by Jens Oellermann